Samstag, 23. Januar 2010
Hoppla - Geistig obdachlos!
Heute Nacht habe ich ein wenig über die Weimarer Republik gelesen. Unter dem Kapitel „Deuter und Denker“ wurden Wissenschaftler und Philosophen aus der Weimarer Zeit vorgestellt. Unter anderem auch Siegfried Kracauer (1889-1966), ein soziologisch geschulter Journalist, der einer der ersten war, der sich dem Film als Phänomen der neuen Massenkultur widmete. Und dabei stieß ich zu schon sehr später Stunde auf ein Zitat, das mich wieder hellwach machte:“ Die Masse der Angestellten unterscheidet sich vom Arbeiter-Proletariat darin, daß sie geistig obdachlos ist“.

Da gab es also schon vor langer Zeit jemanden, der nicht, wie allgemein üblich, den Arbeitern einen geistigen Mangel - denn Obdachlosigkeit ist ein Mangel - diagnostiziert, sondern den Angestellten. Das stellt die herkömmliche Ansicht auf den Kopf. Trifft aber mitten ins Schwarze. Auch wenn man heute den verstaubten Begriff des Arbeiter-Proletariats zu Seite legen muss, gibt es immer noch Differenzierungen in der Arbeitswelt, die vielleicht nicht so sehr aus einer wirklich soziologischen Sicht resultieren als vielmehr aus der Sicht der Menschen über sich selbst. Die Menschen, die nicht körperlich arbeiten, definieren sich nach wie vor als diejenigen, deren Arbeit anspruchsvoller ist als die körperliche Arbeit. Und schon seit ewigen Zeiten beizeichnen diese Menschen ihre Arbeit als „Geistige Arbeit“.

Im Mittelalter, als Lesen und Schreiben eine Fähigkeit weniger Auserwählter und fast immer mit einer umfangreichen Bildung verknüpft war, mag der Begriff „Geistig“ zugetroffen haben. Aber heutzutage ist dies nicht nur falsch sondern auch völlig lächerlich. Ein Standesdünkel einer Klasse ohne Stand.

Nach Kracauer geht es dem Angestellten nie um Inhalte, sondern nur um Glanz (im Sinne von Wirkung nach außen), er möchte in erster Linie auf unkomplizierte Art genießen und sich nicht mit Problemen auseinandersetzen. Von dem Genuß der Umwelt möchte er sich nicht durch ernste Gespräche ablenken lassen:

Das Höhere ist dem/der Angestellten nicht Gehalt, sondern Glanz. Es ergibt sich ihm nicht durch Sammlung, sondern in der Zerstreuung".

Geistig obdachlos – darüber könnte man lange nachdenken, denn Kracauer sagt ja nicht Geistig beschränkt. Es dreht sich also nicht um ein eingeschränktes Wissen sondern um ein Wissen, das in irgendeiner Weise unbeheimatet ist. Ein beliebiges überall anwendbares und austauschbares Wissen. Ohne Bezug auf irgendetwas oder irgendwen und ohne jeden Hintergrund. Lesen, Schreiben, Rechnen. Vielleicht für ein Möbelgeschäft, ein Ingenieurbüro, ein Krankenhaussekretariat – vielleicht auch für eine rechte Partei oder aber eine linke. Auswechselbar und überall einsetzbar - eben ohne Obdach.

Und ob ich will oder nicht - mir kommt die Darstellung Etty Hillesums ins Gedächtnis, die über ihre Arbeit in einem Büro klagt und ihre Kollegen dabei nicht gerade liebevoll beschreibt als: " sie sind in bezug auf ihre eigene Person optimistisch verblendet, sie intrigieren und verteidigen ehrgeizig ihre Pöstchen, das Ganze ein riesiger Saustall". Das deckt sich mit Kracauers Begriff der geistigen Obdachlosigkeit, denn es fehlt in der Tat das "gemeinsame Dach", das über das formale Arbeiten Hinausgehende.



Mittwoch, 20. Januar 2010
Ausdruck der Seele
Ich kann mir keinen Zustand denken, der mir unerträglicher und schauerlicher wäre, als bei lebendiger und schmerzerfüllter Seele der Fähigkeit beraubt zu sein, ihr Ausdruck zu verleihen.

