Samstag, 26. November 2011
Nach langer Zeit
Vor kurzem habe ich mich mit einem früheren Kollegen getroffen, den ich seit mittlerweile zwanzig Jahren nicht mehr gesehen habe. Wir waren damals beide auf befristeter Basis bei einem Beschäftigungsträger angestellt und unser Arbeitsort war das Arbeitsamt, wo ich Langzeitarbeitslose und er jugendliche Arbeitslose beraten haben. Im Gegensatz zu mir ist der Kollege der Sozialarbeit treu geblieben und arbeitet bei einem Fortbildungsträger.

Es ist schon merkwürdig, sich mit jemand nach so langer Zeit zu treffen. Eigentlich hätte man erwarten können, dass man sich irgendwie fremd ist. Dies war aber nicht der Fall. Im Grunde etwas, worüber man sich freuen könnte. Mich hat es aber eher nachdenklich gemacht. Denn mir ist schmerzhaft bewusst geworden, dass ich die Art Gespräch, wie ich sie an dem Abend geführt habe, schon seit langem nicht mehr erfahren habe. Wir konnten endlos über Reisen reden und für mich gibt es nichts Interessanteres, als sich über die Orte zu unterhalten, die man gemeinsam durch das Reisen kennengelernt hat. Es tut ungemein gut, die Faszination für fremde Kulturen mit jemandem zu teilen. Ich wurde ein wenig neidisch, als mein früherer Kollege von einem Sabbatjahr erzählte, in dem er gemeinsam mit seiner Frau Südamerika bereiste.

Zwanzig lange Jahre bieten auch die Möglichkeit eines Vergleichs der enormen gesellschaftlichen Veränderungen, mit denen wir beide in unserer Arbeit konfrontiert sind. Einen Vergleich, der auf praktischer Erfahrung jenseits jeglicher Theorie basiert. Dabei geht es dann nicht um das zweifelsfreie „richtig“ oder „falsch“, sondern um eine Bestandsaufnahme dessen, was sich in unserer Arbeit verändert hat.

Während ich immer der Meinung war, dass es außer mir niemanden mehr gibt, der eine Wohnung ohne Badezimmer bewohnt, wurde ich jetzt eines Besseren belehrt, denn mein früherer Kollege bewohnt mit seiner Frau ebenfalls eine Altbauwohnung ohne Bad und wir beide haben in der Küche eine sogenannte „Heimdusche“. Dadurch rutscht die Wohnung im Mietenspiegel in eine Kategorie, in der die Miete erheblich geringer ausfällt. Das wiederum erhöht das Budget für die Reisen oder für eine berufliche Auszeit. Und damit wären wir wieder beim Thema: was steht an erster Stelle im Leben? Das ist eine Frage, die immer nur höchst individuell beantwortet werden kann. Aber wie auch immer die Antwort ausfallen mag – es lebt sich leichter, wenn man nicht nur mit Menschen zu tun hat, deren Antwort völlig konträr zur eigenen ausfällt.

Und deswegen hat mich das Treffen nachdenklich gemacht. Gespräche über Reisen oder über Arbeitsinhalte sind selten geworden in meinem Leben. Genauso wie Menschen, die kein Problem mit dem Verzicht auf materielle Annehmlichkeiten haben.

Und ich träume. Von einem Sabbatjahr.



Donnerstag, 24. November 2011
Gibt es Contrarys unter uns?
Endlich habe ich einen Erklärungsansatz für das Phänomen gefunden, dass so mancher Betreiber einer Homepage sich völlig anders darstellt, als er tatsächlich ist. In meiner Erklärung muss ich dafür etwas ausholen:

Unter den nordamerikanischen Indianerstämmen gab es den kuriosen Typus des sogenannten „Contrary“. Gemeint ist damit jemand, der seine Verhaltensweisen in den genauen Gegensatz verkehrt und ausführt. Charakteristisch ist dabei eine ins Gegenteil verkehrte Sprache, bei der die tatsächliche Bedeutung umgekehrt, gewendet wird. Beispielsweise bedeutet diesem Prinzip zufolge "Nein" grundsätzlich "Ja" und "Guten Tag" bedeutet "Auf Wiedersehen!" Die verkehrte Sprache beinhaltete auch eine sogenannte „umgekehrte Reaktion“, das heißt, dass genau das Gegenteil von dem getan wird, was andere verlangen. Ruft zum Beispiel jemand, der nach dem Prinzip des Contrary handelt, "Komm näher“", so meint er jedoch, dass derjenige sich entfernen solle.

Und als ich dies las, fiel es mir schlagartig wie Schuppen von den Augen, dass es nicht nur unter den Cheyenne, Sioux oder Kiowa Menschen gibt, die das genaue Gegenteil von dem tun, was sie sagen – nein, auch mitten unter uns in unserer abendländischen zivilisierten Hightechgesellschaft ist dieser merkwürdige Typus in allen Bereichen präsent.

