Mittwoch, 26. November 2014
Ein kleine Szene als Lehrstück über den autoritären Charakter
Vorgestern stolperte ich über eine Szene des Films „Das Zeugenhaus“. Der Film spielt im Jahr 1946 zur Zeit der Nürnberger Prozesse und es geht um die vorgeladenen Zeugen, die von der amerikanischen Besatzungsmacht gemeinsam in eine Villa einquartiert werden. Zu den Zeugen gehörten sowohl NS-Täter als auch Opfer, was zuerst zu schwelenden und später zu offenen Auseinandersetzungen führt.

Zu den in der Villa lebenden Zeugen gehört auch Henny von Schirach, die Ehefrau des Reichsjugendführers Baldur von Schirach und Tochter Heinrich Hoffmanns, des Leibfotografen Adolf Hitlers. Henny von Schirach gehörte zum engeren Bekanntenkreis Hitlers und verbrachte auch Zeiten auf Hitlers Berghof. Henny von Schirach erwähnt gegenüber den anderen Bewohnern eine Auseinandersetzung mit Hitler, in der sie ihm ins Gesicht sagte, dass es unmenschlich sei, wie die Juden bei den Deportationen behandelt werden. Hitler reagierte sehr wütend und war so erbost, dass sie und ihr Mann vom Berghof verbannt wurden.

Es ist diese Szene, um die es mir hier geht, denn diese Begebenheit hat sich nachweislich tatsächlich so zugetragen. Sowohl Albert Speer, Traudel Junge und Goebbels bestätigen den Vorfall. Traudel Junge hat in ihrem Buch auch die Reaktion Hitlers sehr genau beschrieben: Henriette von Schirach, „die ja eine relativ vertrauliche Position gegenüber Hitler hatte, […] hat den Führer darauf angesprochen, dass es ganz schrecklich wäre, wie die Juden in Amsterdam behandelt werden..“ Daraufhin hätte Hitler ihr wütend geraten, sich nicht in Dinge einzumischen, die sie nicht versteht, sich über „diese Gefühlsduselei und Sentimentalität“ geärgert und den Raum verlassen. Henny von Schirach sei als Reaktion darauf nie wieder auf den Berghof eingeladen worden. Albert Speer beschreibt die Reaktion auf die Auseinandersetzung als „düstere Stimmung“ und als Grund für die Verbannung vom Berghof.

Warum beschäftigt mich diese Szene so? Weil mir bisher nicht bekannt war, ob es jemals dazu kam, dass Hitler innerhalb seines Bekanntenkreises mit Vorwürfen in Bezug auf das Vorgehen gegen die die Juden konfrontiert wurde. Wobei man sich über die Person der Henny Schirach nicht täuschen darf, denn sie war begeisterte Anhängerin Hitlers und ihr Mann war bekennender Antisemit. Und auch nach dem Krieg war bei Henny von Schirach nicht die geringste Einsicht in die Verbrechen vorhanden, wie schon an ihren merkwürdigen Buchtiteln „Anekdoten um Hitler“ und „Der Preis der Herrlichkeit“ deutlich wird.

Es ist eine absurde Situation – in grenzenloser Naivität und Unbedarftheit wirft eine junge Frau einem Mann, der nie ein Hehl aus seinem Vernichtungsfeldzug gegen die Juden gemacht hat, deren unmenschliche Behandlung vor. Der Vorwurf richtet sich gegen jemanden, der von Anfang an klar als Massenmörder erkennbarer war und dessen Programm ebenso klar erkennbar eine Verkörperung der Inhumanität darstellte. Henny von Schirach scheint dies jedoch während all den Jahren in ihrer großen Begeisterung konsequent ausgeblendet zu haben und so kommt es zu jener grotesken Situation, in der von einem Massenmörder eine Antwort darauf erwartet wird, warum er denn Menschen nicht besser behandelt.

Genauso absurd wie Henny von Schirachas naiv vorgebrachte Kritik fällt auch Hitlers Reaktion aus. Der unumschränkte Herrscher über Deutschland und Herrscher in spe über die gesamte Welt verlässt beleidigt den Raum wie ein kleiner Junge, der von der Mama zu Unrecht getadelt wurde. Man stellt sich unweigerlich die Frage, warum jemand, der sich der Rechtmäßigkeit seines Antisemitismus so ungemein sicher ist, durch den naiv vorgetragenen Vorwurf der Unmenschlichkeit dermaßen seine Fassung verliert. Umso mehr, als doch seiner Ideologie entsprechend Unmenschlichkeit eine Tugend und keine Schwäche darstellt, der man sich folglich auch nicht schämen muss. Wieso wird jemand, der Millionen von fanatischen Menschen hinter sich hat, die bereit sind für ihn zu sterben, durch einen einzigen Satz einer im Grunde völlig unwichtigen Frau dermaßen verunsichert?

Wenn ich mir die Szene bildhaft vorstelle und vor mir den Mann sehe, der sich in einem krankhaften Größenwahn dazu berufen fühlte, erst Deutschland und dann die ganze Welt zu unterwerfen und der in einem ebenso krankhaften Hass die Verantwortung für alle Übel dieser Welt auf die Juden projizierte – was spielte sich in dessen Denken ab, als ihm von einer durch und durch treu ergebenen jungen Frau der Vorwurf der Unmenschlichkeit gemacht wurde? Was löst es bei jemandem aus, der sich für unfehlbar und von höheren Mächten berufen wähnt, wenn sich unter das uneingeschränkte Bejubeln seines Handelns doch einmal ein winziger Funken Kritik einschleicht?

Die grenzenlose Unbedarftheit Henny von Schirachs und die ins Lächerliche gehende Reaktion Hitlers erinnern mich an Hannah Arendts Theorie der „Banalität des Bösen“. Dieser Theorie zufolge ist das Böse nicht das Werk von monströsen Psychopathen und menschlichen Ungeheuern, sondern das der ganz normalen Durchschnittsbürger. Menschen, die grundsätzlich noch nicht einmal pathologisch gefühlskalt sein müssen, sondern die durchaus in der Lage sein können, Unmenschlichkeit als Unrecht zu empfinden. Und die trotz des subjektiven Empfindens von Unrecht dem Verursacher dieses Unrechts keinen Widerspruch leisten.

