Montag, 23. August 2010
Töten, Seelenfrieden und Gotteskrieger
Vor vielen Jahren habe ich Wolfgang Borcherts „Draußen vor der Tür“ im Fernsehen als Theateraufführung gesehen. Gestern habe ich die Erzählung gelesen. Ich war auf der Suche nach dem Begriff des „Seelenfriedens“, den der Protagonist Beckmann vergeblich sucht. In der Erzählung allerdings wurde dieser Ausdruck nicht verwendet, sondern der Ausdruck der „Seelenruhe“. Nun ja, Ruhe und Frieden liegen ja nicht weit auseinander.

Mich hat damals bei dem Theaterstück das tiefe Schuldgefühl Beckmanns beeindruckt. Weder dumpfe Gleichgültigkeit gegenüber den Opfern, noch blinder Hass auf jene, durch deren Befehle er schuldig wurde. Ein tiefes Gefühl der Schuld, das durch nichts und durch niemanden weichen will.

Ich frage mich, ob es überhaupt noch so etwas wie Schuldgefühle gibt. Ich frage mich dies deswegen, weil ich in letzter Zeit viel über Gotteskrieger gelesen habe. Und ich sehe die Gotteskrieger vor mir, denen nicht nur jegliches Schuldgefühl fremd ist, sondern die beim Töten genau das Gegenteil fühlen – nämlich euphorischen Stolz.

Es klafft ein riesiger Abgrund zwischen den Gotteskriegern, die ihre Massaker als glorreiche Heldentaten feiern – bzw. im Falle von Selbstmordattentaten von ihren Angehörigen als Helden gefeiert werden – und denjenigen Menschen, die sich ihr ganzes Leben lang mit Selbstvorwürfen quälen, weil sie getötet haben. Dem Gotteskrieger winkt nach dem Töten das Paradies mit ewigen Jungfrauen und Flüssen von Wein. Dem Schuldigen winkt die ewige Gewissensqual und die ewige Insomnie.

In Borcherts Erzählung kann der Protagonist nicht mehr schlafen, weil er nachts die klagenden Stimmen der Mütter, Ehefrauen und Kinder der Getöteten hört. All jene, die ihn nach ihren Söhnen, Brüdern und Männern fragen. Gotteskrieger haben keine Schlafstörungen. Bei Gotteskriegern ist das Töten ins Gegenteil verkehrt – es wird zum Lebenselixier, das das Leben erst wertvoll macht. Der Seelenfrieden, der in Borcherts Erzählung durch das Töten verschwunden ist, wird für den Gotteskrieger durch das Töten erst möglich.

Es wird immer Gründe geben, aus denen heraus Menschen töten. Motive privater, materieller, nationaler, religiöser oder politischer Art. Töten als Mittel zum Zweck, um das, was man hasst, zu vernichten oder um das, was man will, zu bekommen. Aber Töten als Eintrittskarte in das Paradies ist eine Perversion menschlichen Denkens. Töten um des Töten willens, weil Töten etwas so Glorreiches und Gutes ist, das es nur mit dem Paradies als Allerhöchstem belohnt werden kann – das ist eine Philosophie, die an Grauenhaftigkeit kaum zu überbieten ist.

Und deswegen habe ich gestern „Draußen vor der Tür gelesen“. Ich wollte etwas über einen Menschen lesen, der noch fähig ist, an Schuld zu leiden. Vielleicht wollte ich auch einfach nur etwas über einen Menschen lesen. Und während ich es las, habe ich das erste Mal wirklich begriffen, was der Ausdruck „leidensfähig“ beinhaltet.



Mittwoch, 18. August 2010
Reisefieber
Eine Reise beginnt für mich immer mit einem Ritual: dem Kauf eines Stefan Loose Reiseführers. Für Menschen, die auf eigene Faust ein Land bereisen eine große Hilfe, denn es werden günstige Guesthouses genannt, Verkehrsverbindungen aufgezeigt und außerdem viel Interessantes über das Land mitgeteilt. Auf diese Weise beginnt meine Reise schon vor den eigentlichen drei Wochen. Selbst das lässtige Impfen ist für mich auch schon etwas, was mein Reisefieber steigert.

Da ja selbst ich mittlerweile mit dem Internet vertraut bin, habe ich auch schon für die ersten 3 Nächte ein Guesthouse gebucht. Auch ich werde langsam bequemlicher und genieße es, mich bei der Ankunft erstmal um nichts kümmern zu müssen. Und wir haben schon eine sehr nette Rückmeldung erhalten, die unsere Vorfreude steigert.

Und das ist es - unser Guesthouse in Yangon für die ersten 3 Nächte:



Ich freue mich schon unendlich...



Sonntag, 1. August 2010
Die eigenen Kinder und die der Anderen
Eine Zeile eines Gedichts, das ich vor vielen Jahren gelesen habe, lautet: „Wer Kinder liebt, nicht nur die eignen“. Obwohl ich mich weder an den Autoren noch an das gesamte Gedicht erinnern kann, ist mir diese Zeile in meinem Gedächtnis geblieben. Denn dies ist etwas, was überhaupt nichts miteinander zu tun haben muss – die Liebe zu allen Kindern oder die Liebe zu lediglich den eigenen Kindern.

