Sonntag, 26. Juni 2011
Heimat
Und tatsächlich gibt es ein Gedicht über die Gegend, die ich meine Heimat nenne. Viele Gegenden und Landstriche sind schöner und spektakulärer. Aber Heimat entzieht sich den objektiven Kriterien. Und es ist berührend, wie jemand liebevoll und zugleich auch mit einem Anflug von Bitterkeit über die Heimat schreibt:

Von Karin Kiwus (geb. 1942):

Lange bin ich nicht mehr
wie früher im Dezember
im Alten Land
die Feldwege entlanggekommen an Backsteingehöften
hinter braunen Kanälen hinter niedrigen
splitternden Zäunen und runden Rhododendronbüschen

Die ziehende Wärme aus den Fenstern
nach außen geöffnete Flügel verhakt
im Wind die milchigen Gardinen
weich gerafft über dem Efeu im Topf
den Alpenveilchen und den Begonien

Die gelben Äpfel an unbelaubten Bäumen
die Wäscheleinen in den Gärten
das Brombeergestrüpp und der zertretene Kohl
das graue Gerümpel vor dem Schuppen
und scharrende Tiere am Verschlag

Die nackte Luft zwischen den Deichen
der blanke Ausblick über die Ebenen
scharf wie eine Kaltnadelradierung
weitwinklig bis zum Meer
die flache Sönne klirrend unter den Fußsohlen
und die Hände fühllos fremd wie Prothesen

Die Nachmittage waren voll
selbstverständlicher Versprechen
der Himmel schneehell
wie eine Märzbecherwiese
und die Zukunft dahinter
ein sicherer Schimmer über dem Tau
so leicht und groß und griffbereit



Donnerstag, 23. Juni 2011
Wie so oft zeigt sich hier, dass jemand, wenn er über etwas redet, das er nicht wirklich kennt und von dem er vielleicht auch wenig Ahnung hat, er meist nicht über die Sache spricht, sondern viel mehr etwas über sich selbst aussagt.

Wunibald Müller (geb. 1950)

Das ist es wohl, was die menschliche Kommunikation so unerträglich macht. Gleichzeitig gibt der Ausspruch den Hinweis darauf, was unerlässlich ist, wenn man wahrhaft kommunizieren will: man muss sich die Mühe machen, etwas zu ergründen, bevor man sich dazu äußert. Man muss wirkliches Interesse haben am Anderen. Interesse daran, vorgefertigte Bilder immer wieder zu korrigieren. Und man kommt auch nicht umhin, sich über sich selbst Gedanken zu machen. Über die Gründe für Abneigungen, Ängste und Unsicherheiten. Nicht immer einfach. Andere Menschen können dabei hilfreich sein und ich habe solche Menschen gefunden. Aber dennoch ist es auch viel schwieriger, als ich es mir wünsche. Denn im Grunde brauche ich meine Helfer jeden Tag und nicht nur für ein paar Wochenenden im Jahr.

Kehrt man Wunnibald Müllers Ausspruch um ins Positive und ersetzt „Sache“ durch „Mensch“, dann lautet er ungefähr so:

Wie so oft zeigt sich hier, dass jemand, wenn er über jemanden redet, den er wirklich kennt und von dem er vielleicht viel weiß, er etwas über diesen Menschen aussagt und nichts über sich selbst.

Das ist dann die Form der Kommunikation, in der das Gegenüber Subjekt ist und nicht zum Objekt degradiert wird. Die Kommunikation, wie sie von Martin Buber als dialogisches Prinzip zwischen "Ich und Du" beschrieben wird. Derjenige, der sich nicht die Mühe macht, sein Gegenüber kennenzulernen, wird immer auf sich selbst bezogen kommunizieren. Wir erfahren dann viel über die Projektionen desjenigen. Das war's dann aber auch schon. Wirkliche Interaktion findet nicht statt. Und ein Lernprozess erst Recht nicht.



Sonntag, 5. Juni 2011
Schubladen – sind wir alle Teelöffel und Socken?
Manchmal findet man sich ehe man sich versieht, in einer Schublade wieder. Schubladen gibt es viele: Politische Gesinnung, Hautfarbe, Nationalität, Alter, Geschlecht, religiöse Überzeugung, äußere Attraktivität, gesellschaftlicher Status, Musikgeschmack – die Kategorien sind schier unerschöpflich.