Es ist diese Banalität des Bösen, die das Ungeheure zu etwas Allgegenwärtigem machen, das zeitlos ist und weit über das Dritte Reich hinausgeht. Das Dritte Reich mag Vergangenheit sein, die ihm zugrunde liegenden menschlichen Mechanismen bestehen nach wie vor und finden sich wiederkehrend in den alltäglichen Situationen unseres Lebens. Es wird immer Menschen geben, die sich berufen fühlen anderen Ordern zu geben und für die es keinen größeren Frevel gibt, als den der Kritik an ihrem Handeln. Und genauso wird es immer Menschen geben, die diese Ordern und Verbote in blinden Gehorsam befolgen.

Nein, es geht eben nicht nur um die großen Diktatoren, die sadistischen Kapos und die fanatischen Gefolgsmänner. Es geht genauso um den kleinen Angestellten, der eifrig auf eine Position hinarbeitet, in der er vom Getretenwerden zum Treten wechselt. Es geht genauso um den Geschäftsführer, der sich geschickt Bedingungen schafft, in denen niemand mitbekommt, wie in die eigene Tasche gewirtschaftet wird und Menschen Unrecht zugefügt wird. Es geht genauso um die kleine Bürohilfe, die das alles mitansieht und trotz des Wissens über die Unrechtmäßigkeit in dumpfer Gewohnheit treu ihre Pflicht erfüllt. Es geht genauso um den Kaufmann, der in soziale Arbeitsfelder eindringt und in Menschen nichts anderes sieht als eine Einkommensquelle.

Die beiden Protagonisten dieser absurden Situation – Henny von Schirach, die unbeirrt ihrem Führer die Treue hält, obwohl sie das Unrecht und Leid erkennt, das er anderen zufügt. Eine unbedarfte Frau, die selbst nach ihrer Verbannung noch um Verständnis für einen Massenmörder wirbt. Und auf der anderen Seite ein kleiner Gefreiter, der sich zum unangefochtenen Alphatier einer Nation hochgearbeitet hat, aber den dennoch eine einzige Kritik so aus dem Konzept bringt, dass er wie ein schmollendes Kind wegläuft. Ein Lehrstück über das, was den autoritären Charakter im Wesentlichen ausmacht – das Stehenbleiben auf einer kindlichen Entwicklungsstufe, in der ein Kind mit allen Mitteln und um jeden Preis trotzig seinen Willen durchsetzen will.



Freitag, 28. Juni 2013
Die eigene Begrenztheit anerkennen - Abschied von Idealen
In dem Buch „Sammle Deine Kraft“ von Henri J. M. Nouwen geht es um das Recollectio-Haus, in dem Menschen, die durch ihre Arbeit im sozialen Bereich irgendwann einmal an den Punkt gekommen sind, an dem die Kraft zum Weitermachen fehlt, lernen möchten, mit ihren Kräften anders umzugehen. Man sollte sich nicht daran stören, dass es sich dabei um eine konfessionelle Einrichtung handelt, denn es geht bei weitem nicht um ein religiöses Thema, sondern um ein Thema, das alle Menschen betrifft, die Gefahr laufen, soviel zu investieren, dass irgendwann gar nichts mehr geht.

In den im Recollectio-Haus angeboten Kursen wird die Möglichkeit angeboten, zu erlernen, wie man sich der Arbeit im sozialen Bereich widmen kann, ohne dabei selbst auszubrennen. Mir ist aus dem Buch der Satz im Gedächtnis hängengeblieben: „Die eigene Begrenztheit anerkennen“. Was ist mit diesem Satz gemeint und an wen richtet er sich? Es geht bei der Anerkennung der eigenen Begrenztheit darum, zu akzeptieren, dass von den vielen Dingen, die man gern ändern möchte, nur ein sehr winziger Teil wirklich geändert werden kann. Wer mit offenen Augen durch das Leben geht, sieht sehr viel Leid und sehr viel Dinge, die dringend einer Änderung bedürfen. Dies ist natürlich nicht nur auf diejenigen begrenzt, die im sozialen Bereich arbeiten, sondern betrifft auch all jene, die unabhängig von ihrer Berufswahl Interesse für das zeigen, was sich im sozialen Leben ereignet. Im sozialen Bereich ist dies jedoch noch komprimierter. Man sieht Familien, in denen Kinder völlig vernachlässigt werden, man sieht Altenheime, in denen alte Menschen vor sich hinvegetieren, man sieht Armut, die eine wirkliche Teilhabe am gesellschaftlichen Leben nahezu unmöglich macht und man sieht Menschen, die so sehr am Leben leidern, dass sie keinen anderen Ausweg mehr sehen, als ihr Leben wegzuschmeißen.

Man sieht allerdings außerdem auch durchaus Möglichkeiten, die die Chance auf zumindest kleine Veränderungen bieten könnten. Und dies macht es vielleicht gerade so schwer, denn man lernt irgendwann, dass diese Möglichkeiten mehr oder weniger ungenutzt bleiben, weil es an Menschen fehlt, die sich dafür einsetzen. Dies alles kann irgendwann dazu führen, zu resignieren und die alltäglichen Belastungen nicht mehr zu bewältigen und daran zu zerbrechen.

„Die eigene Begrenztheit anerkennen“ heißt zu akzeptieren, dass die eigenen Kräfte nicht ausreichen, um jedem die Bitte um Hilfe erfüllen zu können. Man muss lernen, Menschen auch abzuweisen ohne dabei ein schlechtes Gewissen zu bekommen. Und man muss mit dem Begriff Mitleid anders umgehen. Dieser Begriff wird ist ja schon seit längerem umgedeutet in ein Gefühl, welches mit Geringschätzigkeit dem anderen gegenüber verbunden ist. Dies halte ich für eine komplette Fehlinterpretation. Aber Mit-Leid ist dennoch ein zweischneidiges Schwert, denn es hilft niemandem, wenn statt einer Person letztendlich zwei leiden. Ich halte Mitleid für eine sehr wichtige menschliche Eigenschaft. Aber man muss sich davor hüten, dieses Gefühl mit sich herumzutragen. Mitleid muss auf einen Impuls zum Handeln begrenzt bleiben, wenn es nicht selbstzerstörerisch wirken soll.

