Mittwoch, 26. Dezember 2018
Weimar reloaded – Abschied von der Demokratie
Kommt es zu Vergleichen der Entwicklung in Deutschland mit der Weimarer Republik, dann wird dies oftmals als unangebrachte Schwarzseherei kritisiert. Hauptargument ist dabei immer wieder, wie viel gefestigter doch unsere jetzige Demokratie sei und wie sehr sich doch die heutige ökonomische Situation von der damaligen unterscheidet. Ich wundere mich immer – ja bin sogar regelrecht ein bisschen neidisch darauf – wie unerschütterlich der Glaube vieler Menschen an die Unveränderlichkeit der Verhältnisse ist. Schön wär’s ja, wenn ein einmal erreichtes Niveau für immer und ewig ein verlässlicher Fixpunkt bleiben würde. Aber leider lehrt die Geschichte, dass Kulturen nicht nur entstehen, sondern ebenso auch wieder verschwinden können.

Worin besteht die Ähnlichkeit unserer jetzigen Gesellschaft zur Weimarer Republik? Damals wie heute kann man von einer erheblichen Politikmüdigkeit in der Bevölkerung ausgehen. Die steigenden Zahlen der Wählerschaft der AFD machen deutlich, dass sich viele Menschen nicht von den bisherigen Parteien vertreten sehen. Auch zur Weimarer Zeit wurde die Regierung als schwach und unfähig empfunden und damals galt die Einhaltung des Versailler Vertrags als Verrat am Volk.

Besondere Beachtung verdient das Argument des Wohlstands in Deutschland. Sinkende Arbeitslosenzahlen und steigendes Bruttosozialprodukt, ein hoher Standard an medizinischer und sozialer Versorgung – wo ist also das Problem? Wäre ich nicht Sozialarbeiterin, sondern Kauffrau, Web-Designerin oder Eventmanagerin, dann würde ich diese Meinung vielleicht teilen, aber da ich nun mal im sozialen Bereich arbeite, habe ich andere Einblicke. Die Entwicklung, die ich in mehr dreißig Jahre Sozialarbeit erlebe, stimmt mich alles andere als optimistisch. Es gab noch nie so viele Menschen, die ihren Lebensunterhalt nur mit der Inanspruchnahme von Lebensmittelausgabestellen und Kleiderkammern bestreiten können und es gab früher erheblich weniger Bettler und Obdachlose. Die Zahl der sozialen Beratungsstellen und Hilfsangebote ist sprunghaft gestiegen und es kommen kontinuierlich neue hinzu. Jetzt könnte man natürlich entgegnen, dass dies doch ein gutes Zeichen sei, denn der Staat kümmert sich immerhin verantwortungsbewusst um seine Bürger. Mag sein, aber das verbirgt nicht, dass viele Menschen in zunehmenden Maße abhängig von der Hilfe Dritter sind. Und diese Menschen sind alles andere als zufrieden mit ihrer Situation, denn anders als in Weimar leben wir jetzt in einer Gesellschaft, die einem großen Shoppingcenter gleicht und deren Schaufenster überquellen. Wer wenig Geld hat, muss sich allerdings mit dem bloßen Ansehen begnügen und ist vom fröhlichen Kaufen ausgeschlossen.

Was ist mit den Straßenkämpfen, die kennzeichnend für die spätere Phase der Weimarer Republik waren? So weit sind wir doch noch längst nicht, oder? Wenn man sich die Bilder des G20-Gipfels vom vergangenen Jahr in Hamburg sowie die Auftritte rechter Demonstranten in Chemnitz ins Gedächtnis ruft, dann sind die Ähnlichkeiten unübersehbar. Was allerdings einen großen Unterschied zu Weimar darstellt, ist die Tatsache, dass es nicht mehr nur Gewalt von rechts und von links gibt, sondern auch religiös motivierte Gewalt. Und diese religiöse Gewalt hat das Potential, Deutschland in zwei feindliche unversöhnliche Lager zu spalten. Da sind zum einen diejenigen, die nicht müde werden darauf hinzuweisen, dass doch letztendlich jede Religion Gewalt beinhaltet und die sofort jede Kritik als rassistisch brandmarken. Außerdem sei alles doch nur eine Frage von Integration und Bildung und wenn wir nur wollen, werden wir das doch schon hinbekommen. Zum anderen gibt es diejenigen, die „Ausländer raus“ brüllen und dies als Lösung sämtlicher gesellschaftlicher Probleme proklamieren.

