Freitag, 16. November 2012
Kann nur ein Kompromiss faul sein oder gibt es auch faule Kompromisslosigkeit?
Was ist denn nun besser – um des lieben Friedens Willen einen Kompromiss schließen oder kompromisslos seine Ansicht vertreten?

Es gibt viele Formen von Kompromissen, wie zum Beispiel die Einigung auf einen Mittelwert. Auch wenn dann wahrscheinlich beide Parteien nicht auf ihre Kosten kommen, so ist dennoch ein Miteinander möglich. Oder es gibt die Kompromisse, die darin bestehen, sich abzuwechseln im Nachgeben. Als faulen Kompromiss empfinde ich die Form der Kommunikation, in der jemand sofort seine Ansicht und seine Wünsche aufgibt, damit der Friede gewahrt bleibt. Faul an dem Ganzen ist dabei das nur scheinbar Friedliche.

Aber bei völlig konträrer Meinung gibt es oftmals keinen Kompromiss. Es gibt nur die Wahl zwischen Nachgeben und Entzweiung. Oder anders ausgedrückt: die Wahl zwischen Klappe halten und auf den Tisch hauen. Wobei letzteres dann entweder darin mündet, dass der andere nachgibt oder aber darin, dass er dies eben nicht tut und man sich dadurch zwangsläufig entzweit.

Ich bin erschreckt darüber, wie schnell menschliche Beziehungen in die Brüche gehen, wenn man kompromisslos ist. Will man sich selbst treu bleiben, muss man befürchten, irgendwann völlig allein dazustehen. Während im Streit immerhin noch ein Gegenüber vorhanden ist und somit quasi etwas Verbindendes darstellt, zieht die Entzweiung dann einen Schlussstrich unter die Beziehung. Den erlangten Frieden muss man dann allein genießen.

Es stimmt zutiefst pessimistisch, dass man allein durch die Beibehaltung seiner Meinung den Bruch einer Beziehung riskiert. Irgendetwas ist daran genauso faul, wie an den vielen scheinheiligen Kompromissen. Nicht „faul“ im Sinne von marode oder unecht. Eher „faul“ im Sinne eines Armutszeugnisses für das Zusammenleben. Kompromisslosigkeit mit der Konsequenz der Entzweiung macht deutlich, dass freundschaftliche oder doch zumindest friedliche Beziehungen im Grunde nie eine wirkliche Tragfähigkeit besaßen.

Es bleibt die philosophische Frage, was besser ist. Sich selbst treu zu bleiben und nicht jede von anderen erhobene Erwartung zu erfüllen oder aber sich selbst zurückzunehmen, damit Beziehungen erhalten bleiben. „Allein oder Miteinander“ könnte man die Frage auf einen Kurzformel bringen.



Mittwoch, 14. November 2012
Sich verzaubern lassen
Obwohl Roncalli ein Zirkus ist, spricht man bei dessen Besuch nicht von einem Zirkusbesuch, sondern man sagt, dass man „zu Roncalli“ geht. Und ganz bestimmt gibt es Unterschiede. Allerdings sind die höchstwahrscheinlich kleiner als man denkt. Wie dem auch sei, ich war am vergangenen Wochenende seit vielen Jahren mal wieder bei Roncalli. Und habe diesen Abend sehr genossen.

Obwohl ich Clowns oftmals nicht allzu lustig finde, kam irgendwann ein Moment, wo ich Tränen lachen musste. Und bei den Trapeznummern stocke mir der Atem. Man hat diese Darbietungen schon tausendmal im Fernsehen angeschaut, aber es ist eben etwas völlig anderes, wenn man diese halsbrecherischen Nummern aus nächster Nähe ansieht. Ich kam dabei mehr als einmal ins Staunen, was man seinem Körper alles abverlangen kann. Im Vergleich kommt man selbst sich dabei unglaublich steif und schlapp vor. Manchmal traut man seinen Augen nicht, wie zum Beispiel dann, wenn eine zierliche Frau in der Überkopfposition eine andere Frau nur mit den Halsmuskeln in die Höhe zieht.

Dann gab es noch vier sehr junge Artisten, die sich gegenseitig so heftig in der Luft herumwirbelten, dass man den Einzelnen gar nicht mehr richtig erkennen konnte. Was mir aber dabei besonders auffiel, war der Gesichtsausdruck der Artisten, der während der Darstellung hochkonzentriert und äußerst angestrengt wirkte und dann bei einsetzendem tobendem Applaus in strahlende Freude und Erleichterung wechselte.

Der Abend war ein Farbrausch und ein Schauspiel der Ästhetik. Während die ersten zwei Drittel der Vorführungen ungewohnt modern und lebhaft waren, kam dann im letzten Drittel auch die für Roncalli typische Poesie zum Vorschein. Ich bin alles andere als ein Opernfan, aber als eine wunderschöne Ballerina zu klassischer Musik im blassblauem Licht tanzte und dabei nach und nach von ebenso schönen Tänzerinnen in schillernden Phantasiekostümen umkreist wurde, verstand ich plötzlich zum ersten Mal, wieso manche Menschen in der Oper weinen.

