Ist ein schlechter Witz trotzdem ein Witz?
Wir verkloppen jeden Juden. Ab jetzt ist es Hardcore, du Opfer.
Mit dem Schwanz in der Hand, steh ich vor dir, du Neger. Mit der rechten wird’ ich wichsen, mit der linken dich schlagen. .
Da hat sich natürlich ein kleiner Fehler eingeschlichen. Keine Panik, alles im grünen Bereich, denn Bushido hat ja nur „Schwuchteln“ und nicht „Juden“ gesungen; nur „Bitch“ und nicht „Neger“. Es gibt also gar keinen Grund zu Aufregung.
Es gab immer eine Hierarchie und es wird immer eine Hierarchie geben, wenn es um den Kampf gegen Diskriminierung, Hetze und Gewalt geht. Geht es „nur“ um Frauen, dann wird schon mal ein Auge zugedrückt. Nicht, dass es im Selbstverständnis der sich als-ach-so-kritisch und ach-so-engagierten linken Männer keinen Platz für die Problematik der Gewalt gegen Frauen geben würde. Nein, natürlich hat jeder schon mal todesmutig Front gegen Frauendiskriminierung gemacht und hat natürlich auch die obligatorischen Bücher – Schwarzer, Beauvoir, Millet – im Bücherregal stehen. Aber natürlich kann man das nicht vergleichen mit der Diskriminierung von Ausländern oder anderen Randgruppen. Und irgendwie muss man ja auch mal sehen, dass das eine privat und das andere eben gesellschaftlich ist.
Man sollte ihm nicht so viel Aufmerksamkeit widmen, diesem Mann, der ständig von seiner Mama spricht und dem man beileibe nicht anmerkt, dass er angeblich kurz vor dem Abitur stand. Im Grunde könnte man auch darüber lachen, dass jemand, dessen Texte grottenschlecht sind, einen Beitrag zur Integration geleistet haben soll. Entsprechend dem urkapitalistischen Grundsatz, dass alles, was sich gut verkauft, auch gut sein muss, hat man kommerziellen Erfolg mit Qualität gleichgesetzt. Und weil Bushido ein „Mensch mit Migrationshintergrund" ist, ist sein kommerzieller Erfolg mit Integration gleichgesetzt worden. Er hätte im Grunde auch genauso gut weiter mit Drogen dealen können und – vorausgesetzt er hätte dadurch Reichtum erlangt – dies wäre dann auch ein Beispiel für gelungene Integration gelobt worden.
Aber da ich am Anfang so gemein zwei Schimpfwörter einfach gegen zwei andere Schimpfwörter ausgetauscht habe, hier ein Originalauszug eines Interviews mit unserem Integrationsspezialisten:
Jeder weiß, dass man mich über meine Mutter auf jeden Fall provozieren kann. Und ich hab halt keinen Bock, dass ich dann halt mit Alice Schwarzer da sitze und sie merkt dann, ich krieg den halt nicht über die Macho-Schiene und auf einmal sagt sie: „Wie waren denn die Titten damals von deiner Mutter, als du als kleiner Junge dran gesaugt hast?“ So, das wäre dann ein Punkt gewesen, da hätte ich ihr gesagt: „Weißt du was, ganz ehrlich, fick dich ins Knie du Fotze!“ so. Hätt’ ich auch so gesagt, ja klar, das wär’ dann auch’n Punkt, wo ich dann nicht drauf achte, nach Motto hey, lass uns jetzt gut miteinander reden, denn wenn dieser Punkt eintritt, dann gibt’s nix mehr von wegen Zeiten ändern dich und reif und überlegt und entspannt dann sag ich ihr ganz ehrlich: „Fick dich ins Knie!“
Eines sollte man noch anmerken: Bushido hat in seiner Rede anlässlich der Bambi-Verleihung gesagt, dass sich Menschen ändern und er heute nicht mehr die gleichen Dinge sagen würde wie vor zehn Jahren. Das vorab zitierte Interview gab er anlässlich seines Films im vergangenen Jahr – wahrscheinlich muss man jetzt noch neun Jahre warten, ehe er uns nicht mehr mit seinen geistreichen „Fick dich ins Knie“ Kommentaren beglückt. Zeiten ändern sich, das mag wohl sein. Aber Bushido nicht.
Einen Echo, einen MTV-Avard, ein Bambi – kommt als nächstes das Bundesverdienstkreuz? Oder vielleicht doch lieber der Friedensnobelpreis?
