Samstag, 28. Januar 2012
Religiöse Toleranz – wenn Nathan der Weise ein Jahrhundert später gelebt hätte
Ich habe mal ein Gedankenspiel darüber angestellt, was wäre, wenn Gotthold Ephraim Lessing rund 100 Jahre früher gelebt hätte, also nicht im Jahr 1729 geboren worden wäre, sondern im Jahr 1829. Er wäre dann Zeitgenosse gewesen von den Philosophen Auguste Compte (*1798), Ludwig Feuerbach (*1804) und Karl Marx (*1818). Und somit hätte Lessing in einer Zeit gelebt, in der auch drei bedeutende Religionskritiker gelebt haben.

Wenn ich mein Gedankenspiel weiter spinne, dann hätte dies auch Einfluss auf Lessings Ringparabel aus dem Werk „Nathan der Weise“ gehabt. In der Ringparabel, die ein Plädoyer für religiöse Toleranz darstellt, wäre es dann vielleicht nicht nur um die drei großen monotheistischen Religionen gegangen, sondern auch um den Atheismus. Und dies hätte eine hochinteressante Thematik dargestellt. Der Streit darüber, ob das Gottesbild seine wahre Entsprechung in der Vorstellung von Jahwe, Jesus oder Allah hat, wäre dann erweitert um die Vorstellung, dass das Gottesbild seine Entsprechung in einem Irrtum hat. Und genauso, wie die Religionen eine zweifelhafte Beweisanführung für ihre eigene Richtigkeit haben, so ist dies auch beim Atheismus der Fall.

Wenn Feuerbach formuliert, dass man erst durch die Verneinung eines Lebens nach dem Tode zur ungeteilten Bejahung des Lebens gelange, dann blendet er all jene aus, die sich trotz einer Jenseitsannahme voll und ganz dem Leben widmen (wie z.B. Ernesto Cardenal, um nur einen Namen zu nennen). Seine These wird aber auch nicht all jenen gerecht, die trotz ihrer Verneinung einer Jenseitsvorstellung auch das Leben voll und ganz verneinen, wie z.B. eben jener hier aufgeführte Auguste Compte, der versucht hat, seinem Leben ein Ende zu setzen. Die marxistische These von der Religion als Opium des Volkes, mag für all jene zutreffen, die jede Ungerechtigkeit als Wille Gottes interpretieren und rechtfertigen, aber das sind nun mal nicht alle Menschen, wie man unter anderem daran erkennen kann, dass es diverse kirchliche Träger gibt, die sich konsequent für die Beseitigung von sozialen Ungerechtigkeiten einsetzen – und zwar nicht nur durch Beten oder Suppenküchen, sondern auch durch Hilfe zur Selbsthilfe und durch Mitgestaltung sozialer Strukturen.

Aber kommen wir zurück zu meinem Gedankenspiel von der Ringparabel, in der es darum geht – in sehr vereinfachter Form – welcher Weg der Richtige ist. Nathan der Weise weigert sich, eine klare Antwort darauf zu geben, was ihn eben auch als Weisen auszeichnet, denn im Gegensatz zur Ideologie bekennt sich Weisheit zu ihrem Nichtwissen. Statt einer Antwort gibt Nathan der Weise den Rat – auch das sehr vereinfacht – sich die Resultate der verschiedenen Wege anzusehen und erst dann zu entscheiden, welcher der richtige ist. Und genau dies sollte man vielleicht einfach einmal tun, man sollte sich vorurteils- und ideologiefrei ansehen, was eine jüdische, muslimische, christliche und atheistische Überzeugung aus dem Menschen als Individuum und als soziales Wesen macht. Man sollte sich die unzähligen Für und Wider vor Augen halten und sich fragen, ob denn wirklich die jeweils Andersdenkenden so viel schlechter miteinander umgehen als diejenigen, die der eigenen Überzeugung angehören.

Religionen und Atheismus (wie gut, dass es die Funktion des Fettdrucks beim Bloggen gibt…) sind von Vorurteilen geprägt gegen die jeweils Andersdenkenden. Religionen und Atheismus sind unfähig, jenseits ihrer Dogmen zu denken, wobei weder Gläubige noch Atheisten davor gefeit sind, in den Bereich der Plattitüden, Diffamierungen und Unterstellungen abzurutschen.

