Mittwoch, 3. April 2019
Ein tödlicher Unfall, ein YouTube Video und der Fehler, Kommentare zu schreiben
Ja, ich weiß – es ist ein Fehler, auf einer Plattform wie YouTube Kommentare zu schreiben und ich hätte es besser wissen müssen. Worum geht es ? Um einen „Unfall“, der sich in der vergangenen Woche in Hamburg ereignet hat. Hier auszugsweise der Artikel des Abendblatts vom 26.03.2019:

"Schwerer Unfall auf der Köhlbrandbrücke. Der Tacho blieb bei 135 Kilometern pro Stunde stehen. (...)Auf der Köhlbrandbrücke in Hamburg endete ein mutmaßlich illegales Autorennen mit einem tödlichen Unfall: Bei einem mutmaßlichen Duell zweier Autofahrer hat ein 22-Jähriger am Montagabend seinen Bruder (24) totgefahren. Er starb als Beifahrer, nachdem ein von seinem jüngeren Bruder gesteuerter Audi A7 außer Kontrolle geraten war. Die Polizei stellte später fest, dass der Tacho bei Tempo 135 stehen geblieben war – in dem Moment, als das Fahrzeug mit zwei Lastern und der Betonbegrenzung der Brücke kollidierte. (…) Zeugen berichteten, dass die Fahrer Deja C. (22) und Jason C. (26) immer wieder die Motoren aufheulen ließen. „Beide sind außerdem durch mehrmalige Fahrstreifenwechsel mit überhöhter Geschwindigkeit und lautes Beschleunigen aufgefallen“, so die Polizei. Fünf Minuten später rasten die Wagen die Köhlbrandbrücke hinauf. Da verlor der 22-Jährige die Kontrolle über den Audi, der dann einen Laster touchierte, gegen die Seitenwand der Brücke und schließlich gegen einen zweiten Lastwagen geschleudert wurde. Dabei wurde die Beifahrerseite des Audi zerfetzt, der Bruder des Unfallfahrers in den Trümmern eingeklemmt.

(…) „Trotz intensivster rettungsdienstlicher Versorgung erlag der Patient an der Einsatzstelle seinen schweren Kopfverletzungen.“ Der Bruder des Toten blieb nach seiner Versorgung zunächst an der Unfallstelle. Er hatte einen Schock und leichtere Verletzungen erlitten. Auch den Fahrer des BMW trafen die Beamten am Unfallort an. Beide Männer, so stellte die Polizei fest, standen zum Unfallzeitpunkt weder unter Alkohol- noch Drogeneinfluss. Während Feuerwehrleute damit begannen, den Diesel abzustreuen, der aus dem beschädigten Tank eines der beteiligten Lastwagen lief, tauchten Angehörige auf – ein weiterer Bruder und die Eltern des Unfallopfers. Sie gaben zunächst den beteiligten Lkw-Fahrern die Schuld am Tod ihres Sohnes.

Als die Familie später in ihrer Wohnung (Wilhelmsburg) zurückkehrte, eskalierte die Situation abermals. Ein vierter Bruder verlor völlig die Kontrolle und bedrohte Mitarbeiter des Kriseninterventionsteams, das die Familie betreuen wollte. Folge: Die Polizei rückte an, die Helfer brachen ihren Einsatz ab. "
https://www.abendblatt.de/hamburg/polizeimeldungen/article216749791

Ich: Das war kein tragischer Unfall, sondern ein gewissenloses und rücksichtsloses Autorennen. Also absolut einkalkuliert, dass Menschen getötet werden könnten. Normalerweise sind den Tätern die Opfer und deren Angehörige völlig egal und es wird sich bitter darüber beklagt, wenn es mehr als ein paar Monate Bewährungsstrafe gibt. Hier ist jetzt ausnahmsweise jemand aus der eigenen Sippe zu Tode gekommen und nur deswegen wird um das Opfer getrauert. Das ist nicht nur beschämend, sondern als gesellschaftliche Entwicklung schlichtweg eine Katastrophe. Auf einem anderen Kanal wurde in Bezug auf das tödliche Autorennen berichtet, dass die Familie die Lastwagenfahrer beschimpften. Das rundet dann das Bild vollends ab von einer Mentalität, die grundsätzlich die Anderen verantwortlich macht und der jegliche Eigenverantwortung fehlt. Wenn man hier von Schuld sprechen will, dann kommt man nicht umhin, die Verantwortung bei einer Familie zu sehen, die es offensichtlich versäumt hat, ihren Söhnen Sozialverhalten und Verantwortungsbewusstsein zu vermitteln.
Kommentator: warst du da um das zu sagen
Ich: Nein, aber wenn jemand mit dermaßen überhöhter Geschwindigkeit auf einer öffentlichen Straße fährt (Tachostand und zahlreiche Zeugenaussagen) muss man nicht dabei gewesen sein um sagen zu können, dass es sich bei nicht um einen tragischen Unfall handelt, sondern um ausgesprochene Verantwortungslosigkeit.
Kommentator. trotzdem warst du nicht da.
Ich: Staatsanwalt, Richter und Anwalt waren auch nicht dabei und werden sich trotzdem bei dem stattfindenden Prozess mit dem "Unfall" beschäftigen.
Kommentator: trotzdem warst du nicht da also hör auf zu reden
Ich: In einer Demokratie darf man aber nun mal reden. Wenn man damit ein Problem hat, hat man immer noch die Möglichkeit, sich in eine der vielen Diktaturen zu begeben.
Kommentator: war mein halb bruder also halts maul

Eigentlich muss man nicht mehr viel dazu schreiben, denn der Kommentar spricht für sich und bestätigt haargenau das, was ich zuvor beschrieben habe: eine Mentalität, die jeden Sachverhalt einzig und allein danach beurteilt, ob jemand involviert ist, der dem eigenen Clan angehört. Und da die Clanmitglieder grundsätzlich und ausnahmslos immer unschuldig sind, werden völlig unschuldige und selbst zu Schaden gekommene Beteiligte bepöbelt, werden Hilfe anbietende Kriseninterventionsteams bedroht und jemand, der sich sachlich mit dem Thema auseinandersetzt wird beschimpft. Es macht sprachlos, wie es Menschen fertig bringen, konsequent jegliche Eigenverantwortung abzulehnen und ausnahmslos andere für die eigenen Fehler verantwortlich zu machen.