Ich habe das besagte Buch zu diesem Thema schon vor längerem gelesen. Jetzt kommt es mir wieder in den Sinn, weil ich von einem sehr unerfreulichen familiären Konflikt erfahren habe, der eigentlich nur deswegen so eskalieren konnte, weil dies von professioneller Seite auch unterstützt wurde. Ich würde gern in irgendeiner Form einen Ratschlag geben, aber leider weiß ich in der Angelegenheit auch nicht weiter und dies muss ich eben auch voll und ganz akzeptieren. Was es so schwer macht, ist die Tatsache, dass es sich nicht um etwas Unvermeidbares handelt, sondern um eine Situation, die durchaus hätte vermieden werden können, wenn nur Interesse daran bestanden hätte. Und dies muss ebenso akzeptiert werden wie auch die eigene Begrenztheit – auch die Fähigkeit zu einem mitmenschlichen Umgang ist bei vielen begrenzt.

Es ist schwer, sich von Idealen zu verabschieden. Das gilt für die auf die eigene Person bezogenen Ideale genauso wie für die Ideale, die die Möglichkeiten von Veränderungen betreffen.

Das Ideal des Möglichen zu ersetzen durch die Realität der Begrenztheit – darum geht es wohl. Einfach ist es nicht.



Montag, 15. April 2013
Von der merkwürdigen Asymmetrie der Beziehungen
Menschliche Beziehungen sind schon etwas Merkwürdiges. Manchmal erhält man von Menschen Hilfe oder Rückhalt, für die man noch nie etwas getan hat. Und manchmal glänzen gerade diejenigen durch Nichtreaktion, für die man sich schon oft genug ein Bein ausgerissen hat. Genauso verhält es sich mit der menschlichen Eigenschaft der Dankbarkeit. Es gibt Menschen, die für das, was man für sie getan hat, viel Anerkennung und Dank zeigen. Auf der anderen Seite gibt es Menschen, für die alles selbstverständlich ist. Wenn man jetzt meint, dass dies in Relation zu dem Grad des geleisteten Aufwands steht, dann irrt man. Manche Menschen nehmen schon Kleinigkeiten wahr und halten es für wichtig, ihre Anerkennung auch zum Ausdruck zu bringen. Andere wiederum halten auch den größten für sie geleisteten Einsatz für das Selbstverständlichste der Welt und würden nicht mal im Traum darauf kommen, sich dafür zu bedanken.

Nein, es gibt in menschlichen Beziehungen kein Prinzip der Gegenleistung. Es ist mehr oder weniger wie Lotterie und man kann zwar hoffen, dass man das, was man gibt, auch irgendwann einmal zurückerhält, aber es gibt keinen Rechtsanspruch.

Eigentlich muss man sich nicht beklagen, denn irgendwann kommt ja Unterstützung von jemandem und irgendwann zeigt auch jemand Dank. Aber dennoch kann ich mich des Gefühls eines bitteren Beigeschmacks nicht erwehren. Es wäre einfach schön, wenn es so etwas wie Ausgewogenheit geben würde. Ich mag sie einfach nicht, diese professionellen Nehmer. Aber ich bin auf der anderen Seite auch tief berührt von Menschen, die sich bei mir bedanken, obwohl ich eigentlich gar nichts Großartiges für sie getan habe. Genauso wie es mich berührt, wenn mir jemand, ohne dass ich darum gebeten habe, Hilfe anbietet. Menschen mit Antennen für die Gefühle anderer. Gut, dass es sie gibt.



Samstag, 8. Oktober 2011
Das weiße Band II – Erziehung zum Selbsthass
„Erwachsen sein heißt: Vergessen, wie untröstlich wir als Kinder oft gewesen sind.“
Heinrich Böll

Als ich diesen Ausspruch Heinrich Bölls las, hatte ich sofort die Szenen des kürzlich gesehenen Films „Das weiße Band“ vor Augen, in denen der Pastor seinem ältesten Sohn erklärt, wie schlimm und schädlich Masturbation ist. Eine Szene, die so eindrucksvoll ist, dass es fast schon schmerzt. Mit subtiler Zielstrebigkeit lenkt der Vater das Gespräch auf das Thema Masturbation, indem er von einem Jungen erzählt, der infolge seines Masturbierens erst schwach und krank wurde und dann letztendlich qualvoll starb. Während der Sohn zuerst noch selbstbewusst verneint, in der Geschichte irgendeinen Zusammenhang zu sich selbst zu sehen, gesteht er dann am Ende des Gesprächs schließlich mit tränenerstickter Stimme, dass er weiß, was der Vater damit sagen will. Im Verlauf des Films sieht man dann, wie der Sohn nachts mit gefesselten Händen im Bett liegt.

Man fragt sich, wie so ein Kind mit dieser unendlich großen Last von schlechtem Gewissen und Angst später als Erwachsener überhaupt noch in der Lage sein wird, Sexualität lustvoll zu erleben. Aber eigentlich muss man sich dies gar nicht fragen, denn mit Sicherheit wird es einem so drangsalierten Menschen nicht mehr möglich sein. Was das Tragische an der Sexualerziehung der schwarzen Pädagogik ist, ist die Tatsache, dass die Folgen sich nicht nur auf die Sexualität erstrecken, sondern auf die ganze Person. Wer dazu erzogen wird, seine Sexualität zu hassen, wird dazu erzogen, sich selbst zu hassen. Denn Sexualität ist zu stark, um sich unterdrücken zu lassen, da mag die Erziehung noch so drastisch oder noch so subtil sein. Aber sie lässt sich deformieren. Ein Kind, für das das eigene sexuelle Erleben unweigerlich mit Schuld und Scham verbunden ist, wird auch als Erwachsener dieses Szenarium von Schuld und Scham suchen. Der Weg zur einer freien und sinnlichen Sexualität mag verbaut sein, aber für einen von Schuldgefühlen und Scham geprägten Menschen kann Sexualität immer noch als lustvoll empfunden werden, wenn sie die Elemente der Scham, des Zwangs und der Unterwerfung enthält.

Die Verbindung von Sexualität und Selbsthass ist auch der Grund dafür, warum Gewaltverbrechen so oft mit Sexualität verknüpft sind. Ob es um die Vergewaltigungen in Kriegen geht, ob es um Folterlager wiel Guantanamo oder um die Konzentrationslager des Dritten Reichs geht – immer wieder finden sich in der Gewalt auch sexuelle Elemente.

