Dienstag, 18. Dezember 2012
Ich bin zu müde für die Philosophie der Balinesen und Inuit
Etwas, was mir von meiner mittlerweile schon viele Jahre zurückliegenden Balireise immer im Gedächtnis bleiben wird, ist der eigentümlich Mythos des einander bedingenden Guten und Bösen.

„Es muss auch das Böse geben, weil nur dadurch das Gute existieren kann“. Sehr sinnbildlich wird dies von den Balinesen im Barong-Tanz dargestellt. In diesem Tanz geht es um den Kampf zwischen dem das Gute verkörpernde, löwenähnlichen Barong und der das Böse verkörpernden Hexe Rangda.

Jetzt habe ich vor ein paar Tagen eine Sendung über Inuit gesehen, in der fast genau das Gleiche über das sich Bedingende Gute und Böse gesagt wurde: „Das Böse muss da sein, um das Gute zu ermöglichen“. Und da die Arktis und das indonesische Bali sehr weit auseinander liegen, ist es schon bemerkenswert, dass zwei so unterschiedliche Kulturen die gleiche Philosophie entwickelt haben.

Ich bin eigentlich immer davon ausgegangen, dass eine Welt ohne das Böse erstrebenswert wäre. Keine Gewalt, keine Ausbeutung, keine Ungerechtigkeit – das wäre die ideale Welt, in der man leben möchte. Aber Inuit und Balinesen sehen dies anders. Ein wenig erinnert mich dies an Camus Mythos von Sisyphos, demzufolge nicht das Ziel, sondern den Weg dahin als sinnstiftend angesehen wird.

Dieser Mythos ist praktisch, weil er so manchen Alltagskampf leichter ertragen lässt. Der Einsatz für eine Sache ist wichtiger als die Sache selbst und somit entfällt der Erwartungsdruck. Und man wäre nicht enttäuscht, wenn wieder einmal bei irgendetwas überhaupt nichts herausgekommen ist. Oder wenn man im Laufe seines Lebens dahinter kommt, dass sich kaum etwas verändern lässt.

Aber was wäre denn so schlimm daran, wenn man im Paradies leben würde? Wäre es wirklich so eine Katastrophe, wenn man endlich einmal ausruhen könnte? Endlich einmal ein wenig verschnaufen? Müssen Ziele wirklich unerreichbar sein?

Ich bin manchmal sehr müde und könnte gut auf das Steinerollen verzichten.




Samstag, 1. Dezember 2012
Wahrheit und Zynismus
"Ein Feigling ist ein Mensch, bei dem der Selbsterhaltungstrieb noch normal funktioniert."
Ambrose Bierce (1842-1914)


Das hieße im Umkehrschluss, dass ein Mensch, der nicht feige ist, keinen intakten Selbsterhaltungstrieb mehr besitzt. Und das wiederum ist gleichbedeutend damit, gegen die Widrigkeiten des Lebens schlechter gewappnet zu sein. Es sind die Feiglinge, die überleben werden. Oder zumindest besser und länger leben.

Keine rosige Aussicht. Aber ich befürchte, es steckt eine tiefe Wahrheit in diesem Spruch des ausgesprochenen Zynikers Bierce. So wie er ja selbst auch Zynismus definiert: „Ein Zyniker ist ein Schuft, dessen mangelhafte Wahrnehmung Dinge sieht, wie sie sind, statt wie sie sein sollten."

Ich glaube, ich muss mir Bierce "Wörterbuch des Teufels" mal näher ansehen.



Montag, 26. November 2012
Ernesto Cardenal – von der Allgegenwärtigkeit der Alphamännchen
Habe eben ein bisschen im Internet zu Ernesto Cardenal gegoogelt. Im Studium hatte ich das erste Mal von ihm gehört, als ich ein Referat zum Thema Theologie der Revolution schrieb. Jetzt lese ich zu meiner Bestürzung, dass Ernesto Cardenal im Jahr 2008 nach einer Europatournee nicht wieder in seine Heimat Nicaragua zurückkehren konnte, da ihm dort eine Strafe drohte. Sein schweres Vergehen bestand darin, die Amtsführung und den Lebensstil des Staatspräsidenten Ortega kritisiert zu haben.