Michel de Montaigne (1533-1592)

Es bleibt vieldeutig, was Montaigne mit «Ausdruck der Seele» meinen könnte. Vielleicht meint er die Verletztheit, die eine Seele empfinden kann, vielleicht auch die Wut oder die Angst. Vielleicht auch die Liebe zu jemandem oder die Abneigung gegen jemanden. Aber zu einer lebendigen Seele gehört für Montaigne die Fähigkeit, Gefühle nicht nur zu haben, sondern diese auch auszudrücken.

Und obwohl Montaigne vor über 400 Jahren gelebt hat, deckt sich seine Erkenntnis mit der heutiger Psychologie. Es macht krank, sich verstellen zu müssen. Wenngleich genau dies meist von der Gesellschaft gefordert wird. Und zwar zu allen Zeiten und in allen Kulturen. Obrigkeiten akzeptieren, gesellschaftliche Rollen erfüllen, Verantwortung tragen – all dies ist mit dem Gebot verbunden, seine Gefühle unterdrücken zu müssen. Und wenn dies sich erst einmal verfestigt hat, geht auch die Fähigkeit des Ausdrucks verloren. Dann ist aus einer Entscheidung ein Zustand geworden.

Aber man kann gegen dieses Gebot auch rebellieren. Auch das ist zu jeder Zeit und überall geschehen. Rebellion gegen selbsternannte unfähige Autoritäten. Gegen absurde Rollenvorschriften. Gegen zuviel Verantwortung. Gegen Ungerechtigkeit. Und es ist diese Rebellion, die die Seele braucht. Durch die sie ihre Lebendigkeit bewahrt. Und durch die sie ihr Menschsein lebt. Denn genau dies ist der Gegensatz zur leblosen Maschine, die sich einfach nur steuern und bedienen läßt ohne sich selbst Ausdruck zu schaffen.

Das klare und laute Nein gegen all das, was eine Seele krank macht.



Freitag, 15. Januar 2010
Reform von Sex and the City
Es gibt keine Frauen, die noch nie eine Folge Sex and the city angesehen haben. Somit bin auch ich mit Carrie, Miranda, Samantha und Charlotte vertraut. Und es gibt durchaus Dinge, die ich genieße. Wenn Männer sich endlich mal die dummen Sprüche anhören müssen, die jahrhundertlang nur Frauen ertragen mußten. Wenn mal die ganzen unerträglichen männlichen Attitüden so richtig schön vorgeführt werden. Und wenn endlich mal unverblümt darüber gesprochen wird, wie viele Männer im Bett reine Katastrophen oder doch zumindest Tollpatsche sind.

Aber ich frage mich, ob Sex und Dummheit zwangsläufig untrennbar zusammen gehören müssen. Wäre es wirklich unvorstellbar, wenn sich nicht vier komplette Idiotinnen über Sex unterhalten würden, sondern vier Frauen im Vollbesitz ihrer geistigen Kräfte? Wenn beispielsweise das Thema Sex ein Thema von vielen wäre und es nicht nur das Ausweichthema Mode geben würde?

Man stelle sich beispielsweise vor, Carrie wäre Greenpiece-Aktivistin, Miranda wäre Politologin, Samantha wäre Sozialarbeiterin im Altenheim und Charlotte wäre wissenschaftliche Assistentin im Fachbereich Altamerikanistik.

Carrie kannte Betty Friedan und Kate Millet noch persönlich und vergleicht deren Theorien über Männer mit ihren praktischen Erfahrungen. Samantha interessiert sich leidenschaftlich für Nietzsche, hört Bachkantaten und genießt Sex mit depressiven Künstlern. Miranda schreibt ihre Dissertation über den Zusammenhang von Politik und Sex im Verlauf der Geschichte am Beispiel der Mätressen am französischen Hof, wozu sie regelmäßig nach Paris fliegt und dabei undercover aufdeckt, daß sich im Grunde seit Louis XIV nichts geändert hat. Charlotte liebt es, mit dem Rucksack durch die Anden zu trampen und dabei das Liebeleben der Indios am lebenden Objekt zu erforschen und schafft sich dabei einen Ruf als gutbezahlte Feldforscherin.