Der eigentliche Unterschied zu Weimar besteht darin, dass Weimar das Trauma des Dritten Reichs noch vor sich hatte, während wir es schon durchlebt haben und es für immer zu unserer Vergangenheit gehört. Aber haben wir wirklich aus diesem Trauma gelernt? Nein, haben wir nicht. Wir erkennen die rechte Gefahr nur dort, wo sie eindeutig als rechts auftritt. Wir erkennen nur dann die Gefahr, wenn sie von einem pöbelnden Mob ausgeht, der durch die Straßen zieht und jeden dunkelhaarigen Menschen in die Flucht brüllt. Aber wir sind blind gegen die Gefahr, die von Menschen ausgeht, die erbarmungslos jeden mit dem Tod bedrohen, der sich gegenüber ihrer Religion kritisch äußert oder der diese Religion in anderer Form leben möchte. Noch blinder sind wir jedoch gegenüber dem Umstand, dass es so gut wie keine Solidarität mit religiös Verfolgten gibt.

Die bedrohliche Gemeinsamkeit zur Weimarer Republik besteht in dem Umstand, dass wir wieder unterschätzen, welche riesengroße Rolle das tatenlose Zuschauen spielt. Wir lassen uns dadurch beruhigen, dass die religiös motivierte Gewalt doch nur von einer relativ kleinen Minderheit verübt wird und ignorieren dabei völlig, dass die große Mehrheit dieser Gewalt weder entschieden entgegentritt, noch sich von ihr distanziert. Eine Mehrheit, die zwar vehement Toleranz für sich fordert, aber nicht im Geringsten bereit ist, diese auch anderen zu gewähren.

Deutschland ist demokratiemüde geworden. Wer während des G20-Gipfels Betonklötze auf Polizisten wirft, setzt einzig auf Gewalt und hat der Demokratie eine Absage erteilt. Wer für alle gesellschaftlichen Probleme pauschal Menschen anderer Nationalität verantwortlich macht, hat der Demokratie eine Absage erteilt. Wer seine Religion über die Menschenrechte stellt, hat der Demokratie eine Absage erteilt. Wer jede kritische Auseinandersetzung mit anderen Wertesystemen als rassistisch diffamiert, hat der Demokratie eine Absage erteilt. Wer für einen Despoten auf die Straße geht, der Oppositionelle im Gefängnis verschwinden lässt und eine freie Presse untersagt, hat der Demokratie eine Absage erteilt.

In Zuckmeyers „Des Teufels General“ sagt Generaloberst Harras: „Das Böse existiert nicht in der Welt, weil Böses getan wird, sondern weil es geduldet wird“. Diese Aussage trifft besonders auf das Dritte Reich und insbesondere auf den Holocaust zu. Es stimmt nicht, dass ausnahmslos jeder Deutscher von der Idee besessen war, Juden auszurotten. Geschehen konnte dies nur deswegen, weil die große Mehrheit in tatenlosem, völlig gleichgültigem Zuschauen erstarrt war. Und dies führt zu einem Déjà-vu, denn in Deutschland birgt es auch jetzt wieder Gefahren mit sich, öffentlich eine Kippa zu tragen. Lebensgefahr besteht auch für diejenigen Künstler, Schriftsteller und liberale Gläubige, die sich religionskritisch äußern. Wohingegen es keine Gefahr darstellt, öffentlich die Fahne eines anderen Landes zu verbrennen und diesem Land dabei laut brüllend den Tod zu wünschen. Und was tut die Bevölkerung, was tun wir? Nichts. Und eben darin besteht die Ähnlichkeit zu Weimar.



Mittwoch, 3. Oktober 2018
Der Roman einer Jüdin. Der Roman einer Muslimin.
Die Frau, die anderen ihr Leben widmet, ist eine Frau, die keinen Mann fand, dem sie ihr Leben widmen konnte“
Tawfiq al-Hakim

Die Girls von Riad“ von Rajaa Alsanea
Rajaa Alsanea ist eine siebenunddreißigjährige Frau aus Saudi-Arabien, die im Jahr 2005 einen Roman über vier junge Frauen veröffentlichte, der von den Lebensgeschichten ihrer Freundinnen inspiriert war.