Zur Zeit meines Referats genoss die sandinistische Regierung Nicaraguas eine glühende Verehrung. Es gab Leute, die ihre Ferien dazu nutzten, unentgeltlich auf den nicaraguanischen Kaffeeplantagen zu arbeiten, um damit die Aufbauarbeit der sozialistischen Regierung zu unterstützten. In den Bioläden wurden Produkte aus Nicaragua angepriesen, um damit die dortigen Bauern zu fördern.

Ernesto Cardenal war und ist jemand, dessen Herz immer links schlug und in seinem Engagement für die Armen sein Leben aufs Spiel setzte und dabei letztendlich auch seine Suspension als katholischer Priester in Kauf nahm.

Es entbehrt nicht einer gewissen Tragik, dass es anscheinend keine Seite gibt, von der Ernesto Cardenal nicht verfolgt oder sanktioniert wird: Die Diktatoren, der Klerus und jetzt auch noch der einstige Revolutionsführer. Wobei mich die Verfolgung durch die beiden erstgenannten nicht erstaunt und letztendlich nur konsequent ist. Aber es kommt schon ein bisschen bitter hoch, dass es dem einstigen glühenden Kämpfer gegen die Diktatur jetzt so schwer fällt, sich nicht wie ein Diktator zu verhalten.

Es bleibt die traurige Erkenntnis, dass Alphamännchen immer am längeren Hebel sitzen. Sie schaffen sich Positionen, in denen sie über den Kopf anderer hinweg entscheiden können. Positionen, die es ermöglichen, Menschen einfach in den Knast abzuschieben, wie es Putin gerade mit den Frauen von Pussy Riot gemacht hat. Oder eben wie Ortega, der es in bester Diktatorenmanier für sein Recht hält, einen Menschen aus dem eigenen Land zu verbannen. Alphamännchen haben eine naturgegebene tiefste Abneigung dagegen, sich mit Kritik an ihrer Person auseinanderzusetzen. Das stellt für sie eine Art Gotteslästerung dar, die sie – obwohl meist Atheisten – nicht billigen können und wollen.

Alphamännchen sind genauso überflüssig wie ein Blinddarm oder ein Krebsgeschwür. Und genauso krank. Aber sie sind da und man muss mit ihnen leben. Ich habe ja auch so meine Erfahrungen mit Alphamännchen, aber glücklicherweise bei weitem nicht in so gravierendem Ausmaß. Irgendwie beruhigt es mich, dass anscheinend niemand vor diesem Krebsgeschwür gefeit ist. Es kann jeden treffen, der sich das Grundrecht – und es handelt sich zweifellos um ein Grundrecht – nimmt, Kritik frei zu äußern. Ernesto Cardenal hat die Angriffe gegen ihn anscheinend mit Contenance ertragen und lebt mittlerweile wieder in Managua.

Was ich bewundere an Ernesto Cardenal ist sein ungetrübter Optimismus. Nach wie vor glaubt er an das Gute im Menschen und an die Möglichkeit einer gerechteren Welt. Und er tut dies in einer Art, die vielen gläubigen Menschen zu eigen ist – ohne Hass und Verbitterung (bei mir ist das leider nicht so...). Ernesto Cardenal ist nicht nur ein großer Kämpfer für die Gerechtigkeit, sondern auch ein großer Verfasser von Lyrik, die weit über den lateinamerikanischen Raum hinaus Beachtung und Bewunderung findet. Vielleicht ist das das Geheimnis seiner Unerschütterlichkeit – er hat sich niemals darauf beschränkt, die Welt nur aus rationaler Sicht zu erfassen und zu erklären, sondern auch oder gerade aus der Kunst und dem Glauben heraus.

Bevor ich jetzt endlich schlafen gehe, werde ich noch kurz nach einem wundervollen Gedicht Ernesto Cardenals suchen, dass ich mir vor langer Zeit notiert habe.