Mittwoch, 3. Oktober 2018
Der Roman einer Jüdin. Der Roman einer Muslimin.
Die Frau, die anderen ihr Leben widmet, ist eine Frau, die keinen Mann fand, dem sie ihr Leben widmen konnte“
Tawfiq al-Hakim

Die Girls von Riad“ von Rajaa Alsanea
Rajaa Alsanea ist eine siebenunddreißigjährige Frau aus Saudi-Arabien, die im Jahr 2005 einen Roman über vier junge Frauen veröffentlichte, der von den Lebensgeschichten ihrer Freundinnen inspiriert war.

Da ist Kamra, die nach ihrer Heirat feststellt, dass ihr Mann schon lange eine Geliebte hat, auf die er nicht verzichten will und der sich nach einem Streit von Kamra scheiden lässt und sie samt Kind verstößt.

Da ist Sadim, die einen Mann liebt, der sich trotz seiner Liebe zu ihr von seinen Eltern zu einer arrangierten Ehe zwingen lässt und die sich daraufhin entschließt, ihren Cousin zu heiraten, der zwar nicht ihr Traummann ist, aber der sie anbetet. Für Sadim ist dies nicht die erste Ehe, denn sie war schon einmal verheiratet, erhielt aber die Scheidungspapiere, weil sie sich ihrem Mann nicht verweigerte, obwohl nur die standesamtliche Trauung und noch nicht die religiöse Trauung vollzogen worden war.

Michelle ereilt ein ähnliches Schicksal wie Sadim, als sie von ihrer großen Liebe verlassen wird, weil dessen Mutter sie als Schwiegertochter ablehnt. Auch sie freundet sich später mit ihrem Cousin an, wobei offen bleibt, ob sich daraus eine Liebe entwickelt.

Lamis gelingt es als einziger, den Mann ihrer Träume dazu zu bringen, sie zu heiraten, indem sie sich eisern an die Ratschläge ihrer Mutter hält, jede Annährung zu verweigern und sich konsequent jeder Äußerung von Gefühlen zu enthalten.

Alle vier Frauen sind gebildet und studieren Informatik, Literatur, Verwaltungsmanagement oder Medizin. Die Autorin selbst hat Zahnmedizin studiert und entstammt einer Arztfamilie.


Unorthodox“ von Deborah Feldman
Deborah Feldman ist eine zweiunddreißigjährige Amerikanerin, die im Jahr 2012 einen autobiographischen Roman über ihre Kindheit in einer ultraorthodoxen jüdischen Gemeinde veröffentlichte.

In dem Roman geht es um die Zeit, die Deborah Feldman als Kind und Jugendliche in Williamsburg/Brooklyn in der ultraorthodoxen Gemeinde der Satmarer aufwuchs und um ihre Entscheidung, diese Gemeinde zu verlassen.

Beide Romane geben einen tiefen und aufschlussreichen Einblick in die jeweilige Kultur und beide Bücher beschreiben eine Gesellschaft, die voll und ganz auf die Bedürfnisse der Männer ausgerichtet ist. Das ist allerdings die einzige Gemeinsamkeit der beiden Bücher.

Während Deborah Feldman einen radikalen Bruch mit ihrer Familie und ihrer Gemeinde vollzieht, bleibt Rajaa Alsanea ein Teil von ihr. Dies ist natürlich zum großen Teil auch darin begründet, dass Amerika die Freiheit bietet, eigene Wege einzuschlagen, während dies in Saudi-Arabien gar nicht möglich ist. Aber damit allein kann man die Unterschiedlichkeit der beiden Bücher nicht erklären. Der entscheidende Gegensatz liegt darin, dass Rajaa Alsanea dieser Welt auch innerlich verhaftet bleibt. Sie beschreibt zwar kritisch, wie wenig Selbstbestimmung ein Frauenleben beinhaltet, aber das alles bestimmende Thema des Buches ist einzig und allein die Beziehung zum Mann. Und folglich besteht das einzige Dilemma im Leben einer Frau nur darin, sich diesen nicht frei aussuchen zu dürfen.

Deborah Feldmann hingegen beugt sich nur widerwillig dem Gebot einer Eheschließung und dies nicht deswegen, weil der von der Familie vorgeschlagene Mann ihr nicht gefällt, sondern weil sie eigentlich gar nicht das Bedürfnis nach einer Beziehung hat. Ihre Kritik an der Gesellschaft in der sie lebt, ist sehr viel grundlegender und beschränkt sich nicht nur auf das Thema der Partnerwahl. Schon als Teenager leidet sie darunter, keine Bücher lesen zu dürfen und tut alles, um sich diesen Wunsch heimlich zu erfüllen. Das, worunter sie leidet, ist die Enge und Dogmatik des Denkens.

Interessant beim Vergleich der beiden Bücher ist der Umstand, dass die arabische Autorin in äußerst wohlsituierten Verhältnissen lebt, während Deborah Feldmann in Armut aufwächst. Rajaa Alsanea erwähnt immer wieder wie selbstverständlich die zum Haushalt gehörenden „Dienerinnen“ oder philippinische Kindermädchen, die sich um das Kind ihrer nicht berufstätigen Freundin kümmern. Genauso selbstverständlich und nebenbei werden auch die Luxusartikel erwähnt, die zum Leben der Protagonistinnen gehören. An keiner Stelle wird dies thematisiert, geschweige denn kritisch hinterfragt.

Die vier Freundinnen Rajaa Alsaneas absolvieren alle mit Selbstverständlichkeit eine akademische Laufbahn, wohingegen sich Deborah Feldman die Möglichkeit einer Ausbildung erst erkämpfen muss. Dabei ist es sehr aufschlussreich, welche unterschiedlichen Stellenwert Bildung für die beiden Autorinnen hat: Während für Rajaa Alsaneas Freundinnen Bildung lediglich ein Statussymbol darstellt, ist sie für Deborah Feldman Passion.

