Freitag, 4. April 2014
Den eigenen Weg gehen
Den eigenen Weg gehen
Gemeinsam gehen, Lange Zeit.
Sich trennen können, bevor der Haß die Seele zerstört.
Die Entwicklung des anderen achten, ihn nicht zum Sklaven machen.
Dem andern seine Talente glauben.
Ihn nicht zum Ja-Sager erziehen.
Dem andern Lebensraum geben.
Niemanden zum Mitgehen zwingen, Nachgeben können, ohne verbittert zu sein. Großzügig denken.
Glauben können!
Es ist ja genug da von allem und jedem.

Martin Gutl (1942 – 1994)



Dienstag, 3. September 2013
September

Erinnerung an eine Zeit, in der die Jahreszeiten noch als Feste der Natur wahrnehmbar waren.

Es gibt nicht allzu viel Sprachaufnahmen von Hesse, ich habe natürlich eine Sprechplatte von ihm, aber dieses Gedicht ist nicht dabei und so bin ich sehr froh, dieses Juwel gerade entdeckt zu haben.

Es gibt bei Youtube wahre Fundgruben in denen Gedichte nicht nur als Ohrenschmaus präsentiert werden, sondern auch als Augenschmaus unterlegt mit wunderschönen Gemälden.



Mittwoch, 21. August 2013
Lyrik gegen das Vergessen
Endlich wird den Werken von Paul Celan eine Hommage gewidmet. Ben Becker liest Texte von ihm und wird dabei auf der Klarinette von Giora Feidman begleitet. Es erfüllt mich mit Genugtuung, dass es auch Menschen gibt, die die sensiblen Werke dieses Dichters zu würdigen wissen. Die Verhöhnung des Gedichts durch die „Gruppe 47“ in den 50er Jahren mag man damit erklären, dass Celan nun mal nicht jedermanns Sache ist, zumal es in der Kunst auch kein Richtig und Falsch gibt. Ich persönlich sehe darin jedoch die Diskrepanz zwischen Authentizität und verknöchertem ideologischem Intellektualismus, dem der Blick dafür verloren gegangen ist (vielleicht auch nie vorhanden war), wie es sich anfühlt, wenn Kunst authentisch ist.

Das, was authentisch ist, mag man ablehnen, weil es einem nicht gefällt oder weil es mit den eigenen Wertmaßstäben nicht übereinstimmt oder weil man ganz einfach andere Vorstellungen von Kunst hat. Aber ungeachtet dessen verdient Authentizität, ernst genommen zu werden, zumal wenn damit das selbst erlebte Leiden ausgedrückt wird.

Für mich ist Günter Grass das künstlerische Gegenstück zu Paul Celan. Grass hat seinen eigentlichen Konflikt, nämlich die Tatsache, Mitglied in der Waffen-SS gewesen zu sein, nie authentisch aufgearbeitet, sondern stattdessen diesen Konflikt dadurch gelöst, mit dem Finger auf andere zu zeigen, die Mitglied in SS oder NSDAP waren. Und ich glaube, dies ist auch der Grund, warum ich mich im Deutschunterricht mit Grass herumgequält habe – seine Werke hatten für mich schon immer etwas seltsam Lebloses und Unechtes.

Und der Grund dafür, dass mir Paul Celans Todesfuge so unter die Haut geht, liegt in der tiefen Wahrhaftigkeit seiner Worte. Und deswegen bin ich so froh über diese späte Hommage.

Seltsam, dass ich gerade heute in der Zeitung diese Weisheit des Tages las: „Du sollst die Ermordeten nicht, und nicht die Mörder vergessen“ (Alfred Henschke). Dieser Ausspruch trifft sehr gut auf Paul Celan zu, denn seine Lyrik ist ein Mittel gegen das Vergessen. Allerdings nicht auf dem Wege der moralischen Entrüstung, sondern auf dem der Authentizität. Die späte Hommage lässt jetzt dieses Erinnern wieder aufleben und hilft uns gegen das Vergessen.



Donnerstag, 7. Februar 2013
Fundstücke
Wir Lebenden spüren den Boden nicht mehr,
Wir reden, dass uns auf zehn Schritt keiner hört.

Befehle zertrampeln mit Hufeisenschlag:
In den Leib, in die Stirn, in die Augen, – ins Grab.
Wie Himbeeren schmeckt ihm das Töten –
Und breit schwillt die Brust des Osseten.

Ossip Emiljewitsch Mandelstam (1891 – 1938)


"Es müsste bei uns so etwas wie die Nürnberger Prozesse geben."
Ein russischer Künstler aus Wladiwostok über die Zeit der Gulags (aus der Dokumentation "Russische Winterreise" von Thomas Rothe)

Und wie es so ist - wenn man nach einem Film ein wenig neugierig ist, findet man kleine Kostbarkeiten. So wie die Gedichtseite von Ossim Emiljewitsch Mandelstam, den ich vor einer Stunde noch gar nicht kannte. Aber jetzt sicher noch besser kennenlernen werde. Anscheinend geht das Thema russische Geschichte für mich noch weiter...