Als sich die Vorstellung dem Ende zuneigte, hatte man das Gefühl, ein wenig verzaubert worden zu sein.



Samstag, 10. November 2012
Damals nach der DDR – Verlust einer Utopie
Ich habe noch nicht alle sechs Folgen der Dokumentation „Damals nach der DDR“ gesehen, sondern nur die ersten vier. Während die meisten großen geschichtlichen Ereignisse sich vor meiner Zeit abgespielt haben, habe ich den Mauerfall und den Zusammenbruch der DDR ganz bewusst erlebt. Am 9. November arbeitete ich als Kellnerin in einer Freizeitsauna. Kurz nach dem Mauerfall kamen dann auch schon die ersten DDR-Bürger, die von ihren Westverwandten eingeladen worden waren. Es waren Begegnungen, die von einer merkwürdigen Mischung aus Neugier und Scheu geprägt waren.

Ich empfand es spannend und bewegend, was sich in dieser Zeit tat. Als jemand, der für sein Leben gern reist, war es für mich immer ein Albtraum, hinter einer Mauer eingesperrt zu sein. Und genauso wichtig wie das Reisen ist für mich seit ich denken kann, das Recht auf freie Meinungsäußerung. Und so gab kein Land unter den vielen Ländern, die ich schon bereist habe, in dem ich mich so fremd wie in der DDR gefühlt habe. Als dann am 9. November im Fernsehen nonstop die Menschenmassen gezeigt wurden, die zum ersten Mal den Grenzübergang passierten, war dies etwas, was auch für mich etwas unbeschreiblich Befreiendes verkörperte.

Wenn man die mittlerweile dreiundzwanzig Jahre komprimiert in ein paar Stunden aus der Retrospektive ansieht, wirkt es sehr bedrückend, wie schnell sich die große Begeisterung in Ernüchterung gewandelt hat. Während Kohl kurz nach dem Mauerfall frenetisch bejubelt wurde, flogen kaum vier Jahre später Eier.

Was ich jetzt das erste Mal gesehen habe, waren die vielen Arbeitsorte, die kurze Zeit nach dem Mauerfall völlig verwaisten und schon bald verfielen. Ein Land, in dem jeder ein Recht auf Arbeit hat, ist binnen kürzester Zeit mit Massenarbeitslosigkeit konfrontiert. Noch heute habe einige Tränen in den Augen, wenn sie von dem plötzlichen Verlust ihres Arbeitsplatzes sprechen.

Ich hatte damals in einer grenzenlosen Naivität daran geglaubt, dass zwar die Mauer für immer und ewig abgerissen wird, aber die DDR trotzdem ein eigener Staat bleibt. Den Sozialismus mit der Freiheit verbinden, so hatte ich mir dies ganz arglos vorgestellt. Und manchmal frage ich mich, ob das wirklich nur naiv und blauäugig ist, oder ob es vielleicht doch eine Möglichkeit gewesen wäre.

Es hätte mit ziemlicher Sicherheit nicht geklappt. Der allseits präsenten Konsumwelt des Westens hätte die DDR nicht standgehalten. Andererseits liebten viele ihr Land und es wären nach dem Mauerfall vielleicht endlich einmal die wirklichen Sozialisten ans Ruder gekommen.

Manchmal frage ich mich immer noch, ob der Sozialismus eine Chance hätte, wenn man ihn nicht mit einer Diktatur verknüpft hätte. Wenn jeder frank und frei seine Gedanken hätte äußern dürfen und sich jederzeit an jeden Ort der Welt hätte begeben dürfen. Wenn das unsäglich dumpfe Schmähwort Konterrevolutionär mit einen heftigen Tritt in den marxistisch-leninistischen Hintern beantwortet worden wäre.

Wenn, wenn, wenn…..Nein, alles war wohl so oder so zum Scheitern verurteilt. Ein Traum, der nur so lange schön war, wie er noch geträumt und nicht in die Wirklichkeit umgesetzt wurde. Jetzt gibt es keine Träume mehr. Man muss sich wohl mit diesem elendigen menschenverheizenden Turbokapitalismus abfinden und das Beste draus machen. Wobei ich nicht weiß, was das Beste sein soll. Wenn mittlerweile selbst der soziale Bereich nicht mehr sozial, sondern gewinnorientiert ist, dann gibt es keine Nischen mehr für diejenigen, denen noch etwas anderes vorstrebt. Vielleicht sollte man Künstler werden? Aber das beruht nicht auf einer Entscheidung, sondern auf einer Berufung und die habe ich leider nicht. Bleibt noch das Reisen, das das kurzzeitige Begeben in Lebensräume ermöglicht, deren Weg in den mit Entfremdung verbundenen Fortschritt noch nicht so weit vorangeschritten ist wie bei uns. Aber das stellt immer nur eine kleine Auszeit dar.

Letztendlich muss man lernen, ohne Utopien zu leben. Schön ist das nicht. Und einfach auch nicht.