Mittwoch, 26. April 2017
Wenn Gewalttäter weinerlich werden und wie man aus ihnen nachträglich Helden macht
B. aus Hamburg ist ein richtiger Mann, einer der kämpfen will. Damit fängt er schon mal in Deutschland an, vorzugsweise aus dem Hinterhalt, wo man gute Chancen hat, nicht erwischt zu werden. Dort wo die Gegner nicht in der Mehrzahl, sondern in der Minderheit sind. „Das sind nur vier Leute, die krallen wir und nach der Schule, Digga“ schreibt B. in einem Chat an seine Kumpel. Handelt es sich bei den vier besagten Leuten vielleicht um vier gemeingefährliche Killer, die grundlos Wehrlose zusammenschlagen und tyrannisieren? Irrtum – es geht lediglich um vier Schüler, die sich keines anderen Vergehens schuldig gemacht haben, als die in Deutschland geltenden Meinungsfreiheit genau dafür genutzt zu haben, wofür sie da ist – nämlich ihre Meinung frei zu äußern. Aber wie gesagt – B. ist ein richtiger Mann und als solcher kann er sich das natürlich nicht so einfach bieten lassen und plant das, was seiner Meinung nach die einzig geeignete Reaktion auf eine freie Meinung ist – einen Anschlag.

Irgendwann reicht es B. nicht mehr, nur Mollis zu werfen, er möchte dahin, wo richtig geballert wird und wo seine großen Vorbilder echte Bomben werfen. Aber womit B. dabei nicht gerechnet hat, ist die Tatsache, dass jetzt nicht mehr aus dem sicheren Hinterhalt angegriffen wird, sondern frontal. Anderen Schmerzen anzutun oder sie zu töten, stellt für B. kein Problem dar, aber jetzt dreht sich der Spieß um und es kann nicht mehr ausgeschlossen werden, dass ihm selbst wehgetan oder er gar getötet wird. Und da bricht dann das Bild vom mutigen echten Kerl zusammen und B. wird weinerlich und klagt bitter über die Ungerechtigkeit, die eigene Haut riskieren zu müssen. „Die schicken die Brüder einfach in den Tod!“ beschwert er sich per Video.

Beschwert sich B. darüber, dass unschuldige Menschen massakriert werden? Oder dass unschuldigen Menschen ihr Zuhause weggebombt wird und Frauen und Mädchen wie Sklavinnen gehalten werden? Fehlanzeige, er beklagt lediglich, dass die „Brüder“ in den Tod geschickt werden.

Das Ganze ist schon ekelhaft genug, aber was es unerträglich macht, ist die Umdeutung von Weinerlichkeit in Reue und Einsicht. „Trauer um den Islamisten, der mit dem IS abrechnete“ lautet der Kommentar zu der Videobotschaft von B. Eine Botschaft, in der man vergeblich nach einem Wort des Bedauerns oder eines Schuldbekenntnisses sucht, sondern B. sich lediglich wie ein kleiner trotziger Junge darüber beklagt, dass beim Kriegsspielen eben nicht nur die anderen getötet werden, sondern dies auch einem selbst passieren kann.

Ist Weinerlichkeit tatsächlich schon gleichbedeutend mit Reue? Hat man diese völlige Verdrehung von Tatsachen nicht schon zur Genüge im Dritten Reich betrieben? Als nach dem Krieg plötzlich aus jedem begeisterten Anhänger ein unschuldiges Opfer gemacht wurde, das nur durch die Schuld der anderen beim Massenmord mitgemacht hat. Muss diese unerträgliche Schönfärberei wirklich wiederholt werden?



Mittwoch, 26. Oktober 2016
Sieht so Integrationsarbeit aus? Wie passen diese beiden Aussagen zusammen?
Die NSU Massentötungen dieser Menschen zeigt, wie tief der Rassismus in Deutschland, in die Institutionen, in die staatlichen Behörden nach wie vor Bestand hat. Entnazifizierung hat in Deutschland nie stattgefunden. Die Feindseligkeit gegen Türken und Islam ist so tief in dieser Gesellschaft verankert, NSU zeigt, ganz offen die staatliche Haltung, der diesen Hass maßgeblich schürt. Ausreden über Ausreden, die Ausreden sind viel schlimmer, als die Taten selbst, obwohl diese Morde für sich selbst ein SKANDAL ist.