In meiner beruflichen Laufbahn habe ich auch eine kurze Zeit lang mit drogenabhängigen minderjährigen Prostituierten gearbeitet. Und während ich vor Beginn dieser Arbeit noch dachte, dass die Arbeit als Prostituierte von einer gewissen äußerlichen, den Normen entsprechende Attraktivität, abhängig ist, wurde ich dann eines Besseren belehrt. Viele der Mädchen und jungen Frauen hatten durch die Drogensucht ihre Zähne verloren und waren extrem abgemagert. Der hygienische Zustand war bei einigen katastrophal. Viele hatten vereiterte Wunden, die nicht nur sehr abstoßend aussahen, sondern manchmal auch bestialisch rochen.

Wer jetzt denkt, dass diese Prostituierten nur von Freiern frequentiert wurden, die ausschließlich aufgrund des niedrigen Preises (damals 30,00 DM) zur Drogenprostituierten gehen, der irrt gewaltig. Auf meinen Arbeitsweg sah ich jede Menge Mercedes und BMWs und jede Menge Männer vom Typ Geschäftsmann im Maßanzug, der ohne weiteres auch sogenannte Edelprostituierte bezahlen könnte. Aber diese Männer wollen gar nicht zu gutaussehenden, frisch geduschten und durchgestylten Frauen gehen – die haben sie nämlich zu Hause. Nein, diese Männer fühlen sich durch den Dreck des Drogenstrichs angezogen und wollen suhlen. Ein wichtiger Punkt ist dabei Macht. Eine Drogenprostituierte, die unter dem Druck ihrer Sucht zu jeder Demütigung bereit ist und kaum noch Selbstachtung besitzt, bietet etwas sehr Entscheidendes: Überlegenheitsgefühl.

Auf den ersten Blick wirkt es paradox, dass genau jene Männer, die eine hohe und angesehene gesellschaftliche Rolle innehaben, sich in der Sexualität anscheinend erst dann auf Augenhöhe befinden, wenn die Frau tief unten im Dreck liegt. Setzt man sich mit Prinzipien der schwarzen Pädagogik auseinander, wird wiederum manches verständlich.

Keiner hat die Auswirkungen der Sexualerziehung in der schwarzen Pädagogik so treffend beschrieben wie Alice Miller. Besonders in ihrem Buch „Am Anfang war Erziehung“ widmet sie sich ausgiebig dem Drama der Zerstörung der kindlichen Psyche, die nicht anders auf die zugefügten Traumen reagieren kann, als durch einen Wiederholungszwang, durch den die Gefühle auf das Szenario der Kindheit fixiert bleiben womit der Weg zu einer freien Sexualität versperrt ist.

Vor diesem Hintergrund wird verständlich, warum auch die sogenannte sexuelle Revolution keine Wunder bewirken konnte. Die Befreiung von äußeren Fesseln mag gelingen, aber mit den inneren ist es da schon schwieriger. Sich davon zu befreien gelingt nur nach intensiver Auseinandersetzung mit der eigenen Biographie. Und selbst dann – Therapieerfahrene können dies bestätigen – stößt man immer wieder an Grenzen. Auch wenn so mancher ewig Besserwissende sich darin gefällt, die kritische Auseinandersetzung mit der sexuellen Revolution mit der dumpfen Plattitüde einer beschränkten christlichen Sichtweise zu interpretieren, bleibt es eine Tatsache, dass unsere Gesellschaft nach wie vor nicht frei ist von Vergewaltigung, Missbrauch und sexuellen Übergriffen.

Abschließend möchte ich hiermit nochmals betonen, dass es mir nicht darum geht, ein Urteil über all diejenigen zu fällen, die durch die Folgen der schwarzen Pädagogik geprägt wurden und diese Prägung weitergeben. Es geht mir weder darum, Freier oder Prostituierte anzuprangern noch irgendwelche anderen Formen der Sexualität. Mir geht es um die Auseinandersetzung mit Mechanismen, denen wir alle mehr oder weniger unterworfen waren und sind und die es gilt zu erkennen. Die Thematik ist so komplex, dass man weder ursächlich Schuldige festmachen könnte, noch eine Patentlösung präsentieren kann.

Wenn ich darüber nachdenke, ob es vielleicht doch etwas gibt, was ich moralisch verurteilte, dann ist es eine Haltung, die eine Auseinandersetzung mit dieser Thematik verbietet oder durch platte Deutungen zum Scheitern verurteilt. Vielleicht ist es das, worum es mir geht: die Bekämpfung der Akzeptanz und des Festhaltens von Machtstrukturen, die Menschen schädigen.



Mittwoch, 5. Oktober 2011
Rabenschwarze Pädagogik und was daraus entsteht
Vorgestern habe ich mir den Film „Das weiße Band“ angesehen. Die bedrückende Atmosphäre des Films hallt noch lange nach. Mein Kollege, mit dem ich mich über den Film unterhielt, sagte mir, dass er schlecht geschlafen hatte, weil ihn der Film noch im Traum beschäftigte.

Ein weißes Band, das den Kindern ins Haar oder um den Arm gebunden wird, damit sie durch die weiße Farbe immer an Unschuld und Reinheit erinnert erinnern werden. Und die gerade dadurch ihre Unschuld und Reinheit verlieren. Das Leben als Kampf gegen die überall gewähnte Versuchung, der jede Sekunde widerstanden werden muss. Für Lachen, Spaß und Lebensfreude ist da kein Platz mehr. Nur noch für Angst und Hass.

In dem Film braut sich langsam eine Art Verschwörung zusammen. Die gepeinigten und gedemütigten Kinder schlagen zurück. Einem uralten Prinzip folgend, lauern sie im Hinterhalt und richten ihren Hass vorzugsweise gegen Schwächere. Man kann Schritt für Schritt verfolgen, wie aus Opfern Täter werden. Das Grausame an der schwarzen Pädagogik ist, dass sie sich fortpflanzt. Wer gedemütigt und misshandelt wird, gibt die Demütigung und den Hass weiter.

Vor ein paar Tagen habe ich mit meiner Tante telefoniert, mit der ich mich bisher kaum unterhalten habe, weil sie in Amerika wohnt. Sie erzählte mir, dass meine Oma sie so lange mit einem Bügelbrett geschlagen hatte, bis sie blutete und eine Nachbarin eingriff. Grund war die Tatsache, dass sie zu spät nach Hause kam und meine Oma vermutete, dass meine Tante mit ihrem Freund – ihrem jetzigen Ehemann – Zärtlichkeiten ausgetauscht hatte. Wie viel Selbsthass muss jemand in sich tragen, um ein Kind blutig zu schlagen? Und so zu demütigen, dass das Kind vor Scham in den Boden versinkt?