Warum machen wir’s nicht einfach so wie es Nathan der Weise rät? Weil wir eben nicht weise sind…



Mittwoch, 25. Januar 2012
Das Leben zwischen den Stühlen
Ideologien sind Zwangsjacken für das Gehirn, hat Erica Jong einmal geschrieben und darin stimme ich ihr voll und ganz zu. Ideologien sind abgeschlossene Denksysteme, in denen paradoxerweise eben gerade das Denken ausgeschlossen wird. Vielleicht wurde am Anfang, als die Ideologie noch im Entstehen war, noch eifrig nachgedacht. Aber in dem Moment, wo eine Ideologie zur Bildung einer Bewegung führt, wird – auch das ist paradox – jede Bewegung verhindert.

Das eigentlich Schlimme an einer Ideologie ist der pathologische Zwang, jeden noch so kleinen Hauch von Kritik als Indiz für Gegnerschaft einzustufen. Und da Ideologen ja felsenfest von der Wahrheit ihrer Ideen überzeugt sind, müssen die vermeintlichen Gegner sofort und nachhaltig bekämpft werden. Ähnlich wie das hinduistische Kastensystem weisen Ideologien einem jeden seinen festen Platz zu. Es gibt ein Unten und ein Oben.

Jemand, der von keiner Ideologie überzeugt ist, gehört entweder zu denjenigen, die ein Leben frei von jeglicher Überzeugung leben, oder aber er gehört zu denjenigen, deren Leben sich zwischen den Stühlen abspielt.

Wie sieht so ein Leben zwischen den Stühlen aus? Wie ergeht es jemandem, der auf der einen Seite ein entschiedener Gegner eines Systems ist, in welchem es nur noch um Konkurrenzkampf und um Macht geht, aber der gleichzeitig auch ein entschiedener Gegner ist von Systemen, in denen man nur im Gleichschritt überleben kann?

Jemand, der zwischen den Stühlen sitzt, muss auf den kuscheligen Rückhalt der Gruppe verzichten und wird zudem noch von zwei Seiten gleichzeitig in Frage gestellt. Im Extremfall kann ein Zweifrontenkrieg daraus entstehen. Das Leben zwischen den Stühlen ist anstrengend, weil heimatlos. Man könnte meinen, dass es doch immerhin eine Gemeinschaft geben müsste zwischen all denjenigen, die sich zwischen den Stühlen befinden. Aber irgendetwas scheint jegliches Ansammeln einer größeren Gruppe zu verhindern. Man kann die zwischen den Stühlen Lebenden allerdings ab und zu in Büchern wiederfinden. Lesen, Lesen, Lesen, dann trifft man auf Gleichgesinnte. Allerdings sind die meisten von ihnen schon tot, was das Gefühl das Eigenbrötlerdaseins noch verstärkt.

Und deswegen ist es anstrengend, dieses Leben zwischen den Stühlen.



Sonntag, 27. November 2011
Na also, geht doch!
Dass es nicht immer zu unerfreulichem Schlagabtausch kommen muss, wenn es um Religion geht, habe ich vor kurzem bei dem Treffen mit meinem früheren Kollegen erfahren. Ich erwähnte ihm gegenüber, dass ich von Zeit zu Zeit Seminare mache, in denen es um Meditation geht. Allerdings nicht um buddhistische – das wäre für viele völlig in Ordnung – sondern um christliche. Und siehe da, obwohl mein Gesprächspartner selbst nichts mit Religion anfangen kann und bewusst aus der Kirche ausgetreten ist, musste ich mir weder Vorträge darüber anhören, wie dämlich es ist, gläubig zu sein, noch musste ich Belehrungen über mich ergehen lassen, wie übel die Kirche doch sei.