"Diese Schlampe mit dem Namen Deutschland hat uns den Krieg erklärt – und wir schweigen immer noch…Erhofft sich die Türkei etwas von dieser Köterrasse?...Ihr nennt uns Verbrecher und wir sollen dazu schweigen. Ab jetzt könnt Ihr was erleben, Ihr Köterrasse.

Woher stammen diese beiden Aussagen? Die erste Aussage stammt aus einem Gästebucheintrag zur Sendung über rechte Gewalt in „hart aber fair“ vom 04.04.16 und die zweite Aussage stammt aus einem kürzlich geposteten Facebook Eintrag und bezieht sich auf die Resolution des Deutschen Bundestages zum Völkermord an den Armeniern 1915/1916. Die zweite Aussage wird dabei noch ergänzt mit einer Äußerung über die Integrationsbeauftragte Aydan Özoguz: „Eine Lügnerin ohne Scham, die bereit ist, alles, aber auch alles für Armenien zu geben. Wir wollen diese Verräter nicht, wir hassen sie. Das Vaterland ist uns heilig, diese Verräter gehören nicht zu uns.“

Das eigentliche Erschreckende an den beiden Aussagen ist der Umstand, dass sie von ein und demselben Autor stammen, bei dem es sich um Malik Karabulut handelt. Mir wäre es die Zeit nicht wert, hierüber hier zu schreiben, wenn Karabulut irgendeine Privatperson wäre, die im Internet hetzt, denn derer gibt es viele. Aber bei Malik Karabulut handelt es sich um einen Funktionär des Türkischen Elternbundes in Hamburg, der außerdem auch Integrationspartner der Stadt ist und in dieser Funktion die Aufgabe hat, Gespräche über die Integration türkischer Kinder zu führen.

Ich teile die von ihm vertretene Entrüstung über die feigen Morde der NSU und sehe die Entnazifizierung nach dem Krieg auch sehr kritisch. Ich bin auch der Meinung, dass die vielen Fehler bei den Ermittlungen gegen die NSU nicht zu rechtfertigen sind.

Was mich jedoch zutiefst schockiert, ist die Tatsache, dass derselbe Mann, der von einer „den Hass schürenden Haltung von Seiten des Staates gegenüber Türken und Islam“ schreibt, es als eine Kriegserklärung Deutschlands einstuft, dass der Völkermord an den Armeniern auch als solcher benannt wird. Und derselbe Mann entblödet sich nicht, eine Integrationsbeauftragte als Lügnerin und Verräterin zu beleidigen, nur weil sie nicht bereit ist, den nachweisbaren Genozid an den Armeniern als Verschwörungstheorie abzutun.

Es gibt auch heute noch Menschen in Deutschland und anderswo, die den Holocaust als Lüge darstellen, welche nur dem Zweck der Verleumdung der Deutschen dienen würde. Glücklicherweise gibt es aber genug Menschen, die hierauf sofort reagieren und diese Darstellung als das bekämpfen, was sie ist: eine Diffamierung der Opfer. Die Aussagen, die den Völkermord an den Armeniern als Lüge bezeichnen, fallen in die gleiche menschenverachtende Kategorie wie die Holocaustleugnung – allerdings mit dem Unterschied, dass der Protest gegen die Abstreitung des Völkermordes an den Armeniern wesentlich leiser ausfällt und im Übrigen diese Ansicht sogar von höchster Stelle des türkischen Staates vertreten wird und nicht nur von einigen Wenigen.