Da eigentlich Dramatische an der schwarzen Pädagogik ist die Angst, die sie erzeugt. Erst diese Angst macht es möglich, dass Macht missbraucht wird. Menschen, die Angst haben, sind für alles instrumentalisierbar. Sie können wie Marionetten gesteuert werden. Auch wenn aus dem Kind längst ein erwachsener Mensch geworden ist, handelt der Mensch immer noch so, als wäre er noch immer ein Kind, das sich nicht wehren darf oder kann.

Und während ich mir kurz nach dem Film noch sicher war, dass die schwarze Pädagogik in dieser extremen Form endgültig vorüber ist, kam mir nach einiger Zeit Bedenken. Hat die schwarze Pädagogik wirklich keine Spätfolgen mehr und ist mittlerweile in den Folgegenerationen quasi so ausgedünnt, dass nichts mehr weitergegeben wird?

Wenn ich mich so umschaue, dann haben einige Menschen in meinem Umfeld auf erschreckende Art Ähnlichkeit mit den drangsalierten Kindern aus dem Film. Menschen, die trotz ihres Erwachsenseins ängstlich ducken und auch dann nicht widersprechen, wenn es dringend erforderlich wäre. Die Kritik nur hinter vorgehaltener Hand und grundsätzlich niemals direkt äußern. So wie die Kinder in dem Film nie auf die Idee kommen würden, sich gegen ihre Peiniger aufzulehnen, sondern stattdessen alles tun, um den Anschein von Wohlverhalten zu erwecken. In dem gleichen Maß, in dem diese Menschen nett und freundlich gegenüber denjenigen sind, vor denen sie Angst haben, zeigen sie Respektlosigkeit und Abfälligkeit gegenüber all denjenigen, die ihnen gegenüber nicht in einer überlegenen Situation befinden. Ein Verhalten, dass treffend mit dem Ausspruch „nach unten treten – nach oben ducken“ charakterisiert wird.

Ich glaube nicht, dass die schwarze Pädagogik völlig verschwunden ist. Sie bildet noch immer einen Nährboden der Angst, auf dem Menschen heranwachsen, die grinsend mit ansehen, wie anderen Menschen Unrecht getan wird. Die auch ohne Knute ängstlich stramm stehen vor denjenigen, die sich wie Oberfeldwebel aufführen. Die feige schweigen, wenn Menschen um ihr hart verdientes Geld betrogen werden oder wenn Menschen von jemandem – wie im Film von Ulrich Tulkur als Baron treffend dargestellt – nur als Einkommensquelle angesehen werden. Und die gern auf diejenigen, die am Rande der Gesellschaft stehen, verächtlich herabblicken.

Man beginnt mit dem Thema schwarze Pädagogik und landet auf irgendeine Weise immer – bei der Feigheit!



Samstag, 23. April 2011
Das Eva Braun Syndrom ist kein deutsches Phänomen (auch oder gerade in der Light-Version)
Vor kurzem habe ich mir eine Reportage über die Reaktionen zu den Mohammed- Karikaturen angesehen. Ich will hier nicht auf den Wahnwitz eingehen, dass ein paar Zeichnungen bürgerkriegsähnliche Zustände mit etlichen Todesopfern auslösten. Was bei den Bildern der Demonstrationen und Gewaltausbrüchen meine Aufmerksamkeit auf sich zog, waren die im Hintergrund jubelnden und kreischenden Frauen. Jene Frauen, die ihre Männer, Brüder und Söhne beim Stürmen von Gebäuden und beim Brandbombenwerfen hysterisch anfeuerten. Die gleichen Frauen, die vielleicht nur wenige Stunden vorher liebevoll mit ihren Kindern gespielt haben, fürsorglich das Essen für die Familie gekocht haben und die aufmerksam dafür sorgen, dass das Heim gemütlich und behaglich gestaltet ist.

Eben diese fürsorglichen und liebevollen Frauen feuern ihre Männer bei ihren Gewaltausbrüchen an. Frauen, die kein Problem damit haben, dass der eigene Ehemann vielleicht gerade vor ein paar Stunden mit einem Anschlag Menschen (darunter vielleicht auch Kinder) getötet hat.

Die Welt ist voll von solchen Frauen, die die Gewalt ihrer Männer bejubeln. Es ist ein weltweites Phänomen, das seit Urzeiten existiert, und das ich als Eva Braun-Syndrom bezeichne. Dieses Syndrom ist weder auf die arabische Welt noch auf Deutschland beschränkt, sondern es ist ein Phänomen, dass sich durch ausnahmslos alle Kulturen und durch alle Epochen zieht. Eva Brauns Schwestern sind überall und heißen Margot, Aischa, Jian, Elena, Khieu, Evita oder Carmen.

Manche dieser Frauen bleiben ihr Leben lang im Schatten, andere steigen zu eigenem Ruhm auf. Einige beteiligen sich der Politik, anderen reicht der Raum des Privaten völlig aus. Einige gehen voll und ganz in der Rolle der mütterlichen Gefährtin und Gebärerin auf, andere bevorzugen die Rolle der mondänen in Haute Couture gekleideten Schönheit.

Aber alle diese Frauen haben eines gemeinsam – die Sehnsucht nach dem starken Mann, der Schutz und Sicherheit verspricht. Und wenn irgend möglich, nicht irgendeinen Mann, sondern die Nummer eins – das Alphamännchen. Denn was stellt eine bessere Garantie für die sichere Aufzucht des Nachwuchses und ein sorgenfreies Leben dar als ein Alphamännchen? Und so wie es für Eva Braun sogar mitten im Bombenfeuer und drohendem Untergang nichts Wichtigeres gab, als endlich den eigenen Namen loszuwerden und gegen den des Führers einzutauschen, so ist es Evas Schwestern auch heute noch völlig gleichgültig, in was für Monstrositäten ihr Alphamännchen verstrickt sein mag – Hauptsache, sie werden geheiratet.