Sonntag, 30. September 2012
Fremde und Vertraute
Vorhin bin ich so spät zum Joggen gegangen, dass es fast schon dunkel war – was ich eigentlich normalerweise tunlichst vermeide. Aber abgesehen davon, dass mir ein wenig mulmig dabei war, so mutterseelenallein um unseren See zu joggen, war es wunderschön, den Vollmond und den aufsteigenden Abendnebel zu sehen. Und ich genoß die Herbstluft, die diesen unvergleichlichen Geruch hat – nach Erde, Laub und Regen. Ich kam nicht umhin, an die Zeilen von Mathias Claudius zu denken: „Der Wald steht schwarz und schweiget, und aus den Wiesen steiget der weiße Nebel wunderbar.“

Wieder zuhause, habe ich mir eine Arbeit vorgenommen, die ich schon lange vor mich hingeschoben habe – mir mal das Fotoalbum meiner Mutter vorzunehmen und lose Bilder einzuordnen, alles in die richtige Reihenfolge zu bringen und zu beschriften. Jetzt bin ich endlich fertig (ich habe das Gefühl, ich brauch für so etwas länger als andere) und mir ist ganz eigentümlich, denn die meisten der auf den Fotos Abgebildeten sind inzwischen tot. Und die Orte, die mir von meiner Kindheit vertraut sind, gibt es so, wie ich sie kenne schon lange nicht mehr. Immer mehr von dem mir Vertrauten existiert nicht mehr.

Ich glaube, es gibt kein Gedicht, das mein Gefühl so gut in Worte fasst wie „Der Park“ von Reinhold Schneider (1903-1958):

Ich denke hier der Zeit, die, tiefverhaßt,
Mich und mein Leben widerwillig trägt,
Mit der mein Wesen nie zusammenpaßt,

Darin der Puls von anderen Zeiten schlägt,
Ob ich zu früh, ob ich zu spät geboren,
Ich geb mein Spiel mitsamt der Zeit verloren.


„Mit der mein Wesen nie zusammenpasst“ – besser kann man es nicht ausdrücken. Beruhigend, dass es anderen auch so geht. Vielleicht liebe ich Lyrik deswegen so, weil man das Gefühl hat, auf Gleichgesinnte zu treffen. Fast schon wie alte Bekannte.



Freitag, 2. September 2011
Müde und erschöpft und Thema Seelenverwandtschaft
Bin eben erst von der Arbeit zurückgekommen und habe fast 13 Stunden ohne Unterbrechung gearbeitet. Und weil ich zu aufgekratzt zum schlafen bin, habe ich mir die Rilke-Gedichtseite aufgerufen. Die Wirkung von Rilkes Gedichten auf mich ist verlässlich – ich komme wieder zu mir. Etty Hillesum, die ebenfalls ein sehr großer Rilke-Fan ist, hat mal geschrieben „Rilke ist für mich realer als ein Umzug“. Das klingt zwar ein wenig holperig, aber letztendlich ist es dass, was ich auch empfinde.

Es gibt so etwas wie eine Seelenverwandtschaft, das Gefühl, den gleichen Ursprung zu haben. Gleiche Wertigkeiten. Gewissermaßen eine Bestätigung, dass man nicht allein ist mit seinen Abneigungen und Vorlieben. Die Abneigung gegen Städte zum Beispiel verbindet mich mit Rilke (mit Hesse übrigens auch). Ob das eine Alterserscheinung ist? Als Jugendliche liebt man den Rummel und die vielen Menschen. Jugendliche wünschen sich, dass etwas passiert. Am besten laut und bunt. Ich genieße immer mehr die Stille. Obwohl – es gibt auch Ausnahmen. Wenn ich an Prag oder an Vientiane denke, kommt doch wieder ein Gefühl dafür auf, wie anziehend Städte sein können. Ein guter Kompromiss sind kleine kuschelige Städte. Calw (Hesses Geburtsstadt) zum Beispiel oder Husum.

Wie dem auch sei. Ich werde – Dank Rilkes Gedichten – endlich ruhiger und kann hoffentlich gleich schlafen. Bin mir gar nicht sicher, ob man so einfach Gedichte (Rilke ist noch keine Hundert Jahre tot) hier zitieren darf. Ich tue es in der Annahme, dass dies erlaubt ist.

Die großen Städte sind nicht wahr; sie täuschen
den Tag, die Nacht, die Tiere und das Kind;
ihr Schweigen lügt, sie lügen mit Geräuschen
und mit den Dingen, welche willig sind.

Nichts von dem weiten wirklichen Geschehen,
das sich um dich, du Werdender, bewegt,
geschieht in ihnen. Deiner Winde Wehen
fällt in die Gassen, die es anders drehen,
ihr Rauschen wird im Hin- und Wiedergehen
verwirrt, gereizt und aufgeregt.

Sie kommen auch zu Beeten und Alleen.