Man glaubt es kaum – aber es war möglich, sich völlig gelassen über das Thema Glauben auszutauschen. Ich empfinde dies als Respekt, der einem Andersdenkenden entgegengebracht wird. Und erst dieser Respekt macht es möglich, bei der Auseinandersetzung über das Thema Glauben in die Tiefe zu gehen und zu erfahren, was Glauben denn überhaupt für das Gegenüber bedeutet. Die Gottesvorstellung von jemand, der nicht gläubig ist, stimmt nur selten mit der desjenigen überein, der gläubig ist. Belässt man in einer Diskussionen bei der Projektion der eigenen Vorstellungen, ist dies einem wirklichen Austausch wenig nützlich. Aber um wirklichen Austausch geht es eben manchem auch gar nicht, sondern mehr um selbstgefälliges Dozieren, in welchem sowieso schon feststeht, was richtig und was falsch ist.

Würde man dieses Gespräch auf die übergeordnete Ebene des Dialogs der verschiedenen Glaubensrichtungen übertragen, könnte man tatsächlich doch so etwas wie Hoffnung auf Verständigung entwickeln. Und die wird man bei dem Konfliktpotential, das zwischen den Kulturen besteht, mehr denn je brauchen.



Freitag, 22. Juli 2011
Realität entsteht durch Beobachtung
Ich habe es zwar immer noch nicht vollständig verstanden, aber zumindest nähere ich mich der Erkenntnis, die dieses Experiment hervorbrachte: es gibt keine verläßliche Realität, sondern Realität ist abhängig von Beobachtung. Ein Beleg dafür, dass man sich aller Dogmen entledigen sollte.



Donnerstag, 23. Juni 2011
Wie so oft zeigt sich hier, dass jemand, wenn er über etwas redet, das er nicht wirklich kennt und von dem er vielleicht auch wenig Ahnung hat, er meist nicht über die Sache spricht, sondern viel mehr etwas über sich selbst aussagt.

Wunibald Müller (geb. 1950)

Das ist es wohl, was die menschliche Kommunikation so unerträglich macht. Gleichzeitig gibt der Ausspruch den Hinweis darauf, was unerlässlich ist, wenn man wahrhaft kommunizieren will: man muss sich die Mühe machen, etwas zu ergründen, bevor man sich dazu äußert. Man muss wirkliches Interesse haben am Anderen. Interesse daran, vorgefertigte Bilder immer wieder zu korrigieren. Und man kommt auch nicht umhin, sich über sich selbst Gedanken zu machen. Über die Gründe für Abneigungen, Ängste und Unsicherheiten. Nicht immer einfach. Andere Menschen können dabei hilfreich sein und ich habe solche Menschen gefunden. Aber dennoch ist es auch viel schwieriger, als ich es mir wünsche. Denn im Grunde brauche ich meine Helfer jeden Tag und nicht nur für ein paar Wochenenden im Jahr.

Kehrt man Wunnibald Müllers Ausspruch um ins Positive und ersetzt „Sache“ durch „Mensch“, dann lautet er ungefähr so:

Wie so oft zeigt sich hier, dass jemand, wenn er über jemanden redet, den er wirklich kennt und von dem er vielleicht viel weiß, er etwas über diesen Menschen aussagt und nichts über sich selbst.

Das ist dann die Form der Kommunikation, in der das Gegenüber Subjekt ist und nicht zum Objekt degradiert wird. Die Kommunikation, wie sie von Martin Buber als dialogisches Prinzip zwischen "Ich und Du" beschrieben wird. Derjenige, der sich nicht die Mühe macht, sein Gegenüber kennenzulernen, wird immer auf sich selbst bezogen kommunizieren. Wir erfahren dann viel über die Projektionen desjenigen. Das war's dann aber auch schon. Wirkliche Interaktion findet nicht statt. Und ein Lernprozess erst Recht nicht.



Sonntag, 29. Mai 2011
Der Tod des Eros
Sex ist unkompliziert, wenn man von keinem Komplex, sondern von einem Bedürfnis geleitet wird.
Georges Simenon (1903-1989)

Revolutionen enden meist anders, als man es sich erhofft hat und es treten Entwicklungen ein, die keiner erwartet hätte. Auch die sogenannte sexuelle Revolution war mit einer Menge Hoffnung verbunden. Und die schien sich zuerst auch zu erfüllen. Endlich war Schluss mit einer lebens- und lustfeindlichen Moral. Endlich wurde aufbegehrt gegen selbstgefällige Tugendwächter, die meinten, anderen vorschreiben zu müssen, was gut und was schlecht ist. Endlich durfte man die eigenen Wünsche ausleben. Endlich war Schluss mit überkommenen Rollenzwängen und lustfeindlichen Wertvorstellungen. Eigentlich hätte alles in paradiesische Zustände münden müssen. Sind wir aber tatsächlich im Paradies angekommen?