Dafür wird dann so manches in Kauf genommen, wie z.B. der Umstand, dass Alphamännchen in der Regel mit anderen Dingen beschäftigt sind als mit ihren Gefährtinnen. “Von nichts kommt schließlich nichts” ist dann die knappe Erklärung für die häufige Abwesenheit und den geringen Einsatz im familiären Feld. Aber da Alphamännchen naturgemäß zu den wohlsituierten Vertretern ihres Geschlechts gehören, gibt es ausreichend materiellen Ersatz für persönliche Mankos.

Eva Brauns Schwestern leben überall. Und diese Schwestern verbindet eine ausgeprägte Gleichgültigkeit für alles, was nicht unmittelbar mit der Familie zu tun hat. Und während der Mann Bomben wirft, Todesurteile unterzeichnet oder Menschen wie Sklaven schuften läßt, bereitet Maria liebevoll die Erstkommunion des Sohnes vor, läßt Leyla sich im Hamam verschönern, versorgt Jian fürsorglich die Familienmitglieder mit lukrativen Posten und plant Katharina die erste Modenschau der Tochter.

Jedes Mal, wenn ich etwas über Folter, Krieg, Terrorismus oder Ausbeutung lese, höre oder sehe, kommt mir sofort der Gedanke, dass zu all diesen Monstern auch eine Frau gehört. Jeder Kapo, jeder Henker, jeder Juntaanghörige, jeder Diktator, jedes Mafiamitglied hat eine Frau oder Geliebte an seiner Seite. Und ich muss ehrlich sagen - manchmal ekel ich mich vor meinen Geschlechtsgenossinen. Und mich beschwichtigt dabei weder die Arme-Opfer-Theorie noch irgendwelche psychoanalytischen Erklärungsmodelle.

Und selbst wenn ich mich dieser Thematik nicht mehr widmen würde – es gibt immer noch die alltägliche Realität, der man nicht entfliehen kann. Hier gibt es zwar keine Militärjunta, keine Mafia und keine Folter. Aber es gibt jede Menge Alphamännchen, die ihren Fuß überall hinsetzen und vor denen nichts sicher ist. Männer, die andere auf erbärmliche Art ausnutzen, Männer, die sich an allem und jedem bereichern und die das Auftreten von Obersturmführern haben, das andere in Angst und Schrecken versetzt. Männer, die erbarmunglos jeden Hauch von Kritik niederwalzen und die damit eine Kettenreaktion von Unterwerfung auslösen.

Man könnte diese Exemplare “Diktator-light” nennen. Und auch diese Light-Diktatoren finden bei der Partnerwahl ihre Entsprechung. Denn für jeden "Light-Diktator” findet sich irgendwann auch eine “Eva Braun-light”. Eine kleine unpolitische immer nette Eva. Eine Mutter Theresa, die alles verzeiht und alles versteht. Mit einer Ausnahme – man darf ihr Pendant nicht angreifen. Dann weckt man in ihr die Löwenmutter, die ihr Junges verteidigt. Eva Braun-light ist die passive Variante einer Komplizin. Sie schießt nicht selbst, aber sie guckt milde lächelnd zu, wenn ihr Mann schießt. Sie würde niemanden betrügen, aber keine Macht der Welt würde sie dazu bringen, einzugreifen, wenn ihr Mann betrügt (es sei denn, sie selbst ist die Betrogene…). Eva Braun-light ist der Archetypus der Jasagerin, der immer Angepassten. Der Archetypus der ewig Zuschauenden, die für sich immer die Generalentschuldigung “Ich habe doch gar nichts getan” in Anspruch nimmt – und damit noch nicht einmal Unrecht hat.

Männer legen die Welt in Schutt und Asche. Und ihre Frauen sehen ihnen dabei zu. Manchmal laut jubelnd, manchmal nachsichtig lächelnd. Aber auf jeden Fall die archaische Rolle des ewig Passiven beibehaltend.



Freitag, 25. März 2011
Er war immer gut zu den Kindern – das Eva Braun-Syndrom
Wenn Medien im Zusammenhang mit Gewaltverbrechen auf den familiären Hintergrund der Täter eingehen, kommt es oftmals zu einem sonderbaren Phänomen. Auch bei den scheußlichsten Greueltaten wie Mord, Raub, schwerer Körperverletzung, Misshandlung oder Missbrauch führen die Täter nicht selten ein ganz normales bürgerliches Leben mit Ehefrau und Kindern. Und in den polizeilichen Verhören darauf angesprochen, ob sie denn nie etwas von dem Doppelleben des Ehemannes bemerkt hätten, äußern eben diese Ehefrauen oftmals den denkwürdigen Satz „Er war ein guter Familienvater und er war immer gut zu den Kindern“.

Ist es wirklich möglich, jahrelang Seite an Seite mit einem Monster zu leben, ohne jemals zu bemerken, was sich außerhalb der Familienidylle abspielt? Anscheinend ja. Und das macht nachdenklich. Was sind das für Frauen, die so wenig von ihrem Mann wissen, dass sie später in einer merkwürdigen Mischung aus Hilflosigkeit und Trotz keine andere Erklärung für ihr Nichtwissen abgeben als die des „Er war immer gut zu den Kindern“?

Ich glaube, dass es sich bei diesen Frauen um einen ganz bestimmten Typus handelt. Und das Phänomen, das diesem Typus zugrunde liegt, nenne ich das Eva Braun-Syndrom. Benannt nach einer Frau, die mit einer bemerkenswerten Fähigkeit des Wegschauens ausgestattet war. Eine Frau, für die die Welt außerhalb des Privaten und Persönlichen nicht zu existieren schien. Wäre Eva Braun eine unversöhnliche Judenhasserin oder eine glühende Vaterlandsverteidigerin gewesen, würde die Beziehung zu Hitler noch eine gewisse Logik enthalten haben. Aber dem war nicht so, sondern vielmehr war für sie die große Liebe verbunden mit einem ausgesprochenen Desinteresse für alles, was sich außerhalb der Beziehung abspielte.

Betrachtet man die vielen Fotos und Filme von Eva Braun, dann scheint die damalige Zeit aus fröhlichen Badeausflügen und lustigen Nachmittagen auf der Sonnenterrasse bestanden zu haben. In einer Zeit, in der Angst und Schrecken herrschte, gab es abseits von Konzentrationslagern und Schlachtfeldern eine kleine Oase des Glücks und der Zufriedenheit, in der fröhlich vor der Kamera herumgeflaxt wurde.

