Mittwoch, 7. Juli 2010
Das ewig gleiche Gesicht der Gewalt
Heute fand auf unserem Rathausplatz in Harburg eine Kundgebung statt zum Thema Gewalt. Der Anlass war der Mord an einem jungen Mann, der nichts anderes getan hatte, als seine Freundin zu beschützen, die belästigt wurde. Vor einiger Zeit wurde ebenfalls grundlos ein Mann ermordet und der jugendliche Mörder wurde vor kurzem aufgrund einer Panne in der Justiz aus der U-Haft entlassen. Bis gestern befand er sich auf freiem Fuß und befindet sich jetzt ledglich deswegen in Haft, weil er gestern seine Freundin krankenhausreif schlug. Aber es geht nicht nur um diese zwei traurigen Fälle, sondern darum, dass schon seit einiger Zeit in unserem Stadtteil die Gewalttaten immer häufiger und immer brutaler werden..

Ich war schon lange nicht mehr auf einer Demo oder Kundgebung und als ich dann gemeinsam mit etwa 1500 Menschen auf dem Rathausplatz stand, kam mir plötzlich die Absurdität der Situation zu Bewusstsein. In den 80er Jahren habe ich gegen Wiederaufrüstung und den Nato-Doppelbeschluss demonstriert. Der Feind war außerhalb. Klare Fronten bedingten eine klare Zugehörigkeit. Heute aber war es anders. Gewalt wird nicht mehr in abstrakter Form von oben durch Politik und Bundeswehr repräsentiert. Die Gewalt ist mitten unter uns. Der ideologische Kalte Krieg ist beendet aber stattdessen gibt es jetzt eine ganz konkrete und ganz nahe Bedrohung, die jederzeit und überall gegenwärtig ist.

Und die Fronten sind heute alles andere als klar. Jetzt ist es nicht mehr der Staat oder diejenigen, die damals so gern als „die Herrschenden“ (diesen Ausdruck habe ich damals schon als unsäglich dämlich empfunden) bezeichnet wurden – nein jetzt sind es diejenigen, die am Rande der Gesellschaft stehen. Und weil dies so ist, müssen wir – ob wir wollen oder nicht – Verständnis aufbringen.

Es ist heute nicht mehr so schön einfach. Damals war man sich einig darin, dass Krieg, Aufrüstung und Gewalt zu den Abscheulichkeiten des Lebens zählen und eine gehörige Portion Hass war durchaus legitim. Institutionen und Machtstrukturen darf man hassen. Menschen nicht. Der jugendliche Totschläger oder der arbeitslose Mörder gehört zu einer benachteiligten Randgruppe und dies ist ein mildernder Umstand, der manchmal schon fast zum Freispruch führt.

Aber wenn ich ehrlich bin: in meinem tiefsten Innersten spüre ich den Unterschied nicht zwischen denjenigen, die auf der Straße jemanden zu Tode treten und denjenigen, die ihr Geld mit Waffen verdienen oder die sich erst dann sicher fühlen, wenn zu ihrem Land eine gut ausgerüstete Armee gehört.

Ich spüre diesen Unterschied nicht. Ist dies so, weil ich zu undifferenziert denke oder ist dies so, weil es vielleicht tatsächlich auch gar keinen Unterschied gibt? Der GI, der in Vietnam einen Vietkong erschoss, der Jugendliche, der in Hamburg einen Wehrlosen ersticht – mir gelingt es nicht, einen wirklich wesentlichen Unterschied zu entdecken.



Samstag, 26. Juni 2010
Die hohe Kunst des Ignorierens
Etwas, das ich früher auf der ganzen Linie abgelehnt habe, ist das Ignorieren. Ich schaue nicht gern an Dingen vorbei und ich halte es für wichtig, nicht wegzusehen – zumal ich auch einen Beruf ergriffen habe, bei dem das genaue Hinsehen eine Grundvoraussetzung ist. Erst allmählich komme ich dahinter, dass das Ignorieren eine lebenswichtige Verhaltensweise darstellt. Worauf es ankommt, ist, das Ignorieren nicht zu einem Automatismus werden zu lassen, sondern sich bewusst dafür zu entscheiden. Die unabänderlichen Dinge – und leider gibt es derer viele – können das Leben unerträglich machen und letztendlich die Kraft verbrauchen, die man benötigt, um sich den veränderbaren Dingen zuzuwenden.

Fontane hat mal gesagt „Ignorieren ist noch keine Toleranz“ und das habe ich bisher nur in seiner negativen Bedeutung erfasst – nämlich die, dass jemand, der Dinge einfach ignoriert, sich nicht vormachen sollte, dass dies schon einen Wesenszug der Toleranz darstellt. Aber jetzt sehe ich auch die positive Bedeutung. Die Tatsache, dass ich etwas ignoriere, heißt noch nicht, dass ich damit einverstanden bin, sondern ich entziehe ihr lediglich meine Aufmerksamkeit. Und dies muss als Grund nicht Gleichgültigkeit haben, sondern stellt letztendlich einen Akt des Selbstschutzes dar. Sicher, die gefährliche Nähe zur dumpfen Gleichgültigkeit oder zur Feigheit ist immer vorhanden und sollte nicht unterschätzt werden - Wachsamkeit ist geboten.

