Und tatsächlich gibt es ein Gedicht über die Gegend, die ich meine Heimat nenne. Viele Gegenden und Landstriche sind schöner und spektakulärer. Aber Heimat entzieht sich den objektiven Kriterien. Und es ist berührend, wie jemand liebevoll und zugleich auch mit einem Anflug von Bitterkeit über die Heimat schreibt:
Von Karin Kiwus (geb. 1942):
Lange bin ich nicht mehr
wie früher im Dezember
im Alten Land
die Feldwege entlanggekommen an Backsteingehöften
hinter braunen Kanälen hinter niedrigen
splitternden Zäunen und runden Rhododendronbüschen
Die ziehende Wärme aus den Fenstern
nach außen geöffnete Flügel verhakt
im Wind die milchigen Gardinen
weich gerafft über dem Efeu im Topf
den Alpenveilchen und den Begonien
Die gelben Äpfel an unbelaubten Bäumen
die Wäscheleinen in den Gärten
das Brombeergestrüpp und der zertretene Kohl
das graue Gerümpel vor dem Schuppen
und scharrende Tiere am Verschlag
Die nackte Luft zwischen den Deichen
der blanke Ausblick über die Ebenen
scharf wie eine Kaltnadelradierung
weitwinklig bis zum Meer
die flache Sönne klirrend unter den Fußsohlen
und die Hände fühllos fremd wie Prothesen
Die Nachmittage waren voll
selbstverständlicher Versprechen
der Himmel schneehell
wie eine Märzbecherwiese
und die Zukunft dahinter
ein sicherer Schimmer über dem Tau
so leicht und groß und griffbereit

Manchmal findet man sich ehe man sich versieht, in einer Schublade wieder. Schubladen gibt es viele: Politische Gesinnung, Hautfarbe, Nationalität, Alter, Geschlecht, religiöse Überzeugung, äußere Attraktivität, gesellschaftlicher Status, Musikgeschmack – die Kategorien sind schier unerschöpflich.
Diese Schubladen haben die gleiche Funktion, wie die Schubladen im Wohnzimmerbuffet oder im Schreibtisch – man findet sich besser zurecht. Man muss nicht immer erst lange nachdenken, bis man fündig wird, sondern man hat schnell das parat, was man braucht.
Was allerdings einen gravierenden Unterschied zu den Kategorie-Schubladen der menschlichen Eigenschaften darstellt, ist der Umstand, dass die menschlichen Eigenschaften und Überzeugungen ungleich vielfältiger sind und sich zeitgleich in verschiedenen Schubladen befinden können. Während die Socken oder die Teelöffel sich tatsächlich nur in der jeweils ein- und derselben Schublade befinden können, ist ein Mensch infolge seiner vielfältigen Eigenschaften nicht auf eine einzige Schublade reduzierbar.
Ich habe vor einiger Zeit in der Diskussion zu einem
Beitrag meine Einstellung zu Glaubensfragen geäußert. Eigentlich hätte ich es besser wissen müssen und dies Thema tunlichst vermeiden sollen. Mir ist aus Studienzeiten noch gut in Erinnerung, wie leicht man deswegen in einer Schublade landen kann. Da konnte es schon mal passieren, dass man als „reaktionäre Sau“ bezeichnet wurde oder schlichtweg nur das Attribut „dämlich“ zuerkannt bekam. Bestenfalls wurde man in die Schublade derer befördert, mit denen man Geduld haben muss, bis sie endlich „soweit sind“ – was immer das heißen mochte.
Das verhängnisvolle an den Schubladen ist die abenteuerliche Art, wie kausale Verbindungen hergestellt werden. Die Schublade „religiös“ beeinflusst sofort entscheidend die Bewertung all dessen, was es sonst noch an Überzeugungen oder Meinungen gibt. Als ich mich in einem
anderen Beitrag kritisch zu der Entwicklung äußerte, die die sogenannte sexuelle Revolution genommen hat, wurde dies prompt in die Schublade der überholten Moralvorstellungen eingeordnet und zur Sicherheit auch noch in die Schublade derer, die für alle Fehlentwicklungen ausnahmslos die 68er verantwortlich machen. Zu guter Letzt wird man gleich noch in die Schulblade der im Altenheim Befindlichen verfrachtet.
Das, worum es mir eigentlich geht bei meiner Kritik an der Entwicklung, die die sexuelle Revolution mittlerweile genommen hat, ging bei alledem völlig unter. Um die unselige Allianz einer mächtigen Medienmaschinerie mit einer gigantischen Vermarktungsindustrie, die beide suggerieren, dass der Garant für eine erfüllte Sexualität einzig und allein im Brechen von Tabus besteht – darum ging’s mir eigentlich. Und diese Ansicht vertreten beileibe nicht nur Menschen, die gläubig, religiös oder was-weiß-ich sind, sondern auch Menschen, die mit Glauben oder Religion nicht das Geringste am Hut haben.
Ja, so ist das mit den Schubladen. Mal abgesehen davon, dass mit dem Begriff „religiös“ Strömungen mit einer Bandbreite zusammengefasst werden, die von Kreationisten bis zur Theologie der Befreiung und von Vorsokratikern bis zu Stämmen balinesischer Animisten reichen, ist es fraglich, welchen Nutzen die Schubladen haben.
Aber vielleicht sind die Schubladen ja tatsächlich unerlässlich, auch wenn sich mir nicht erschließt wofür. In diesem Fall ist eines zumindest tröstlich: Wenn ich mich in meiner Schublade umsehe, befinde ich mich in hervorragender Gesellschaft. Der von mir verehrte Rainer-Maria Rilke, der von mir bewunderte Mahatma Gandhi, mein Jugendidol Hermann Hesse, Nelly Sachs und so viele andere, dass man gar nicht alle Namen nennen kann. Auf einige meiner Freunde und auf fast alle Mitglieder meiner Familie muss ich leider verzichten, die befinden sich der Schublade der Kategorie „nicht religiös“.
Ja, so ist das mit den Schubladen. Alles hat seine Ordnung. Teelöffel gehören nicht zu den Socken. Und religiöse Menschen nicht zu den nichtreligiösen. Und vor allem - man hat alles gleich parat und verschwendet keine Zeit mit unnötigem Suchen.