Hätte Eva Braun sich nicht umgebracht und wäre den Alliierten lebend in die Hände gefallen, was hätte sie wohl gesagt, wenn man sie gefragt hätte, ob sie von all den Greueltaten nichts gewusst hat? Wahrscheinlich hätte sie sich, ähnlich wie die Frauen von Gewaltverbrechern, auch hilflos und trotzig darauf berufen, dass Hitler sie immer gut und zuvorkommend behandelt hätte.

Was mag in den Köpfen dieser Frauen vorgehen, für die die Liebe zu einem Mann gleichbedeutend ist mit der Erteilung einer rigorosen Absolution jeglichen Handelns? Diese Frauen, die in ihrer kleinen heilen Welt mit ihren Kindern Plätzchen backen und Ostereier bemalen, während die Ehemänner über die Eltern anderer Kinder Leid und Unheil bringen? Frauen, die streng darauf achten, dass die eigenen Kinder regelmäßig zum Klavier- und Sprachunterricht gehen und die gewissenhaft die Schularbeiten und die tägliche Körperpflege kontrollieren. Diese Frauen, deren wichtigstes Ziel es ist, ihren Kindern ein kuscheliges Zuhause zu bieten. Bleibt vor lauter Plätzchenbacken und Vokabelabhören nicht genug Zeit, um zu bemerken, dass der fürsorgliche Ehemann anderen Menschen das Leben zerstört?

Die Problematik des Ausblendens und Wegschauens ist eine universelle, die sich nicht nur auf die großen Verbrechen und Tragödien erstreckt. Auch in der ganz normalen Welt, in der Menschen sich entscheiden, ob sie sich sozial gegenüber ihren Mitmenschen verhalten wollen, oder aber ob sie auf Kosten anderer leben wollen, muss man sich zwischen Wegsehen und Hinsehen entscheiden und damit die Wahl für oder gegen ein soziales Miteinander treffen.

Das Eva Braun-Syndrom kann man interessanterweise sogar bei denjenigen Frauen beobachten, deren Ehemänner weder gute Familienväter noch gute Ehemänner sind. Das klingt paradox – ist es aber nicht. Denn hier werden an den Ehemann noch weniger Anforderungen gestellt. Es wird nicht nur ausgeblendet, was der Ehemann anderen antut, sondern das Ausblenden bezieht sich diesmal auch auf das eigene Ich und die eigenen Kinder. Egal, um was für ein Scheusal es sich handelt – es reicht aus, dass es sich bei diesem Scheusal um den Mann handelt, der der eigene ist. Als Dank für das große Glück, auserwählt worden zu sein, gibt es bedingungslose Loyalität bis zu Schmerzgrenze – und manchmal sogar weit darüber hinaus.

Und anders als Eva Braun kann es sich bei diesen Frauen sogar um Frauen handeln, die ein ausgeprägtes Sozialverhalten haben und die selbst weit davon entfernt sind, andere auszunutzen. Aber geht es um den eigenen Ehemann, dann verlieren alle moralischen und sozialen Normen plötzlich ihre Verbindlichkeit. Wo sich vorher vielleicht nur ein kleiner blinder Fleck im Gesichtsfeld befand, klafft jetzt ein rabenschwarzer Abgrund, in dem der gesunde Menschenverstand gemeinsam mit dem sozialen Gewissen spurlos verschwindet. Und selbst dann, wenn es noch nicht einmal den Hauch von einer guten und fürsorglichen Behandlung gibt, mit der man den Ehemann entschuldigen könnte, wird in vorbildlicher Nibelungentreue jegliche seiner Taten sofort entschuldigt.

Das Eva Braun-Syndrom gehört zu einer Welt, deren Grenze nur bis zur Haustür oder maximal bis zum Gartenzaun reicht. Selbst wenn sich hinter dieser Grenze alles in Schutt und Asche auflöst – Eva Braun und ihre Schwestern knipsen weiter fröhlich Fotos, backen eifrig Plätzchen und stärken ihrem Mann bei all seinem Tun unermüdlich und mit voller Kraft den Rücken.



Montag, 22. November 2010
Die Nestwärme der Masse
Wer Anpassungszwängen taktisch nachgibt, wohl wissend, dass er ihnen mit vertretbarem Risiko widerstehen könnte und auch sollte, wird nach und nach die Unzumutbarkeit von Anpassungsforderungen gar nicht mehr wahrnehmen, d.h., die eigene Gefügigkeit auch nicht mehr als Fluchtreaktion durchschauen. Alles erscheint normal: die Verhältnisse, denen er sich ergibt, und der Verzicht auf Gegenwehr, den er eben gar nicht mehr erlebt.
Horst-Eberhard Richter (*1928)

Selten hat jemand den Mechanismus der Angepasstheit so treffend und zugleich so philosophisch formuliert. Anpassung ist nämlich viel mehr als nur eine Haltung. Anpassung ist eine grundsätzliche und folgenschwere Lebenseinstellung.

So wie eine Droge mit einem Wohlgefühl verbunden ist, so ist dies auch bei der Angepasstheit der Fall. Man wird belohnt durch die Zustimmung der anderen. Durch die Nestwärme, die die Masse gibt. Das Gefühl, für nichts den Kopf hinhalten zu müssen, denn man ist ja im Kollektiv, in dem es keine Einzelverantwortung gibt. Ein wohlig-warmes Gefühl der Nichtverantwortung und des Beschützseins.

Der Angepasste zieht den Käfig der freien Welt vor und irgendwann hält er diesen Käfig für die freie Welt. Er ist auf der Flucht vor Eigenverantwortung, aber er weiß eines Tages nicht mehr, dass er flüchtet, sondern er hält die Flucht für einen netten Spaziergang.

Der Angepasste bestreitet vehement, dass er angepasst ist. Und von seiner Warte aus gesehen, ist dies noch nicht einmal eine Lüge, da er ja, wie Richter treffend formuliert „die eigene Gefügigkeit nicht mehr als Fluchtreaktion durchschaut“.

Der Angepasste kann mit seiner Angepasstheit gut leben. Schwer haben es die anderen. All die, zu deren Lasten seine Angepasstheit geht. All die, die er verrät. Aber es geht dabei gar nicht nur um einzelne. Es geht um einen folgenschweren Mechanismus, der jeden Missstand zulässt und jede Verbesserung verhindert. Der Angepasste ist verantwortlich für Stillstand. Für das Auf-der-Stelle-Treten.

