Mittwoch, 25. November 2009
Bin ich schön? Bin ich häßlich? Und wenn interessiert das eigentlich?
Es gibt Menschen, die nicht mit anderen kommunizieren können, ohne deren Äußeres zu kommentieren – und dies leider meist in diffamierender und abwertender Weise. Sämtliche Spuren geistiger Entwicklung und Zivilisation scheinen an diesen Menschen spurlos vorübergegangen zu sein und wie im Neandertal reduziert sich die Wahrnehmung ausschließlich auf das Auge. Schon in der normalen und alltäglichen Kommunikation ist dies ebenso unangenehm wie überflüssig. Wenn es aber einmal tatsächlich zu Konflikten kommt, laufen solche Menschen zu Höchstformen auf. Kleinste Kleinigkeiten werden hierbei – ähnlich wie bei Tieren – geortet und nichts ist mehr vor ihnen sicher.

Das eigentlich Dramatische ist aber nicht die dumpfe Einfachheit dieser Menschen sondern deren Auswirkung auf all jene, die normalerweise nie auf die Idee kommen würden, dem Äußeren anderer Menschen Beachtung zu schenken. Plötzlich gibt es eine Art Ping-Pong-Effekt und unwillkürlich gucken auch jene sich das äußere Erscheinungsbild der Kontrahenten mal genauer an. Und dann bemerken sie, daß eben genau diejenigen Menschen, deren Vorliebe es ist, das Äußere anderer verächtlich zu kommentieren, weit davon entfernt sind, selbst den allgemeinen Maßstäben von Schönheit zu entsprechen. Dies wiederum löst dann ein klammheimliches Gefühl der Genugtuung aus, das noch größer wird, wenn Dritte den Eindruck der Häßlichkeit bestätigen.

Damit ist genau das passiert, was beim Kontakt mit tollwütigen Tieren passiert – kommt man ihnen zu nah, dann infiziert man sich und hat plötzlich selbst Schaum vorm Mund. Man ist in die Falle getappt und hat sich auf ein tierähnliches Niveau hinunterziehen lassen. Man kann der Versuchung einfach nicht widerstehen, dieser erbärmlichen Selbstgefälligkeit, die nicht nur die eigenen Unzulänglichkeiten ausblendet, sondern obendrein noch in andere hineinprojiziert, mit den gleichen Mitteln einen Gegenschlag zu verpassen.

Und leider gibt es für diese Art Tollwut keine Impfung und so bleibt nur die gleiche Strategie wie bei der realen Tollwut: man muß sich so fern wie möglich halten. Diese Spezies wirft das gesamte zwischenmenschliche Niveau um Lichtjahre zurück. Niemand braucht diese Spezies und niemand will diese Spezies. Wenn es nicht schade um den Dschungel wäre, sollte man sie dorthin zurückschicken.
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Sonntag, 1. November 2009
Das Leben der Anderen
Habe eben den Film "Das Leben der Anderen" angesehen. Im Gegenteil zu einigen Kritikern empfinde ich den Film nicht als Politschmonzette - abgesehen von der Rolle Martina Gedecks, deren schauspielerische Leistungen mir aber noch nicht besonders zusagten.

Ich erinnere mich an den ersten Kontakt mit der DDR . Ein Tag Ostberlin im Rahmen einer Klassenreise nach Berlin. Ich war 15 Jahre alt und davon überzeugt, daß der Sozialismus das einzige System sei, daß die Idee der sozialen Gerechtigkeit ernst nehmen würde. Nach dem Ausflug in die DDR hatte ich mich vom Traum eines sozialistischen Landes verabschiedet. Ein halber Tag realer Sozialismus hatten ausgereicht um eine gigantische Lüge zu offenbaren.

Wir kamen in einer kleinen Ostberliner Kneipe ins Gespräch mit einem Mann, der vielleicht 3 - 5 Jahre älter war als wir. Er glaubte uns erst, daß wir Westdeutsche sind, als wir unsere Reisepässe zeigten. Dann war er merklich verunsichert, brach das Gespräch aber nicht ab. Er erzählte, daß er für Auslandsreisen gesperrt sei, weil er versucht hatte während einer Reise in die Tschechoslowakei zu fliehen. Er schien aber auch das Bedürfnis zu haben, die "guten" Seiten der DDR zu schildern, denn er erwähnte, daß in der DDR ein Kindergartenplatz nur 18,00 Mark konsten würde. Da ich immer noch im Kindergarten mein Mittagessen erhielt, war mir auch der Westdeutsche Kindergartentarif bekannt: auch genau 18,00 DM! Das nahm unserem Gesprächspartner ein wenig die Luft raus beim Argumentieren.