Ersteres ist eine Form von Interesse, Zuneigung und Verantwortungsgefühl gegenüber Kindern. Letzteres ist lediglich eine Folge des „Habens“ – man hat Kinder.Vor einiger Zeit hatte ich ein Erlebnis, das diesen Unterschied nicht besser hätte darstellen können und das ich deswegen hier kurz wiedergeben möchte.

Einer meiner früheren Arbeitgeber ist Anwalt und während der Zeit meiner dortigen Beschäftigung wurde ein Lehrling eingestellt. Genauso wie in Arztpraxen werden die Auszubildenden nicht vom Arbeitgeber sondern von den ausgelernten Mitarbeiterinnern angelernt und eingearbeitet, da ja nicht die Tätigkeit des Anwalts oder Arztes erlernt werden soll, sondern die Tätigkeit der Anwaltsassistentin oder der Arzthelferin. Folglich steht und fällt die Qualität einer Ausbildung auch mit der Anzahl und Fähigkeit der ausgelernten Mitarbeiterinnen. Daher war es für unseren Lehrling ein ziemlicher Schock, als der einzigen Mitarbeiterin gekündigt wurde und somit niemand mehr für die Ausbildung zuständig war.

Die erst 16jährige Auszubildende war sehr verzweifelt über die Kündigung der Mitarbeiterin und machte sich große Sorgen um den Verlauf ihrer Ausbildung, da nun niemand mehr da sein würde, von dem sie lernen konnte. Die Auszubildende wollte mit dem Chef über ihre Sorgen sprechen und wissen, wie es denn nun weitergehen sollte. Allerdings wurden ihre Bedenken einfach nur kurz und knapp abgeschmettert mit dem Ausspruch „Learning bei doing“.

Eben jener besagte Anwalt hatte eine Tochter, die zum damaligen Zeitpunkt etwa 10 Jahre alt war und in der Schule von den Lehrern keine Empfehlung für das Gymnasium erhalten hatte. Ich hatte ein wenig von den Schulschwierigkeiten mitbekommen, da das Mädchen manchmal im Nebenzimmer mit ihrer Mutter für die Schule übte. Mir ist noch im Gedächtnis, wie geduldig die Mutter immer wieder und wieder erklärte und wie das Kind, als es trotzdem nichts begriff, wütend ihre Mutter anschrie. Für die besorgten Eltern war allerdings trotzdem hinsichtlich der Schulschwäche ihrer Tochter völlig klar, dass dies ausschließlich an der Unfähigkeit der Lehrer liegen würde. Dass die Tochter einmal Abitur machen würde, stand für die Eltern außer Frage. Und selbst das Kind hatte zu meinem Erstaunen schon eine genaue Vorstellung vom späteren Werdegang. Als sie einmal an unserem PC saß und dort ein wenig schrieb, machte ich die scherzhafte Bemerkung, sie könne ja bei uns als Sekretärin anfangen. Empört antwortete die Tochter meines Chefs „Ich werde keine Sekretärin, ich werde einmal Anwältin!“

Da aber anscheinend ein Gymnasium tatsächlich nicht in Frage kam, wurde eine Waldorfschule ausgewählt, also eine Schule, in der man besonders auf die Individualität der Kinder eingeht und sich auch gerade um Lernschwächen besonders gekümmert wird. Auffällig bei der Auswahl einer anthroposophischen Schule war die Tatsache, dass keiner der Elternteile sich auch nur im Geringsten jemals für Anthroposophie interessiert haben. Dies stellte aber für die Eltern keinen Hinderungsgrund dar, da es ihnen einfach ganz opportun darum ging, eine Schule zu finden, in der ihre Tochter trotz schlechter Prognose aufgenommen wurde.

Und das ist er, der bemerkenswerte Unterschied zwischen den eigenen Kindern und denen der anderen: Da gibt es auf der einen Seite eine aufgeweckte und wissensdurstige Auszubildende, deren Ausbildung den Chef nicht im Geringsten interessiert. Und da gibt es auf der anderen Seite das eigene "Fleisch und Blut", für das das Beste gerade gut genug ist und bei dem die elitäre Erziehung schon im zarten Alter von 10 Jahren zu einem klaren Standesdünkel geführt hat.

Ein Lehrling, dem das Recht auf eine qualifizierte Ausbildung – trotz der bestehenden Ausbildungsvorschriften – einfach abgesprochen wird und der einfach als billige Arbeitskraft missbraucht wird. Ein eigenes Kind, das – trotz objektiver Bedenken – mit viel Aufwand zum Abitur gepuscht wird.

Kinder sind eben nicht einfach Kinder. Kinder sind erst dann Kinder, wenn es die eigenen sind.

Das Ganze liegt übrigens so lange zurück, dass jetzt sowohl die Tochter als auch der frühere Lehrling inzwischen längst erwachsen sind. Aber dieses Beispiel ist exemplarisch und somit zeitlos und steht für eine Haltung, die ich nur als widerwärtig bezeichnen kann.