Ja eigentlich muss man wirklich nicht mehr viel dazu schreiben. Außer, dass ich immer klarer erkenne, welch ungute Entwicklung unsere Gesellschaft nimmt. Schade.



Freitag, 3. Februar 2017
Was vom Feminismus übrig blieb – oder wofür haben wir eigentlich gekämpft?
Es gibt Dinge, die hätte ich als Teenager für völlig unmöglich gehalten. Es geht um Dinge, die hart erkämpft wurden und von deren ewiger Existenzberechtigung ich damals felsenfest überzeugt war, aber die jetzt immer öfter in Frage gestellt werden.

Als ich Kind war, gab es noch den sogenannten Kuppeleiparagraphen, der es unter Strafe stellte, wenn ein unverheiratetes Paar gemeinsam in einer Wohnung nächtigte. Kein Sex ohne Heirat – und falls doch, dann musste zumindest ein Verlobungsring vorhanden sein, was jedoch noch keine Garantie darstellte, sondern vom Wohlwollen des Vermieters oder Hotelbesitzers abhing. Wobei betont sei, dass die gesellschaftliche Beurteilung gegenüber Männern weitaus milder ausfiel als gegenüber Frauen. Das wurde unter anderem deutlich an dem merkwürdigen Gesetz des sogenannten „Kranzgeldes“, bei dem es sich um eine finanzielle Entschädigung handelte, die einer „unbescholtenen“ Verlobten von ihrem Verlobten gezahlt werden musste, falls es doch nicht zur Heirat kam und sie keine Jungfrau mehr war, wodurch sie quasi an „Wert“ eingebüßt hatte. Homosexuellen ging es noch schlechter, denn bis Ende der Sechziger Jahre gab es den Paragraphen 175, der Homosexualität unter Strafe stellte.

Im Schulsystem sah es auch nicht viel besser aus, auf den Haupt- und Realschulen gab es bis Mitte der Siebziger tatsächlich noch die Aufteilung in Koch- und Werkunterricht, der selbstverständlich nicht frei gewählt werden konnte, sondern durch die Geschlechtszugehörigkeit bestimmt wurde. Meine Schwester besuchte noch ein sogenanntes Mädchengymnasium, in dem es keine Jungen gab. Berufsausbildungen waren in vielen Bereichen stark nach Geschlechtern getrennt (was übrigens auch jetzt noch der Fall sein kann). Es gab keine Malerinnen, Tischlerinnen oder Automechanikerinnen und auf der anderen Seite gab es für typisch weibliche Berufe wie Kindergärtnerin oder Arzthelferin noch nicht einmal eine männliche Bezeichnung.

Aber dann ging ein Ruck durch die Bundesrepublik und es wurde heftig und lautstark gekämpft sowohl gegen die starren Geschlechtsrollen als auch gegen die sexuelle Zwangsmoral. Ich selbst war in den Anfängen dieser Zeit noch ein Kind, aber als Teenager habe ich bereits profitiert von dem gewaltigen gesellschaftlichen Umschwung. Vieles fiel dabei nicht in den Schoß und musste hart erkämpft werden. Als Mädchen abends oder sogar nachts allein auszugehen war beispielsweise längst nicht selbstverständlich und war nicht selten mit Hausarrest oder Schlägen verbunden. Dennoch haben sich die meisten Mädchen und junge Frauen davon nicht abschrecken lassen. Denn ist ging um nicht mehr und nicht weniger als um das Recht auf Selbstbestimmung.

Hätte mir damals jemand gesagt, dass die hart erkämpften Rechte jemals wieder in Frage gestellt werden würden, dann hätte ich ihm nie und nimmer geglaubt. Wäre mir damals beispielsweise davon erzählt worden, dass es Jahrzehnte später allen Ernstes wieder Eltern gibt, die ihren Töchtern die Teilnahme an Klassenfahrten oder am Schwimmunterricht verbieten, hätte ich demjenigen einen Vogel gezeigt. Was ich mit absoluter Sicherheit für einen Witz gehalten hätte, wäre der Umstand, dass man sich im Internet künstliche Jungfernhäutchen bestellen kann. Und es hätte in mir entsetzte Ungläubigkeit ausgelöst, dass es Mädchen gibt, die von ihren Brüdern zusammengeschlagen werden, wenn sie selbstbestimmt leben wollen. Den Begriff des „Ehrenmordes“ hätte ich damals überhaupt nicht verstanden (was heute nicht unbedingt anders ist), da ein Mord definitiv nichts mit Ehre zu tun haben kann. Wenn mir jemand gesagt hätte, dass es einmal einen Silvesterabend geben würde, an dem sich Männer zusammenrotten, um Frauen wie Vieh in die Enge zu treiben und sexuell zu missbrauchen, dann hätte ich dies für einen geschmacklosen Scherz gehalten. Als genauso abwegig hätte ich es empfunden, dass es einen Mordaufruf zur Folge haben könnte, wenn ein Schriftsteller in literarischer Freiheit über die homosexuellen Gefühle eines Religionsstifters schreibt.

Ich war wohl sehr naiv in meinem Glauben, dass gesellschaftliche Errungenschaften wie Gleichheit und Selbstbestimmung nicht so einfach in Frage gestellt werden können. Ja, es stimmt – wir haben eine Bundeskanzlerin und sogar eine Verteidigungsministerin und an den Hochschulen studieren in vielen Fachbereichen mittlerweile sogar mehr Frauen als Männer. Aber was ändert dies daran, dass jetzt wieder Geschlechterapartheit gefordert wird und das Recht auf die weibliche Selbstbestimmung in Familie, Ausbildung und Öffentlichkeit mit allen Mitteln verteufelt wird?