Es erfüllt mich mit tiefem Entsetzen, dass jemand, der in einer so verächtlichen und primitiven Weise über geschichtliche Fakten redet, allen Ernstes als „Integrationspartner“ fungiert. Aber weitaus mehr bestürzt mich, welche tiefsitzende Menschenverachtung hinter den von Karabulut vertretenen Ansichten steckt, denn ganz offensichtlich schert es ihn einen feuchten Dreck, ob Menschen ermordet werden, solange es sich dabei um Menschen handelt, die nicht seiner Nationalität oder Religion angehören. Da wird dann plötzlich nicht von Rassismus gesprochen, sondern von Lügen und Verrat. Und es ist diese Einteilung in schützenwertes und in unwertes Leben, die man nur mit allergrößter Sorge betrachten kann. Nimmt man dann noch den unseligen Hass auf Meinungsfreiheit, die Bedrohung Andersdenkender, sowie den hartnäckigen Versuch, ausnahmslos jede kritische Betrachtung in die Nähe von Pegida und AFN zu rücken hinzu, dann kann einem angst und bange werden.

Ich möchte abschließend noch erwähnen, dass es sich bei Malik Karabulut nicht um einen Menschen ohne Bildung und ohne Qualifikation handelt – Karabulut ist Diplom-Betriebswirt.



Mittwoch, 5. Oktober 2016
Irgendetwas läuft gewaltig schief in Deutschland
Eben lief eine Diskussion im Fernsehen, in der die Islamexpertin Lamya Kaddor sich zum Thema mangelnde Integration äußerte und dabei wiederholt darauf hinwies, dass man sich bei denjenigen, die sich für einen Weg in die Gewalt entscheiden und sich von der IS anwerben lassen, immer wieder fragen muss, warum es dazu kam und was an der Integration falschgelaufen ist. Deutschland hätte dabei eine „Bringschuld“, was immer Kaddor damit meinte.

Vor einigen Tagen äußerte sich SPD-Mitglied Wolfgang Thierse zu den Dresdner Anschlägen gegen eine Moschee und ein internationales Kongresszentrum. Er betonte dabei, dass man so etwas nicht mit Perspektivlosigkeit und sozialen Problemen entschuldigen dürfe.

Zwei Standpunkte, die sich offensichtlich diametral entgegenstehen. Oder vielleicht doch nicht? Bei der Thematik der Gewaltbereitschaft unter Muslimen wird auf das Gebot der Ursachenforschung und das Gebot der Suche nach der Verantwortung der Gesellschaft verwiesen und hierbei fallen immer wieder die Argumente der Perspektivlosigkeit und der mangelnden Bildung. Bei den gewaltbereiten Pegida-Anhängern hingegen wird genau dies als falsch angesehen und Ursachen und Mitverantwortung der Gesellschaft sind gefälligst außer Acht zu lassen.

Ich komme immer mehr zu der Erkenntnis, dass Menschen ohne Feindbilder nicht leben können. Der fundamentalistische Islam braucht das Feindbild der Ungläubigen, die es überall und jederzeit zu bekämpfen gilt. Pegida und andere rechtsgerichtete Bewegungen brauchen das Feindbild der fremden und bedrohlichen Kultur, gegen die man sich mit aller Kraft wehren muss.

Das Interessante daran ist jedoch, dass damit der Feindbildkreislauf noch nicht vollständig ist. Denn auch Menschen wie Lamya Kaddor brauchen das Feindbild Pegida, weil es belegt, dass man selbst lediglich Opfer ist und völlig grundlos angefeindet wird. Und auch Menschen wie Wolfgang Thierse brauchen das Feindbild Pegida, weil man dadurch ein gesellschaftliches und somit komplexes Problem bequem auf ein einziges reduzieren kann. Darüber hinaus erfüllt die öffentliche Verurteilung von Pegida nebenbei auch die wichtige Funktion, deutlich zu machen, dass man selbstverständlich auf der „richtigen“ Seite steht. Gerade dieser Punkt ist nicht zu unterschätzen. Menschen, die in ihrem Alltag eigentlich kaum mit dem Thema Migration zu tun haben, weil sie weder an Orten mit vielen Migranten wohnen, noch an Arbeitsplätzen mit vielen Migranten arbeiten und zu deren Bekannten- und Freundeskreis oftmals auch erstaunlich wenig Migranten gehören – gerade diejenige Menschen nutzen gern die Möglichkeit, sich öffentlich vehement gegen Pegida zu positionieren.