Eine Serie mit Protagonistinnen, deren Horizont nicht nur von Prada bis Dior reicht, wäre doch sicher mal etwas Neues, oder?

Oder wie wäre es, wenn man einfach mal die Gesellschaftsschicht wechseln würde?

Carrie arbeitet bei Ford als Automechanikerin nachdem sie als Panzergrenadierin im Irak war. Samantha verkauft als Außendienstmitarbeiterin bei Hoover Staubsauger. Charlotte bezieht Sozialhilfe und wohnt in einer Wohnunterkunft für Frauen. Miranda arbeitet in einem Filmstudio als Aushilfsstatistin.

Carrie nutzt sowohl ihre Erfahrungen im Irakkrieg als auch die Erfahrungen als Frau in einem Männerberuf und schreibt Tagebuch über das Verhalten von Männern in Gemeinschaften ohne Frauen. Samantha genießt die Möglichkeit, bei ihrer Außendiensttätigkeit bei freier Zeiteinteilung auch Hausmänner mit ebenfalls freier Zeiteinteilung kennenzulernen. Charlotte geht es oft finanziell so dreckig, daß sie ab und zu anschaffen muß, was dem Zuschauer aber hochinteressante Einblicke verschafft. Miranda hat durch ihre Arbeit freien Zugang zu Filmgrößen und nutzt dies für Affairen mit der gesamten Hollywood-Prominenz der B-Klasse.

Und es bringt richtig Spaß, die Idee weiterzuspinnen! Ein Charakterwechsel der weiblichen Protagonisten zieht unweigerlich auch einen Wechsel der männlichen mit sich: Mr. Big ist ein begnadeter Gefäßchirurg und Vizevorsitzender von „Ärzte ohne Grenzen“. Smith ist ein ebenfalls begnadeter Theaterschauspieler und hochgelobt für seine Darstellung von Becketts „Warten auf Godot“. Harry Goldenblatt ist nach wie vor Anwalt, konzentriert sich dabei aber auf Umweltskandale. Steve kann ausnahmsweise so bleiben wie er ist. Allerdings kellnert er nicht in einem Szenelokal sondern in einem Literaturcafé.

Mr. Big hat nicht mehr oft Sex, weil er sich in seiner Arbeit für „Ärzte ohne Grenzen“ dermaßen aufreibt, daß er Erektionsschwierigkeiten hat – was zu einem Dauerthema zwischen ihm und Carrie wird. Smith hat eine Tendenz zur Verschmelzung mit seinen Rollen und muß deswegen von Zeit zu Zeit in die Psychiatrie. Samantha überlegt, ob sie nicht praktischerweise nicht dort eine Stelle als Sozialarbeiterin annimt. Harry Goldenblatt hat Alkoholprobleme, weil er wegen seiner Aufdeckung von Umweltskandalen ständig mit Verfolgung rechnen muß. Steve hat ebenfalls Alkoholprobleme weil Miranda so oft in Paris ist und er stellt sein Literaturcafé deswegen irgendwann in eine Milchshakebar um.

Und in der gesellschaftlichen Tiefgarage?

Mr. Big ist Kofferträger im Hilton. Smith macht eine Fortbildung zum Kindergärtner. Harry Goldenblatt macht dunkle Geschäfte in der Drogenszene. Und Steve kann wieder ausnahmsweise so bleiben wie er ist – und kellnert.

Mr. Big ist Analphabet, was er jedoch kaschiert und deswegen ständig Ärger bekommt, weil er im Hilton die Koffer vertauscht. Dank des Kontakts zu Harry Goldenblatt wird er aber nie rausgeschmissen. Smith geht in seiner Arbeit mit Kindern auf und hat deswegen Dauerstress mit Samantha, denn er möchte mit ihr als Herbergsvater und Herbergsmutter eine Jugendherberge gründen. Harry Goldenblatt steht ständig mit einem Bein im Knast und will sich seinen Drogenkonsum mit Hilfe der Kabbala-Szene entziehen (lernt dadurch Madonna kennen). Steve kellnert, fühlt sich wohl dabei und bleibt so wie er ist.