Wollen wir wirklich wieder in diese dunklen Zeiten zurück? Bestimmte Menschen scheinen genau dies zu wollen. Vielleicht könnte ich dies noch verstehen, denn wenn man über die eigenen Grenzen hinausschaut, wird offensichtlich, wie viele Menschen diese Wertsysteme vertreten und niemand kann sich anmaßen, zu bestimmten, welche Wertsysteme denn nun die besten sind. Allerdings werde ich nie verstehen, warum jetzt ausgerechnet diejenigen Verständnis für den Rückschritt zu den alten Zeiten einfordern, die bisher vehement freiheitliche Werte verteidigt haben. Dieselben Menschen, die früher vehemt gegen Geschlechterapartheit und sexuelle Zwangsmoral gekämpft haben, verharmlosen diese jetzt im Namen der Toleranz. War das Recht auf sexuelle Selbstbestimmung wirklich nur eine Episode?

Um Frage der Überschrift dieses Beitrags zurückzukommen, was übrig blieb vom Feminismus, so könnte es bald vielleicht nicht viel mehr sein, als eben die Bundeskanzlerin und die Verteidigungsministerin. Wir werden höchstwahrscheinlich nicht so enden, wie in Michel Houellebecqs “Unterwerfung”, aber wir sind aus vielerlei Gründen ähnlich mit ideologischer Blindheit geschlagen, wie es von ihm beschrieben wird.



Sonntag, 20. März 2016
Sogenannte Witze
Man sollte sich keine dämlichen Videos ansehen, aber irgendwie passiert es mir ab und zu doch mal. Bei youtube grassiert ein Video, in dem ein Sohn seinem Vater vor laufender Kamera erzählt, dass er schwul ist und eine Beziehung zu einem Mann hat. Daraufhin bekommt der Vater einen Wutanfall und ohrfeigt seinen Sohn etliche Male. Aber – wie sollte es anders sein – alles stellt sich als lustiger Scherz heraus, denn selbstverständlich ist Sohnemann nicht schwul.

Die Entrüstung über dieses Video führt zu einem zweiten mit dem Titel „Statement zum gay prank“, in welchem besagter Vater betont, dass er natürlich überhaupt nichts gegen Schwule habe – nur eben nicht in der eigenen Familie. Sohnemann versteht die Welt nicht mehr, denn alles ist doch nur eine superwitzige Verarschung, wie kann man denn nur so humorlos sein?

Wäre es auch Humor, wenn ein deutscher Vater seinen Sohn wutentbrannt ohrfeigt, nachdem dieser ihm von seiner Beziehung zu einer Türkin erzählte und dies dann anschließend als ach-so-komische Verarschung geoutet wird?

So mancher rät dazu, derartige Einstellungen einfach zu ignorieren. Angesichts der Dämlichkeit dieser zwei Protagonisten mag dieser Ratschlag angemessen erscheinen. Aber Dämlichkeit kann leicht gefährlich werden. Wir hatten einmal eine Zeit, in der Schwule den sogenannten „Rosa Winkel“ tragen mussten. Ich war sehr glücklich darüber, dass sich an Situation Homosexueller vieles verbessert hat. Dieser Fortschritt – denn es ist ein Fortschritt – trifft bei manchen Bevölkerungsgruppen auf Unverständnis. Mich erschreckt die Ignoranz dieser gefährlichen Entwicklung, die stets damit begründet wird, Homophobie ist durch und durch unabhängig vom kulturellen Hintergrund. Dass dies nicht der Fall ist, kann man leicht recherchieren, indem man nachliest, in welchen Kulturen Homosexualität unter Strafe – manchmal sogar Todesstrafe – gestellt wird. Ja, natürlich ist keine Gesellschaft völlig frei von homophoben Gruppen. Aber dennoch gibt es immense kulturelle Unterschiede, die realen Möglichkeiten betreffend, seine Homosexualität offen und frei zu leben.



Mittwoch, 24. Dezember 2014
Um mehr als tausend Jahre verschätzt – manche Erscheinungen sind zeitlos
Lasst uns nicht wohlduftende Weine hochschätzen, Gaukeleien der Köche und kostbare Salben. Nicht sollen Land und Meer ihren kostbaren Schmutz uns zum Geschenke bringen; denn nur diesen Ehrennamen weiß ich für den Luxus. Geben wir uns nicht Mühe, es einander in Unmäßigkeit zuvorzutun. Unmäßigkeit ist in meinen Augen, was zu viel ist über das Bedürfnis, und das, während andere hungern und darben, die aus demselben Lehm und denselben Elementen gebildet sind.
Gregor von Nazianz

Bei dem Text geht es um Anmerkungen, wie das Weihnachtsfest gefeiert werden sollte. Während ich diese Zeilen las, überlegte ich wie alt der Text wohl sein mochte. Die altertümliche Ausdruckweise ließ mich auf eine Zeit um 1500 schließen. Einen früheren Zeitpunkt konnte ich mir nicht vorstellen, da meines Erachtens Weihnachten erst in späteren Zeiten zu einem Geschenk- und Essfest gewandelt wurde. Aber ich hatte mich schwer geirrt – die Zeilen stammen von Gregor von Nazianz und der lebte von 329-390.

Man sieht also, dass es sich nicht um ein Phänomen unserer jetzigen Zeit handelt, in der das Weihnachtsfest in erster Linie dem Schenken und Essen gewidmet wird,, sondern dass dies eine nahezu zeitlose Erscheinung ist. Hätte ich wirklich nicht gedacht. Ich hatte mich also um mehr als tausend Jahre verschätzt. Fazit: falls einem die bombastische Weihnachtshektik gegen den Strich geht, immer daran denken - früher war es auch nicht anders.