In der Meditation ist das Ignorieren gewissermaßen die Grundidee. Das, was bei allen Übungen immer wieder Thema ist, ist der Umgang mit Gedanken. Man kämpft lange Zeit gegen die Gedanken an, da man sie als Störenfriede empfindet – was sie ja in gewisser Weise auch sind, weil sie die innere Ruhe und Gelassenheit stören. Und irgendwann passiert es für kurze Zeit, dass man diese Gedanken einfach vorbeifließen lässt. Man kämpft nicht mehr gegen sie an aber man vertieft sich auch nicht mehr in sie. Und diese kurzen Momente werden häufiger. Meditationslehrer bezeichnen die Gedanken sogar als wichtige „Helfer“, was ich zuerst als völlig abwegig empfunden habe. Erst allmählich begreife ich, dass die Gedanken in ihrer Funktion das bedeuten, was im Kampfsport der Gegner darstellt: das Gegenüber, das die eigene Fähigkeit immer wieder herausfordert und somit stärkt.

Und in gewisser Weise ist das alltägliche Leben vergleichbar mit dem Meditationsprozess. Es ist ein enormer Kraftakt, sich in all die Unzulänglichkeiten, die man nicht ändern kann, zu vertiefen. Man muss sie vorbeiziehen lassen, wenn man seine Kraft nicht vergeuden will. Diese Kraft, die man so dringend benötigt, um zumindest ein wenig zu verändern. Vielleicht gilt das nicht für jeden, aber zumindest für diejenigen Menschen, die einen Beruf wie ich haben, der Verantwortung für Menschen mit sich bringt, die dringend Hilfe benötigen.

Das Problem beim Ignorieren ist das Wie und Wo. Wenn jemand meiner Betreuten sterbenskrank ist und ich genauestens abwägen muss, was zu veranlassen ist, muss ich so genau es nur irgend möglich ist hinsehen und mitfühlen. Wenn ich allerdings mitbekomme, dass irgendwo jemand abgezockt wird und Machtbefugnisse ausgenutzt werden, dann muss ich es ignorieren, denn – und das ist ein Erfahrungswert – allein kann ich nichts dagegen ausrichten. Vielleicht kommen auch mal Zeiten, in denen Menschen mit Rückgrat erscheinen – einen kleinen Lichtblick gab es ja schon vor kurzem – aber die Zeit ist anscheinend noch nicht gekommen (oder schon vorbei?).

Die Unzulänglichkeiten und Widerwärtigkeiten des Lebens. Beleidigungen, verbale Entgleisungen, dumpfe Projektionen, Alphagehabe, Feigheit, Verrat – glücklich, wer von Ihnen verschont bleibt. Und wer nicht soviel Glück hat, dem bleibt eben immerhin doch noch eine Chance: Ignorieren!



Dienstag, 15. Juni 2010
The roaring seventies – filmische Erinnerungen
Eben gerade habe ich den Film Cabaret angesehen. Ich habe überhaupt kein Faible für Musicals, aber dieser Film stellt eine große Ausnahme dar. Es gibt viele Szenen, bei denen ich immer noch eine Gänsehaut bekomme. Zum Beispiel die grandiose Szene im Biergarten, als das Lied „Der morgige Tag ist mein“ gesungen wird. Leise lächelnd von einem einzelnen Hitlerjungen begonnen und endend in ohrenbetäubendem Gebrüll, in das fast jeder der Gäste fanatisch einstimmt. Besser hätte man den Beginn der großen Tragödie nicht darstellen können.

In den 70er Jahren gab es Programmkinos, in denen das Kriterium für einen Film nicht dadurch bestimmt wurde, dass er neu war, sondern dass er gut war. Mit anderen Worten – man konnte gute Filme auch immer wieder sehen. Cabaret lief weit über ein Jahr (!) in der Kurbel. Ein Schulfreund von mir hat sich zu der Zeit als Kartenabreißer Geld verdient und auf diese Weise den Film Cabaret unzählige Male gesehen und wir haben uns oft über die einzelnen Szenen unterhalten.

Dann natürlich auch Aufführung des Liedes „Money“, in der Liza Minelli und Joel Grey die Lust am Geld auf grandiose Art darstellen und am Ende unter wehenden Geldnoten tanzen. Eine Neuauflage des biblischen Tanzes um das goldene Kalb.

Auf zynische und boshafte Art wird das Problem von „Mischehen dargestellt“. Joel Grey steckt einer Gorilladame einen Ring an als Parabel auf die Entscheidung eines (vermeintlichen) Christen, eine Jüdin zu heiraten.

Die Weimarer Republik kurz vor der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten. Dekadent, spöttisch und respektlos wurde jede politische Facette Weimars auf der Bühne ins Groteske verkehrt. So als wären nochmals alle Register der künstlerischen Freiheit gezogen worden, weil schon eine leise Ahnung von dem drohenden Übel und dem baldigen Ende der Freiheit bestand.

Ansehen lohnt sich: