Donnerstag, 9. Dezember 2010
Weihnachtshasserin mit Einschränkungen
Obwohl ich mittlerweile eine absolute Weihnachtshasserin bin, war ich eben mit meiner Freundin stundenlang auf dem Hamburger Weihnachtsmarkt. Wenngleich inzwischen jedem halbwegs sensiblen Menschen das ganze quäkende „Jingle bells“ und die grellbunten Flackerlichter auf den Wecker gehen, gibt es irgendwo im tiefsten Innersten noch eine Erinnerung daran, dass all dies früher einmal als schön empfunden wurde. Und diese Erinnerung ist wahrscheinlich ein nicht totzukriegendes Relikt aus der Kindheit.

Es gibt da auf der einen Seite den Verstand, der einem sagt, was für eine fürchterlich verlogene Konsumorgie das alles ist. Und auf der anderen Seite gibt es ein unbelehrbares Kind, das Schmalzgebäck essen und Punsch (jetzt mit Alkohol) trinken will und kitschige bunte Weihnachtskugeln und viel zu teuere Räuchermännchen kaufen möchte. Und seit einiger Zeit gibt es wieder all die nostalgischen Dinge von früher zu kaufen, so als hätte man die Zeit um 40 Jahre zurück gedreht. Und merkwürdigerweise gefallen einem all diese Dinge noch genauso wie früher, als man dafür auch noch Verwendung hatte.

Weihnachten lebt von der Erinnerung. Weihnachten als Fest des Schenkens macht in einer Überflussgesellschaft keinen Sinn mehr. Deswegen spielen sich alle die schönen Weihnachtsgeschichten im Szenarium der Armut und der Zeit des Entbehrens ab. Das fängt schon mit der biblischen Weihnachtsgeschichte an, in der ein Paar, das ein Kind erwartet, keine Obdach findet und in einem Stall übernachten muss. Auch in Charles Dickens Weihnachtsgeschichte, in Hans Christian Andersons "Mädchen mit den Schwefelhölzern" oder in Wolfdietrich Schnurres „Leihgabe“ geht es um Armut.

Und so sind auch alle anderen Weihnachtsgeschichten Erinnerungen an eine Zeit, in der Hunger und Verzicht herrschte und es etwas ganz Besonders war, ein Geschenk zu machen oder zu erhalten und dazu noch ein luxuriöses Mahl genießen zu dürfen. Mit den oft bedichteten Pfeffernüssen und Mandelkern könnte man heute kein Kind mehr hinter dem Ofen hervorlocken.

Eine Geschichte über ein Weihnachtsfest, in dem es Handys, Gameboys, CD-Player und Gutscheine für Beautyfarmen gibt, hätte nichts Lesenswertes. Und deswegen werden alljährlich die Erinnerungen an eine längst vergangene Zeit hervorgeholt obwohl das mit unserer Gegenwart nicht mehr das Geringste zu tun hat.

Aber trotz alledem tut es gut, mit einer guten Freundin auf den Weihnachtsmarkt zu gehen. Und hat man erst einigen Glühwein oder Eierpunsch getrunken, sieht man auch alles gar nicht mehr so kritisch. Erinnerungen können manchmal ein starkes Gegenmittel für die Unzulänglichkeiten der Gegenwart darstellen. Ab und zu muss man sich das einfach gönnen.



Montag, 6. Dezember 2010
Der Normalfall und die Ausnahme
„Es geht auch anders, aber so geht es auch“, singt Mackie Messer in der Zuhälterballade der Dreigroschenoper. Bin gerade von einem mehrtägigen Seminar wiedergekommen. Und dabei bin ich wieder daran erinnert worden, dass es auch ganz, ganz anders geht als das, was als "das Normale" angesehen wird.

Es wurde nicht über Geldanlage gesprochen. Nicht über Gewinnmaximierung. Auch nicht darüber, wie man es anstellt, einen guten Eindruck zu machen. Niemand drohte damit, andere zusammenzufalten. Keiner machte prollige dumpfe Sprüche, die unter die Gürtellinie zielen. Und niemand projizierte die eigenen Fehler in andere hinein. Es gab weder Alphamännchen die kommandieren, noch Betamännchen, die sich kommandieren lassen.

Es war einfach „normal“. Aber eigentlich auch wieder nicht, denn das war nicht der Normalfall. Der Normalfall ist der des Alltäglichen und das Alltägliche ist genau andersherum. Das Alltägliche ist angefüllt mit Überflüssigem und Nutzlosem. Mit Zeitverschwendung. Denn es ist verschwendete Zeit, sich pausenlos über Geld und dessen Maximierung Gedanken zu machen, wenn man schon längst genug davon hat. Und es ist vollkommen überflüssig, sich darüber Gedanken zu machen, wie man sich besser darstellt, als man tatsächlich ist.