Alsaneas Roman mag zwar eine Kritik an der in Saudi-Arabien herrschenden eingeschränkten Möglichkeiten für Frauen darstellen, von einer grundlegenden Kritik oder gar Analyse der hierfür verantwortlichen Faktoren ist er meilenweit entfernt. Die wahre Erfüllung in einem Frauenleben ist unhinterfragt die Beziehung zum Mann. So endet dann auch das Buch mit der Aussage: „Was ich vom Leben erwarte: „Ich wünsche mir eine Liebe, die mich für immer erfüllt (…). Ich wünsche mir einen Mann, der mit mir fühlt und mich beschützt (…). Ich wünsche mir eine glücklich Ehe zu führen (…). Ich wünsche mir gesunde Kinder (…). Ich würde sie lieben wie ich meinen Mann liebe, nicht nur, weil es meine Kinder sind, sondern weil sie ein Teil von ihm sind. Das wünsche ich mir für mein Leben“.

Deborah Feldman schließt mit den Worten: „Ich habe meinen Platz in der Welt gefunden (…). Die Menschen wollen wissen, ob wir Glück gefunden haben; doch was wir gefunden haben, ist besser: Authentizität. Ich bin fei, ich selbst zu sein, und das fühlt sich gut an. Wenn irgendwer jemals versuchen sollte, Dir vorzuschreiben, etwas zu sein, was Du nicht bist, dann hoffe ich, dass auch Du den Mut findest, lautstark dagegen anzugehen“.


Als ich das Buch durchgelesen hatte, habe ich mir sofort den zweiten Band „Überbitten“ geholt. Ist schwieriger zu lesen, aber genauso empfehlenswert.



Samstag, 28. Februar 2015
Unterwerfung von Michel Houellebecq – ein Buch für Männer über Männer
"Jeder Mann, ob er nun Sprachphilosoph, Mathematiker oder Komponist von Zwölftonmusik ist, trifft seine Fortpflanzungsentscheidung zwangsläufig nach rein äußerlichen Kriterien, die seit Jahrtausenden unverändert geblieben sind. Ursprünglich fühlen sich natürlich auch die Frauen in erster Linie von den körperlichen Vorzügen angezogen; mithilfe einer entsprechenden Erziehung ist es jedoch möglich, sie davon zu überzeugen, dass das nicht das Wesentliche ist. Man kann sie beispielsweise dazu bringen, sich von reichen Männern angezogen zu fühlen.(…)Die muslimischen Frauen waren ergeben und gefügig, damit könnte ich fest rechnen, sie waren ganz in diesem Sinne erzogen worden, und im Grunde genommen reicht das, um auf seine Kosten zu kommen; was die Küche betraf, so war mir das recht egal, aber auf jeden Fall erhielten sie die entsprechende Erziehung, so dass es in der Regel gelingen sollte, zumindest passable Hausfrauen aus ihnen zu machen."
„Unterwerfung“ von Michel Houellebecq

Schon seit einiger Zeit versuche ich, etwas über Houellebecqs Unterwerfung zu schreiben und frage mich, warum ich mich damit so schwer tue. Vielleicht deswegen, weil ich das Buch zwar einerseits nicht besonders mag, es aber andererseits einen tiefen Einblick in die Denk- und Seinsweise einer gesellschaftlichen Schicht gibt, die sich als das entlarvt, was sie eigentlich latent schon immer ausmachte – eine Bewegung, die immer meilenweit davon entfernt war, das zu leben, was sie nach außen hin so lautstark und oftmals mit Gewalt verbunden propagierte.

„Unterwerfung“ beschreibt eine Linke, deren Selbstverständnis sich hauptsächlich auf die Definition ihres Feindbildes reduziert und dabei unerschütterlich daran festhält, dass der Feind nur rechts stehen kann. Was dann darin gipfelt, bei dessen Bekämpfung jede noch so unselige Alliance einzugehen, wie zum Beispiel die der Wahl der Muslimbrüderschaft. Bei all dem geht es nicht jedoch nicht um die Linke der ersten Stunde, in der Studenten in nicht enden wollenden Diskussionen über den Kampf gegen Imperialismus Adorno und Marcuse zitierten. Es geht vielmehr um die schon seit langem gesellschaftlich etablierte Linke, die mittlerweile in satter Behäbigkeit gut bezahlte Posten in Wirtschaft, Politik oder Wissenschaft besetzt.

Der Protagonist François stellt den Typus jenes Intellektuellen dar, der zwar auf intellektuellem Gebiet überzeugt und brilliert, aber im zwischenmenschlichen Bereich eine Niete ist. Keine Frau will auf Dauer bei François bleiben, immer wird ihm irgendwann von den jeweiligen Partnerinnen mitgeteilt, dass sie „jemand anderen kennengelernt“ hätten. So verwunderlich ist dies auch nicht, denn im Buch kommen zwar immer wieder Frauen vor, aber in erster Linie erfährt der Leser nur von deren Aussehen oder sexuellen Fähigkeiten und nicht jede Frau ist so anspruchslos, sich auf Dauer mit einer derart reduzierten Wahrnehmung ihrer selbst zu begnügen. Auch zu den Eltern besteht keine besondere Beziehung, weitgehend emotionslos nimmt Francois die Nachricht über den Tod der Mutter und des Vaters entgegen und die Reaktion beschränkt sich auf die Abwicklung der Erbangelegenheiten.

Das eigentliche Thema des Buches – der Wechsel Frankreichs von einer laizistischen zu einer muslimischen Gesellschaft erscheint vor dem Hintergrund dieser Charakterisierung eines weitgehend emotions- und bindungslosen Menschentyps plötzlich nicht mehr ganz so abwegig. Aber warum sollten Menschen, denen weitgehend alles egal ist und die sich emotionslos und ohne wirkliche menschliche Bindungen ausschließlich über den Bereich des Intellekts definieren, sich vom Islam angezogen fühlen?