Als wir durch Berlin schlenderten, wurden wir ständig angequatscht, ob wir nicht unsere Jeans oder Jeansjacken verkaufen würden. Unsere Argumente, daß wir nicht in Unterzeug durch Berlin laufen wollten, schienen die Kaufinteressenten nicht zu beeindrucken. Manche machten uns regelrecht ein schlechtes Gewissen mit Argumenten wie: "Ihr könnt Euch doch überall Jeans kaufen, aber wir nicht".

Jeans und Parka waren 1974 Pflicht für mich um mich von den sogannten Poppern abzugrenzen. Dennoch war ich aber auch mit 15 Jahren nicht mehr so auf die Darstellung durch Äußerlichkeiten fixiert, da mir auch da schon zuviele Menschen begegnet waren, die weder Parka noch Jeans trugen und trotzdem ein Gespräch lohnten. Ich war verwundert, daß die westlichen Jeans in Ostdeutschland anscheinend schon fast religiöse Bedeutung hatten. Die in der damaligen Zeit moderen Maxiröcke lösten offene Feindseligkeit bei älteren Menschen aus: "Die Zijeuner kimmen" ostpreußelte eine ältere Dame schokiert.

Bemerkenswert war auch der Besuch eines Kaufhauses. In der Etage mit der Damenbekleidung hingen ganze drei Kleider (was mich allerdings überhaupt nicht störte). Die Restaurants waren angenehm billig und wir fuhren ständig mit dem Bus herum, weil der nur 10 Pfennig kostete. Unser Chemieprofi stürmte gleich ein Antiquariat um dort für ein paar Mark Chemiebücher zu kaufen. Am Grenzübergang mußte ein Mitschüler aus der Parallelklasse eine Leibesvisitation über sich ergehen lassen, weil er ein bißchen über irgendetwas gewitzelt hatte. Im Sozialismus darf nicht gewitzelt werden.

Als wir wieder nach Westberlin zurückkamen, verspürte ich ein großes Gefühl der Erleicherung. Ich empfande es als unerträglich, mich in einem Land aufzuhalten, das deren Bewohner nicht verlassen dürfen. Die Mauer erinnerte mich an KZ-Mauern. Die Leute waren entweder auf unser Westklamotten oder unser Westgeld scharf oder aber sie hatten Angst, mit uns zu sprechen. Der Traum vom Sozialismus hatte sich für mich an nur einem Nachmittag zerschlagen. Ich erinnere mich, daß es ein schöner Traum war, denn seit ich denken kann, habe ich auf soziale Ungerechtigkeit einen abgrundtiefen Haß.

Aber Realitäten zerstören Träume. Mit 15 läßt man sich nicht belügen - weil man in dem Alter nicht belogen werden will. Ich habe allerdings nie verstanden - und verstehe es auch heute noch nicht - wieso so viele andere an der Lüge festhielten. Wenn man als 15Jährige an einem einzigen Nachmittag kapiert, daß etwas verlogen und faul ist, dann müßten doch ältere Menschen, die sehr viel mehr Zeit des Kennenlernens hatten, sehr viel eher draufkommen.

Ich merke, daß ich jetzt genauso schreibe, wie ich als Jugendliche gefühlt habe. Ist dies eigentlich gut oder schlecht? Bedeutet dies Unreife oder Bewahrung der Jugend?
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Samstag, 24. Oktober 2009
Das Papa-Mama-Konto – ein gern geleugnetes Privileg
Die Frage, ob man denn nun eigentlich gut oder schlecht verdient oder ob man denn nun genug oder nicht genug gespart hat, ist fast unmöglich zu klären. Da gibt es Faktoren wie die Ausbildung, in die man investiert hat und für die man ein höheres Gehalt beansprucht als jemand, der diese Investitionen nicht gemacht hat. Da gibt es Faktoren wie hohe Kredite, die abgezahlt werden müssen. Kinder, denen ebenfalls wieder eine Ausbildung bezahlt werden muß. Die Liste ist endlos lang und macht einen wirklichen Vergleich unmöglich.

