Montag, 19. April 2010
Klassentreffen - alles genauso und doch ganz anders

Gestern fand es nun endlich statt – das lange vorbereitete Klassentreffen. Und nicht eine einzige meiner Befürchtungen hat sich bestätigt. Es war der schönste und witzigste Abend, den ich seit langem verbracht habe. Keine einzige Sekunde war „Mein Haus, meine Frau, mein Auto“ Thema. Es ging eigentlich die meiste Zeit um das, was früher alles passiert war - und das war eine Menge. Und wir waren uns alle einig, dass unsere Klasse etwas Besonderes war. Ziemliche Charakterköpfe mit Ecken und Kanten. Es ist erstaunlich, wie sich Menschen trotz eines langen Zeitraums und der damit verbundenen Entwicklung nicht nur äußerlich, sondern auch in ihren grundlegenden Wesenszügen immer noch sehr ähnlich sind.

Der Abend klingt immer noch in mir nach. Denn im Grunde ging es nicht nur um ein Klassentreffen. Es ging um die kurzeitige Rückkehr in eine Zeit, in der ich glücklicher war als jetzt. Je mehr ich über alles nachdenke, desto mehr wird mir klar, dass es hierbei um Authentizität geht und dass die eigene Authentizität von der der anderen abhängt. Menschen, die nicht authentisch sind, projizieren die eigene Nichtauthentizität in andere hinein und sind dadurch unfähig, andere so wahrzunehmen, wie sie tatsächlich sind. Wenn Menschen sich nicht gegenseitig wahrnehmen können, kommuniziert man zwangsläufig aneinander vorbei. Manche können damit umgehen. Ich leider nicht. Obwohl in unserer damaligen Klasse nicht immer nur eitel Sonnenschein herrschte, sondern es auch Streit gab, war das Miteinander klar und direkt. Ein schönes Gefühl, so wahrgenommen und akzeptiert zu werden, wie man nun mal ist.

Eigentlich war der gesamte Abend das genaue Gegenteil von meinem normalem Lebensalltag. Ich hatte schon fast vergessen, wie es ist, wenn es keine Diktatur der Alphamännchen gibt und man endlose Gespräche führen kann, ohne dass diese durch dumpfe Platituden bestimmt werden und es nur um Geldanlage und Außenwirkung geht. Und wie herrlich angenehm Offenheit, Esprit und wirklicher Humor sein kann.

Sehr berührt hat es mich, dass sich alle bei mir bedankt habe und ich sogar kleine liebevoll ausgesuchte Geschenke bekommen habe. Obwohl es so viel Arbeit nun auch nicht war, habe ich dafür viel Anerkennung erhalten. Etwas nicht als selbstverständlich hinnehmen – auch das habe ich schon seit langem nicht mehr erlebt.

Abende wie gestern gibt es viel zu selten - schade.



Freitag, 16. April 2010
Hass als Testament
Vermächtnis

Nun mein Leben geht zu End,
Mach ich auch mein Testament;
Christlich will ich drin bedenken
Meine Freunde mit Geschenken.

Diese würd’gen, tugendfesten
Widersacher sollen erben
All mein Siechtum und Verderben,
Meine sämtlichen Gebresten.

Ich vermach euch die Koliken,
Die den Buch wie Zangen zwicken,
Harnbeschwerden, die perfiden
Preußischen Hämorrhoiden.

Meine Krämpfe sollt ihr haben,
Speichelfluß und Gliederzucken,
Knochendarre in dem Rucken,
Lauter schöne Gottesgaben.

Kodizill zu dem Vermächtnis:
In Vergessenheit versenken
Soll der Herr eur Angedenken,
Er vertilge eur Gedächtnis.


Heinrich Heine (1797-1856)

Ich atme erleichtert auf, wenn ich sehe, dass es außer mir auch noch andere gibt, die aus tiefer Seele hassen. Ich befinde mich nicht in schlechter Gesellschaft, wenn selbst ein großer Dichter wie Heine seinem Hass nicht nur ein ganzes Gedicht widmet, sondern dabei die Vorstellung der Rache genussvoll im Detail auskostet.

Hass ist ein unehrenhaftes Gefühl, das ist wahr. Aber der Anlass, der zu diesem Hass führt, steht dem in nichts nach. Ich hätte nichts dagegen, lammfromm zu sein – wenn ich nur von lammfrommen Menschen umgeben wäre. Und ohne die näheren Zusammenhänge zu kennen, bin ich mir sicher, dass Heines Verwünschungen nicht die Falschen getroffen haben...



Dienstag, 13. April 2010
Countdown fürs Klassentreffen

Wieso bin ich nur so dickbackig? Hatte ich Mumps? Aber doch nicht mehr in der 1o. Klasse?

Noch eine knappe Woche und das erste Klassentreffen nach 35 Jahren findet statt. Es hat mich eine Menge Vorbereitungszeit gekostet – obwohl ja Dank Internet alles sehr viel einfacher ist als zur Zeit des Briefeschreibens. Nur 2 haben keine Lust und somit werden wahrscheinlich 23 Ehemalige erscheinen.

Und ich bin aufgeregt und trotzdem ist mir mulmig. Der Grund für meinen Wunsch nach einem Klassentreffen war Neugier und auch ein wenig Nostalgie. Sehnsucht nach Menschen, mit denen es Spaß gemacht hat, zusammen zu sein. Aber meine Erinnerungen stammen aus einer längst vergessenen Zeit – im doppelten Sinn. Sowohl im rein zeitlichen Abstand als auch im Hinblick auf die Phase, in der wir uns sich damals befanden. Jugendliche kümmern sich noch nicht um ihre Altersvorsorge, gehen nicht auf Tupperfêten und ducken noch nicht vor allem und jedem. Jugendliche haben Ideale und Ideen, motzen gegen Obrigkeiten und hassen Ungerechtigkeiten. Rockfestivals, politische Diskussionen, Demos und Rebellion gegen die Eltern.

Insgeheim sehne ich mich wahrscheinlich nach dieser Zeit zurück. Ich bin mehr als frustriert über die meisten Menschen um mich herum, die nichts anderes mehr interessiert als Geldanlage und der gute Eindruck nach außen. Es geht um nichts anderes mehr als um Einbauküchen, Geldanlagen, und das Bewerten des äußeren Erscheinungsbilds anderer. Wie eine endlos lange Nonstop-Vormittagstalkshow eines Privatsenders.

Aber Sehnsucht nach früher birgt auch immer die Gefahr des Idealisierens. Es war nicht alles toll damals – Pubertät ist schwierig und so manche Dinge kommen einem im nachherein ziemlich albern und peinlich vor.

Habe ein wenig Angst, dass aus den Originalen von damals Dutzendware geworden ist und mir die letzte Illusion flöten geht. Bei denjenigen, zu denen ich noch Kontakt habe, ist das nicht der Fall. Meine Freundin wird extra aus Berlin kommen und selbst wenn das Klassentreffen nicht das hält, was ich mir davon versprochen habe, werde ich zumindest mit meinen Freunden einen schönen Abend verbringen.

Apropos Mein Haus, meine Frau, mein Auto – meine 5er Clique von früher:

2 Sozialpädagogen
2 Taxifahrerinnen
1 Hartz-IV-Empfängerin

Von 5 Leuten hat niemand ein Haus und nur einer hat ein Auto! Eigentlich die beste Voraussetzung dafür, dass es nicht langweilig werden kann...