Mittwoch, 3. Dezember 2014
Wissen light – Studenten haben keine Zeit mehr für Bücher
Es gibt Dinge, die nicht voneinander zu trennen sind. So zum Beispiel Studium und Bücher. Jedenfalls war es bisher so. Jetzt scheint dies allerdings nicht mehr selbstverständlich zu sein. In einer Diskussion über den Stand der Wissenschaft und Forschung erzählte ein Professor für Philosophie, dass ihm einige Studenten erklärt hätten, nicht mehr genug Zeit zu haben, um ein Buch vollständig zu Ende zu lesen. Viele hielten es für völlig ausreichend, sich lediglich mit der Sekundärliteratur zu beschäftigen.

Mich wundert bei der Generation Smartphone eigentlich gar nichts mehr. Das Prinzip des unbedingten Vorrangs der allerneuesten Version und des letzten Updates wird in bemerkenswerter Unbedarftheit auf den Bereich des Wissens und die Aneignung des Wissens übertragen. Warum ein Werk von Platon von Anfang bis zum Ende lesen, wenn die Quintessenz auch en bref in irgendwelcher Sekundärliteratur nachzulesen ist? Googeln, Chatten, Simsen, Appsen, Bloggen und Skypen lässt nicht mehr genug Zeit für das antiquierte und viel zu umständliche Lesen.

Mir fällt eine meiner Deutschlehrerinnen ein, die ich vor einigen Jahren anlässlich unseres Klassentreffens anrief. Als ich sie um ihre Email bat, sagte sie mir, dass sie kein Internet hat, weil sie „einfach keine Zeit dafür" hätte. Ich musste schmunzeln, denn sie hatte mir zuvor erzählt, dass sie nach ihrer Berentung wieder angefangen hat, Kunstgeschichte zu studieren. Ich stellte mir dabei vor, wie mit absoluter Sicherheit jeder junge Student aus tiefster Überzeugung verneinen würde, dass ein Studium ohne Internetzugang überhaupt möglich wäre.

Meine alte Deutschlehrerin ist ein Auslaufmodell. Aber ich bin mir absolut sicher, dass sie es locker mit jedem der rund fünfzig Jahre jüngeren Studenten aufnehmen könnte. Denn ist nicht das Gleiche, ob man ein wenig googelt und sich sein Wissen mittels Wikipedia und Hausarbeiten erwirbt, oder ob man sich die Arbeit macht, sich intensiv mit Primärliteratur zu befassen. Der Prozess des langsamen Erarbeitens und des Eindringens in die geistigen Inhalte eines Werks gehört jetzt anscheinend endgültig der Vergangenheit an. Alles ist reduziert auf die Lightversion. Was diesen Umstand noch erschreckender macht, ist die Aussage des besagten Professors, andererseits würde heute so viel wie nie zuvor publiziert werden. Dies wirft die Frage auf, welche Grundlage Publikationen haben, die von Menschen verfasst wurden, die keine Zeit mehr finden, ein Buch vollständig zu Ende zu lesen? Wie immer die Antwort lauten mag – diese Lightversionen man kann sich sicher getrost schenken.

Die Zeit der großen Denker ist – zumindest bis auf weiteres – vorbei. Wobei dies nicht so dramatisch ist, wie es auf den ersten Blick scheint, denn auch wenn die großen Denker alle mausetot sind, so sind deren unsterbliche Werke noch jederzeit zugänglich. Einfach in den nächsten Buchladen oder die Bücherhalle gehen.



Mittwoch, 5. März 2014
Wie man ein gemeinsames Frühstück nicht gestalten sollte oder wie man sich mit Nichtigkeiten das Zusammenleben unnötig erschwert
Am vergangenen Samstag hatte sich meine Nichte mit einer Freundin bei mir zum gemeinsamen Frühstück angemeldet. Bisher hatte ich die Erfahrung gemacht, dass es bei einem gemeinsamen Frühstück locker zugeht und man Spaß miteinander hat. Aber dies muss nicht immer so sein, wie mir an diesem Tag klar wurde.

Ich hatte alles schon vorbereitet, aber da ich als passionierte Teetrinkerin nicht das Händchen zum Kaffeemachen habe, bat ich die beiden, sich um die Zubereitung zu kümmern. Das hätte ich lieber nicht tun sollen, denn genau dies gestaltete sich zu einem unerwarteten Problem, da es nur für den Handaufguss und nicht für die Kaffemaschine passende Filtertüten gab. Man sollte meinen, dass es sich bei dem Umstand einer zu kleinen Filtertüte um kein weltbewegendes Problem handelt (zumal eigentlich aufgrund des Goldfilters gar keine Filtertüte benötigt wird) und die Sache mit einer einmaligen Bemerkung abgetan sei, aber dies war leider nicht der Fall, sondern Uta wiederholte beharrlich etliche Male, wie es denn nur möglich sei, dass man über keine passenden Filtertüten verfügen würde.

Und bei dieser Kritik blieb es nicht, sondern es ging munter mit diversen Beanstandungen weiter, die alle im Grunde auf Nichtigkeiten beruhten. Da war der abgebrochene Stiel des Messlöffels, der angeblich ein Abmessen des Kaffees unmöglich machen würde, da wurde beanstandet, dass ich den Inhalt einer Flasche mit sauer gewordener Milch vor dem Entsorgen leeren wollte, was doch überhaupt nicht notwendig sei, da wurde bemängelt, dass ich die ersatzweise verwendete Frischmilch nicht einfach so auf den Tisch stellte, sondern in ein Milchkännchen abfüllte und ebenso wurde meine Art des Brötchenschneidens kommentiert. Als ich versuchte, das Thema endlich auf etwas anderes zu lenken und meine Nichte auf eine neue in der Berliner East Side Gallery erworbene Tasse hinwies, beanstandete Uta sofort, dass ausgerechnet sie die Tasse erhalten hat, da die doch so häßlich sei.