Da ist Kamra, die nach ihrer Heirat feststellt, dass ihr Mann schon lange eine Geliebte hat, auf die er nicht verzichten will und der sich nach einem Streit von Kamra scheiden lässt und sie samt Kind verstößt.

Da ist Sadim, die einen Mann liebt, der sich trotz seiner Liebe zu ihr von seinen Eltern zu einer arrangierten Ehe zwingen lässt und die sich daraufhin entschließt, ihren Cousin zu heiraten, der zwar nicht ihr Traummann ist, aber der sie anbetet. Für Sadim ist dies nicht die erste Ehe, denn sie war schon einmal verheiratet, erhielt aber die Scheidungspapiere, weil sie sich ihrem Mann nicht verweigerte, obwohl nur die standesamtliche Trauung und noch nicht die religiöse Trauung vollzogen worden war.

Michelle ereilt ein ähnliches Schicksal wie Sadim, als sie von ihrer großen Liebe verlassen wird, weil dessen Mutter sie als Schwiegertochter ablehnt. Auch sie freundet sich später mit ihrem Cousin an, wobei offen bleibt, ob sich daraus eine Liebe entwickelt.

Lamis gelingt es als einziger, den Mann ihrer Träume dazu zu bringen, sie zu heiraten, indem sie sich eisern an die Ratschläge ihrer Mutter hält, jede Annährung zu verweigern und sich konsequent jeder Äußerung von Gefühlen zu enthalten.

Alle vier Frauen sind gebildet und studieren Informatik, Literatur, Verwaltungsmanagement oder Medizin. Die Autorin selbst hat Zahnmedizin studiert und entstammt einer Arztfamilie.


Unorthodox“ von Deborah Feldman
Deborah Feldman ist eine zweiunddreißigjährige Amerikanerin, die im Jahr 2012 einen autobiographischen Roman über ihre Kindheit in einer ultraorthodoxen jüdischen Gemeinde veröffentlichte.

In dem Roman geht es um die Zeit, die Deborah Feldman als Kind und Jugendliche in Williamsburg/Brooklyn in der ultraorthodoxen Gemeinde der Satmarer aufwuchs und um ihre Entscheidung, diese Gemeinde zu verlassen.

Beide Romane geben einen tiefen und aufschlussreichen Einblick in die jeweilige Kultur und beide Bücher beschreiben eine Gesellschaft, die voll und ganz auf die Bedürfnisse der Männer ausgerichtet ist. Das ist allerdings die einzige Gemeinsamkeit der beiden Bücher.

Während Deborah Feldman einen radikalen Bruch mit ihrer Familie und ihrer Gemeinde vollzieht, bleibt Rajaa Alsanea ein Teil von ihr. Dies ist natürlich zum großen Teil auch darin begründet, dass Amerika die Freiheit bietet, eigene Wege einzuschlagen, während dies in Saudi-Arabien gar nicht möglich ist. Aber damit allein kann man die Unterschiedlichkeit der beiden Bücher nicht erklären. Der entscheidende Gegensatz liegt darin, dass Rajaa Alsanea dieser Welt auch innerlich verhaftet bleibt. Sie beschreibt zwar kritisch, wie wenig Selbstbestimmung ein Frauenleben beinhaltet, aber das alles bestimmende Thema des Buches ist einzig und allein die Beziehung zum Mann. Und folglich besteht das einzige Dilemma im Leben einer Frau nur darin, sich diesen nicht frei aussuchen zu dürfen.

Deborah Feldmann hingegen beugt sich nur widerwillig dem Gebot einer Eheschließung und dies nicht deswegen, weil der von der Familie vorgeschlagene Mann ihr nicht gefällt, sondern weil sie eigentlich gar nicht das Bedürfnis nach einer Beziehung hat. Ihre Kritik an der Gesellschaft in der sie lebt, ist sehr viel grundlegender und beschränkt sich nicht nur auf das Thema der Partnerwahl. Schon als Teenager leidet sie darunter, keine Bücher lesen zu dürfen und tut alles, um sich diesen Wunsch heimlich zu erfüllen. Das, worunter sie leidet, ist die Enge und Dogmatik des Denkens.