Was aber bei all den Versuchen, seine finanzielle Situation in Relation zu anderen zu stellen, grundsätzlich und hartnäckig ignoriert wird, ist das Papa-Mama-Konto. Auf dieses Konto war ich schon als Kind immer ein bißchen neidisch. Menschen, die durch ihre Eltern einen zinslosen Dauerkredit haben oder eine regelmäßige Apanage beziehen, genießen beachtliche Privilegien. Das kann man als gerecht empfinden oder auch nicht – erstaunlich ist, daß dieses Privileg von den Nutznießern völlig ignoriert wird.

Viele Menschen müssen ihren Lebensweg allein aus eigner Kraft bestreiten. Das fängt an beim Zeitungsaustragen als Schüler, das erforderlich ist, weil das Papa-Mama-Konto nicht vorhanden ist. Während Kinder mit einem Papa-Mama-Konto bei Schulschwäche Nachhilfestunden erhalten, müssen sich Kinder ohne Papa-Mama-Konto oftmals durch das Erteilen von Nachhilfestunden Geld dazuverdienen. Die Schulferien werden durch das Papa-Mama-Konto angenehm zur Erholung und zum Kennenlernen fremder Länder genutzt, während Schüler ohne dieses Konto die Arbeitswelt im Supermarkt kennenlernen, wo sie als Zuverdienst Regale einräumen.

Es geht dann später weiter beim Studium, wo die Zeit fürs Lernen eingeschränkt wird durch jede Menge Nebenjobs. Ist das Studium dann beendet, fällt ohne das Papa-Mama-Konto schon nach kurzer Zeit die Abzahlung des BAFöGs an, die schon mal bis zur Lebensmitte dauern kann. Aber schon zuvor gibt es erhebliche Unterschiede im Lebensstil. Dort wo ein Papa-Mama-Konto vorhanden ist, gibt es einen Führerschein und passend dazu das erste Auto. Die anderen fahren erstmal Fahrrad.

Kommt es dann zur Familiengründung, kommen diejenigen mit dem Papa-Mama-Konto in den Genuß eines meist nicht unerheblichen Zuschusses zum Eigenheim, ohne den dasselbe oftmals gar nicht erst möglich wäre. Ohne das Papa-Mama-Konto muß erstmal in einer engen Zweieinhalbzimmerwohnung gewohnt werden. Kommen dann die Kinder, stehen Menschen mit einem Papa-Mama-Konto nicht allein vor den damit verbundenen Ausgaben, sondern regelmäßige, lukrative Geschenke zur Geburt, Einschulung, Weihnachten e.t.c. machen die Kindererziehung einfacher.

Irgendwann geht alles zu Ende und wenn dann die Eltern das Zeitliche segnen, geht das Papa-Mama-Konto über in die Hände der Kinder, oft noch ergänzt durch ein Häuschen. Bei denjenigen ohne Papa-Mama-Konto geht gar nichts über – im Gegenteil, es entstehen Kosten durch Beerdigung und Haushaltsauflösung. Auch schon zuvor haben Menschen, die kein Mama-Papa-Konto haben in doppelter Weise mehr Verpflichtungen als diejenigen, die eben eins haben, denn oftmals müssen erstere einspringen, wenn es bei den Eltern finanziell eng wird.

Das Papa-Mama-Konto ist das Startpaket, das das Leben angenehmer und problemloser macht. Das Papa-Mama-Konto macht das Leben weniger risikoreich, denn es steht bei allen Plänen beruhigend im Hintergrund. Das Papa-Mama-Konto ist eine verläßliche Rückversicherung gegen alles, was vielleicht schief gehen könnte. Ein Privileg, das schon früh Weichen stellt für den Lebensweg und sogar den der Kinder. Das hat das Papa-Mama-Konto mit Erbkrankheiten gemeinsam - es pflanzt sich auch in die Folgegenerationen fort.

Mit Privilegien ist das allerdings so eine Sache. Haben möchte sie jeder, wahrhaben allerdings fast niemand. Ich persönlich habe nicht das Privileg eines Mama-Papa-Kontos gehabt. Aber dennoch gibt es andere Privilegien, in deren Genuß ich trotzdem gekommen bin und auch immer noch komme. Ich hatte beispielsweise die Möglichkeit zum Besuch des Gymnasiums. Ich mußte zwar als Kind mit meiner Schwester ein Winzzimmer teilen, als Jugendliche hatte ich aber dann ein eigenes Zimmer für mich allein. Ich mußte Gott-sei-Dank niemals in einer Hochhaussiedlung wohnen, sondern durfte Natur genießen. Nachdem ich eine Zeitlang eine körperliche schwere, völlig unterbezahlte Arbeit ausgeübt habe, war ich in meinem Beruf tätig und habe gut verdient (was allerdings alle meine Kollegen abstritten). Auch jetzt empfinde ich mich – wieder im Gegensatz zu meinen Kollegen – nicht als Geringverdiener und bin mir durchaus bewußt, welche Annehmlichkeiten meine Arbeit bietet. Vergleiche ich mich mit meinen Freunden und Bekannten, von denen viele im gewerblichen Bereich arbeiten oder Hartz-IV-Empfänger sind, fühle ich mich privilegiert – und dies nicht wenig.