Um den Eindruck dieses Frühstücktreffs zu vervollstandigen, sei noch erwähnt, dass nicht nur küchentechnische Dinge auf Kritik stießen. Das erste, was beim Betreten meines Wohnzimmers mit Bemerkungen bedacht wurde, war die Tatsache, dass sich meine Personenwaage relativ gut sichtbar im Raum befindet. Eine ungewohnte Reaktion, denn die meisten Menschen, die meine Wohnung zum ersten Mal sehen, sprechen mich auf die Gegenstände an, die ich aus fremden Ländern mitgebracht habe und auf die Bilder und Fotos oder meine kleine Töpfergalerie, so wie ich selbst bei anderen übrigens auch sofort die Dinge ansehe, mit denen die Wohnung dekoriert ist. Aber nun gut, für manche hat dies eben keine Bedeutung und eine Personenwaage wird als ungleich interessanter empfunden.

Es tröstete mich ein wenig, dass anscheinend nicht nur ich in meinem Haushalt alles sträflich falsch mache, denn Uta nörgelte auch über eine Bekannte, die ihrer Meinung nach zu kleine Mülltüten benutzten würde, was Schimmelbildung zur Folge hätte. Ich gab zu Bedenken, dass mittlerweile viele Menschen etwas gegen den beängstigend ansteigenden Plastikverbrauch tun möchten und daher dazu übergehen, die beim Einkauf von Gemüse und Brötchen erhaltenen Plastiktütentüten als Mülltüten weiter zu verwendeten. Es erübrigt sich wahrscheinlich, dass dies für Uta trotzdem völlig indiskutabel war.

Glücklicherweise stellte der anschließende Sonntag einen Gegenpol zu diesem Frühstückstreff dar. Ich traf mich mit Freunden, die ich lange nicht gesehen habe und wir verbrachten gemeinsam einen Tag, an dem wir uns über alles Mögliche unterhielten – nur nicht über Kaffeefilter, Messlöffel, Milchkännchen e.t.c. Als ich diesen Tag Revue passieren ließ, musste ich schmunzeln, denn mir fiel ein, dass meine Freundin für mich einen Tee zubereitet und dabei das Teesieb in der Kanne gelassen hatte. Obwohl dies für Teeliebhaber etwas darstellt, was gegen eine gute Teezubereitung spricht, beließ ich es dabei, dies einfach nur kurz zu registrieren. Und das ist wohl der entscheidende Unterschied zwischen mir und Uta – man sollte anderen Menschen ihre Art lassen, Dinge zu tun oder nicht zu tun. Ansonsten ist das Zusammenleben geprägt von einer nervtötenden Beschäftigung mit Nichtigkeiten, die keine Zeit lässt für wesentliche Dinge. Aber vielleicht macht genau dies die Wesensmerkmale der Menschen aus – die Einstufung dessen, was nichtig ist und was nicht.

Uta erinnert mich ein wenig an meine Mutter, die sich auch über Belanglosigkeiten endlos lange ereifern konnte während ihr wirklich wichtige Dinge oftmals ziemlich egal waren. Auch Uta kennt meine Mutter und um so erstaunter war ich , als meine Nichte mir sagte, dass ausgerechnet Uta der Meinung war, ich würde meiner Mutter im Verhalten ähneln. Wer mag nun Recht haben? Auch mir passiert es manchmal, dass mich Verhaltensweisen anderer stören und mir fiel in dem Zusammenhang ein gemeinsames Essen auf dem Campingplatz meiner Mutter ein, an dem meine Nichte und Uta sowie deren Familie teilnahm. Wir hatten bei einem Imbiss diverse verschiedene Gerichte gekauft, die alle in großen Styroporverpackungen und jeder Menge Aluminiumfolie eingepackt waren, die sich dann auf dem Esstisch stapelte. Abgesehen davon , dass ich mit einem gemütlichen Essen etwas anderes verbinde (was ich jedoch für mich behielt), rutschte mir die Bemerkung heraus, dass dies eine unnötige Verschwendung wäre und ich erinnere Utas sofortige genervte Antwort, dies sei nichts, was wichtig wäre und über das man sich unterhalten sollte. Im Gegensatz zu ihr beließ ich es jedoch bei der einen Bemerkung.

Fassen wir einmal zusammen, wobei es bei all dem geht:
Für manche Menschen stellt eine zu kleine Filtertüte einen unhaltbaren Missstand dar, während das Interesse für Ökologie als etwas völlig Überflüssiges empfunden wird. Andere wiederum haben kein Problem mit zu kleinen Filtertüten, wogegen ökologisches Handeln im Haushalt als etwas Wichtiges empfunden wird. Und während bei manchen Menschen das ästhetische Empfinden durch eine im Raum befindliche Personenwaage verletzt wird, ist dies bei anderen Menschen der Fall, wenn sich Styroporberge auf dem Esstisch befinden.

Schon dies allein kompliziert das Zusammenleben von Menschen. Aber das eigentliche Problem entsteht erst, wenn Menschen ihre eigenen Wertmaßstäbe für allgemeingültig erklären und die Wertmaßstäbe anderer als falsch oder überflüssig abwerten. Getoppt wird dies dann noch durch die Anmaßung, andere belehren zu wollen, während Kritik an der eigenen Person rigoros abgebloggt wird. Was ein Zusammenleben dann letztendlich völlig unerträglich macht ist der Umstand, dass Menschen ihre eigene Intoleranz in andere hineinprojizieren und ihr eigenes Handeln grundsätzlich nicht reflektieren.