Interessant beim Vergleich der beiden Bücher ist der Umstand, dass die arabische Autorin in äußerst wohlsituierten Verhältnissen lebt, während Deborah Feldmann in Armut aufwächst. Rajaa Alsanea erwähnt immer wieder wie selbstverständlich die zum Haushalt gehörenden „Dienerinnen“ oder philippinische Kindermädchen, die sich um das Kind ihrer nicht berufstätigen Freundin kümmern. Genauso selbstverständlich und nebenbei werden auch die Luxusartikel erwähnt, die zum Leben der Protagonistinnen gehören. An keiner Stelle wird dies thematisiert, geschweige denn kritisch hinterfragt.

Die vier Freundinnen Rajaa Alsaneas absolvieren alle mit Selbstverständlichkeit eine akademische Laufbahn, wohingegen sich Deborah Feldman die Möglichkeit einer Ausbildung erst erkämpfen muss. Dabei ist es sehr aufschlussreich, welche unterschiedlichen Stellenwert Bildung für die beiden Autorinnen hat: Während für Rajaa Alsaneas Freundinnen Bildung lediglich ein Statussymbol darstellt, ist sie für Deborah Feldman Passion.

Alsaneas Roman mag zwar eine Kritik an der in Saudi-Arabien herrschenden eingeschränkten Möglichkeiten für Frauen darstellen, von einer grundlegenden Kritik oder gar Analyse der hierfür verantwortlichen Faktoren ist er meilenweit entfernt. Die wahre Erfüllung in einem Frauenleben ist unhinterfragt die Beziehung zum Mann. So endet dann auch das Buch mit der Aussage: „Was ich vom Leben erwarte: „Ich wünsche mir eine Liebe, die mich für immer erfüllt (…). Ich wünsche mir einen Mann, der mit mir fühlt und mich beschützt (…). Ich wünsche mir eine glücklich Ehe zu führen (…). Ich wünsche mir gesunde Kinder (…). Ich würde sie lieben wie ich meinen Mann liebe, nicht nur, weil es meine Kinder sind, sondern weil sie ein Teil von ihm sind. Das wünsche ich mir für mein Leben“.

Deborah Feldman schließt mit den Worten: „Ich habe meinen Platz in der Welt gefunden (…). Die Menschen wollen wissen, ob wir Glück gefunden haben; doch was wir gefunden haben, ist besser: Authentizität. Ich bin fei, ich selbst zu sein, und das fühlt sich gut an. Wenn irgendwer jemals versuchen sollte, Dir vorzuschreiben, etwas zu sein, was Du nicht bist, dann hoffe ich, dass auch Du den Mut findest, lautstark dagegen anzugehen“.


Als ich das Buch durchgelesen hatte, habe ich mir sofort den zweiten Band „Überbitten“ geholt. Ist schwieriger zu lesen, aber genauso empfehlenswert.



Sonntag, 29. April 2018
Kippa, Kopftuch, Generalverdacht und ein Blick in die Vergangenheit
Das vor einer Woche entstandene Video, in dem ein Kippa tragender Israeli von einem jungen Muslim geschlagen wird, kennt mittlerweise wahrscheinlich jeder. Die Erfahrungen des in Hamburg lebenden Ben-Raffael Goihman sind ähnlich. „Hitler hat vergessen, dich zu vergasen“ schrie ihm ein Muslim ins Gesicht, als er auf der Straße seine Kippa trug. Der Zentralrat der Juden rät mittlerweile vom Tragen der Kippa ab.

Man könnte jetzt noch unendlich viele andere Beispiele nennen: die Bedrohung jüdischer Restaurants, das Mobben jüdischer Schüler oder das Verbrennen der israelischen Fahne in Berlin. In Frankreich ist die Situation noch schlimmer, dort sind bereits tausende von jüdischen Familien aufgrund von offener Anfeindung und Bedrohung ausgewandert. Der grausame Mord an der Jüdin Sarah Halimi im vergangenen Jahr, der vor kurzem verübte Mord an der Holocaustüberlebenden Mireille Knoll und der bestialische Foltermord an Ilan Halimi im Jahr 2006 machen auf drastische Weise deutlich, welch erschreckendes Ausmaß der Hass gegen Juden hat.