Die Antwort ist ebenso überraschend wie einfach: Polygamie! Plötzlich stellt es kein Problem mehr dar, bei Frauen nicht gut anzukommen. Denn das muss mann jetzt auch nicht mehr, da von nun an professionelle Heiratsvermittlerinnen die passenden Frauen aussuchen. Und die Tatsache, dass auch muslimische Frauen vielleicht nicht auf allen Gebieten fehlerlos sind, kann man durch das perfekte Jobsharing ausgleichen: die Fünfzehnjährige für Sex und die Vierzigjährige für den Haushalt. Dies beschreibt Houellebecq anschaulich, als er einen Mittfünfziger Universitätskollegen besucht und ihm dabei sowohl ein junges Mädchen mit „tiefsitzender Jeans und Hello-Kitty-T-Shirt“ begegnet, als auch eine mollige Frau in den Vierzigern, die leckere Snacks und Tee serviert. Außerdem beschreibt Houellebecq auch ebenso anschaulich die Wandlung eines sehr ungepflegten und unattraktiven Kollegen, der durch die ihm endlich mittels einer muslimischen Heiratsvermittlerin zugeführten Ehefrau plötzlich eine wesentlich gepflegtere Erscheinung erhält.

Einen Haken hat das Ganze natürlich: Warum sollten sich Frauen für ein derartiges Lebensmodell interessieren? Die Antwort bleibt Houellebecq leider schuldig. Vielleicht hat er diesen Aspekt auch schlichtweg vergessen, was ihm durchaus zuzutrauen wäre. Für das von ihm entworfene Szenario ist dies jedoch ein unverzeihlicher Fehler. Die Idee einer aus Angst vor Rechtsextremismus vom Laizismus zum Islam übertretenden Gesellschaft ist vor dem Hintergrund der schriftstellerischen Freiheit, die durchaus auch immer Fiktion beinhalten darf, sicherlich akzeptabel, aber das Schuldigbleiben einer Erklärung, warum Frauen plötzlich ihren Platz in der Gesellschaft aufgeben und den einzigen Sinn im Dasein der Rolle einer Ehefrau sehen sollten, ist es nicht. Ich habe ein halbes Jahr in Frankreich gelebt und kann mir auch mit viel Fantasie keinen Grund vorstellen, warum eine Französin begeistert darüber sein sollte, verschleiert herumzulaufen, ihren Job aufzugeben und ihrem Mann gehorchen zu müssen.

Ich war beim Lesen des Buches oft hin- und hergerissen. Zum Einen empfand ich als regelrecht befreiend, dass jemand die Linke endlich mal so charakterisiert, wie sie oftmals in der Realität leider ist – Menschen, mit erschreckenden Defiziten, was die tatsächliche Mitmenschlichkeit angeht. Zum anderen empfand ich an manchen Stellen so etwas wie Ekel, wenn beispielsweise beschrieben wird, wie der ältliche Protagonist sich von jungen attraktiven Frauen sexuell versorgen lässt – in einer Art, die genauso wenig Erotik beinhaltet, wie etwa die Beschreibung einer Gymnastikübung. Und auch die Vorstellung einer Fünfzehnjährigen im Bett mit einem alten Mann löst bei mir abstoßende statt erotische Assoziationen aus.

Wenn es irgendetwas gibt, wofür man Houellebecq in Bezug auf sein Buch dankbar sein muss, dann dafür, dass er – ob gewollt oder nicht – deutlich macht, dass eine linke Überzeugung für viele noch nie einen Widerspruch zum Sexismus darstellte. Dafür gibt es so viele Beispiele, dass man gar nicht alle nennen könnte – Andreas Baader, der seine Partnerinnen misshandelte und seine Mitstreiterinnen als "meine Zofen" bezeichnete, Klaus Röhl, der seine Tochter sexuell missbrauchte, Karl Marx, der nach bester Gutsherrenmanier von seiner Dienstmagd sexuelle Verfügbarkeit erwartete und das gemeinsame Kind konsequent verleugnete, die vielen linken Politiker, die in steter Regelmäßigkeit ihre Ehefrauen gegen erheblich jüngere Modelle austauschen, Dominique-Strauss Kahn, der sich im Anschluss an politische Treffen zur Entspannung mit jungen Prostituieren versorgen lässt. Auch in meinem Bekanntenkreis gibt es so manchen, der zwar mit erhobener Faust gegen die Ausbeutung der Arbeiter auf die Straße ging, sich aber standhaft weigert für die eigenen Kinder Unterhalt zu zahlen, geschweige denn sich an der Verantwortung zu beteiligen. Männer, die gern lauthals für das Selbstbestimmungsrecht der Entrechteten dieser Welt eintreten, die aber kein Problem mit sexueller Nötigung der eigenen Partnerin haben, genauso wenig, wie es ihnen Skrupel bereitet, die Partnerin zur Abtreibung zu nötigen.

Was würden all diese Männer insgeheim davon halten, wenn ihnen plötzlich durch die Bekennung zum Islam die Möglichkeit eingeräumt werden würde, mehrere Frauen zu haben? Natürlich hätten die meisten Männer ein Problem damit, sich einem Gott zu unterwerfen, zumal die Linke traditionsgemäß Atheismus zum Dogma erhebt. Aber als Entschädigung würden sich die Frauen wiederum ihnen unterwerfen – wiegt das nicht die Unterwerfung an einen ohnehin nur abstrakten Gottes wieder auf? Bis ans Ende seiner Tage sowohl sexuell als auch haushälterisch versorgt sein. Eine junge Frau für den Sex, eine ältere für den emotionalen Halt und vielleicht eine Gleichaltrige für den perfekten Haushalt mit kulinarischen Höhepunkten? Da wäre dann sogar immer noch die Möglichkeit einer weiteren Frau – denn der Islam erlaubt ja bekanntlich derer vier – für noch mehr Bedürfnisse.

Und deswegen ist Houellebecqs Unterwerfung ein Buch in erster Linie ein Buch für Männer.