In der schriftlichen Diplomprüfung meines sozialwissenschaftlichen Studiums ging es beim dem Thema sozialtherapeutischer Handlungsansätze unter anderem um die „Gegenüberstellung und Vergleich des monokausalen und des systemischen Standpunktes“. Ich hasse solche hochtrabenden Formulierungen, die keine andere Funktion haben, als etwas Einfaches zu etwas Komplizierten aufzubauschen. Denn man kann dies natürlich auch verständlicher formulieren, wie zum Beispiel: Gegenüberstellung und Vergleich des Ansatzes der Nichtberücksichtigung mit dem Ansatz der Miteinbeziehung familiärer und gesellschaftlicher Hintergründe. Letzterer Ansatz steht momentan anscheinend nicht mehr hoch im Kurs: sich die Mühe machen, einen Blick auf Zusammenhänge zu werfen und das Zusammenspiel von familiären und sozialen Faktoren zu berücksichtigen. Wir sind wieder in der Zeit der einfachen Erklärungen gelandet. Das erspart nicht nur das Nachdenken, sondern vor entbindet uns auch von der Mitverantwortung.

Ich glaube nicht, dass das, was sich gerade in Deutschland abspielt, schon als Bürgerkrieg bezeichnet werden kann. Aber ich würde nicht mehr ausschließen, dass es eine dahingehende Entwicklung gibt. Und diese Entwicklung wird ganz bestimmt nicht durch Standpunkte verhindert, wie sie Lamya Kaddor oder Wolfgang Thierse vertreten. Auf der einen Seite die Ansicht, Menschen nur als Opfer der Gesellschaft zu sehen, ohne dabei im Geringsten zu hinterfragen, ob deren Gewaltbereitschaft vielleicht doch auch etwas mit den familiären und kulturellen Wertvorstellungen zu tun haben könnte. Auf der anderen Seite der Standpunkt, dass Menschen anscheinend völlig grundlos, quasi aus tiefster Böswilligkeit Hass und Feindschaft gegen andere entwickeln.

Wir sind mehr denn je davon entfernt, uns die Mühe des genauen Hinsehens zu machen. Denn dann würden wir so manches sehen, was unbequem und anstrengend ist und die Bequemlichkeit der Einteilung in Opfer und Täter erschwert. Und dann müssten wir vielleicht sogar irgendwann auf unsere liebgewonnenen Feindbilder verzichten.



Donnerstag, 4. August 2016
Ich hatte gehofft, dies läge hinter uns – eine Demo für die Diktatur
Am vergangenen Wochenende sind rund 40.000 Menschen auf die Straße gegangen um ihre Sympathie für einen Diktator zu bekunden. Und ich frage mich, ob nur ich allein Angst vor der Gefahr habe, die sich durch diese antidemokratische Bewegung abzeichnet. Ich halte es nicht für ausgeschlossen, dass diese Bewegung früher oder später in der Gründung einer entsprechenden Partei münden wird. Auf Bundesebene mag dann die Fünf Prozent Hürde noch eine Schwierigkeit darstellen, auf Kommunalebene kann dies aber vereinzelt durchaus Erfolg haben. Aber auch abgesehen davon muss man sich fragen, was es eigentlich für eine Gesellschaft bedeutet, wenn eine Bevölkerungsgruppe offen für ein streng hierarchisches System eintritt, das erbarmungslos gegen jeden vorgeht, der sich nicht völlig systemkonform verhält. Ein System in der die Äußerung von Kritik grundsätzlich als zu ahnende Beleidigung gewertet wird.

Und mir fällt ein, was mir ein Bekannter über seine Erfahrungen während einer in den 70er Jahren gemachten Türkeireise erzählte. Es passierte ihm nämlich mehrmals, als er die Frage nach seiner Nationalität mit „deutsch“ beantwortete, dass er die Reaktion erhielt: „Hitler guter Mann!“ Und auch in der Gegenwart bin ich schon oft mit offener Sympathie für die deutsche antisemitische Vergangenheit konfrontiert worden.