Was an Nathan so weise ist
Vor kurzem habe ich in einem jüdischen Lesebuch die wunderbare Ringparabel aus Lessings „Nathan der Weise gelesen“. In der Parabel wird Nathan der Weise danach gefragt, welche monotheistische Religion er für die wahre halte. Er beantwortet dies mit einer Geschichte von einem Ring, dem die Eigenschaft zugesprochen wird, seinen Träger bei anderen Menschen beliebt und erfolgreich zu machen und der von dem Vater an den jeweils meistgeliebten Sohn vererbt wird. Irgendwann gibt es aber nicht nur den einen Ring, sondern auch zwei Imitate, die zusammen mit dem echten an drei Söhne vererbt werden. Diese befragen einen Richter danach, wie man herausbekommen könnte, welcher Ring der echte wäre. Der Richter beantwortet dies mit dem Ratschlag an die Söhne, die Ringe einfach zu tragen und dann zu sehen, bei welchem sich die Wirkung des Geliebtwerdens und des Erfolgs einstellen.
Es gibt mehrere Interpretationen dieser Parabel, in denen die verschiedenen Aspekte, wie z.B. die Gleichrangigkeit der Religionen oder die Betonung des Eigenbemühens als die eigentliche Botschaft angesehen werden. Für mich persönlich enthält die Ringparabel die Botschaft, dass man etwas nicht daran erkennen und bemessen kann, wie es präsentiert wird, sondern einzig daran, was es aus dem Menschen macht. Oder anders ausgedrückt – man sollte Überzeugungen nicht nach ihrer Theorie bewerten, sondern nach ihren Resultaten, das heißt, danach, was sie aus den Menschen machen. Eine falsche Überzeugung ist somit erkennbar an ihrer nicht vorhandenen Wirkung:
Doch halt! Ich höre ja, der rechte Ring besitzt die Wunderkraft beliebt zu machen; vor Gott und Menschen angenehm. Das muss entscheiden! Denn die falschen Ringe werden doch das nicht können!
Den Ring, dem die die Eigenschaft zugesprochen wird, beliebt zu machen, kann man durchaus mit einer Religion vergleichen, von der gesagt wird, dass sie der Menschheit durch das Gebot der Nächstenliebe Frieden bringt. Hört sich gut an. Aber wenn dann trotz des Gebots der Nächstenliebe Kriege geführt werden und Menschen hingerichtet werden, dann bleiben ihre Inhalte bloßes Wunschdenken.
Oder man vergleicht den Ring mit einer Religion, die verspricht, dass man, wenn man ausschließlich an ihren Gott glaubt und alle ihre Gebote strengstens befolgt, sich auf dem direkten Weg ins Paradies befindet. Wenn dann aber die Anhänger dieser Religion ihr ganzes Leben haßerfüllt dem Krieg gegen andere widmen und dabei alles andere auf der Strecke bleibt, hat sich die Verheißung der Religion als fasch erwiesen.
Man könnte den Ring auch mit einer Religion vergleichen, die die meint, die Lösung aller menschlichen Probleme in der Entsagung aller Leidenschaften und allem Anhaften gefunden zu haben. Wenn dies aber zur Folge hat, seelenruhig zuzusehen, wie Menschen hungern und unter erbärmlichen Zuständen leben, wirft dies Zweifel auf.
Für mich stellt die Ringparabel auch eine Absage an den Absolutheitsanspruch dar. Die Frage nach der „richtigen“ Religion ist ja nichts anderes als die Frage danach, welche Religion denn nun die absolute Wahrheit verkörpert. Wobei – und das ist mir überaus wichtig – Religion auch durch politische Überzeugung ersetzt werden kann. Und da gibt es eben nicht die ersehnte Antwort, sondern nur den Rat, abzuwarten. Die Zeit wird dann zeigen, wer auf dem richtigen Weg sei:
Es strebe jeder von euch um die Wette, die Kraft des Steins in seinem Ring’ an Tag zu legen!
Nathan der Weise lehnt es nicht nur ab, die gewünschte Antwort zu geben, sondern er verweist auch darauf, dass der Ring seine Wirkung nicht ohne das Zutun seines Trägers entfalten kann. Eigentlich ist somit der Ring nicht das Entscheidende, sondern der Träger.
Und wenn sich dann der Steine Kräfte bei euren Kindes-Kindeskindern äußern: so lad’ ich über tausend tausend Jahre, sie wiederum vor diesen Stuhl. Da wird ein weiserer Mann auf diesem Stuhle sitzen, als ich; und sprechen.
Ich glaube, dies ist das Entscheidende an wirklicher Weisheit: sie ist sich ihres Nichtwissens bewusst. Der Begrenztheit des menschlichen Horizonts und des Unvermögens, die Frage nach der Wahrheit zu beantworten. Ganz anders die Ideologie, die vorgibt, genau und unwiderlegbar die Wahrheit zu kennen. Die stets davon ausgeht, dass nur sie allein das Richtige erkannt hat und alle anderen irren.