Diese Schubladen haben die gleiche Funktion, wie die Schubladen im Wohnzimmerbuffet oder im Schreibtisch – man findet sich besser zurecht. Man muss nicht immer erst lange nachdenken, bis man fündig wird, sondern man hat schnell das parat, was man braucht.

Was allerdings einen gravierenden Unterschied zu den Kategorie-Schubladen der menschlichen Eigenschaften darstellt, ist der Umstand, dass die menschlichen Eigenschaften und Überzeugungen ungleich vielfältiger sind und sich zeitgleich in verschiedenen Schubladen befinden können. Während die Socken oder die Teelöffel sich tatsächlich nur in der jeweils ein- und derselben Schublade befinden können, ist ein Mensch infolge seiner vielfältigen Eigenschaften nicht auf eine einzige Schublade reduzierbar.

Ich habe vor einiger Zeit in der Diskussion zu einem Beitrag meine Einstellung zu Glaubensfragen geäußert. Eigentlich hätte ich es besser wissen müssen und dies Thema tunlichst vermeiden sollen. Mir ist aus Studienzeiten noch gut in Erinnerung, wie leicht man deswegen in einer Schublade landen kann. Da konnte es schon mal passieren, dass man als „reaktionäre Sau“ bezeichnet wurde oder schlichtweg nur das Attribut „dämlich“ zuerkannt bekam. Bestenfalls wurde man in die Schublade derer befördert, mit denen man Geduld haben muss, bis sie endlich „soweit sind“ – was immer das heißen mochte.

Das verhängnisvolle an den Schubladen ist die abenteuerliche Art, wie kausale Verbindungen hergestellt werden. Die Schublade „religiös“ beeinflusst sofort entscheidend die Bewertung all dessen, was es sonst noch an Überzeugungen oder Meinungen gibt. Als ich mich in einem anderen Beitrag kritisch zu der Entwicklung äußerte, die die sogenannte sexuelle Revolution genommen hat, wurde dies prompt in die Schublade der überholten Moralvorstellungen eingeordnet und zur Sicherheit auch noch in die Schublade derer, die für alle Fehlentwicklungen ausnahmslos die 68er verantwortlich machen. Zu guter Letzt wird man gleich noch in die Schulblade der im Altenheim Befindlichen verfrachtet.

Das, worum es mir eigentlich geht bei meiner Kritik an der Entwicklung, die die sexuelle Revolution mittlerweile genommen hat, ging bei alledem völlig unter. Um die unselige Allianz einer mächtigen Medienmaschinerie mit einer gigantischen Vermarktungsindustrie, die beide suggerieren, dass der Garant für eine erfüllte Sexualität einzig und allein im Brechen von Tabus besteht – darum ging’s mir eigentlich. Und diese Ansicht vertreten beileibe nicht nur Menschen, die gläubig, religiös oder was-weiß-ich sind, sondern auch Menschen, die mit Glauben oder Religion nicht das Geringste am Hut haben.

Ja, so ist das mit den Schubladen. Mal abgesehen davon, dass mit dem Begriff „religiös“ Strömungen mit einer Bandbreite zusammengefasst werden, die von Kreationisten bis zur Theologie der Befreiung und von Vorsokratikern bis zu Stämmen balinesischer Animisten reichen, ist es fraglich, welchen Nutzen die Schubladen haben.

Aber vielleicht sind die Schubladen ja tatsächlich unerlässlich, auch wenn sich mir nicht erschließt wofür. In diesem Fall ist eines zumindest tröstlich: Wenn ich mich in meiner Schublade umsehe, befinde ich mich in hervorragender Gesellschaft. Der von mir verehrte Rainer-Maria Rilke, der von mir bewunderte Mahatma Gandhi, mein Jugendidol Hermann Hesse, Nelly Sachs und so viele andere, dass man gar nicht alle Namen nennen kann. Auf einige meiner Freunde und auf fast alle Mitglieder meiner Familie muss ich leider verzichten, die befinden sich der Schublade der Kategorie „nicht religiös“.

Ja, so ist das mit den Schubladen. Alles hat seine Ordnung. Teelöffel gehören nicht zu den Socken. Und religiöse Menschen nicht zu den nichtreligiösen. Und vor allem - man hat alles gleich parat und verschwendet keine Zeit mit unnötigem Suchen.