Man mag jetzt wieder das ständig angeführte Argument vorbringen, es würde sich doch nur um eine kleine Minderheit handeln. Unglücklicherweise habe ich jedoch sehr oft gerade mit dieser kleinen Minderheit zu tun. Und die Geschichte lehrt, dass aus kleinen Minderheiten unter Umständen sehr schnell große entwickeln können. Manchmal frage ich mich, ob dies wirklich das Land ist, in dem ich meinen Lebensabend verbringen möchte.



Sonntag, 15. November 2015
Je suis Paris

Meine Voraussicht hat sich leider auf schmerzliche Weise bestätigt. Und genauso schmerzlich ist es, zu wissen, dass noch viele andere Orte folgen werden...

Auch am dritten Tag nach dem Massaker herrscht bei uns Entsetzen und Trauer und ich hoffe, dass ich möglichst lange von der Konfrontation mit Begriffen wie "Vorratsdatenspeicherung" und "Generalverdacht" verschont bleibe.

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Montag, 16. Februar 2015
Das hatten wir schon mal
Als jemand, der aus dem Norden stammt, hielt sich mein Interesse für Karnevalsumzüge immer in Grenzen. Zwar hatte ich als Kind und als Jugendliche großen Spaß an Faschingsfeten, weil ich schon immer ein Faible fürs Verkleiden hatte, aber die Karnevalsumzüge und Büttenreden lösten bei mir wenig Begeisterung aus.

Was jedoch irgendwann bei mir Interesse weckte, war der historische Hintergrund des Karnevals. Irgendwo an der Schweizer Grenze stieß ich durch Zufall auf ein Fastnachtsmuseum, in dem man sowohl fantastische alte Kostüme bewundern konnte als auch sehr gut illustrierte Informationen über die Entwicklung des Karnevals erhielt. Und es ist der historische Bezug, der deutlich macht, dass Karneval früher mehr war als reiner Spaß an Gaudi und Blödelei. In einer Zeit, in der unbedingter Gehorsam gegenüber Obrigkeiten herrschte, gab es jene drei Tage, an denen ausnahmslos jeder frank und frei seine Meinung sagen durfte. Ob Lehnsherr, Klerus oder Politiker – jeder musste es aushalten, sich in den sogenannten närrischen Tagen die Meinung sagen zu lassen. Manche halten es für heuchlerisch, sich so für den Karneval zu begeistern, wenn an den übrigen 362 Tagen wieder das alte Prinzip des Gehorsams vor der Obrigkeit gilt. Aber dessen ungeachtet darf man nicht außer Acht lassen, dass der Karneval immerhin als einzigartige Gelegenheit Raum für den Ausdruck der Idee der Meinungsfreiheit gab. Und es sind die Ideen, die den Grundstoff einer Veränderung bilden.

In der heutigen Zeit kommen mir die Karnevalsumzüge allerdings immer ein wenig antiquiert vor. Jeder kann überall und jederzeit sagen, was er denkt – was ist da so besonders an den Wagen mit ihren Anspielungen und Parodien auf gesellschaftspolitische Ereignisse? Unter den Bedingungen der Meinungsfreiheit hat die eigentliche Funktion der Karnevalsumzüge erheblich an Bedeutung verloren.

So sah ich es bisher, aber heute wurde der größte Karnevalsumzug im Norden Deutschlands aufgrund von islamistischen Terrordrohungen kurzfristig und völlig überraschend abgesagt. Es stellt eine traurige Ironie dar, dass es im Jahr 2015 zu etwas kommt, was selbst in den dunklen Jahrhunderten des Mittelalters völlig undenkbar war. Plötzlich wird etwas, das bislang als normal und selbstverständlich galt, seiner Normalität und seiner Selbstverständlichkeit beraubt. Während es selbst in der Knechtschaft des Feudalismus oder im Untertanenstaat des deutschen Kaiserreichs das Recht gab, seine Meinung – und sei sie noch so unbequem und aufsässig – frei und lauthals zu äußern, wird dieses Recht jetzt sang- und klanglos genommen. Bezeichnenderweise gab es eine vergleichbare Situation nur während des Dritten Reichs.