Dienstag, 7. Oktober 2014
Siegfried Lenz und meine ganz persönliche Deutschstunde
Wer sich nicht wehren kann und wer auf Unterstützung angewiesen ist, der könnte die Unterstützung durch einen Schriftsteller erhalten.
Siegfried Lenz zur Frage der Funktion der Literatur

Obwohl es schon Ewigkeiten zurückliegt, kann ich mich noch sehr gut an meine allererste Deutschstunde auf dem Gymnasium erinnern. Für mich stellte diese Stunde so etwas wie ein Aufbruch in einer neue Welt dar. Bis zum Alter von fast elf Jahren besuchte ich die Schule unseres kleinen Elbdorfs, die damals noch Volksschule genannt wurde. Alle vier Grundschuljahre hindurch hatten wir ein- und dieselbe Klassenlehrerin, die auch fast alle Fächer unterrichtete. Ich hatte eine äußerst gemischte Beziehung zu dieser Lehrerin, denn Fräulein Mohrdieck schwang noch den Rohstock und unterrichtete einen sehr rigiden Religionsunterricht nicht nur in der dafür vorgesehenen Stunde, sondern dehnte ihn auf nahezu allen übrigen Fächer aus. Im Laufe der vierten Klasse fing ich dann an offen aufzubegehren und verlor dadurch viel von ihrer zuvor vorhandenen Gunst. Ausschlaggebender Anlass war die völlig ungerechtfertigte Bestrafung einer Mitschülerin, die ich empört mit „Das ist unterecht!“ kommentierte. Fräulein Mohrdieck entgegnete äußerst entrüstet: „Ein Lehrer ist niemals ungerecht.“

Im Gymnasium hatten wir dann sehr junge Lehrer, die zu unserem Erstaunen meist nur ein Fach unterrichteten. Der Deutschunterricht wurde von unserer Klassenlehrerin Frau Hansen gegeben. Ich kannte Deutsch bisher nur als Rechtschreibunterricht, mit dem ich mich oftmals schwertat. Aber jetzt begann nach der offiziellen Begrüßung die allererste Deutschstunde mit etwas sehr Ungewohnten, nämlich mit einer Episode aus der Erzählung „So zärtlich war Suleyken“ von Siegfried Lenz. Obwohl ich diese Erzählung später niemals erneut gelesen habe, erinnere ich noch viele Details. Es ging um einen Zirkus, der in einem abgelegenen Ort namens Suleyken gastierte und der mit seinen Darbietungen die einfachen Dorfbewohner in helle Aufregung versetzte. Ich meine sogar, den Namen der Zirkusdirektorin – Anita Schibukat – zu erinnern (das werde ich jetzt irgendwann einmal überprüfen) sowie die Vorstellung eines Schwertschluckers, dessen vermeintliches Schlucken seines Schwertes offenes Entsetzen hervorrief.

Die Geschichte kam bei uns Fünftklässlern sehr gut an und es wurde viel gelacht. Aber was für mich völlig neu war, war das anschließende Diskutieren. Wir wurden danach gefragt, was wir von den einzelnen Figuren hielten und soweit ich erinnere, bekamen wir die Hausaufgabe, uns weitere komische Situationen auszudenken, die durch die Zirkusvorstellungen verursacht wurden.

Danach gefragt zu werden, was man denkt und außerdem sogar aufgefordert zu werden, sich selbst etwas auszudenken – das war für mich als kleines Mädchen aus einem ebenfalls kleinen Dorf etwas durch und durch Ungewohntes. Aber es war noch weit mehr als nur ungewohnt. Es war der Auftakt zu einem Lernen, das untrennbar mit Respekt vor dem Willen und vor der Fantasie eines Kindes verbunden war und das sich durch die Freiheit des Denkens auszeichnete.

Und sogar noch heute genieße ich die Erinnerung an das Gefühl des aufregend Neuem, das sich mir damals auftat.

Bei meinen Recherchen für unser Klassentreffen vor fünf Jahren erfuhr ich, dass meine ehemalige Deutschlehrerin Frau Hansen schwerkrank war und nur wenig Aussicht auf Heilung bestand, so dass man leider davon ausgehen muss, dass sie inzwischen verstorben ist. Verstorben ist übrigens auch vor mehr als zehn Jahren meine Klassenlehrerin Fräulein Mohrdieck, die ich trotz unserer Meinungsverschiedenheiten später bis kurz vor ihrem Tod im Heim besuchte. Und eben erfahre ich vom Tode Siegfried Lenz. Der Mann, dem ich meine wunderbare erste Deutschstunde verdanke.

Später als Teenager habe ich dann die tatsächliche Deutschstunde gelesen, den Roman aus dem Jahr 1968, in dem es um den verzweifelten Widerstand gegen Pflichterfüllung ohne Gewissen geht. Und ich habe – ebenfalls im Deutschunterricht – zwei weitere Kurzgeschichten gelesen, die mich tief beeindruckt haben. Die erste hieß „Die Nacht im Hotel“ und in ihr geht es um einen verbitterten Mann, der seine Verbitterung durch die Konfrontation mit dem Leiden eines Kindes überwindet. Die zweite Kurzgeschichte hieß „Der Gleichgültige“ und in ihr geht es um die völlig gleichgültige Reaktion eines Mannes auf einen offensichtlich zum Selbstmord Entschlossenen. Siegfried Lenz ist es gelungen, mit einer kleinen Erzählung die Erbärmlichkeit eines Menschentyps darzustellen, dem jegliches Gefühl und Interesse für sein Gegenüber abhanden gekommen ist.

Eben wurde ein älterer Kommentar zu Siegfried Lenz von Marcel Reich-Ranicki im Fernsehen gezeigt. Reich-Ranicki äußert, er schließe sich nicht der Ansicht mancher Kritiker an, derzufolge Lenz ein konservativer Erzähler sei. Er sehe vielmehr in Lenz einen traditionellen Geschichtenerzähler. Und diese Aussage trifft es sehr gut. Lenz gibt seinen Erzählungen über ein kleines Dorf nicht nur den Titel „So zärtlich war Suleyken“, sondern er selbst erzählt mit viel Zärtlichkeit die Geschichte über die liebenswerten Bewohnern eines Dorfes.