Man könnte noch viel zu dem Thema schreiben, da es eben nicht nur um Filtertüten und Personenwaagen geht, sondern um die wichtige Frage der Art des Umgangs mit anderen Menschen und um den Respekt vor anderen Wertvorstellungen. Diejenigen, die schon einmal in einer Wohngemeinschaften gelebt haben können bestätigen, dass das Zusammenleben letztendlich genau daran scheiterte – an dem Unvermögen, unterschiedliche Vorstellungen und Lebensweisen auf Dauer zu vereinen. Obwohl sich fast alle gern an die WG-Zeiten erinnern, war es den meisten dann irgendwann doch zu anstrengend.

Resümee des Wochenendes:
Man kann auf sehr unterschiedliche Art Zeit zusammen verbringen und man kann seine Aufmerksamkeit auf äußerst unterschiedliche Dinge lenken!



Montag, 24. Juni 2013
Eine schlimme Geschichte
Kürzlich habe ich von einem Bekannten aus meinem beruflichen Umfeld eine ziemlich schlimme Geschichte gehört. Es geht um die fünfzehnjährige Tochter einer seiner Bekannten, die sich von ihrem Freund trennen wollte. Das ist in diesem Alter sicherlich nicht allzu ungewöhnlich, da viele Freundschaften im Teenageralter nicht von Dauer sind. Der Freund wollte allerdings die Trennung nicht akzeptieren und setzte das Mädchen unter Druck mit Nacktfotos, die er von ihr besaß. Er drohte, die Fotos ins Internet zu stellen und als das Mädchen sich nicht einschüchtern ließ und bei der Entscheidung zur Trennung blieb, machte er seine Drohung wahr und stellte die Fotos über Facebook ins Netz. Als daraufhin dann auch noch diverse Leute über das Mädchen herzogen, trieb sie das so in die Verzweiflung, dass sie versuchte, sich das Leben zu nehmen.

Mich hat diese Begebenheit sehr schockiert, wobei ich über diese Thematik natürlich auch schon vorher in den Medien gehört hatte, da es ja mittlerweile schon einige durch Internethetze verursachte Teenagerselbstmorde gibt. Vor einiger Zeit gab es den Film „Homevideo“ in dem es um einen Jungen geht, der sich beim Masturbieren filmt und der sich das Leben nimmt, als der Film in falsche Hände gerät und im Netz veröffentlicht wird. Als ich den Film sah, war mein erster Gedanke, dass es ein großes Glück ist, in einer Zeit Jugendliche gewesen zu sein, in der es noch kein Internet, kein Facebook und keine Fotohandys gab. Was privat war, blieb weitgehend auch privat. Sicher, es wurde in einer Trennungssituation schon mal von dem Verlassenen gelästert und dies war auch damals alles andere als angenehm. Aber dieses Geläster ging zwangsläufig nicht über den Bekanntenkreis hinaus. Es gab einfach nicht die Möglichkeit, Geläster und Gehetze zu multiplizieren.

Aber es kommt auch noch etwas anderes hinzu. Und das ist das, was ich hier schon einmal als die Renaissance des Wortes Schlampe beschrieben habe. Es gab mal eine Zeit, in der dafür gekämpft wurde, dass Frauen die gleiche sexuelle Freiheit wie Männer zugestanden wird. Und dieser Kampf zeigte auch Erfolg und nur noch die ewig Gestrigen hielten eisern fest am Ideal der sittsamen und sexuell enthaltsamen Frau. Und diesen ewig Gestrigen wurde heftig Kontra gegeben, wenn sie mit ihren verqueren Ansichten zu laut wurden.

Aber irgend etwas ist passiert in den letzten zwei Jahrzehnten und mittlerweile ist es wieder völlig legitim, Frauen und Mädchen wegen ihrer Sexualität an den Pranger zu stellen. Die Bushidos und Sidos dieser Welt haben großen Zulauf und das Nachplappern ihrer hirnlosen und reaktionären Texte gilt als obercool.

Eigentlich ist Älterwerden nichts besonders Angenehmes und oftmals wünscht man sich wehmütig, wieder jung zu sein. Wenn ich allerdings daran denke, wie schnell Jugendliche heute Gefahr laufen, einer Hexenjagd im Internet ausgesetzt zu sein, dann freue ich mich – und das meine ich völlig ehrlich – dass mir dies nicht mehr passieren kann.

Was bleibt, ist tiefes Mitgefühl mit denjenigen, auf die im Netz Jagd gemacht wird. Mitgefühl mit den Jugendichen, die meist noch zu unsicher und fragil sind, um sich über die Meinung anderer hinwegzusetzen und Mitgefühl mit den Eltern, die dem ganzen Geschehen in der virtuellen Welt meist hilflos und ohnmächtig gegenüber stehen.

Ich bin absolut pessimistisch, was die Möglichkeiten eines Kampfes gegen Internetmobbing angeht. Die virtuelle Welt ist mittlerweile so fest verankert im alltäglichen Leben, dass diese Entwicklung nie mehr umkehrbar sein wird. Und gerade die Jugendlichen, die mit der Kommunikation via Internet aufgewachsen sind, werden nicht mehr in der Lage sein, auf diese zu verzichten. Man könnte noch argumentieren, dass ja nicht alle Jugendlichen im Internet mobben. Aber das ist ein schwacher Trost, denn es gibt keine Garantie dafür, dass sich Jugendliche immer die richtigen Freunde suchen – das war auch schon früher nicht anders. Und es reicht, dass jemand einmal leichtsinnig war und dem Falschen etwas anvertraut oder offenbart. Etwas, das ins Netz gerät und dann unter Umständen von jemandem irgenwo gespeichert wird, hat die Eigenschaft, unsterblich zu sein. Da muss man schon verdammt selbstbewusst sein, um über den Dingen zu stehen.

Komisch, jetzt wo ich über dieses Thema schreibe, fällt mir die Doppeldeutigkeit des Wortes “Netz” auf. Die positive ist, die des Vernetztseins im Sinne von sozialem Kontakt. Die negative Bedeutung ist die des Fang-Netzes – wer einmal drin ist, kommt nicht wieder raus!