Leben wir jetzt tatsächlich im paradiesischen Zustand einer rundum erfüllten und glückseligen Sexualität? Eigentlich müsste dies der Fall sein. Denn mittlerweile gibt es keine einschränkenden Tabus mehr. Niemand muss sich mehr für seine Neigungen schämen. Es gibt nichts mehr, was noch mit irgendeinem Tabu belegt wäre oder was irgendjemandem peinlich wäre. Und da in einem von Medien geprägten und bestimmten Zeitalter nichts mehr privat ist, werden auch Neigungen und Vorlieben publik, von denen der ein- oder andere bisher nicht ahnte, dass es sie gibt. Sex im KZ-Ambiente, Sex in Windeln, Sex geknebelt und gefesselt, Sex im Swinger-Club vor den Augen dreißig Gleichgesinnter, Mumien-Sex e.t.c.

In den Medien tummeln sich unzählige Chantals, Nataschas und sexy-Sandys, die nach eigenen Aussagen „auch mal etwas zickig“ sind, oder „es auch mal etwas härter“ mögen. Frauen, die dringend nach einem Mann suchen, mit dem sie „Neues auf erotischem Gebiet“ ausprobieren können und die für „nahezu alles offen sind“. Für nur 1,99 €/min werden alle Wünsche erfüllt. Der einzige Wermutstropfen ist, dass den meisten Männer bewusst wird, dass die eigene Partnerin dem Vergleich mit diesen allzeit bereiten Superfrauen meist nicht standhält. Oder noch schlimmer - es gibt gar keine Partnerin, so dass man(n) in der realen Welt gar nicht weiß, wohin denn nun mit der entfachten Lust.

Auch wenn das Gebiet des Käuflichen (noch) vorwiegend auf männliche Kunden begrenzt ist, so sind es mittlerweile doch nicht mehr auschließlich Männer, die für sexuelle Darbietungen zahlen. Bei Betriebsausflügen oder Polterabenden zeigen Frauen, dass sie bei den Shows der sich auf der Bühne verausgabenden Chippendales genauso johlen können wie man es früher irrtümlich nur bei Männern für möglich hielt.

Und endlich dürfen wir auch unseren Körper zeigen. Vorbei sind die Zeiten, in denen knappe Badeanzüge oder durchsichtige Blusen Anstoß erregten. Jetzt ist es durchaus normal, Großaufnahmen seiner Geschlechtsteile ins Internet zu stellen oder aber live vor der Cam zu masturbieren. Oder man verschenkt in der Öffentlichkeit seinen String, so wie es Heidi Klum vor einiger Zeit auf einer Après-Oscar-Feier getan hat.

Auch das, was man jetzt so zum Sex benötigt, muss nicht mehr heimlich und verschämt gekauft werden. Genauso wie es Tupperfeten gibt, gibt es jetzt auch endlich Sextoyfeten. Nicht zu vergessen die diversen Sexshops, in denen man von plüschgepolsterten Handschellen bis hin zur Krankenschwesternoutfit ist alles findet, was der Unterleib begehrt.

All dies ist wird gleichgesetzt mit einer lustvollen und erfüllten Sexualität. Und wehe dem, der daran auch nur den leichtesten Zweifel äußert. Dabei kann es sich doch nur um jemanden handeln, der stockverklemmt und scheinheilig ist. Bei weiblichen Zweiflern wird zwangsläufig auch sofort ausgeprägte Frigidität, Unattraktivität oder biblisches Alter vermutet. Nein – niemand, der eine freie und natürliche Sexualität hat, würde jemals Zweifel an der großen Befreiung der sexuellen Revolution äußern. Es gibt doch nichts Schöneres, als der Zustand, in dem alles erlaubt ist. Und ein Erfolg für die Toleranz ist es allemal. Last-not-least dann das Argument, dass man andere doch so leben lassen solle, wie sie eben leben möchten.