Kritiker können sich irren. Ein elfjähriges Kind nicht. Für mich wird der Name Siegfried Lenz immer untrennbar verbunden sein mit meiner allerersten Deutschstunde, die für mich den Beginn der Lust am Lernen und der Freiheit der Gedanken darstellte. Ich bin dankbar für das, was mir die Erzählungen von Siegfried Lenz gegeben haben. Dankbar für meine ganz persönliche Deutschstunde.



Donnerstag, 29. August 2013
Orwells bitterböse Beschreibung der kolonialen Engländer und woran mich dies erinnerte
Ich habe meine Urlaubslektüre Georges Orwells „Tage in Burma“ nach anfänglicher Skepsis doch noch ziemlich schnell zu Ende gelesen und es nicht bereut. Orwell zeichnet ein bitterböses Bild des englischen Kolonialisten.

Sein Protagonist John Flory ist zwar auch nicht frei von jeglicher Arroganz gegenüber den Birmanen, aber er hegt auf der anderen Seite auch eine große Bewunderung für deren Kultur. Die in Burma lebenden Engländer hingegen beschreibt Orwell als eine degenerierte Gesellschaftsschicht, die sich für nichts anderes interessiert als für den englischen Club, welcher jedoch weit davon entfernt ist, ein Ort des intellektuellen Anspruchs zu sein, sondern in erster Linie einen Treffpunkt darstellt für versnobte Alkoholiker, die den Genuss von Whiskey und das Tennisspielen für den Inbegriff einer hohen Kultur halten.

Die in die Erzählung eingebettete Liebesgeschichte ist konsequenterweise auch eine unglückliche, denn der Protagonist verliebt sich ausgerechnet in eine Engländerin, den Prototyp der Ma’am Sahib darstellt und an bornierter Eingebildetheit kaum zu überbieten ist. Während Orwell den Leser dies ziemlich schnell wissen lässt, tappt der Protagonist John Flory bis zum Ende des Buches im Dunkeln. Die unerfüllte Sehnsucht Florys nach jemandem, der ihn sein Heimweh und sein Gefühl des Unverstandenseins endet schließlich mit seinem Selbstmord.

Ich glaube nicht, dass es Orwell darum ging, seine Darstellung der Kolonialismusmentalität in erster Linie als Parabel für Herrenmenschenmentalität im Allgemeinen darzustellen, sondern meiner Meinung nach hat er mit seiner Erzählung hauptsächlich seine persönlichen Erfahrungen mit dem englischen Kolonialismus in Burma verarbeitet. Für mich geht das Buch dennoch über die Thematik der Menschenverächtlichkeit des Kolonialismus hinaus. Der von Orwell beschriebene Standesdünkel der Engländer ist genauso übertragbar auf andere gesellschaftliche Schichten. Wobei mir an der Erzählung besonders gut gefiel, dass er eben jene, die sich als überleben und auserwählt wähnen, entlarvt als dumpfe, überhaus einfach gestrickte Menschen, die weder über besondere Fähigkeiten verfügen, noch über besonders viel Geist.

Beim Lesen des Buches war es für mich unvermeidlich, durch die Erzählung an all jene erinnert zu werden, die den versnobten blasierten Kolonialengländern so ungemein ähneln. Jene, die keine Gelegenheit auslassen, ihre hohe Qualifikation und ihr hohes Engagement zu betonen und die eisern festhalten an der Abgrenzung gegenüber denen, deren Arbeit angeblich doch so erheblich weniger anspruchsvoll ist. Genauso, wie sich besagte Engländer bei näherer Betrachtung weder als besonders gebildet noch als besonders kultiviert entpuppen, so entlarvt sich auch das Selbstbild dieser Spezies als eine grenzenlose Selbstüberschätzung.

Und genauso, wie die Welt auf Kolonialisten verzichten kann, so kann sie auch getrost auf jene sich krankhaft selbstüberschätzende Spezies verzichten. Beides richtet nur Schaden an und es ist an der Zeit, dass man sie endlich überwindet. Eine Welt ohne Standesdünkel und Selbstüberschätzung ist die bessere.



Mittwoch, 2. Mai 2012
Hermann Hesse
Es ist schon ziemlich lange her, dass ich das letzte Mal etwas von Hermann Hesse gelesen habe, zumindest was Erzählungen betrifft, meine Gesamtausgabe seiner Gedichte nehme ich öfter zur Hand. Heute wurde in der ARD anlässlich Hesses fünfzigsten Todestag sowohl eine Romanverfilmung als auch eine kurze Dokumentation über sein Leben gezeigt. Als Hesse-Fan habe ich mir das natürlich nicht entgehen lassen.

Ich frage mich allerdings, ob ich mich eigentlich im strengen Sinn überhaupt noch als Hesse-Fan bezeichnen kann, wenn mein letzter Roman nun schon etliche Jahre zurückliegt. Und dann taucht die Frage auf, woran dies liegen könnte. Vielleicht ist es der Umstand, dass Hesses Romane in einer völlig anderen Zeit spielen. Sein Thema war oft der Ausbruch aus der kleinbürgerlichen Enge und die Befreiung von gesellschaftlichen Normen. Das wirkt in einer Zeit, in der der Einzelne mittlerweile ein Optimum an individueller Freiheit hat und in der es schon lange ein Muss ist, Normen anzuzweifeln, seltsam antiquiert.

Sicher, das Thema der Sinnsuche und Selbstverwirklichung ist zeitlos. Aber trotz der Zeitlosigkeit hat sich auch an dieser Thematik etwas geändert. Sinnsuche und Selbstverwirklichung sind längst Massenthemen geworden und nicht mehr Frage vereinzelter Außenseiter. Hermann Hesse hat sich in seinen Werken immer an das Individuum gewandt und genau das hat so viele Menschen angezogen in einer Zeit, in der sich das Individuum noch voll und ganz der Familie und der Gemeinschaft unterordnen musste. Eine Zeit, in der ganz klar und fest definiert war, was gut und was böse ist. In so einer Zeit leben wir aber schon lange nicht mehr.