"Es gibt keinen Humor, es gibt kein Gelächter, es gibt keinen Spaß im Islam."
Ayatollah Chomeini



Sonntag, 18. Januar 2015
Die so heftig kritisierte Überwachung ist für manche längst traurige Realität geworden…
Die Unterdrückung, die auf mir lastet, ist eine Unterdrückung neuer Art, gegen die der Staat kaum eine Handhabe hat. Eine Unterdrückung des dritten Jahrtausends, die noch nicht einmal einen Namen hat. Eine unsichtbare Freiheitsberaubung: Ich sehe weder meine Kerkermeister noch meine möglichen Mörder. Aber ich weiß, es gibt sie, und sie hindern mich effektiv daran, so zu leben wie meine Mitmenschen, wie vor dem Artikel im Figaro.

Der französische Philosoph Robert Redeker (*1957) hatte es gewagt, die auf ein Zitat Papst Benedikts im Jahr 2006 erfolgten schweren blutigen Ausschreitungen kritisch zu kommentieren. Daraufhin wurde er mehrfach mit dem Tode bedroht, musste sein Haus verkaufen, verlor seine Arbeit und kann nur noch unter ständigem Polizeischutz an wechselnden Wohnorten leben.

Redeker ist kein Einzelfall, sondern einer von vielen, deren Leben zerstört ist. Es werden immer mehr Menschen davor zurückschrecken, ihre Gedanken offen zu äußern.



Sonntag, 11. Januar 2015
Chapeau
Je suis juif
Je suis musulman
Je suis chrétien
Je suis athée
Je suis Charlie Hebdo

Je suis ici pour battre pour notre liberté. Sans liberté on ne vit plus*.

Ich bin beeindruckt von der Einigkeit, mit der die Franzosen heute geschlossen für ihre Freiheit eingetreten sind. In Deutschland würde es wahrscheinlich wie immer irgendwelche Grüppchen geben, denen es wichtig ist, ihre Abgrenzung gegen die anderen zu demonstrieren. Viele Deutsche kämpfen gern gegen etwas, aber tun sich schwer, für etwas zu kämpfen.

Ich weiß jetzt schon, dass sich so mancher – auch hier im Netz – über das Singen der Marseillaise aufregen wird. Denn Deutsche pauschalieren gern, besonders diejenigen, die selbst gern anderen vorwerfen, zu pauschalieren. Aber es gibt ein Einigkeitsgefühl jenseits von tumbem Stolz, welcher andere ausschließt um sich selbst zu erhöhen. Dieses Gefühl kann man nur kennen, wenn man sich nicht über den Unterschied zum anderen definiert, sondern über die Gemeinsamkeit.

Und deswegen bin ich über die oben angeführten Zeilen eines bei der Trauerkundgebung gezeigten Schildes auch so begeistert:

Ich bin Jude
Ich bin Muslim
Ich bin Christ
Ich bin Atheist
Ich bin Charlie Hebdo

Zu so einem Bekenntnis könnten sich Deutsche nur schwer durchringen.

Auch der Satz einer Teilnehmerin des Trauermarsches „Ich bin hier, um für unsere Freiheit zu kämpfen. Ohne Freiheit lebt man nicht mehr“ wird man hier eher selten hören. Hier gehen die Pegida-Anhänger gegen eine angebliche Überfremdung auf die Straße und die Anti-Pegida-Anhänger wiederum demonstrieren gegen die Pegida-Anhänger.

Bei alldem, was in den vergangenen Tagen geschehen ist, geht es um nicht mehr und nicht weniger als um Freiheit. Das hat nichts mit Panikmache und auch nichts mit dem sogenannten Generalverdacht gegen alle Muslime zu tun, sondern es geht um eine Weichenstellung, bei der man sich entscheiden muss, ob die Freiheit des Wortes über religiösen oder politischen Dogmen steht. Die Franzosen bringen dies fertig, ohne den Respekt vor religösen Überzeugungen zu verlieren. Chapeau!