Sonntag, 26. Juni 2011
Heimat
Und tatsächlich gibt es ein Gedicht über die Gegend, die ich meine Heimat nenne. Viele Gegenden und Landstriche sind schöner und spektakulärer. Aber Heimat entzieht sich den objektiven Kriterien. Und es ist berührend, wie jemand liebevoll und zugleich auch mit einem Anflug von Bitterkeit über die Heimat schreibt:

Von Karin Kiwus (geb. 1942):

Lange bin ich nicht mehr
wie früher im Dezember
im Alten Land
die Feldwege entlanggekommen an Backsteingehöften
hinter braunen Kanälen hinter niedrigen
splitternden Zäunen und runden Rhododendronbüschen

Die ziehende Wärme aus den Fenstern
nach außen geöffnete Flügel verhakt
im Wind die milchigen Gardinen
weich gerafft über dem Efeu im Topf
den Alpenveilchen und den Begonien

Die gelben Äpfel an unbelaubten Bäumen
die Wäscheleinen in den Gärten
das Brombeergestrüpp und der zertretene Kohl
das graue Gerümpel vor dem Schuppen
und scharrende Tiere am Verschlag

Die nackte Luft zwischen den Deichen
der blanke Ausblick über die Ebenen
scharf wie eine Kaltnadelradierung
weitwinklig bis zum Meer
die flache Sönne klirrend unter den Fußsohlen
und die Hände fühllos fremd wie Prothesen

Die Nachmittage waren voll
selbstverständlicher Versprechen
der Himmel schneehell
wie eine Märzbecherwiese
und die Zukunft dahinter
ein sicherer Schimmer über dem Tau
so leicht und groß und griffbereit



Dienstag, 16. November 2010
Kopflos
Den Kopf hinhalten für jemanden.
Das habe ich oft gemacht.
Weil ich es wollte und weil es wichtig ist.
Weil man kein Tier ist,
das nur für’s Fressen lebt.
Aber jetzt werde ich müde,
für andere den Kopf hinzuhalten.
Denn das ist etwas, das auf
Gegenseitigkeit beruhen sollte.
Und ist es nur einseitig,
muss man es irgendwann lassen.
Alles andere wäre Masochismus.
Eine traurige Erkenntnis bleibt:

Es hat sich nicht bewährt.



Samstag, 13. November 2010
Potemkinsche Dörfer
Nein, ich mag sie nicht – die potemkinschen Dörfer.
Diese Dörfer, in denen niemand wohnen kann.

Die nur dem Blick aus der Ferne standhalten
Und beim näheren Hinsehen als Lüge entpuppen.

Wer nur vorbeifährt, findet sie schön.
Wer anhält, ist entsetzt.

Aber manche halten gar nicht an.
Weil ihnen der Blick aus der Ferne reicht.

Nicht weil man nicht drin wohnen kann.
sind diese Dörfer so gefährlich.

Das große Unglück besteht darin,
dass keine wirklichen Dörfer mehr gebaut werden.

Potemkinsche Dörfer nutzen niemandem.
Nur ihrem Erbauer.

Reißt sie endlich ab, die potemkinschen Dörfer.
Damit die Menschen Obdach finden.

Nein, ich mag sie nicht – die potemkinschen Dörfer.
Und ihren Erbauer noch viel weniger.



Donnerstag, 15. April 2010
Hass als Testament
Vermächtnis

Nun mein Leben geht zu End,
Mach ich auch mein Testament;
Christlich will ich drin bedenken
Meine Freunde mit Geschenken.

Diese würd’gen, tugendfesten
Widersacher sollen erben
All mein Siechtum und Verderben,
Meine sämtlichen Gebresten.

Ich vermach euch die Koliken,
Die den Buch wie Zangen zwicken,
Harnbeschwerden, die perfiden
Preußischen Hämorrhoiden.

Meine Krämpfe sollt ihr haben,
Speichelfluß und Gliederzucken,
Knochendarre in dem Rucken,
Lauter schöne Gottesgaben.

Kodizill zu dem Vermächtnis:
In Vergessenheit versenken
Soll der Herr eur Angedenken,
Er vertilge eur Gedächtnis.


Heinrich Heine (1797-1856)

Ich atme erleichtert auf, wenn ich sehe, dass es außer mir auch noch andere gibt, die aus tiefer Seele hassen. Ich befinde mich nicht in schlechter Gesellschaft, wenn selbst ein großer Dichter wie Heine seinem Hass nicht nur ein ganzes Gedicht widmet, sondern dabei die Vorstellung der Rache genussvoll im Detail auskostet.

Hass ist ein unehrenhaftes Gefühl, das ist wahr. Aber der Anlass, der zu diesem Hass führt, steht dem in nichts nach. Ich hätte nichts dagegen, lammfromm zu sein – wenn ich nur von lammfrommen Menschen umgeben wäre. Und ohne die näheren Zusammenhänge zu kennen, bin ich mir sicher, dass Heines Verwünschungen nicht die Falschen getroffen haben...