Was seine Gedichte betrifft, so empfinde ich diese nach wie vor als zeitlos. Es geht um Einsamkeit, um Schmerz über die vergangene Jugend, um Todessehnsucht, um Liebe zur Natur und um die Suche nach dem, was das irdische Dasein transzendiert.

In der Dokumentation konnte man eine der seltenen Originalansprachen von Hermann Hesse hören: „Unter Glück verstehe ich die Teilhabe am ewigen Sein“. Und in dem Moment wo ich diesen Ausspruch niederschreibe, weiß ich, dass ich doch noch ein Hesse-Fan bin.



Mittwoch, 20. Juli 2011
Ein Juwel
Eigentlich wollte ich meinen Blog für eine Weile nicht mehr öffentlich machen, weil ich mir die Art des Umgangs miteinander anders vorgestellt habe. Aber eben bin ich auf dieses Video gestoßen. Ich liebe dieses Gedicht von Paul Celan - obwohl es nicht im eigentlichen Sinne Liebe ist, sondern vielleicht mehr Ehrfurcht. Und es ist tatsächlich von Paul Celan selbst gesprochen, so dass es mir noch viel mehr Gänsehaut verursacht als dies schon beim Lesen der Fall ist. Und da ist die Lust einfach zu groß, weiterzumachen und ich kann der Versuchung nicht widerstehen, hier auf dieses Juwel hinzuweisen. Todesfuge:

Übrigens hat dieses Video bei YouTube einen schauerlichen Kommentar erhalten (wobei mir bei Youtube schon sehr oft fürchterliche Kommentare aufgefallen sind). Vielleicht eine Erinnerung daran, dass man Kommentare einfach nicht immer so ernst nehmen sollte...



Mittwoch, 6. April 2011
Verlorene Paradiese
Meine Freundin hat mir vor kurzem das Buch "Ringel Rangel Rosen" von Kirsten Boie geschenkt. Die Geschichte der dreizehnjährigen Karin spielt zur Zeit der Hamburger Flutkatastrophe 1962. In der Erzählung bekommen mehrere Ebenen Bedeutung – die Gefühlswelt einer 13jährigen, die Zeit der Nachkriegsära, die Flutkatastrophe und das Verdrängen der Zeit des Nationalsozialismus. Die Zeit vor dem großen Luxus des Wirtschaftswunders wird sehr liebevoll beschrieben. Eine einfache Zeit, die noch von einer Überschaubarkeit geprägt war, die man heute nicht mehr kennt.

Ich selbst habe die Flut nicht miterlebt. Unser Dorf war zwar von der Flutkatastrophe betroffen, aber ich war zu dem Zeitpunkt bei meiner Oma in einem anderen Stadtteil. Und dort habe ich in auch in einem der sogenannten „Behelfsheimen“ gelebt, das von der Erzählerin beschrieben wird. Den Ausdruck „Behelfsheim“ habe ich erst viel später im Erwachsenenalter kennengelernt. Dieser Ausdruck bezeichnete in der Nachkriegszeit die Häuser, die man in der Schnelle für die Flüchtlinge aus dem Osten und für die Ausgebombten gebaut hatte. Als Kind hätte er mich sehr verwundet, denn für mich war es ein ganz normales Haus.

Unser „Behelfsheim“ hatte zwei Zimmer, eine Toilette (immerhin schon ein Wasserklo), eine kleine Küche und eine Speisekammer und zwei merkwürdige angebaute Flure. Es gab keine Einbauküche, keine Heizung, sondern außer dem Kohleofen in der Küche nur Elektroöfen und es gab auch kein Bad, sondern nur ein steinernes Waschbecken, das durch einen Vorhang abgetrennt war. Aber es gab einen riesigen Garten mit Kirsch-, Pflaumen und Birnenbäumen und jeder Menge Blumen. Und mein Opa hatte mir eine Schaukel gebaut, die ganz allein mir gehörte. Statt Regentonnen gab es draußen zwei alte Badewannen, in denen ich, wenn es warm genug war, plantschen konnte.

Ich habe weder das Bad vermisst noch das eigene Zimmer. Einmal samstags baden fand ich immer völlig ausreichend und nicht allein schlafen zu müssen, empfand ich – wie die meisten Kinder – nicht als Nachteil. Ich konnte auch als kleines Kind schon unbeaufsichtigt draußen im Garten spielen, da es keine Autos in der Nähe gab. Es gab einen Schuppen und außerdem auch viele Nischen zwischen den Hecken und Büschen, in denen man ungestört spielen konnte.

Es ist immer ein schönes Gefühl, wenn man sich in jemand anderem wiedererkennen kann. So ging es mir beim Lesen des Buchs, als die Autorin beschreibt, dass ihr später bewusst wurde, dass sie im Paradies gelebt hat. Genauso ging es mir auch. Als meine Großeltern in eine „normale“ Wohnung umzogen, fand ich alles ziemlich schick – das Badezimmer, die moderne Küche und die bequeme Zentralheizung. Aber es hatte auch etwas von einem Käfig. Das primitive Behelfsheim war gegen einen bequemen Käfig ausgetauscht worden. Und auch die im Buch beschriebene Sitte, dass alle möglichen Nachbarn immer einfach vorbeikamen, gab es im Mietshaus nicht mehr. In einen angrenzenden Hof oder Garten zu gehen, war anscheinend mit einer geringeren Hemmschwelle belegt, als an einer verschlossenen Tür zu klingeln.

Ich will die damalige Zeit nicht idealisieren, darum geht es mir nicht. Mir geht es vielmehr darum, ein bestimmtes Lebensgefühl zu beschreiben. Ein Lebensgefühl, das dadurch geprägt ist, dass man eigentlich alles hat, was man zum Glück braucht. Das Gefühl des Behütetseins in einer Welt, in der es an nichts mangelt. Ich glaube, dass Kinder noch nicht korrumpierbar sind und sehr genau spüren, worauf es ankommt. In einem Häuschen inmitten eines wunderschönen Gartens – mit dem unglaublichen Luxus einer eigenen Schaukel – braucht man weder ein eigenes Zimmer, noch ein Badezimmer, noch Einbauküche oder Zentralheizung. Damit kann man Erwachsene ködern – Kindern nicht. Und irgendwann tauscht man dennoch all das ein gegen Bequemlichkeit. Und spätestens dann weiß man, dass man im Paradies gelebt hat.

