Samstag, 13. November 2010
Potemkinsche Dörfer
Nein, ich mag sie nicht – die potemkinschen Dörfer.
Diese Dörfer, in denen niemand wohnen kann.

Die nur dem Blick aus der Ferne standhalten
Und beim näheren Hinsehen als Lüge entpuppen.

Wer nur vorbeifährt, findet sie schön.
Wer anhält, ist entsetzt.

Aber manche halten gar nicht an.
Weil ihnen der Blick aus der Ferne reicht.

Nicht weil man nicht drin wohnen kann.
sind diese Dörfer so gefährlich.

Das große Unglück besteht darin,
dass keine wirklichen Dörfer mehr gebaut werden.

Potemkinsche Dörfer nutzen niemandem.
Nur ihrem Erbauer.

Reißt sie endlich ab, die potemkinschen Dörfer.
Damit die Menschen Obdach finden.

Nein, ich mag sie nicht – die potemkinschen Dörfer.
Und ihren Erbauer noch viel weniger.



Montag, 8. November 2010
Homo homini lupus
Der Homo oeconomicus sieht in jedem sich selber. Er leugnet die Artenvielfalt und wähnt sich überall und immer unter gleichen. Sein ständiger Begleiter ist die Angst, von anderen so behandelt zu werden, wie er selbst andere behandelt.

Der Homo oeconomicus wittert Betrug auch da, wo keiner ist. Der Homo oeconomicus ist entweder auf Nahrungssuche oder aber auf der Lauer vor Konkurrenten von denen er sich umzingelt fühlt. Oder aber er verteidigt sein Territorium, das ihm nie groß genug ist. Er faucht und knurrt und fährt die Krallen aus, wenn er sich bedroht fühlt – und das fühlt er sich fast immer. Man kann sich ihm nur unterwerfen oder flüchten.

Der Homo oeconomicus und der Mensch – das wird nie passen. Und einer von beiden muss verschwinden. Den wird man dann allenfalls noch im Zoo besichtigen können. Als Erinnerung an unsere menschlichen Wurzeln.

Der Mensch ist dem Mensch ein Wolf – das war nur der Anfang. Bald werden wir es mit dem Lupus oeconomicus zu tun haben und uns nach den Wölfen zurücksehnen.



Sonntag, 7. November 2010
Manchmal irren auch große Dichter
Es bleibt einem jeden immer noch so viel Kraft, das auszuführen, wovon er überzeugt ist.
Johann Wolfgang von Goethe (1749-1832)

Schön wär’s ja, aber leider ist das in der Realität nicht immer so.

In meiner Tageszeitung gibt es einen täglichen Aphorismus, und manche davon schreibe ich auf. So auch diesen hier. Obwohl der eigentlich gar nicht zutrifft.

Überzeugungen können schwinden. Oder sich langsam aufreiben. Die Ursachen hierfür sind vielfältig. Vielleicht resigniert der Mensch einfach irgendwann, wenn sich nie Erfolg einstellt. Vielleicht weiß man irgendwann einfach nicht mehr genau, wovon man eigentlich überzeugt ist. Oder zweifelt daran, ob der Aufwand lohnt.

Es gibt sicherlich Überzeugungen, für die die Kraft nie ausgeht. Wenn jemand überzeugt ist davon, einmal viel Geld zu verdienen. Oder wenn jemand davon überzeugt ist, seinen Vorteil durchzusetzen. Oder davon, sich durchzuboxen. Oder sich jedem und allem anzupassen. Dann ist der natürliche Egoismus die Kraftquelle. Und die ist somit unerschöpflich.

Bei Überzeugungen ideeller Art ist es aber schwieriger. Wer überzeugt davon ist, dass man gegen Ungerechtigkeit kämpfen sollte, braucht dafür viel Kraft. Und einen langen Atem. Aber manchmal geht die Puste aus. Man wird müde und muss sich ausruhen.

Manchmal braucht man auch eine Schulter, an die man sich lehnen kann. Aber Schultern werden seltener. Und selbst wenn sich doch eine findet, reicht auch das irgendwann nicht mehr. Und deswegen stimmt es nicht, was Goethe schreibt. Manchmal bleibt einfach nicht mehr genug Kraft, um das auszuführen, wovon man überzeugt ist. Der Mensch ist kein Pepetuum mobile und funktioniert nicht einfach aus sich heraus.