Das tue ich auch – aber ich stimme nicht ein in das Hohelied der ach-so-freien Sexualität. Wer gern in einer KZ-Uniform Sex hat, soll das tun. Wem es Höhepunkte verschafft, Frauen als Schlampen zu bezeichnen oder wer gern das Geschlechtsteil seiner Frau im Internet – gemeinsam mit vielen anderen – betrachtet, soll das tun. Wem es sexuelle Glücksgefühle verursacht, in der Öffentlichkeit Windeln zu tragen, soll das tun. Was mich betrifft – ich empfinde weder KZ-Uniformen noch Windeln als besonders erotisch. Und Männer, deren Potenz davon abhängig ist, Sex mit einer Litanei von Fäkalausdrücken zu verbinden, langweilen mich. Männer, denen es Vergnügen bereitet, nächtelang mit offenem Mund und offener Hose vorm PC gynäkologische Großaufnahmen anzustarren, ebenfalls.

Das, was als ursprünglich als Befreiung anfing, endete woanders. Die Absage an Tabus ist zum zwanghaften Selbstzweck geworden. Aus dem Kampf gegen Verbote ist die Fixierung auf das Verbotene geworden. Von diesem Tabubruch wird jetzt der ultimative letzte Kick erwartet. Das tun, was man normalerweise nicht tut, wird zur Obsession. Das Ganze hat allerdings einen Haken – wenn es einzig und allein darum geht, Tabus zu brechen, wird irgendwann die Situation eintreten, dass es keine Tabus mehr gibt, und somit versiegt irgendwann die Quelle der Lust.

Etwas ist mit Sicherheit bei der ganzen Entwicklung endgültig verlorengegangen – Sinnlichkeit. Eros, der griechische Gott der Liebe und Erotik, den man so oft als kleinen pausbackigen Engel darstellt, der listig und unerwartet mit Liebespfeilen schießt, ist bei alldem arbeitslos geworden. Man braucht ihn einfach nicht mehr.



Freitag, 11. März 2011
Alle Fehler, die man hat, sind verzeihlicher, als die Mittel, die man anwendet, um sie zu verbergen.
La Rochefoucauld (1612 – 1680)

Ich weiß nicht, welche Fehler Rochefoucauld dabei im Auge hatte. Mir fiel sofort die Feigheit ein (nicht die Angst – das ist etwas völlig anderes). Wer aus Feigheit Dinge vermeidet, erfindet die haarsträubendsten Ausreden, nur um zu verbergen, dass er feige ist. Und aus diesem Grund ist es müßig, sich mit diesen Ausreden auseinanderzusetzen, denn das ist so, als würde man gegen ein Phantom antreten – man kämpft mit etwas Nichtexistenten. Feiglinge sind Meister im Verdrehen der Wirklichkeit. Unterhält man sich zu lange mit Ihnen, fängt man an zu glauben, die Erde sei eine Scheibe.

Und natürlich fällt mir der Fehler der Geldgier ein. Wer geldgierig ist, erfindet ebenfalls die merkwürdigsten Ausreden, nur um nicht zugeben zu müssen, dass es ihm einzig und allein ums Geld geht. Das beginnt damit, dass die eigene Arbeit als das Größte, Engagierteste und Qualifizierteste dargestellt wird, damit eine moralische Berechtigung geschaffen wird, anderen möglichst auch noch die Luft zum Atmen in Rechnung zu stellen. Und es endet damit, dass über die eigene materielle Lebenssituation so gejammert wird, als ob die ständige Gefahr des Hunger- und Kältetods lauern würde.

Jeder Fehler hat auch die ihm eigene Art des Verbergens. Während Feiglinge und Geldgierige es bei der Selbstlüge belassen, geht der Diktator rigoroser vor. Ihm reicht das Lügen nicht, sondern er trifft Maßnahmen, um die Wahrheit zu verbieten. Wagt es jemand sich ihm in den Weg zu stellen, wird der erbarmungslos ausgeräumt.