Ich würde sofort wieder in ein Behelfsheim ziehen, wenn es denn eines geben würde. Meinetwegen auch mit Plumpsklo.

Als meine Freundin das Buch gelesen hat, wusste sie sofort, dass das genau das Richtige für mich ist. Schön, dass es Menschen gibt, die einen so gut kennen.



Montag, 18. Oktober 2010
Eine Lesepause von 19 Jahren
Vor Kurzem habe ich in nur zwei Tagen das Buch „Muscheln in meiner Hand“von Anne Morrow Lindbergh gelesen. Eigentlich nicht das ganze Buch, sondern nur die zweite Hälfte. Die erste Hälfte habe ich vor 19 (!) Jahren gelesen und das Lesezeichen steckte immer noch im Buch.

Und ich frage mich natürlich, wieso ich das Buch vor 19 Jahren nicht interessant genug zum Weiterlesen fand, aber jetzt das Buch gar nicht aus der Hand legen konnte und auch den ersten Teil gleich nochmals las.

Die Antwort liegt auf der Hand - nicht alles passt zu jeder Zeit. Der Abschnitt, an dem ich zu lesen aufgehört hatte, handelte bezeichnenderweise von einer Reflexion über den Lebensabschnitt, der ab 50 folgt. Das war mir anscheinend im Alter von 32 Jahren nicht spannend genug. Jetzt schon. Aber das Hauptthema des Buches ist nicht das Alter, sondern Beziehung. Und die wird von Anne Morrow Lindbergh in einer sehr poetischen Weise beschrieben, wofür sie sich für einige Tage bewusst von allen Menschen zurückzog, um auf einer kleinen Insel für sich allein zu sein.

Beziehungen und Lebensphasen werden von Anne Morrow Lindbergh mit den Formen verschiedener Muscheln verglichen. Wellhornschnecke, Mondmuschel, Austern und Argonauta werden zu Symbolen für die verschiedenen Phasen des Daseins. Es geht um Alleinsein, um Zweisamkeit, um die Fürsorge für andere, um Freiheit, um den Prozess des Loslassens und des Alterns.

Wir verlangen Beständigkeit, Haltbarkeit und Fortdauer; und die einzig mögliche Fortdauer des Lebens wie der Liebe liegt im Wachstum, im täglichen Auf und Ab – in der Freiheit; einer Freiheit im Sinne von Tänzern, die sich kaum berühren und doch Partner in der gleichen Bewegung sind.

Und Anne Morrow Lindbergh liebt genau wie ich Rilke, der wie kein anderer versteht, Gefühle in Bilder zu kleiden. Bilder, die nicht immer leicht zu verstehen sind, aber die die menschliche Tiefe zum Ausdruck bringen. Und das ist es wohl, was mich an dem Buch so gefesselt hat – die Tiefgründigkeit und der Respekt, mit dem von menschlichen Gefühlen gesprochen wird. In einer Zeit, in der das Banale und das Grobe Hochkonjunktur hat und es schon fast verpönt ist, sich respektvoll und behutsam mit etwas zu beschäftigen, kommt mir diese kleine Buch wie ein Juwel vor. Vielleicht war ich vor 19 Jahren noch nicht so übersättigt vom Banalen und Groben, wie es mittlerweile der Fall ist. Und vielleicht habe ich das Buch damals noch nicht so gebraucht wie jetzt, weil in meinen damaligen Lebenszusammenhängen eine differenzierte und anspruchsvolle Auseinandersetzung mit der Thematik noch selbstverständlich war. Wie dem auch sei – anscheinend war die 19jährige Lesepause gut so.

Zum Abschluss nochmals Rilke, wie er im Buch zitiert wird:

Ein Miteinander zweier Menschen ist eine Unmöglichkeit und, wo es doch vorhanden scheint, eine Beschränkung, eine geistige Übereinkunft, welchen einen Teil oder beide Teile ihrer vollsten Freiheit und Entwicklung beraubt. Aber das Bewusstsein vorausgesetzt, dass auch zwischen den nächsten Menschen unendliche Fernen bestehen bleiben, kann ihnen ein wundervolles Nebeneinanderwohnen erwachsen, wenn es ihnen gelingt, die Weite zwischen sich zu lieben, die ihnen die Möglichkeit gibt, einander immer in ganzer Gestalt und vor einem großen Himmel zu sehen!



Montag, 26. April 2010
Benjamin Stein: Die Leinwand – ein Roman des Zweifelns
Normalerweise lese ich Bücher sehr langsam und lege sie oftmals angelesen für Monate beiseite um sie dann später wieder weiter zu lesen, denn ich habe schon seit längerem eine Art Lesehemmung. Aber am Wochenende war es anders. „Die Leinwand“ von Benjamin Stein habe ich an knapp zwei Tagen durchgelesen.

Ein sehr ungewöhnliches Buch. Es gibt zwei verschiedene Erzählungen, die man von beiden Seiten zu lesen beginnen kann. In der Mitte treffen sich die beiden Erzählungen. Das Buch lässt den Leser eintauchen in die jüdische Welt und man erfährt viel über jüdische Bräuche und jüdische Mystik. Es gibt zwei jüdische Protagonisten, deren Lebenswege sich irgendwann kreuzen. Beide lieben Bücher und beide sind in ihrer Jugend durch Reglementierungen daran gehindert worden, sich ihren Lesestoff frei zu wählen.

