Mittwoch, 8. August 2012
Bloggen und Respekt
Manchmal bin ich entsetzt darüber, dass es in Blogdiskussionen bisweilen zu ziemlichen Respektlosigkeiten kommt. Solange die verschieden Diskussionspartner einer Meinung sind und betont wird, wie Recht der andere mit seiner Ansicht ist, bleibt alles respektvoll und höflich. Wenn allerdings jemand zu einem Beitrag einen Kommentar schreibt, in dem eine abweichende Meinung vertreten wird, ändert sich der Umgangston und plötzlich beginnt eine Schlammschlacht. Manchmal werden sogar regelrechte „Hausverbote erteilt“. Eigentlich gibt es zwei mögliche Erklärungen dafür. Entweder es handelt sich dabei um Menschen, die ansonsten ganz normal kommunizieren, aber durch den Schutzmantel der Anonymität plötzlich ausfallend werden, oder aber das Bloggen zieht genau die Art von Menschen an, die Gefallen an respektlosem Verhalten haben.

Vielleicht gibt es auch noch eine andere Erklärung, die darin begründet ist, dass es eigentlich gar nicht möglich ist, über völlig konträre Standpunkte respektvoll zu diskutieren und zu schreiben. Ideologien (von denen kaum jemand frei ist) sind damit verbunden, dass man den eigenen Standpunkt für richtig hält und den des anderen für falsch. Ich schließe mich dabei auch nicht aus. Ich bin zum Beispiel felsenfest davon überzeugt, dass wir eine gerechtere Lohnpolitik bräuchten, weil Arbeit (zumindest in den meisten Fällen) meiner Überzeugung nach gleichermaßen gesellschaftlich wichtig ist. Andere vertreten den gegenteiligen Standpunkt und halten ein hohes Lohngefälle für gerecht, weil bestimmte Arbeiten ihrer Meinung nach mehr wert sind als andere. Was würde es bringen, wenn sich Menschen mit diesen kontroversen Standpunkten in einem Blog auseinandersetzen? Höchstwahrscheinlich überhaupt nichts. Es würde damit enden, dass die eine Seite Gutmenschentum vorwirft und die andere Standesdünkel. Ideologien haben immer etwas Unversöhnliches.

Für die Unversöhnlichkeit verschiedener Weltanschauungen gibt es übrigens auch in der Geschichte Beispiele. So hat sich C.G. Jung, nachdem er einen eigenen Zweig der Psychoanalyse schuf, nach Jahren der Übereinstimmung mit Freud überworfen. Auch zwischen Freud und Alfred Adler verlief die Beziehung ähnlich. Friedrich Wilhelm Schelling, der als junger Mensch begeistert von Johann Gottlieb Fichte war, brach später mit ihm. Wie man sieht, befinden sich Blogger in der besten Gesellschaft.

Vielleicht gibt es noch einen weiteren Erklärungsansatz: Man muss überhaupt feste Überzeugungen haben, um mit jemandem in Konflikt zu geraten. Wer lediglich fürs Private Interesse hat, ist viel zu gleichgültig und profillos, um sich überhaupt mit anderen Ansichten zu befassen und zuckt bei Diskussionen nur mit den Schultern. Dies wiederum stellt einen verlässlichen Schutz gegen strittige Auseinandersetzungen dar.

Allerdings kommt es wiederum gelegentlich auch schon bei völlig banalen Themen zu Entgleisungen. Ein Kollege hat mir vor kurzem erzählt, dass es sogar in rein sachbezogenen Foren ( Fotoagraphie) zu erstaunlichen Beleidigungen kommt. Da muss sich dann mancher Teilnehmer bei der Beantwortung eines völlig neutralen Problems, wie z.B. der Handhabung eines Fotoapparats, als „Du Penner“ bezeichnen lassen, wenn seine Antwort jemandem missfällt.

Ich selbst schreibe schon seit längerem kaum noch Kommentare – bis auf zwei, drei Ausnahmen – in anderen Blogs. Anfangs war das anders, aber irgendwie haben sich meine Erwartungen in Bezug auf die Form der Diskussionen nicht erfüllt. Als ich mit meinem Kollegen über dieses Thema sprach, meinte der, dass er gar nicht versteht, wieso ich über Dinge, die mich interessieren, öffentlich schreiben würde, er hätte überhaupt keine Lust auf diese Form der Auseinandersetzung, weil es ihn zuviel Energie kosten würde. Ein bisschen hat er damit auch Recht. Manche Diskussionen entgleisen und dann ist ein Blog keine Bereicherung mehr, sondern Grund für Ärgernis. Zwar gibt es ungute Auseinandersetzungen durchaus auch im realen Leben, aber dort geht es nun mal nicht anonym vor sich und anscheinend ist man dadurch etwas vorsichtiger im Umgang miteinander. Und irgendwie scheint das geschriebene Wort auch eine andere Macht zu haben, als das gesprochene, welches sofort wieder relativiert werden kann.