Samstag, 20. April 2013
Ein Argument, das ich nicht mehr hören kann
Zum x-ten Mal habe ich vorgestern bei einer Talkshow ein Argument gehört, das mir schon aus den Ohren herauskommt. Es ging um Prostitution. Im Zusammenhang mit diesem Thema wurde wieder einmal darauf hingewiesen, wie wichtig Prostitution doch als Mittel zur Verhinderung von Vergewaltigung sei. Wo leben eigentlich diejenigen, die so einen Unsinn von sich geben? In unserer Gesellschaft boomt Prostitution und trotzdem gehen Vergewaltigungen keinen Deut zurück. Warum auch? Der Mann, dem es gefällt, eine Frau zum Sex zu zwingen, kann dieses Bedürfnis bei einer Prostituierten gar nicht erfüllen, die denn die ist ja absolut allem bereit, was entsprechend bezahlt wird.

Sex gegen Bezahlung und Sex gegen den Willen der Frau sind zwei völlig unterschiedliche Dinge. Fassen wir einmal zusammen:

Es gibt Männer, die zu Prostituierten gehen und trotzdem vergewaltigen.

Es gibt Männer, die vergewaltigen und noch nie zu einer Prostituierten gegangen sind.

Es gibt Männer, die zu Prostituierten gehen und noch nie jemand vergewaltigt haben.

Es gibt Männer, die weder zu Prostituierten gehen, noch vergewaltigen.

Jede Kombination ist möglich und es gibt nicht den allerkleinsten Hinweis darauf, dass Prostitution etwas an der hohen Quote sexueller Gewalt ändert.

Genauso, wie sich der Mythos von der Prostitution als Vergewaltigungs-Prophylaxe hartnäckig hält, so hält sich auch unerschütterlich der Mythos vom armen Vergewaltiger, der grottenhäßlich ist und hinkt und stottert. Viele Vergewaltiger sind durchaus attraktiv und haben kein Problem im Kontakt zu Frauen. Jedenfalls nicht, was die Fähigkeit anbetrifft, Kontakt zu Frauen aufzubauen. In Hinsicht auf die Akzeptanz eines klaren „Nein“ hat diese Spezies allerdings schon handfeste Probleme. Nur die werden eben nicht durch Prostituierte gelöst, denn wie bereits erwähnt, sagen Prostituierte bei entsprechender finanzieller Gegenleistung zu allem Ja.

Man sollte also endlich aufhören, Prostitution als etwas anderes darzustellen, als das, was es letztendlich ist – reiner Business und keine Wohltätigkeitsveranstaltung.



Montag, 26. November 2012
Ernesto Cardenal – von der Allgegenwärtigkeit der Alphamännchen
Habe eben ein bisschen im Internet zu Ernesto Cardenal gegoogelt. Im Studium hatte ich das erste Mal von ihm gehört, als ich ein Referat zum Thema Theologie der Revolution schrieb. Jetzt lese ich zu meiner Bestürzung, dass Ernesto Cardenal im Jahr 2008 nach einer Europatournee nicht wieder in seine Heimat Nicaragua zurückkehren konnte, da ihm dort eine Strafe drohte. Sein schweres Vergehen bestand darin, die Amtsführung und den Lebensstil des Staatspräsidenten Ortega kritisiert zu haben.

Zur Zeit meines Referats genoss die sandinistische Regierung Nicaraguas eine glühende Verehrung. Es gab Leute, die ihre Ferien dazu nutzten, unentgeltlich auf den nicaraguanischen Kaffeeplantagen zu arbeiten, um damit die Aufbauarbeit der sozialistischen Regierung zu unterstützten. In den Bioläden wurden Produkte aus Nicaragua angepriesen, um damit die dortigen Bauern zu fördern.

Ernesto Cardenal war und ist jemand, dessen Herz immer links schlug und in seinem Engagement für die Armen sein Leben aufs Spiel setzte und dabei letztendlich auch seine Suspension als katholischer Priester in Kauf nahm.

Es entbehrt nicht einer gewissen Tragik, dass es anscheinend keine Seite gibt, von der Ernesto Cardenal nicht verfolgt oder sanktioniert wird: Die Diktatoren, der Klerus und jetzt auch noch der einstige Revolutionsführer. Wobei mich die Verfolgung durch die beiden erstgenannten nicht erstaunt und letztendlich nur konsequent ist. Aber es kommt schon ein bisschen bitter hoch, dass es dem einstigen glühenden Kämpfer gegen die Diktatur jetzt so schwer fällt, sich nicht wie ein Diktator zu verhalten.

Es bleibt die traurige Erkenntnis, dass Alphamännchen immer am längeren Hebel sitzen. Sie schaffen sich Positionen, in denen sie über den Kopf anderer hinweg entscheiden können. Positionen, die es ermöglichen, Menschen einfach in den Knast abzuschieben, wie es Putin gerade mit den Frauen von Pussy Riot gemacht hat. Oder eben wie Ortega, der es in bester Diktatorenmanier für sein Recht hält, einen Menschen aus dem eigenen Land zu verbannen. Alphamännchen haben eine naturgegebene tiefste Abneigung dagegen, sich mit Kritik an ihrer Person auseinanderzusetzen. Das stellt für sie eine Art Gotteslästerung dar, die sie – obwohl meist Atheisten – nicht billigen können und wollen.

Alphamännchen sind genauso überflüssig wie ein Blinddarm oder ein Krebsgeschwür. Und genauso krank. Aber sie sind da und man muss mit ihnen leben. Ich habe ja auch so meine Erfahrungen mit Alphamännchen, aber glücklicherweise bei weitem nicht in so gravierendem Ausmaß. Irgendwie beruhigt es mich, dass anscheinend niemand vor diesem Krebsgeschwür gefeit ist. Es kann jeden treffen, der sich das Grundrecht – und es handelt sich zweifellos um ein Grundrecht – nimmt, Kritik frei zu äußern. Ernesto Cardenal hat die Angriffe gegen ihn anscheinend mit Contenance ertragen und lebt mittlerweile wieder in Managua.