Mittwoch, 7. Januar 2015
Was jetzt passieren sollte damit nicht noch mehr passiert

Der Anschlag auf die Redaktion der französischen Zeitung Charlie Hebdo wird nicht der letzte bleiben, andere werden folgen. Es gibt keinen Grund, darauf zu hoffen, dass derartige Anschläge aufhören.

Als Anfang der 90er Jahre in Mölln ein Brandanschlag auf ein Haus mit türkischstämmigen Bewohnern verübt wurde, bei dem zwei Kinder und eine Erwachsene getötet wurden, entschloss ich mich wie viele andere auch, an der Trauerkundgebung teilzunehmen. Zum einen war es mir wichtig, mein Entsetzen über eine so furchtbare Tat auszudrücken, zum anderen wollte ich damit auch ein Zeichen setzen gegen die rechten Gewalttäter. Ich war überrascht, dass mein damaliger Chef meinen Wunsch, in der Arbeitszeit an der Kundgebung teilzunehmen, sofort ohne Wenn und Aber akzeptierte. Ich musste nicht lange erklären, warum es wichtig ist, ein Zeichen gegen diese Form der Gewalt zu setzen.

Jetzt ist der Moment, in dem all jene Muslime, die Gewalt gegen Andersdenkende ablehnen, gemeinsam ein Zeichen setzen müssen. Ich bin es müde zu hören, wie friedlich der Islam im Grunde ist und welch großes Unrecht den Muslimen mit einer Generalverurteilung aller Muslime angetan wird. Damit konstruiert man eine Opferrolle, die angesichts der zwölf Todesopfer fehl am Platz ist. Worauf es jetzt ankommt, sind nicht Belehrungen und Retourkutschen, sondern ein entschlossenes offen bekundetes „Nein zur Gewalt“.

Geht endlich auf die Straße. Wenn Ihr die Gewalt gegen Andersdenkende für unvereinbar mit dem Islam haltet, zeigt dies endlich öffentlich. Setzt endlich ein Zeichen gegen all jene, die sich berufen fühlen, im Namen ihres Glaubens Menschenleben zu zerstören.

Sicher – ob man damit weitere Gewalttaten aufhalten kann, ist nicht gewiss. Aber zumindest ist es der längst überfällige Schritt um den Glaubensfanatikern deutlich zu machen, dass die große Mehrheit der Muslime nicht hinter ihnen steht. Und mit Sicherheit wird dies auch die einzige realistische Möglichkeit sein, um all jenen, die Angst vor dem Islam haben, deutlich zu machen, dass Islam nicht gleich Gewalt ist. Und auf jeden Fall wird dies mehr Überzeugungskraft haben als die Generalanklage des Rassismus.

Vielleicht ist es ja noch nicht zu spät. Zumindest dann nicht, wenn ein wirklicher Wille zum Frieden vorhanden sein sollte.

Edit: ich wünschte, ich hätte Unrecht behalten: je suis paris



Mittwoch, 2. Juli 2014
Wenn man ein Buch gar nicht aus der Hand legen kann – die Revolution von 1848
Ich habe schon seit langem ziemliche Schwierigkeiten, einen Roman zügig zu Ende zu lesen. Ganz anders ergeht es mir hingegen mit manchen Geschichtsjournalen. So ist die Überschrift auch nicht ganz korrekt, denn es ist im eigentlichen Sinne kein Buch, das ich nicht aus der Hand legen kann, sondern ein Journal zum Thema der Revolution von 1848. Mein Geschichtswissen hat leider ziemliche Lücken und so habe ich es mir schon vor einigen Jahren vorgenommen, dies zu ändern und ich kaufe mir daher regelmäßig Journale zu Geschichtsthemen. Aber natürlich fesselt mich nicht jedes Thema gleichermaßen. Jetzt habe ich jedoch anscheinend „meine“ Epoche gefunden, die mein besonderes Interesse auf sich zieht.