Es ist erstaunlich, dass ich in meinem Freundeskreis – die meisten sind gleichaltrig – absolut niemanden für das Bloggen gewinnen kann. Allenfalls besteht Bereitschaft zum Mailen, viel eher aber zum Telefonieren oder ganz realen persönlichen Treffen. Es ist auch nicht so, dass sich meine Freunde und Bekannten für völlig andere Themen als die in meinem Blog interessieren, denn über vieles diskutieren wir lebhaft – aber eben in privater mündlicher und nicht in öffentlicher schriftlicher Form.

Resümee: der Austausch in den Blogs verursacht manchmal mehr Ärger als Freude. Für das schöne Ziel, sich über Themen auseinanderzusetzen, ist das Bloggen anscheinend nicht immer die beste Wahl.



Sonntag, 5. August 2012
Uneingeschränkte Zustimmung
Man mag musikalisch andere Neigungen haben, aber mir imponiert ihr Mut, gegen dieses waffengeile Alphamännchen anzutreten.

Seit fast einem halben Jahr sitzen die Frauen jetzt schon im Gefängnis nur weil ihre Kritik dem Alphamännchen anscheinend Potenzschwierigkeiten bereitet. Goliath gegen vier weibliche Davids. Ich habe leider Zweifel, ob dies wie in der Bibel ausgeht.

Manche glauben an den menschlichen Verstand. Ich nicht.
https://youtu.be/ALS92big4TY



Samstag, 4. August 2012
Unter freien Himmel…
…habe ich schon lange nicht mehr geschlafen. Zum einen liegt es daran, dass ich keinen Garten habe und zum anderen daran, dass in unseren Breitengraden die warmen Nächte äußerst selten sind. Vor vielen, vielen Jahren habe ich während eines Griechenlandsurlaubs draußen geschlafen. Wir hatten zwar auf Lesbos eine Behausung direkt am Strand, aber der Sternenhimmel war so schön, dass wir draußen schliefen und erst früh morgens, als es in der Sonne zu warm war, in unser Zimmer umgezogen. Am Ende des Urlaubs haben wir dann noch eine Nacht in einer menschenleeren Bucht auf Paros, die wir ganz für uns allein hatten, geschlafen. Es war Vollmond
und wir lagen mit unseren Schlafsäcken direkt am Meer. Dann habe ich vor etwa zehn Jahren eine Nacht in der Sahara verbracht. Dies war ebenfalls unbeschreiblich, da der wolkenlose Himmel voller Sternschnuppen war.

Vorgestern habe ich mir ein Herz gefasst und in der Lüneburger Heide auf dem Campingplatz meiner Mutter die Vollmondnacht auf der Hollywoodschaukel (ohne Dach) verbracht. Obwohl aufgrund der Laternen keine völlige Dunkelheit herrschte und der Himmel auch nicht völlig wolkenfrei war, war es wieder unbeschreiblich. Der Blick in den bestirnten Himmel, der aus Milliarden Galaxien besteht, die wiederum aus Milliarden Sternen besteht, lässt ein Gefühl dafür entstehen, dass unsere Erde und die eigene Existenz so ziemlich das Unbedeutendste ist, was man sich vorstellen kann. Und das hat eine ungemein beruhigende Wirkung.

Und wie es so ist mit den Zufällen, habe ich gestern, als ich mir schon mal für 2013 einen Lyrikkalender gekauft habe, auf der letzten Seite genau das entdeckt, was meine Empfindungen beschreibt:

Ich sehe oft um Mitternacht,
Wenn ich mein Werk getan
Und niemand mehr im Hause wacht,
Die Stern' im Himmel an.

Sie gehn da, hin und her zerstreut
Als Lämmer auf der Flur;
In Rudeln auch, und aufgereiht
Wie Perlen an der Schnur;

Und funkeln alle weit und breit,
Und funkeln rein und schön;
Ich seh die große Herrlichkeit,
Und kann mich satt nicht sehn…

Dann saget, unterm Himmels-Zelt,
Mein Herz mir in der Brust:
„Es gibt was Bessers auf der Welt
Als all ihr Schmerz und Lust.“

Ich werf mich vor mein Lager hin
Und liege lange wach,
Und suche es in meinem Sinn,
Und sehne mich danach.

Matthias Claudius (1740 – 1815)