Sonntag, 2. Mai 2010
Lichtblicke
Vor einiger Zeit habe ich auf einem anderen Blog einen Beitrag gelesen, in dem Frage gestellt wurde, wann man sich denn eigentlich das letzte Mal so richtig gefreut hat.

Das ist bei mir schon Urzeiten her. Aber Freitag passierte allerdings etwas, was mir das gute alte Gefühl des Freuens wird ins Gedächtnis rief. Ich war abends auf dem Weg von meinem Büro zum Bus, als ich einen Menschenauflauf sah. Als ich näher kam, sah ich, wie zwei Männer sich lauthals stritten und kurz vor einer Prügelei standen. Dies ist eine Situation, vor der ich mich immer sehr fürchte, denn ich frage mich immer, ob ich den Mut hätte, einzugreifen. Bei den Männern handelte es sich um einen jüngeren und einen älteren, beide waren anscheinend sehr alkoholisiert und eine – ebenfalls alkoholisierte – Frau versuchte, die beiden auseinander zu halten. Als der jüngere den älteren ohrfeigte, überwandt ich mein Angst und griff ein. Und wider Erwarten hatte dies tatsächlich Erfolg, denn der Schläger zog von dannen.

Worüber ich mich freue? Darüber, dass ich mich nicht von meiner Angst habe einschüchtern lassen. Ich hätte sicher nicht eingegriffen, wenn zwei Zuhälter mit Messern aufeinander losgegangen wären. Aber dennoch bin ich froh mich getraut zu haben, denn wenn ich nichts gemacht hätte, wäre mir mit Sicherheit das halbe Wochenende verdorben gewesen.

Und während ich dann mit dem lange vermissten Gefühl des Freuens nach Hause fuhr, fielen mir dann auch noch mehr Dinge ein, über die ich mich gefreut hatte. Emails, in denen es intensiven Austausch gab oder Zustimmung zu den Dingen, für die ich eintrete. Unterstützung, die mir von anderen gegeben wird und die man so dringend braucht, damit man den Mut nicht verliert, sich nicht allem und jedem zu beugen.

Also, wenn ich resümiere, dann kommen dabei so manche Lichtblicke heraus. Lichtblicke sind – wie der Name schon aussagt – nur Blicke und noch nicht das Licht selbst. Aber mehrere dieser Lichtblicke können einen dunklen Tunnel erhellen.



Dienstag, 27. April 2010
Benjamin Stein: Die Leinwand – ein Roman des Zweifelns
Normalerweise lese ich Bücher sehr langsam und lege sie oftmals angelesen für Monate beiseite um sie dann später wieder weiter zu lesen, denn ich habe schon seit längerem eine Art Lesehemmung. Aber am Wochenende war es anders. „Die Leinwand“ von Benjamin Stein habe ich an knapp zwei Tagen durchgelesen.

Ein sehr ungewöhnliches Buch. Es gibt zwei verschiedene Erzählungen, die man von beiden Seiten zu lesen beginnen kann. In der Mitte treffen sich die beiden Erzählungen. Das Buch lässt den Leser eintauchen in die jüdische Welt und man erfährt viel über jüdische Bräuche und jüdische Mystik. Es gibt zwei jüdische Protagonisten, deren Lebenswege sich irgendwann kreuzen. Beide lieben Bücher und beide sind in ihrer Jugend durch Reglementierungen daran gehindert worden, sich ihren Lesestoff frei zu wählen.

Am Ende sind dem Leser einige Dinge klar, aber viele Fragen bleiben offen. Es geht in dem Buch in erster Linie um die Unzuverlässigkeit und die Subjektivität unserer Erinnerungen. Während die erste Hauptfigur, der Arzt Amnon Zichroni, die außergewöhnliche Gabe besitzt, die Erinnerungen anderer Menschen mitzuerleben, leidet Jan Wechsler, die andere Hauptfigur, offenbar an einem erheblichen Verlust seiner Erinnerungen und weiß nicht mehr so recht, wer er eigentlich ist. Anscheinend verschmelzen irgendwann die Erinnerungen beider Hauptpersonen zu einer einzigen Identität. Und es gibt eine dritte Hauptperson, die die eigenen Erinnerungen so umgewandelt hat, dass sie für die Außenwelt ein Lüge darstellen, durch die seine Existenz schließlich zerstört wird.