Es ist die Ausnahme, mit Menschen Zeit zu verbringen, die ganz andere Dinge als wichtig empfinden. Menschen, die etwas verändern und nicht stillstehen wollen und dazu etwas über sich und andere Menschen erfahren wollen.

Mein Alltag entspricht dem „Aber so geht es auch“. Ein Kompromiss zwischen dem, was man will und dem, was man angeboten bekommt – mit starker Tendenz zu letzterem.

Und das ist meist das Fazit, das ich aus meinen Seminaren ziehe: „Es geht auch anders“. Man kann das Überflüssige auch einfach weglassen. Und sucht sich dazu Menschen, die auch keine Lust auf Überflüssiges, sondern auf Wesentliches haben. Endlich mal wieder tief durchatmen anstatt zu hecheln.

In der seltenen Ausnahmesituation auftanken um den ständigen Normalfall durchzustehen. Umgekehrt wär's leichter. Doch wie Mackie Messer schon festgestellt hat: "Aber so geht es auch".



Montag, 29. November 2010
Stille, Langsamkeit und Tiefe
Vor ein paar Tagen habe ich den Film „Stilles Licht“ angesehen. Ein durch und durch ungewöhnlicher Film, der einer kleinen mennonitischen Gemeinschaft in Mexiko spielt. Der Film wurde untertitelt, da nur in „Plautdietsch“ gesprochen wurde. Ein merkwürdig anmutender Dialekt, der mich ein bisschen an unser norddeutsches Plattdeutsch erinnerte. Aber gesprochen wurde eigentlich gar nicht viel im Film. Die endlos langen Kameraeinstellungen waren mitunter fast schon anstrengend.

Die Handlung des Films ist schnell erzählt. Johan, der mit seiner Frau Esther und seinen sechs Kindern zusammenlebt, hat sich in Marianne verliebt, was für alle drei ist mit sehr viel Leid verbunden ist. Als Ester stirbt, will Marianne sich am offenen Sarg verabschieden. Und dann wird der bisher völlig realistische Film phantastisch und Ester erwacht wieder zum Leben. Ich empfinde die plötzliche Wende zum Phantastischen als etwas sehr Typisches für lateinamerikanische Literatur oder Filme, die sich oft unserem Gebot der Logik und Erklärbarkeit entziehen.

Was mich an diesem Film so beeindruckt hat, sind zum einen die kargen Dialoge. Wenn nur das Wesentliche gesagt wird und alles andere weggelassen wird, dann entsteht eine merkwürdige Intensität, die man in unserer Zeit, in der eine Invasion von Geplapper und Geschwätz herrscht, gar nicht mehr kennt. Der Film gab einen Einblick in eine archaische Welt, die von Arbeit, Glaube und Gemeinschaft bestimmt ist und in der es noch keine Unterhaltungskultur gibt.

Aber neben den ungewöhnlich kargen Dialogen hat mich etwas anderes noch mehr beeindruckt. Der tiefe Respekt vor dem Phänomen Liebe. Genauso, wie die Dialoge im Film frei vom Unwesentlichen sind, wird auch Liebe nur als das gezeigt, was es ist – eine immer noch unerklärliche Naturgewalt. Frei von dem, was der Mensch meist draus macht. Jenseits von zuckersüßer Inszenierung und auch fern von nüchterner psychologischer Analyse. Weit entfernt von der üblichen ordinären Banalität und von materialistischer Zweckgemeinschaft. Was bleibt, wenn man all dies weglässt, ist die Urgewalt Liebe. Schnörkellos, unerklärlich, jenseits von Gut und Böse.

In der Schlussszene wird langsam ein Sonnenuntergang gezeigt. Und während das Licht der Sonne immer mehr verschwindet, tauchen nach und nach die ersten Sterne am Himmel auf. Zuerst blass und vereinzelt, dann immer stärker leuchtend und zahlreicher, so dass aus dem Himmel schließlich ein funkelndes Sternenzelt wird. Die Unendlichkeit und Unergründlichkeit des Alls kann erst dann sichtbar werden, wenn das Tageslicht verloschen ist. Erst die Dunkelheit ermöglicht den Blick für die Existenz des fernen Lichts und für die unendliche Weite.

In einer Zeit, in der man von einer Kultur des Überflüssigen sprechen kann, in der Respektlosigkeit die Regel ist und in der es mittlerweile kaum noch etwas gibt, das nicht zur Banalität gemacht wird, wirkt dieser Film seltsam unpassend. Und ein bisschen wie eine Erinnerung an etwas, das man schon fast vergessen hat.