Und genauso wenig, wie man sich auf die Aussage eines Contrary verlassen sollte, genauso wenig sollte man sich auf Aussagen so mancher Websitebetreiber verlassen. Aber ist man erstmal mit dem Begriff des Contrary vertraut, dann hat man jetzt zumindest eine Richtlinie dafür, wie man mit den Contrarys unter uns umgehen sollte. Attribute wie „hochqualifiziert“ und „engagiert“ kann man jetzt getrost gemäß ihrem Antonym verwenden, was bedeutet, dass es sich um jemanden handelt, der mittelmäßig ist und Dienst nach Vorschrift macht.Und die Aussage eines Contrarys: „Für mich steht der Mensch im Mittelpunkt“ heißt nichts anderes, als dass es um alles Mögliche geht, aber ganz sicher nicht um den Menschen. Will man wissen, woran man wirklich ist, sollte man einfach die Contrary-Übersetzung anwenden.

P.S.: wer’s nicht glaubt, dass Contrarys tatsächlich existierten: der auf nordamerikanische Indianerkulturen spezialisierte Anthropologe Julian Steward hat die Rolle des „Contrary“ wissenschaftlich untersucht. Vielleicht haben auch manche von den Älteren unter uns schon mal Arthur Penns „Little big man“ angesehen, in dem ein Contrary sehr eindrucksvoll dargestellt wird.



Mittwoch, 16. November 2011
Grandes Dames
Vor ein paar Tagen habe ich mir nicht nehmen lassen, mir das Gespräch von Reinhold Beckmann mit Hildegard Hamm-Brücher (90) und Margarete Mitscherlich (94) anzusehen. Was ich bei beiden als sehr beeindruckend empfand, war die Bescheidenheit, mit der die beiden mit ihrem Lebenswerk umgingen.

Margarete Mitscherlich, mit Leib und Seele Psychoanalytikerin, hat auch im Alter von nunmehr 94 Jahren nicht aufgehört, immer wieder nach den Gründen für menschliches Handeln zu fragen. Das mag zuweilen etwas festgefahren wirken, aber was daran viel wichtiger ist, ist die Lust am Dazulernen. Sie spricht von dem Bedürfnis, des „Sich selbst Kennenlernens“ und beschreibt dies näher als eine Notwendigkeit, immer wieder nach der wahren Motivation des eigenen Handelns und der des Handelns anderer zu fragen.

Hildegard Hamm-Brücher, die ihr Leben der Politik gewidmet hat, formulierte ihren Wunsch nach einer stärkeren Emanzipation der Männer, da immer noch ein großer Teil der Verantwortung den Frauen aufgebürdet wird, wodurch diese wiederum nicht die Möglichkeit haben, sich in der Gesellschaft zu engagieren. Was mich daran so beeindruckte, ist die Tatsache, dass Hildegard Hamm-Brücher in ihrer eigenen Ehe keine klassische Rollenverteilung erlebt hat. Es ist äußerst selten, dass jemand seine private priviligierte Situation nicht generalisiert, sondern in der Lage ist, zu erkennen, dass viele Menschen in weitaus schwierigeren Verhältnissen leben. Und noch seltener ist es, dass jemand nicht in erster Linie für sich selbst, sondern auch für andere etwas verändern und verbessern möchte.

Es gab noch einen dritten Gast, die zweiundneunzigjährige Vera von Lehndorff, besser bekannt als Veruschka. Bis auf das Alter gab es auf den ersten Blick keine Verbindung mit den anderen beiden Frauen, denn Vera von Lehndorff war Fotomodell und hat erst sehr spät begonnen, etwas anderes zu machen, nämlich selbst zu fotografieren. Allerdings wurde der Bogen zu den anderen beiden Frauen dann durch die Schilderung ihrer Kindheit gespannt, denn Vera von Lehndorffs Vater wurde als Widerstandskämpfer hingerichtet, als sie vier Jahre alt war. Der Nationalsozialismus war immer wieder Thema bei dem Gespräch, denn Hildegard Hamm-Brüchner war im Dritten Reich aufgrund ihrer jüdischen Großmutter großen Schikanen ausgesetzt gewesen und konnte nur durch die Unterstützung von Freunden ihre Ausbildung machen. Margarete Mitscherlich hat in ihrem Buch „Die Unfähigkeit zu trauern“ mit den psychischen Folgen des Massenwahns befasst.

Am Ende der Sendung war ich tief beeindruckt von diesen Frauen, die auch im Alter von über neunzig Jahren noch den Wunsch nach Veränderung und geistiger Bewegung haben. Alle drei Frauen bilden einen lebendigen Gegenpol zu dem verbreiteten Modell des Stillstands.

Bemerkenswert empfand ich den Satz von Margarete Mitscherlich, die beschrieb, dass sie morgens nach dem Aufwachen erstmal im Bett läge und nachdenken würde. „Man kann mit seinem Gehirn ganz gut diskutieren – fasst sie dies zusammen. Wie viele Menschen können dies wohl tatsächlich? Und wie viele Menschen wollen dies überhaupt können? Ganz sicher nicht allzu viele. Und ich kann es einfach nicht verhindern, dass mir wieder einmal die vielen kleinen Bürodamen einfallen, die schon dem allerersten Denkvorgang konsequent einen Riegel vorschieben mit ihrem lautstarken Hinweis auf „ihren Arbeitsauftrag“ oder auf die vehement verteidigte Lukrativität und die im Gegensatz zu Hildegard Hamm-Brücher und Margarete Mitscherlich keine Gelegenheit auslassen, sich selbst als hochqualifiziert und hochengagiert zu loben.

Vielleicht sind Denkerinnern eine aussterbende Spezies. Und sei’s drum – es war ein Genuss, gleich drei so interessanten Frauen zuzuhören.