Neu ist jetzt allerdings, dass jemand wie Goihmann öffentlich ausspricht, von wem in erster Linie die Gewalt ausgeht: „Aufgrund der Flüchtlinge aus der islamischen Welt wird das Problem allerdings tatsächlich schlimmer. Denn mit Muslimen gerate ich viel häufiger aneinander als mit irgendeinem Nazi.“

Was passiert, wenn man diese steigende und überaus furchterregende Gewalt gegen Juden anspricht? Kann man es überhaupt ansprechen? Nein, kann man nicht, denn jede aufkeimende Diskussion wird unweigerlich im Keim erstickt mit dem Argument der israelischen Siedlungspolitik. Da werden einzelne Menschen – welcher Nationalität auch immer sie angehören – persönlich verantwortlich gemacht für das, was der Staat Israel den Palästinensern antut. Dies bedeutet nichts anderes, als ein moralischer Freispruch für die Täter.

Ganz anders wird hingegen reagiert, wenn es nicht um antisemitische Gewalt, sondern um islamistische geht. Noch ehe man überhaupt mit dem Versuch einer Analyse beginnen kann, wird dies mit dem von muslimischer Seite sofort und überall vorgebrachten Argument des „Generalverdachts“ ausgebremst. Die gleichen Menschen, die genrell jeden einzelnen Juden als mitverantwortlich ansehen für die vom Staat Israel ausgeübte Gewalt, weisen es im Gegenzug empört als Generalverdacht von sich, wenn auf Zusammenhänge zwischen von Islamisten verübter Gewalt und der Einstellung zu Gewalt im Islam hingewiesen wird.

Eine Kippa kann als das jüdische Pendant zum islamischen Kopftuch angesehen werden. Allerdings kann die Ansicht über das Recht auf das Tragen religiöser Symbole erstaunlich unterschiedlich ausfallen, je nachdem ob es die eigene Religionsgemeinschaft betrifft oder aber eine fremde. Immer wieder löst die Diskussion um ein mögliches Kopftuchverbot eine Welle von Empörung aus und stets wird dabei auf das Grundrecht auf religiöse Freiheit gepocht oder auf den latenten Rassismus der Befürworter eines Verbotes hingewiesen (hat ein Kopftuch tatsächlich etwas mit „Rasse“ zu tun??). Aber aus diesen Reihen stammen auch eben gerade diejenigen, die es für ihr Recht halten, jemanden die Kippa vom Kopf zu schlagen und dabei lautstark ihre offenkundige Sympathie für Hitler rauszubrüllen.

Ist das Problem des islamischen Antisemitismus eigentlich ein neues oder gibt es so etwas wie eine Tradition? Blickt man in die Vergangenheit, dann entdeckt man, dass im vergangenen Jahrhundert islamische Antisemiten mit nationalsozialistischen Antisemiten sympathisierten. Noch bevor ein israelischer Staat existierte, hatten die Nazis einen eifrigen Unterstützer und Bewunderer in Amin al-Husseini, dessen wichtigstes Ziel es war, die jüdischen Einwanderer „bis zum letzten Mann“ zu töten. Sicherlich wird jetzt so mancher sofort entgegnen, dass zum damaligen Zeitpunkt die Landeinnahme durch Juden schon begonnen hatte und es sich folglich doch indirekt lediglich um eine Verteidigung des eigenen Territoriums handelte. Dies stellt jedoch eine ignorante Verharmlosung Husseinis Vernichtungswahns dar, der sogar mitverantwortlich für die Deportation und Ermordung von 5.000 jüdischen Kindern war.

Blicken wir noch weiter in die Vergangenheit zurück, auf der Suche nach antisemitischer Tradition: im siebten Jahrhundert kam es zur Vernichtung der drei jüdischen Stämme Ban Qainuqa, Ban N-Nadir und Ban Quraiza. Lange bevor es überhaupt die Idee einer israelischen Nation gab, wurden die Männer dieser Stämme getötet und die Frauen versklavt. Keiner dieser drei Stämme drang in islamisches Territorium vor, sondern es war genau umgekehrt – Muslime drangen in die von Juden bewohnte Oasenstadt Yathrib ein. Ideologisch gerechtfertigt wurde die Vernichtung dann damit, dass „Juden schlimmer als das Vieh seien“.

Nein, neu ist das Problem des Antisemitismus unter Muslimen wirklich nicht. Auch wenn es immer und überall auch friedliche Koexistenz zwischen der arabischen und der jüdischen Welt gab und gibt, so hat es parallel dazu genauso auch immer antisemitische Strömungen gegeben. Ebenfalls nicht neu ist leider auch das erschreckende Wegsehen und die Verharmlosung, wenn es um Antisemitismus geht.