Was ich bewundere an Ernesto Cardenal ist sein ungetrübter Optimismus. Nach wie vor glaubt er an das Gute im Menschen und an die Möglichkeit einer gerechteren Welt. Und er tut dies in einer Art, die vielen gläubigen Menschen zu eigen ist – ohne Hass und Verbitterung (bei mir ist das leider nicht so...). Ernesto Cardenal ist nicht nur ein großer Kämpfer für die Gerechtigkeit, sondern auch ein großer Verfasser von Lyrik, die weit über den lateinamerikanischen Raum hinaus Beachtung und Bewunderung findet. Vielleicht ist das das Geheimnis seiner Unerschütterlichkeit – er hat sich niemals darauf beschränkt, die Welt nur aus rationaler Sicht zu erfassen und zu erklären, sondern auch oder gerade aus der Kunst und dem Glauben heraus.

Bevor ich jetzt endlich schlafen gehe, werde ich noch kurz nach einem wundervollen Gedicht Ernesto Cardenals suchen, dass ich mir vor langer Zeit notiert habe.



Freitag, 26. Oktober 2012
Sehnsucht nach Nacht, nach Blut, nach Barbarei
Vor ein paar Tagen habe ich mir endlich einmal die Verfilmung von „Herr der Fliegen“ angesehen. Die Geschichte der auf einer einsamen Insel gestrandeten Gruppe von Jungen, in der es schon nach kurzer Zeit zu tödlicher Rivalität kommt. Die Erzählung William Goldings hat bei ihrem Erscheinen hitzige Diskussionen ausgelöst. Ist der Mensch von Natur aus böse oder nicht? Eine Frage, die ebenso interessant wie auch müßig ist.

Ich kenne aus meinem Studium die Einstellung „Alles liegt am System“ zur Genüge. Eine Einstellung, die ich bis zu einem gewissen Grad auch teile. Dann nämlich, wenn es darum geht, für humanere und gerechtere Bedingungen zu kämpfen. Sich immer wieder von neuem zu fragen, ob es Möglichkeiten gibt, mit denen man Missstände bekämpfen kann. Und sich immer wieder die Mühe machen, nach den Ursachen für die jeweiligen Missstände zu fragen und danach, welche Strukturen man schaffen muss, um Gewalt und Ausbeutung entgegenzuwirken.

Aber dennoch ist es Augenwischerei, davon auszugehen, dass es ein abstraktes System ist, dem man für alles Übel dieser Welt die Schuld geben kann. Das wäre nur dann sinnvoll, wenn es irgendwo auf dieser Welt ein System ohne Gewalt und Ausbeutung geben würde - was jedoch nicht der Fall ist.

Gewalt, Ausbeutung und Unterdrückung zieht sich wie ein roter Faden durch die Menschheitsgeschichte. Zu keiner Zeit und an keinem Ort war die Erde frei davon. Im alten China haben Herrscher beim leisesten Verdacht auf Widerstand die Menschen vierteilen lassen. In England hat man Menschen vor der Hinrichtung die Eingeweide herausgerissen. In den ägyptischen Pyramiden hat man hunderte von Sklaven lebendig als Grabbeilage eines Pharaos eingemauert. Bei den Prärieindianern gab es den Tod der zwei Bäume, bei dem ein Mensch bei lebendigem Leib auseinandergerissen wurde und die Mayas haben Menschen ebenfalls bei lebendigem Leibe das Herz herausgerissen um es den Göttern zu opfern.

Völlig unabhängig von Regime und Religion wurde gemordet, zerstört und unterworfen. Und immer wieder gab es Bewegungen, die dies ändern wollten und daran scheiterten, dass sie letztendlich genau so wurden wie ihre Kontrahenten. Christen haben Nächstenliebe propagiert und gleichzeitig Hexenverbrennungen und blutige Kreuzzüge begangen. Kommunisten haben Gerechtigkeit propagiert und gleichzeitig grausame Massaker angeordnet und hunderttausende von Menschen in Zwangslagern umkommen lassen.

Unsere Menschheitsgeschichte ist die Geschichte von Völkerschlachten, Genoziden und Verknechtung. Das Gute und Humane gab es immer als Idee. Das war’s dann aber auch schon, denn als Realität hatte es kaum je eine wirkliche Chance. Vielleicht ist es das, was Albert Camus mit seinem Mythos von Sisyphos meinte.

Aber nochmals zurück zum Film. Was so beeindruckt, ist nicht die Tatsache, dass aus den vormals zivilisierten Jungen in erstaunlich kurzer Zeit wilde Kämpfer werden. Viel mehr verblüfft es, welch unbändige Freude sie dabei zu empfinden scheinen. Wild und ursprünglich zu sein macht anscheinend viel mehr Spaß, als zivilisiert und wohl temperiert. Sich auszuleben ist erheblich lustvoller, als sich einzuschränken, weil Rücksichtsnahe und Nachdenklichkeit sehr anstrengend und mühevoll sein kann.

Humanismus ist ein hartes Stück Arbeit. Und das liegt mitnichten allein an irgendwelchen Systemen. Sondern es liegt an den Menschen, die diese Systeme entwickeln. Die Wurzel des Übels liegt im Menschen selbst. Und allein dort liegt auch die Chance auf Veränderung. Somit ist diese Ansicht auch nicht ausschließlich pessimistisch, denn die Möglichkeit einer Veränderung wird eingeräumt.

Schönheit der Träume, holde Spielerei,
So hingehaucht, so reinlich abgestimmt,
Tief unter deiner heiteren Fläche glimmt
Sehnsucht nach Nacht, nach Blut, nach Barbarei.

(„Dem wir geopfert Sein und Gegenwart“ von Hermann Hesse, 1877-1962)