Es gibt sicher noch eine Menge andere Fehler, an die Rochefoucauld gedacht haben mag.



Mittwoch, 12. Januar 2011
Besser kann man es nicht sagen...



Montag, 10. Januar 2011
Die Anwälte – hätte Hegel eigentlich Gewalt befürwortet?
Vorgestern habe ich mir auf ARTE (wo sonst?) die Dokumentation „Die Anwälte“ angesehen. Es ging wieder um mein Dauerthema - um Wendehälse. Diesmal allerdings nicht auf die lustige Tour, sondern todernst. Es wurden die Lebensläufe von Otto Schily, Horst Mahler und Hans-Christian Ströbele gezeigt. Horst Mahler war in den Sechzigern RAF-Mitglied, Otto Schily und Hans-Christian Ströbele vertraten RAF-Mitglieder.

Otto Schily wurde 1980 Mitglied der Grünen, wechselte neun Jahre später zur SPD und war von 1998 bis 2005 Innenminister.

Hans-Christian Ströbele war von 1970 – 1975 Mitglied der SPD, 1978 Mitglied der Alternativen Liste, 1985 Mitglied des deutschen Bundestags, was er – mit Unterbrechung – auch heute noch ist.

Horst Mahler war 1956 Mitglied der SPD, wo er jedoch 1960 ausgeschlossen wurde. Nachdem er in den Sechzigern einige APO-Mitglieder anwaltlich vertrat, gehörte er 1970 zu den Gründungsmitgliedern der RAF, verbüßte von 1970 bis 1980 eine Haftstrafe und war danach wieder als Anwalt tätig. Im Jahr 2000 trat er in die NPD ein, aus der er jedoch 2003 wieder austrat. Seit 2009 verbüßt er eine Haftstrafe wegen Volksverhetzung.

Drei Lebensläufe, die zugleich auch Spiegel politischer Entwicklung sind. Hans-Christian Ströbele ist sich am ehesten in seiner Haltung treu geblieben und steht in seiner Partei für die radikale Linie, die sich mit Kompromissen immer noch schwertut. Im Amt eines Ministers wäre er daher kaum vorstellbar.

Schily hat einen Wandel vom Kritiker der Staatsmacht hin zum Vertreter derselben vollzogen. Und darauf angesprochen, hat Schily eine interessante Antwort gegeben: „Ich habe nicht den Eindruck, dass es in meiner Entwicklung einen Widerspruch darstellt, dass ich von links nach rechts gegangen bin. Ich habe damals als Vertreter der RAF-Mitglieder auf die Einhaltung der Rechtsstaatlichkeit hingewiesen, genauso wie ich dies später als Innenminister tat. Ein Idiot ist, wer sich nicht ändert“. Schily vertritt dies so wortgewandt und souverän, dass immer die Versuchung besteht, ihm mangels Gegenargumenten zuzustimmen.

Aber kann man sich das wirklich so einfach machen? Ist da nicht irgendetwas zu aalglatt? Ist an dieser scheinbare Harmonie zwischen zwei völlig konträren Standpunkten nicht doch etwas faul?

Was mir persönlich fehlt in der Reflexion derer, die ihre Standpunkte radikal geändert haben, ist der einfache Satz: „Es war falsch“. Jeder Mensch hat nicht nur das Recht, sich zu ändern, sondern Veränderung sollte auch immer ein Ziel sein. Aber bei unreflektiertem Wandel von einer extremen Position zur anderen vergibt man die Chance auf einen Lernprozess. Nicht nur auf der persönlichen Ebene, sondern auch auf der gesellschaftlichen. Dies erinnert an die massive Verdrängung, die nach dem Kriegsende herrschte, als alle die Gräuel der Nazizeit einfach nur möglichst schnell vergessen wollten.

Wenn man sich die Wende im Leben von Horst Mahler ansieht, hat man den Eindruck, dass es sich eigentlich gar nicht um eine Wende handelt, denn er vertrat schon immer den Standpunkt des Rechts auf Gewaltanwendung. Das einzige, was in seinen Lebenslauf seltsam unpassend anmutet, ist die Tatsache, dass er aus unerklärlichen Gründen den Beruf des Anwalts ergriffen hat, obwohl der Glaube an Recht und Rechtsstaatlichkeit bei ihm zu keinem Zeitpunkt wirklich vorhanden war.

