Hunger nach Wahrheit - Hunger nach Lüge
Was die Hölle der Projektion so höllisch macht, ist die Aussichtslosigkeit auf Veränderung. Die Unmöglichkeit der echten Kommunikation.
Menschen kommunizieren nicht mehr mit ihrem Gegenüber, sondern mit dem Bild vom Gegenüber.
Wem echte Kommunikation wichtig ist, wird irgendwann in die Flucht geschlagen. Im wahrsten Sinne geschlagen. Denn es ist eine Art Körperverletzung, die da betrieben wird.
So wie manche Menschen Hunger nach Wahrheit haben, haben manche Menschen Hunger nach Lüge. Nach Aufrechterhalten von Bildern. Schon lange gibt es professionelle Beratung im Aufrechterhalten oder Konstruieren von Bildern. Ganze Geschäftszweige leben davon.
Die Zeiten sind schlecht für Wahrheitssucher. Und die Dürreperode wird noch lange andauern. Vielleicht auch für immer. Weil Dinge vergessen werden könnten. Und irgendwann wird man vergessen haben, was Echtheit und Wahrheit überhaupt war.
Menschen, deren Lebenssinn die Außendarstellung ist, nehmen Authentizität übel. Zu meinem Beruf gehört der Ruf nach Authentizität.
Der riesengroße Bereich des sexuellen Mißbrauchs war nicht so leicht an die Öffentlichkeit zu bringen. Familien wollen nach außen heil wirken. Da ist nicht der sexuelle Mißbrauch das eigentliche Problem, sondern das Öffentlichmachen.
Nicht mehr der Täter hat die Familie zerstört, sondern das Kind. Und natürlich die Sozialarbeiterinnen, die die Sache ans Licht gebracht haben.
Endlich darf man mal mit Dreck werfen. Der Täter mußte ja immer verschont bleiben, da sonst Öffentlichkeit entstanden wäre.
Und auch jetzt im Jahr 2009 wird immer nur derjenige öffentlich verurteilt, der etwas offenlegt. "Nun laß den Menschen doch das heile Bild!" "Du machst alles kaputt mit Deiner Kritik".
Und dann der Vorwurf des Profilierens. Als Motivation der Äußerung von Kritk wird nie der Mißstand als solcher angesehen, sondern nur das Interesse, sich als besser dazustellen. Zu fremd ist manchem der Gedanke, daß es Menschen gibt, die einen tiefen Wunsch nach Veränderung haben. Da sind wir wieder bei der Projektion. Wenn man selbst nur den Eigenvorteil im Kopf hat, dann wird dies bei anderen auch so vermutet.
Und so drehen wir uns dann im Kreis. Und stehen gleichzeitig auch still. Ein kreisender Stillstand sozusagen.
behrens am 30. Juli 09
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Wenn Sisyphos’ Stein nicht mehr rollt
Hat man schon mal darüber nachgedacht, was passieren würde, wenn Sisyphos von seinem Fluch erlöst werden würde? Wenn der Stein endlich auf dem Berge liegen bleiben und Sisyphos sich ausruhen dürfte?
Das Zu-Ende-bringen einer Aufgabe. Das Erreichen eines Ziels. Die Umsetzung einer Idee. Stillstand. Ruhe. Raum für Neues.
Das Beenden mühevoller Wege. So wie bei Reformen. Umstürzen. Revolutionen. Was folgte, nachdem das Ziel erreicht war, war niemals das Erwartete. Der Stillstand hat nicht die Erlösung gebracht, die so sehnlichst gewünscht wurde. Rußland, China, Iran. Auch wenn man nicht in die Ferne schaut, kann man sehen, daß das Stillstehen des Steins den Menschen nicht das erhoffte Glück gebracht hat. Menschen können träge werden. Und ein Zuviel kann unzufriedener machen als ein Zuwenig.
Anscheinend hat Camus erkannt, daß der Fluch des Sisyphos der eigentliche Segen der Menschen ist. Die Bewegung auf ein Ziel hin. Das Sich-Anstrengen für eine Sache. Das Wollen. Das In-Anspruch-genommen-Sein von etwas.
Sisyphos ist ein Verfluchter. Aber sein Fluch schützt ihn vor noch Schlimmeren.
behrens am 29. Juli 09
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Noch immer Salinger
Mich läßt Peter Nolls Kommentar über Salingers "Fänger im Roggen" einfach nicht los. Die ganze Thematik auf eine Kurzformel gebracht: Die viel stärkere Sensibilität der Jungen gegenüber Ungerechtigkeit, Routine, Langeweile und besonders: Lüge. Das Leben eines normalen, robusten und erfolgreichen Erwachsenen kann nur eine Lebenslüge sein.
Für mich könnte man die mehr als treffende Aussage noch erweitern um den Begriff der Mittelmäßigkeit. Erwachsenwerden heißt letztendlich, langsam an Mittelmäßigkeit zu ersticken. Sein Leben mit Bausparverträgen, Tupperware, Einbauküchen und Junggesellenabenden vermüllen. Soviel faule Kompromisse machen, daß es schon nach Verwesung riecht. Ein geordneter Messie sozusagen. Irgenwann auf einem geordnetem Müllberg zu sitzen. Von dem man die eigentliche Welt nur noch von weitem sehen kann.
Durchschnittlicher, angepaßter und feiger werden. Alles Lebendige zugunsten von völlig Überflüssigem aus dem Leben verbannen. Sich immer weniger vom Durchschnitt unterscheiden.
Nie mehr Genie sein. Nie mehr Muse. Nie mehr Heldin.