Wie ich erst nach dem Lesen des Buches herausgefunden habe, steckt hinter der dritten Hauptperson die reale Person des Binjamin Wilkomirski, der detailliert seine Kindheit in verschiedenen KZs beschrieben hat, in denen er nachweislich jedoch niemals war. Anscheinend wurde bis jetzt nie geklärt, ob Wilkomirski absichtlich gelogen hat, oder aber ob er tatsächlich überzeugt ist, die von ihm beschriebenen Ereignisse so und nicht anders erlebt zu haben. Verwirrend an der Erzählung ist, dass die Biographie des Schriftstellers Jan Wechsler Ähnlichkeiten mit der des Autors hat – deren Realität aber wiederum in der Erzählung letztendlich in Frage gestellt wird.

Gleich am Anfang des Buches hat mich eine Aussage sehr beeindruckt: „Unsere Erinnerungen sind es, die uns zu dem machen, was wir sind. Unser Gedächtnis ist der wahre Sitz unseres Ich. Erinnerung aber ist unbeständig, stets bereit, sich zu wandeln. Mit jedem Erinnern formen wir um, filtern, trennen und verbinden, fügen hinzu, sparen aus und ersetzen so im Laufe der Zeit das Ursprüngliche nach und nach durch die Erinnerung an die Erinnerung. Wer wollte da noch sagen, was wirklich geschehen ist? “.

Dies hinterläßt mehr Zweifel als Klarheiten. Dass die Wirklichkeit möglicherweise ganz anders ist, als das, was wir als Wirklichkeit wahrzunehmen scheinen, taucht sowohl im Buddhismus als auch in der abendländischen Philosophie auf und ist somit keine Neuheit. Aber das Ungewöhnliche an diesem Buch ist, dass man hier in diese Vorstellung hautnah hineingezogen wird. Man beginnt zu zweifeln und grübeln und versucht, sich eine plausible Lösung zu schaffen. Es steckt ganz tief in unserem menschlichen Wesen, wissen zu wollen, was wahr ist und was nicht. Und wenn es so ist, wie es dieses Buch schildert, dann ist Wahrheit immer etwas zeitlich Begrenztes und wird durch unsere Erinnerung gewandelt. Und da wir alle unsere eigenen Erinnerungen haben, wird diese Wahrheit niemals den Anspruch des Absoluten erfüllen können.

Ganz schon verwirrend. Habe gleich demjenigen, der mir das Buch geschenkt hat, gemailt und etliche Fragen gestellt.



Donnerstag, 22. April 2010
Kategorie blanker Unsinn
Beweisen lässt sich die Liebe nicht. Jeder liebt allein, wie man allein betet.
Rhel Antonie Friederike Varnhagen von Ense (1771-1833)

Das halte ich für blanken Unsinn. Liebe äußert sich in Taten. Liebe, die nicht Tat wird, ist keine Liebe. Jemanden lieben heißt nichts anderes, als denjenigen vor Leid bewahren zu wollen. Wer jemanden wirklich liebt, wird nie zulassen, dass derjenige leidet und er wird deswegen nie anders können, als immer und überall alles zu tun, um den geliebten Menschen vor Leid zu schützen.

Wer wirklich liebt, hat keine Wahl mehr. Ob er will oder nicht - er muss dem anderen beistehen, denn wer liebt, spürt das Leid es anderen, als wäre es sein eigenes, vielleicht sogar noch stärker. Wer tatenlos zusieht, wie jemandem Leid zugefügt wird, der liebt nicht. Weder allein noch sonstwie.

Liebe läßt sich lupenrein und zweifellos beweisen. In jeder Sekunde, in jeder Situation. Und Liebe läßt sich daher auch widerlegen. Wer jemanden nicht vor Leid bewahrt, liebt nicht. Vielleicht begehrt oder schwärmt er . Aber mit Liebe hat das nichts zu tun. Begehren kann man auch ein Stück Kuchen und Schwärmen kann man auch für ein Klavierkonzert. Wirkliche Liebe beweist und offenbart sich erst durch die Tat.

Eine unbequeme Wahrheit. Aber das sind Wahrheiten meist. Wer es bequem will, sollte es bei Torte und Klaviersonaten belassen. Und es nicht Liebe nennen.