Mittwoch, 28. Dezember 2011
Schlecht geschlafen
Vorgestern habe ich mir im Fernsehen „Schindlers Liste“ angesehen. Bisher hatte ich den Film nie zu Ende gesehen und kannte nur Ausschnitte. Es ist kaum möglich, so einen Film anzusehen, ohne hinterher völlig aufgewühlt und fassungslos zu sein. Meinem Freund ging es genauso und insbesondere die Szenen mit den Kindern gingen ihm sehr nahe. Auf der anderen Seite weckt der Film auch eine Mordswut auf die Nazischergen, die mit unvergleichlichem Sadismus Menschen quälten. Ich habe im Anschluss an den Film noch ein wenig recherchiert und viele der Filmfiguren, wie z.B. die des Amon Göth, waren durchaus authentisch.

Und wie immer frage ich mich nach so einem Film nach dem Warum. Sind solche Menschen eigentlich noch Menschen oder einfach nur noch Bestien? Die Antwort lautet leider, dass es sich um Menschen handelt und dies macht die Sache noch schrecklicher, denn es wird der Abgrund deutlich, den das menschliche Wesen in sich birgt.

Bis zum Alter von etwa neunzehn Jahren war ich der Meinung, dass sich so eine Katastrophe nicht wiederholen könnte, da wir ja alle aus Auschwitz gelernt und uns weiterentwickelt hätten. Als ich dann aber eine Tätigkeit in einer Anwaltskanzlei aufnahm, kam meine Meinung ins Schwanken. Ich war plötzlich mit Menschen konfrontiert, deren Standardspruch lautete: „Issas mein Problem, oder was?“ Menschen, die vor dem Chef kuschten, als würde ihr Leben auf dem Spiel stehen. Menschen, die tagaus – tagein nur über Möbeleinkäufe, das Gedeihen ihrer Kinder und nicht anwesende Kolleginnen redeten und die nichts, absolut gar nichts anderes interessierte.

Um es deutlich zu sagen, ich glaube nicht, dass dieser Typ Mensch die Intention hätte, jemanden zu töten oder zu misshandeln. Aber dieser Typ Mensch wäre mit Sicherheit in der Lage, all diese Greultaten mitanzusehen ohne auch nur den geringsten Grund zum Eingreifen zu sehen – solange es nicht um eigene Angehörige geht. Das Gros der Menschen wird auch heute immer noch einzig und allein darauf achten, für sich selbst zu sorgen.

Und auch deswegen schlafe ich nach solchen Filmen schlecht – weil Auschwitz sich jederzeit wiederholen könnte. Auch wenn es heute mit Sicherheit wachsame Menschen gibt, die bei Absehbarkeit einer vergleichbaren Entwicklung laut aufschreien würden – an der menschlichen Natur hat sich nichts Grundlegendes geändert. Es gibt immer noch Menschen, die abgrundtief hassen. Und die Gruppe derer, auf die der Hass abzielt, ist austauschbar. Es kann sich um Menschen handeln, die einen anderen Glauben haben, einer anderen Kultur angehören, eine andere politische Meinung vertreten, eine andere Sexualität leben oder die sich keinen Geschlechtervorschriften unterwerfen wollen. Und es gibt immer noch Menschen, die ducken und selbst dann kuschen, wenn es gar nichts zu befürchten gibt.

Unweigerlich fragt man sich bei dem Ansehen eines Films wie „Schindlers Liste“, wie man selbst gehandelt hätte. Und genau das ist es, was so beunruhigend ist – man weiß es nicht. Man kann nicht sagen, wie sehr Angst das eigene Handeln gelähmt hätte. Wie groß die Furcht vor Misshandlung und Tod gewesen wäre. Der Krieg bringt im Menschen das Schlechteste hervor. Dieser Ausspruch ist leider erschreckend wahr.



Donnerstag, 1. Dezember 2011
Mit Kanonen auf Spatzen schießen – oder mit Fischfutter auf Wendehälse
Wundern tut’s mich nicht, dass jemand wie der Grünen-Politiker Ströbele einem Blogger seinen Beitrag verbieten lassen will. Schließlich ist es ja auch ziemlich peinlich, dass jemand, der früher jede Form der staatlichen Macht radikal abgelehnt hat, jetzt wegen einer Lappalie eben jene staatliche Macht zur Hilfe ruft.

Da wird jemand in einem Angelteich von Anglern mit Fischfutter beschossen. Würde mich übrigens auch aufregen und ich würde mir diejenigen höchstwahrscheinlich vorknöpfen. Allerdings würde mir wohl nicht die Idee kommen, deswegen eine Strafanzeige zu machen. Schon gar nicht, wenn diejenigen minderjährig wären.

Für Ströbele scheint dies jedoch eine völlig angemessene Reaktion zu sein. Anscheinend aber wiederum nicht so angemessen, dass jemand darüber schreiben darf. Da wird dann ein zweites Mal staatliche Hilfe in Anspruch genommen und nach einem Verbot geschrien. Wär’ ja noch schöner, wenn jemand einfach über etwas, das real passiert ist, auch schreiben darf.

Ja, was denn nun, Herr Ströbele? Sie waren doch früher mal ein Verfechter der freien Presse! Und zudem ein erklärter Sympathisant der Anarchie.

Irgendwie passt das nicht zusammen. Aber irgendwie dann wieder doch. Denn ist es ja nun mal etwas völlig anderes, wenn jemand selbst betroffen ist.

Und dabei hat Ulrike Meinhof 1970 doch ausdrücklich formuiert: " Und natürlich kann geschossen werden.“



Sonntag, 27. November 2011
Na also, geht doch!
Dass es nicht immer zu unerfreulichem Schlagabtausch kommen muss, wenn es um Religion geht, habe ich vor kurzem bei dem Treffen mit meinem früheren Kollegen erfahren. Ich erwähnte ihm gegenüber, dass ich von Zeit zu Zeit Seminare mache, in denen es um Meditation geht. Allerdings nicht um buddhistische – das wäre für viele völlig in Ordnung – sondern um christliche. Und siehe da, obwohl mein Gesprächspartner selbst nichts mit Religion anfangen kann und bewusst aus der Kirche ausgetreten ist, musste ich mir weder Vorträge darüber anhören, wie dämlich es ist, gläubig zu sein, noch musste ich Belehrungen über mich ergehen lassen, wie übel die Kirche doch sei.

Man glaubt es kaum – aber es war möglich, sich völlig gelassen über das Thema Glauben auszutauschen. Ich empfinde dies als Respekt, der einem Andersdenkenden entgegengebracht wird. Und erst dieser Respekt macht es möglich, bei der Auseinandersetzung über das Thema Glauben in die Tiefe zu gehen und zu erfahren, was Glauben denn überhaupt für das Gegenüber bedeutet. Die Gottesvorstellung von jemand, der nicht gläubig ist, stimmt nur selten mit der desjenigen überein, der gläubig ist. Belässt man in einer Diskussionen bei der Projektion der eigenen Vorstellungen, ist dies einem wirklichen Austausch wenig nützlich. Aber um wirklichen Austausch geht es eben manchem auch gar nicht, sondern mehr um selbstgefälliges Dozieren, in welchem sowieso schon feststeht, was richtig und was falsch ist.

Würde man dieses Gespräch auf die übergeordnete Ebene des Dialogs der verschiedenen Glaubensrichtungen übertragen, könnte man tatsächlich doch so etwas wie Hoffnung auf Verständigung entwickeln. Und die wird man bei dem Konfliktpotential, das zwischen den Kulturen besteht, mehr denn je brauchen.