Eigentlich hätte Nathan der Weise auch der Nathan der Bescheidene heißen können. Schade, dass wir so wenige Weise wie Nathan haben und stattdessen mit Ideologen vorlieb nehmen müssen.
behrens am 04. November 11
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Wir sind alle Borgias
Bis jetzt habe ich durchgehalten und mir die ZDF-Serie über Papst Alexander VI angesehen. Wie erwartet, ist die Serie ziemlich reißerisch und hat wahrscheinlich auch so manches zu den historischen Fakten hinzugedichtet. Dennoch finde ich die Serie spannend. Allerdings ist es manchmal kaum erträglich, dieses Gemisch aus Intrigen, Machtgier, Heuchelei und Brutalität mit anzusehen. Ich frage mich dann, ob das wirklich alles nichts mehr mit uns in unserer heutigen Zeit zu tun hat. Nepotismus – besser bekannt als Vetternwirtschaft – das Versorgen aller Verwandten mit Posten und Pöstchen, ob nun eine Eignung dafür vorliegt oder nicht. Selbst die größte Niete kann hoch hinauskommen, vorausgesetzt sie trägt die gleichen Gene. Das, was diesem Prinzip zugrunde liegt, ist eine Grundhaltung, in der ein rigoroser Unterschied gemacht wird zwischen fremden Menschen und Menschen, die zur Familie gehören. Der Mensch fängt erst an, als menschliches Wesen zu zählen, wenn Blutsbande verbinden. Diese Haltung scheint die Jahrhunderte überdauert zu haben.
Was außerdem so charakteristisch für diese Haltung ist, ist die Spaltung in zweierlei Recht und zweierlei Pflicht. Das Recht, das für einen Borgia und seine Blutsverwandten galt, unterschied sich erheblich von dem anderer Menschen. Und die für die ganze Menschheit als zwingend geltenden Pflichten galten noch lange nicht für den Clan der Borgia. Die Gleichheit vor dem Gesetz ist ein Prinzip, für das noch immer hart gekämpft werden muss. Und unabhängig von dem gesellschaftlichen Überbau gibt es die jeweils individuelle Ebene der Gleichheit. Und da sind vielleicht mehr Borgias unter uns als man glauben möchte.
Gewiss, ein Individuum kann sich nur begrenzt um andere kümmern und kann nicht für alle da sein, die Hilfe bedürfen. Aber es stellt einen erheblichen Unterschied dar, ob von vorneherein völlig unterschiedliche Maßstäbe für Familienmitglieder und für Nichtfamilienmitglieder angelegt werden. Dadurch entsteht ein Zweiklassensystem, das sich nicht an den gesellschaftlichen Klassen orientiert, sondern an dem archaischen Bund der Blutsbande. Überwunden haben das vielleicht manche. Aber
manche eben auch nicht. Und deswegen ist die Serie über die Borgias leider keine reine Geschichtsstudie, sondern findet so manche Entsprechung in der Gegenwart.
Edit/Nachtrag
Sehr interessant war eine im Anschluss an den zweiten Teil der Serie gesendete Dokumentation über die Borgias. Es kam auch ein Nachfahre – in der 18. Generation! – zu Wort. Und obwohl dieser keinen ungebildeten Eindruck machte (ich glaube er war sogar Historiker), war er felsenfest davon überzeugt, dass bei den Berichten über die Borgias viel verfälscht wurde. Er war sich völlig sicher, dass irgendwann die geschichtlichen Nachforschungen ergeben werden, dass die Gesellschaft Papst Alexander VI viel verdankt!
Was das sein mag, erläuterte der Ur-Ur-Enkel leider nicht. Vielleicht meinte er die vielen Gemälde und Skulpturen, die den Papstpalast dekorieren? Mir ist es schleierhaft, wie man einfach ausblenden kann, dass jemand, der fast alle Gesetze und Vorschriften ignorierte und bei allem Tun in erster Linie immer nur die Protektion seiner Familie im Kopf hatte, damit irgend etwas für die Allgemeinheit geschaffen haben soll. Der Ur-Ur-Enkel setzt da das Familienwohl mit dem Allgemeinwohl gleich. Und macht damit genau das deutlich, worum es beim Nepotismus geht: um riesige Scheuklappen, die es verhindern, dass man überhaupt noch in der Lage ist, Familienwohl und Allgemeinwohl zu unterscheiden.
behrens am 21. Oktober 11
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