Ich kenne Menschen, die sozial privilegiert sind und denen dies durchaus bewußt ist. Menschen, die sich trotz einer finanziell abgesicherten Situation für die Lage der Hartz-IV-Empänger interessieren und engagieren. Denen trotz der Tatsache, nicht selbst betroffen zu sein, das Thema Armut nicht egal ist. Soziale Ungleichheit gab es immer und wird es auch immer geben. Das Gefährliche ist daran, diese Tatsache einfach auszublenden und die eigenen Privilegien nicht als solche einzustufen oder als für jeden gegeben anzusehen.

Das, was Privilegien für andere so unerträglich macht, ist nicht die Tatsache des Privilegs an sich – daran kann man sich im zunehmenden Alter gewöhnen. Das Unerträgliche ist die Tatsache, daß Privilegierte ihre Privilegien nicht nur hartnäckig leugnen, sondern – im Gegenteil – sich meist auch noch auf der Seite der Benachteiligten wähnen. Und dies ist oft bei den Nutznießern eines Papa-Mama-Kontos nicht selten der Fall. Das Papa-Mama-Konto schafft Möglichkeiten, von denen diejenigen, die es nicht besitzen, nur träumen können. Wer ein Papa-Mama-Konto hat, hat enormes Glück. Und das sollte er verdammt noch mal auch zugeben!

P.S.: das Papa-Mama-Konto ist manchmal auch ein Schwiergerpapa-Schwiegermama-Konto!



Liebe und Leidenschaft
Sie ist schön und mehr als schön; sie ist voll von Überraschungen. Schwarz wiegt in ihr vor: und alles, was sie einem offenbart, ist nächtlich und tief. Ihre Augen sind zwei Höhlen, in denen wie durch Nebel, das Geheimnis glitzert, und ihr Blick leuchtet auf wie der Blitz: ein Feuerausbruch in der Finsternis. Ich würde sie mit der schwarzen Sonne vergleichen, wenn man sich ein schwarzes, das Glück und das Licht ausgießendes Gestirn vorstellen könnte. Doch sie läßt eher an den Mond denken, der sie mit seinem bedrohlichem Einfluß gezeichnet haben muß; nicht der weiße Mond der Idyllen, de einer kalten Braut gleicht, sondern der böse und berauschende, in der Tiefe einer Gewitternacht schwebende, und von den eilenden Wolken gerüttelte Mond; nicht der friedliche, verschwiegene Mond, den den Schlaf der reinen Menschen besucht, sondern der dem Himmel entrissene, besiegte und aufrührerische Mond, den die thessalischen Hexen in harter Nötigung zwingen, auf dem erschreckten Grase zu tanzen. In Ihre schmalen Stirn wohnen hartnäckiger Wille und Raublust. Doch unten an diesem beunruhigenden Gesicht, wo bewegliche Nasenflügel das Unbekannte und Unmögliche einsaugen, leuchtet mit unaussprechlicher Anmut, das Lachen aus einem großen, roten und weißen und entzückenden Munde, der von dem Wunder einer prachtvollen Blume träumen läßt, aufgeblüht auf vulkanischer Erde.

Es gibt Frauen, die man besiegen und derer man sich in Liebe erfreuen möchte; aber bei ihr sehnt man sich danach, unter ihrem Blick langsam zu sterben.


Charles Beaudelaire (1821-1871)

Da ich seit einiger Zeit hier einen Beitrag mit dem Titel Ehe und Moral und einen von mir ständig ergänzten Kommentar "Kleine Gemeinheiten über die Ehe" habe, ist es an der Zeit, auch mal dem Thema Liebe ein bißchen Aufmerksamkeit zu widmen.

Und genauso wenig wie Ehe etwas mit Liebe zu tun hat, so hat auch Leidenschaft nichts mit Liebe zu tun. Es mag Berührungspunkte geben, aber die Qualitäten beider Gefühle sind völlig andere. Und darüber möchte ich ein wenig schreiben.