Der Vormärz, also die Zeit zwischen 1830 und 1848, beeindruckt mich deswegen so ungemein, weil es dabei um eine sehr bewegte Zeit des Erwachens zum mündigen Bürger geht, die den Beginn des Aufbegehrens gegen Untertänigkeit, gegen Unfreiheit des Geistes und gegen Klassendenken darstellt. Für mich charakterisiert Hesses oft zitierter Ausspruch „Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne“ perfekt die Aufbruchsstimmung jener Epoche. Eine Zeit, in der man sich noch ganz dem Enthusiasmus der Idee der Freiheit und Gleichheit hingeben konnte, denn man ahnte weder, dass die Revolution scheitern würde, noch ahnte man – und das ist für mich ein noch wichtigerer Aspekt – dass Revolutionen nur die jeweiligen Machthaber, nicht aber den Machtmissbrauch abschaffen. Mit anderen Worten: man konnte sich voll und ganz seinen Utopien einer gerechteren Welt hingeben.

1848 ist Höhepunkt und zugleich Ende der Romantik, jener Epoche, deren Ideal nicht die kognitive Erkenntnis, sondern das Gefühl war. Novalis, Clemens Brentano, Ludwig Uhland, Henry David Thoreau, Victor Hugo, Germaine de Staël sind sehr unterschiedliche Beispiele für die Bandbreite dessen, was an neuen Impulsen in diese Zeit einging.

Und was mich natürlich besonders beeindruckt, sind die schillernden Frauengestalten, die diese Epoche ausmachen. Kämpferinnen wie Fanny Lewald, Luise Otto-Peters und Emma Herwegh. Oder Salonnières wie Rahel von Ense-Varnhagen, die mit ihren Salons all denjenigen Raum gaben, die es nicht dabei belassen wollten, sich über das Altbekannte auszutauschen, sondern die Gleichgesinnte suchten, um sich über neue Ideen auseinanderzusetzen.

Besonders bedeutsam erscheint, dass die die Bewegung des Vormärz zeitgleich zum Biedermeier existierte, also zu der Bewegung des Rückzugs ins Private und Unpolitische. Und irgendwie erinnert mich dies – auch wenn mancher diesen Vergleich als zu gewagt empfinden mag – an das Zusammenspiel der Adenauerära mit dem Aufkommen der 68er. Bestimmte Umstände produzieren ihre eigenen Gegenspieler.

In unserer jetzigen Zeit haben wir alles, wofür so hart und verlustreich gekämpft wurde – Pressefreiheit, Versammlungs- und allgemeines Wahlrecht, Gleichheit vor dem Gesetz. Niemand darf jetzt noch dafür eingesperrt werden, dass er sagt, was er denkt. Allerdings denkt kaum noch jemand. Und genauso ist es mit dem hart erkämpften Versammlungsrecht, denn außer Schlagermoves, Loveparaden und Fußballweltmeisterschaften gibt es kaum noch große Versammlungen. Auch die Gleichheit vor dem Gesetz scheint inzwischen zumindest nicht mehr für alle erstrebenswert zu sein, denn wie ist es sonst erklärbar, dass manche hartnäckig dafür kämpfen, Mädchen nicht am Sportunterricht teilnehmen zu lassen und selbst erwachsenen Frauen zu verbieten zu können, sich ohne die Erlaubnis vom Vater oder Bruder frei zu bewegen. Und was die Frauenfrage betrifft – inzwischen nennt man Frauen Mädels und eine erschreckend große Zahl jener Mädels interessiert sich weitaus mehr für Modellshows als für das politische Geschehen.

Mit anderen Worten – 1848 wurde hart für etwas gekämpft, für das man sich inzwischen gar nicht mehr interessiert. Vielleicht zieht mich die betreffende Zeit gerade deswegen so an – es wurde mit vollem Enthusiasmus aufbegehrt und der Optimismus wurde dabei noch nicht durch Erfahrungen getrübt. Man konnte sich dem Traum von einer besseren und gerechteren Welt voll und ganz hingeben.

Ja, die Romantik und 1848 ist „meine“ Epoche. Und ich freue mich darauf, noch vieles zu diesem Thema zu lesen.