Niemand ist ein so unentbehrlicher und zuverlässiger Helfershelfer wie der Angepasste - wenn es darum geht, Entwicklungen aufzuhalten.



Sonntag, 21. November 2010
Verdrängte Traumen
Es gibt eine kreisförmige Wechselbeziehung zwischen Machen und Erkennen. Wenn man nicht macht was man als notwendig, wenn auch mit persönlichen Unannehmlichkeiten behaftet, erkannt hat, dann kann man irgendwann auch nicht mehr erkennen, was zu machen ist. Wer Anpassungszwängen taktisch nachgibt, wohl wissend, dass er ihnen mit vertretbarem Risiko widerstehen könnte und auch sollte, wird nach und nach die Unzumutbarkeit von Anpassungsforderungen gar nicht mehr wahrnehmen, d.h., die eigene Gefügigkeit auch nicht mehr als Fluchtreaktion durchschauen. Alles erscheint normal: die Verhältnisse, denen er sich ergibt, und der Verzicht auf Gegenwehr, den er eben gar nicht mehr erlebt.
Horst-Eberhard Richter (*1928)

Gerade habe ich mir auf ARTE die Dokumentation „Helden ohne Heimat“ über Kriegsheimkehrer nach 1945 angesehen. Da auch der von mir verehrte Horst Eberhard Richter mitwirkte, habe ich mir nochmals seinen Lebenslauf angeschaut und dabei das obige Zitat gefunden, das mir aus der Seele spricht.

In der Sendung ging es um das Leiden des Krieges, das nicht nur die Opfer traf, sondern auch diejenigen, die auf der Seite der Täter standen. Die unendlich schwierige Situation der Kriegsheimkehrer, die in eine Welt zurückkehrten, die ihnen fremd geworden ist. Und die als Täter kein Anrecht darauf hatten, über ihren Schmerz zu reden. Auch nicht über den Hunger, die Kälte und das Sterben in den Arbeitslagern. Männer, die sich verkauft, verraten und verheizt fühlten. Die aber auf der anderen Seite auch völlig verdrängt hatten, dass sie auch beteiligt waren.

Männer, die bei ihrer Rückkehr ihre Frauen völlig verändert wiederfanden. Selbständig und daran gewöhnt, ihr Leben eigenständig und ohne Hilfe zu regeln. Die manchmal auch nach den langen Jahren des Wartens einen neuen Partner hatten. Aber es gab auch sehr junge Rückkehrer, wie Horst-Eberhard Richter, der nicht verheiratet war und bei der Suche nach seiner Familie erfuhr, dass niemand den Krieg überlebt hatte. Jemand, auf den niemand wartete.

Verdrängen statt verarbeiten. Sich verschließen statt sich zu öffnen. Ein Volk will vergessen und stürzt sich dabei in Wiederaufbaueuphorie. Einer derjenigen, die über ihre Gefangenschaft und ihre Situation als Spätheimkehrer interviewt wurden, antwortet – nach einer langen Gedankenpause – auf die Frage, ob er oft über das Erlittene sprach: „Ich glaube, Sie sind so ziemlich der Erste, der mich danach fragt“. ..

Verdrängen satt verarbeiten. Daraus kann nichts Neues entstehen. Da wird sich nur das Alte wiederholen. Immer und immer wieder.

Das obige Zitat hat nur bedingt mit der Thematik der Kriegsheimkehrer zu tun (oder doch?), aber es drückt so treffend meinen Widerwillen gegen das „Anpassen aus taktischen Gründen“ aus und formuliert fast noch treffender die „Gefügigkeit als Fluchtreaktion“, dass ich es ich es nicht löschen werde. Aber vielleicht werde ich es nochmals aufgreifen und ihm einen eigenen Beitrag widmen.



Samstag, 2. Januar 2010
Die ungleichen Schwestern Angst und Feigheit
Was ist eigentlich der Unterschied zwischen Angst und Feigheit?

Angst ist der große Urkonflikt des Menschen. Der Kampf zwischen Wollen und Moral. Oder zwischen Wollen und Müssen. Ein Archetypus des menschlichen Seins.

Feigheit ist kein Archetypus, sondern Feigheit ist Vermeidung von Angst. Da wo Feigheit ist, kann keine Angst mehr sein. Denn durch Feigheit kann man sich der Angst entledigen. Man ist es los, dieses quälende Gefühl. Und hat es gegen eine Paralyse eingetauscht. Nicht man selbst leidet, sondern die anderen.

Die Feigheit hat den Urkonflikt der Angst bereits überwunden, denn die Feigheit kennt nur das Opportune, nur den eigenen Vorteil. Da wo die Angst noch laut schreit und zittert, flüstert die Feigheit nur noch und hält still. Angst heißt leiden. Feigheit heißt leiden lassen. Die Angst ist Verrat am eigenen Selbst; Feigheit verrät immer nur die anderen.

Feigheit ist eine Degeneration des Menschen, eine Verstümmelung seiner Möglichkeiten. Ein Aufgeben, bevor es überhaupt einen Kampf gab. Eine Negation alles Neuen, alles Besseren. Eine Absage an Wünsche. An die eigenen und die der anderen.

Angst frißt manchmal die Seele auf. Feigheit immer das Rückgrat.

Die Ängstlichen drehen sich im Kreis. Aber sie bewegen sich noch. Und manchmal wurden dabei große Kunstwerke geschaffen. "Der Schrei" von Edvard Munch oder Kafkas „ Prozess“ sind Beispiele dafür. Angst – so quälend sie für das Individuum sein mag – kann auch immer der Anfang für etwas Neues sein. Das ist bei der Feigheit unmöglich. Feigheit setzt einen Punkt, noch bevor überhaupt etwas beginnen kann.

Feigheit ist der vollendete Stillstand. Und schafft aus sich heraus nichts, denn Feigheit genügt sich selbst und will nichts schaffen.

Gegen Angst wurden Therapien geschaffen. Gegen Feigheit können keine Therapien geschaffen werden, da der Leidensdruck fehlt. Ohne Leiden auch kein Wunsch nach Veränderung.

Feigheit ist die Geißel der Menschheit. Eine Krankheit, die Katastrophen heraufbeschwört. Im Kleinen und im Großen. Feigheit ist die Schwester der Gleichgültigkeit und der Trägheit. Ein Triumvirat des ewig Mittelmäßigen. Des ewig Mitlaufenden. Des ewigen Jasagens.