Samstag, 19. Dezember 2009
Vielen Dank Herr Kant (und Herr Nietzsche)
Er (der Mensch von melancholischer Gemütsverfassung) hat ein hohes Gefühl von der Würde der menschlichen Natur. Er schätzet sich selbst und hält einen Menschen vor ein Geschöpf, das da Achtung verdienet. Er erduldet keine verworfene Untertänigkeit und atmet Freiheit in einem edlen Busen. Alle Ketten, von denen vergoldeten an, die man am Hofe trägt, bis zu dem schweren Eisen des Galeerensklaven sind ihm abscheulich. Er ist ein strenger Richter seiner selbst und anderer, und nicht selten seiner so wohl als der Welt überdrüssig.

Immanuel Kant

Eine nicht sehr weit verbreitete Ansicht, daß die Melancholie - heute sagt man Depression - aufs Engste mit Freiheitsdrang und Würde verwoben ist. Wer seine Würde geachtet wissen will und wer nicht in Ketten leben will, kann eigentlich nur depressiv werden. Jemand, der nicht treten will und auch nicht getreten werden will - was hat der schon für eine Chance im Leben?

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Beim Lesen eines Nietzsche Gedichtbands stieß ich auf sehr ähnliche Zeilen:

Der Einsame

Verhaßt ist mir das Folgen und das Führen.
Gehorchen? Nein! und aber nein - Regieren!
Wer sich nicht schrecklich ist, macht niemand Schrecken:

und nur wer Schrecken macht, kann andere führen.
Verhaßt ist mir's schon , selber mich zu führen!
Ich liebe es, gleich Wald- und Meerstieren,
mich für ein gutes Weilchen zu verlieren,
in holder Irrnis grüblerisch zu hocken,
von ferne her mich endlich heimzulocken,
mich selbst zu mir selber - zu verführen.


Der Titel spannt den Bogen zu dem Ausspruch Kants. Die Verweigerung des Führens und Folgens ist nicht lediglich eine Lebenseinstellung oder eine Charaktereigenschaft. Es macht den Menschen eben auch einsam. Denn im menschlichen Miteinander ist wenig Platz für solche Individualisten. Und die Einsamkeit ist immer auch der Schritt hin zur Melancholie.

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Und Else Lasker Schüler hat dies anders ausgedrückt. Nicht mit Melancholie oder Einsamkeit. Sondern mit Aufbegehren und Leidenschaft. Ihre Zeilen brennen wie Feuer:

Mein Tanzlied

Aus mir braust finst're Nachtmusik
Meine Seele kracht in tausend Stücken!
Der Teufel holt sich mein Missgeschick
Um es ans brandige Herz zu drücken.
Die Rosen fliegen mir aus dem Haar
Und mein Leben saust nach allen Seiten,
So tanz' ich schon seit tausend Jahr,
Seit meiner ersten Ewigkeiten


Else Lasker-Schüler (1889 – 1945)

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Leben jenseits fetter Behäbigkeit. Da muß es auch geben. Sogar zwingend. Sonst ersticken wir irgendwann.



Mittwoch, 16. Dezember 2009
Lyrik
Lyrik ist ein leidenschaftliches Ja zum Denken.
Eine Hymne an das Aufbegehren.
Eine Absage an Dummheit und Grobheit.
Lyrik ist gefühltes Denken
oder aber gedachtes Fühlen.
Lyrik ist das Nicht-Zweckgebundene.
Das Nicht-Konforme.
Lyrik ist Trost und Beistand
für alle diejenigen,
die sich in einer materialistischen Welt
fehl am Platz fühlen.

Lyrik ist die Gemeinschaft der Einsamen.

Da wo lebendige Menschen mehr und mehr verstummen,
reden Dichter zu uns und scheinen uns wie gute Freunde zu kennen.
Und helfen uns über manche schlaflose Nacht hinweg.

Lyrik ist das Zuhause
der Heimatlosen.



Montag, 14. Dezember 2009
Alphamännchen ist nicht gleich Alphamännchen
Vor einiger Zeit habe ich eine Episode mit einen Alphamännchen geschildert. Allerdings muß ich fairerweise einschränken, daß nicht jedes Alphamännchen nur aus reiner Lust am Dominieren die Alpharolle übernommen hat. Und auch nicht jedes Alphamännchen verdankt seine Position der Ängstlichkeit und Trägheit der anderen.

Es gibt auch Alphamännchen, die tatsächlich schlicht und einfach mehr Kompetenz als andere haben. Die ein enormes Interesse an anderen haben und die ihre Entscheidungen oftmals weiser und umsichtiger als andere treffen. Und deren Ideen oftmals genau das beinhalten, was eine Sache weiterbringt. Oder sogar überhaupt erst ins Leben ruft.

Ich hatte früher Gelegenheit, diese Art Alphamännchen kennenzuleren. Und eigentlich hatte ich kein Problem mit der Beta-Rolle. Denn diese Art Alphamännchen lassen andere von ihrer Überlegenheit profitieren. Und die Fähigkeit zur differenzierten - uneigennützigen - Betrachtungsweise läßt oftmals auch bei schwierigen Problemen Lösungen finden.

Das, wovon ich spreche, sind die Alphamännchen zum Anlehnen. Die bei denen man sich ein wenig ausruhen kann von der oftmals drückenden Verantwortung. Bei denen man sich auch bei schwierigen Vorhaben sicher fühlt. Diese Art Alphamännchen stellen eine sehr seltene Spezies dar. Und immer öfter sucht man sie vergeblich. Dabei bräuchte man sie gerade jetzt mehr denn je. ..