Am Ende sind dem Leser einige Dinge klar, aber viele Fragen bleiben offen. Es geht in dem Buch in erster Linie um die Unzuverlässigkeit und die Subjektivität unserer Erinnerungen. Während die erste Hauptfigur, der Arzt Amnon Zichroni, die außergewöhnliche Gabe besitzt, die Erinnerungen anderer Menschen mitzuerleben, leidet Jan Wechsler, die andere Hauptfigur, offenbar an einem erheblichen Verlust seiner Erinnerungen und weiß nicht mehr so recht, wer er eigentlich ist. Anscheinend verschmelzen irgendwann die Erinnerungen beider Hauptpersonen zu einer einzigen Identität. Und es gibt eine dritte Hauptperson, die die eigenen Erinnerungen so umgewandelt hat, dass sie für die Außenwelt ein Lüge darstellen, durch die seine Existenz schließlich zerstört wird.

Wie ich erst nach dem Lesen des Buches herausgefunden habe, steckt hinter der dritten Hauptperson die reale Person des Binjamin Wilkomirski, der detailliert seine Kindheit in verschiedenen KZs beschrieben hat, in denen er nachweislich jedoch niemals war. Anscheinend wurde bis jetzt nie geklärt, ob Wilkomirski absichtlich gelogen hat, oder aber ob er tatsächlich überzeugt ist, die von ihm beschriebenen Ereignisse so und nicht anders erlebt zu haben. Verwirrend an der Erzählung ist, dass die Biographie des Schriftstellers Jan Wechsler Ähnlichkeiten mit der des Autors hat – deren Realität aber wiederum in der Erzählung letztendlich in Frage gestellt wird.

Gleich am Anfang des Buches hat mich eine Aussage sehr beeindruckt: „Unsere Erinnerungen sind es, die uns zu dem machen, was wir sind. Unser Gedächtnis ist der wahre Sitz unseres Ich. Erinnerung aber ist unbeständig, stets bereit, sich zu wandeln. Mit jedem Erinnern formen wir um, filtern, trennen und verbinden, fügen hinzu, sparen aus und ersetzen so im Laufe der Zeit das Ursprüngliche nach und nach durch die Erinnerung an die Erinnerung. Wer wollte da noch sagen, was wirklich geschehen ist? “.

Dies hinterläßt mehr Zweifel als Klarheiten. Dass die Wirklichkeit möglicherweise ganz anders ist, als das, was wir als Wirklichkeit wahrzunehmen scheinen, taucht sowohl im Buddhismus als auch in der abendländischen Philosophie auf und ist somit keine Neuheit. Aber das Ungewöhnliche an diesem Buch ist, dass man hier in diese Vorstellung hautnah hineingezogen wird. Man beginnt zu zweifeln und grübeln und versucht, sich eine plausible Lösung zu schaffen. Es steckt ganz tief in unserem menschlichen Wesen, wissen zu wollen, was wahr ist und was nicht. Und wenn es so ist, wie es dieses Buch schildert, dann ist Wahrheit immer etwas zeitlich Begrenztes und wird durch unsere Erinnerung gewandelt. Und da wir alle unsere eigenen Erinnerungen haben, wird diese Wahrheit niemals den Anspruch des Absoluten erfüllen können.

Ganz schon verwirrend. Habe gleich demjenigen, der mir das Buch geschenkt hat, gemailt und etliche Fragen gestellt.



Donnerstag, 8. April 2010
Abu Ali ibn Sina
Die ganze Zeit ihrer Umarmung über hatte er sich in von weit hergekommene Reminiszenzen gleiten lassen, die wie aus grauer Vorzeit wieder aufgetaucht anmuteten. Sie hatten im Voraus die Gesten, die Umarmungen des anderen gewusst; das Vorherwissen ihres gegenseitigen ganz erstaunlich vorgreifenden Verlangens. Die Erfahrung vergangener Liebschaften hatte ihn gelehrt, dass nur äußerst selten zwei sich unbekannte Körper sogleich beim ersten Male die vollkommene Harmonie erreichen mochten. Dennoch hatte das Wunder stattgefunden. Sie hatten aneinander getrunken, ihre Lippen hatten sich vereinigt, verbunden, verschmolzen, mit der Inbrunst des Töpferwerks, das gleichsam zurück in seine Form drängt. Sie waren ausgebrannt, verzehrt, ohne mehr zu wissen, wer von beiden Talg und wer die Flamme war. In Wirklichkeit hatten sie sich nicht beigewohnt... Sie hatten sich einfach nur wieder erkannt.

„Wie geschieht mir?“, fragte Ali, als spräche er zu sich selbst. „Da ist etwas, was in mir lebt, das ich bis zur Stunde nicht kannte. Verstehst du?“

Sie strich ihm sanft mit der Hand den Nacken entlang. „Ich verstehe, Ali ibn Sina. Doch im Unterschied zu dir und obwohl ich das, von dem du sprichst, nie empfunden habe, wusste ich, dass es existiert. Undeutlich. Wie man um ein Land weiß, ohne es je kennen gelernt zu haben.“


Diese Zeilen stammen aus dem Roman Gilbert Sinoués „Die Straße nach Isfahan“, in dem es um das Lebenswerk des berühmten persischen Arztes Abu Ali ibn Sina geht, besser bekannt als Avicenna. Der Roman beschreibt den Lebensweg dieses Mannes, der nicht nur durch seine medizinischen Verdienste, sondern auch durch seine Verehrung Aristoteles’ bekannt wurde.

Mir gefiel diese hochpoetische Art, wie Erotik beschrieben wird. Eine Zeit widerspiegelnd, in der Erotik noch etwas Geheimnisvolles und Mystisches war. Geheimnisvoll deswegen, weil Erotik ein der Öffentlichkeit verborgener Bereich war. Mystisch, weil dies eine über das rein körperliche Empfinden hinausgehende Verschmelzung beinhaltet. Der Ausspruch der Geliebten „Ich wusste, dass es existiert“ drückt die Erahnung von etwas aus, das sich einer konkreten Vorstellung entzieht und nicht im Bereich des Alltäglichen zu finden ist. Eine Ahnung, die mit Sicherheit heute kaum noch jemand kennt.