Auch Horst Mahler hat einen sehr interessanten Satz geäußert: „Ein Widerspruch bedeutete früher für mich der Nachweis dafür, dass etwas falsch war. Heute weiß ich es besser: der Widerspruch beweißt, dass etwas richtig ist“.

So sehr ich auch über diesen Satz nachdenke – seine Sinnhaftigkeit erschließt sich mir nicht. Horst Mahler hat diesen Satz beim Lesen von Hegels Gesamtwerken entdeckt und beschreibt ihn als eine wichtige Erkenntnis. Übertragen auf das Leben von Horst Mahler hieße die Deutung des Satzes: der Widerspruch, den die Gewalttaten der RAF in Bezug auf deren eigentlichen Ziele darstellte, ist nicht das Zeichen dafür, dass die Gewalt falsch war, sondern im Gegenteil das Zeichen dafür, dass sie richtig war. Und als Konsequenz dieser Erkenntnis ergibt sich die Mitgliedschaft in der NPD, deren Zielsetzung auch Gewalt beinhaltet.

Ist dies wirklich das, was die Hegelsche Dialektik aussagen wollte? Ist die Aussage, dass Entwicklung immer von Widersprüchen begleitet ist, tatsächlich auch eine Befürwortung des Widerspruchs an sich? Bedeutet es nicht vielmehr, auch beim Widerspruch nicht stehenzubleiben, sondern Neues zu schaffen?

Ich kenne Hegel nicht genug, um dies wirklich beurteilen zu können. Dennoch bin ich mir sicher, Hegel die Entwicklung der Dialektik nicht als Freibrief zur Gewalt und Menschenverachtung angesehen hat.

In der Retrospektive ist die gesellschaftliche Entwicklung immer auch – aber meines Erachtens auf keinen Fall ausschließlich – aus der Überwindung von Widersprüchen erklärbar. „Der Krieg ist der Vater aller Dinge“ so wie Heraklit es formulierte. Daraus den Schluss zu ziehen, Krieg wäre ein legitimes Mittel der Weiterentwicklung, ist jedoch absurd, weil gleichbedeutend mit der Negation der Gegenwart um eines in der Ferne liegenden Ziels wegen. Und man sollte sich davor hüten, eine philosophische Betrachtungsweise zur Handlungsanweisung umzufunktionieren. Und dabei vielleicht auch bedenken, dass philosophische Gedanken immer nur Teile der Realität erfassen. Der taoistische Grundsatz „Der Weg ist das Ziel“ hat keinen großen gedanklichen Überbau, aber taugt dafür sehr viel besser als ethischer Leitfaden.

Wenn ich ein Resümee aus dem Film ziehe, dann lautet dies, dass weder philosophische noch politische oder soziologische Theorien Einfluss darauf haben, ob eine Sache tatsächlich der Menschheit dienlich ist. Es sind nette und manchmal auch interessante Gedankenspiele – mehr aber auch nicht.



Samstag, 18. Dezember 2010
Die Lüge von den Durststrecken
Im Leben gäbe es Durststrecken, heißt es immer. Irrtum – es gibt im Leben keine Durstrecken, sondern das Leben ist eine Durststrecke. Die Durststrecke ist nicht die Ausnahme, sondern die Regel.

Der Mangel ist die Regel und die Erfüllung ist immer nur eine zeitlich begrenzte Ausnahme, die niemals den ersehnten Dauerzustand darstellt.

„Endlich geht es wieder bergauf“ gibt es in der Realität nicht, sondern allenfalls ein „Momentan geht es wieder bergauf“. Das Leben ist ein Bergab, das ab und zu – und dies auch nur, wenn man Glück hat – von einem Bergauf unterbrochen wird. Das ändert aber nie etwas an der grundsätzlichen Richtung.

Das Leben verbringt man fast immer im durstigen Zustand. Und auch wenn dieser Durst manchmal gestillt wird, reicht es immer nur gerade eben zum Durchhalten.

Nicht die Durstrecken muss man überstehen, sondern das Leben.