Das Dumme an der Dummheit
Ich werde von einigen Freunden immer mal wieder darauf angesprochen, warum ich mich denn so oft über Dummheit aufrege und schnell fällt dann der Vorwurf der Arroganz. Erstes stimmt, letzteres nicht. Ich lebe nicht in dem Glauben, intelligenter als andere zu sein. Wenn ich versuche, mich mit philosophischen Texten zu befassen, brauche ich oftmals Stunden für nur ein- bis zwei Seiten und ich stoße schnell an meine geistigen Grenzen. Obwohl ich Rilke liebe, gibt es viele Gedichte von ihm, deren Sinn mir nicht aufgeht. Die Quantenphysik wird mir trotz großem Interesse immer ein Rätsel bleiben. Das, was mich – zugegebenermaßen – so oft zutiefst aufregt, ist nicht die Dummheit als Gegensatz der Intelligenz. Das wäre in der Tat arrogant. Das Charakteristische an der Dummheit ist nicht das Nicht-Wissen. Das Charakteristische an der Dummheit ist das Nicht-Wissen-Wollen. Gewissermaßen das Zelebrieren des Verharrens im Nicht-Denken. Dummheit ist die kategorische Ablehnung des Wortes Warum. Die strikte Verweigerung des Suchens nach Ursachen.
Dummheit ist keine Eigenschaft. Dummheit ist ein freiwillig erwählter Zustand. Eine Entscheidung für das Verblöden und gegen die Weiterentwicklung. Und Dummheit ist gefährlich. Sogar extrem gefährlich. Kommandos werden oft von intelligenten Menschen gegeben – befolgt werden sie aber meist von dummen. Die Atombombe ist von höchst intelligenten Menschen entwickelt worden. Gezündet wurde sie von weniger intelligenten Menschen.
Das eigentlich Dumme an der Dummheit ist jedoch ihre Dominanz. Wenn Dummheit und Intelligenz zusammentreffen, dann hat grundsätzlich die Dummheit die Oberhand. Denn die Intelligenz ist gezwungen, sich auf das Niveau der Dummheit zu begeben – der umgekehrte Weg ist naturgemäß nicht möglich. Dummheit setzt da einen Punkt, wo eigentlich noch Vieles folgen müßte. Wo ein Für-und-Wider und ein Nachdenken unentbehrlich wäre. Dummheit setzt Grenzen, an denen sich andere den Kopf einrennen. Und Dummheit kann zu einer gefährlichen Waffe werden, mit der man auf andere einschlägt.
Nein, liebe Freunde; Wut auf Dummheit ist kein Zeichen von Arroganz. Vielmehr ein Zeichen von Leiden. Dummheit kann nämlich wehtun – zumindest den anderen.
Nein!
Die Abweisung
Ich schreibe mit der Rabenfeder,
mein Herr.
Mein Herz, Ihr Herz
Ihre Ehre, meine Ehre
haben nichts gemein.
Ich schreibe mit der Rabenfeder.
Ich schreibe mit der Rabenschwärze
das Zeichen: Nein.
Ida Gerhardt (1905-1997)
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Selten hat jemand das Wort Nein so kraftvoll in Worte gefaßt. Rabenschwarze Lettern. Sollte man viel öfter schreiben. Manche Menschen verdienen ein rabenschwarzes Nein. In Riesenlettern. Unübersehbar, so daß es jeder sieht.
Bei manchen Menschen ist es schon lange überfällig - dieses große, rabenschwarze Nein. Aber gerade bei denjenigen, für die dieses Nein so dringend notwendig wäre, fehlt es den meisten an Mut. Allenfalls ein kleines, blasses, kaum sichtbares in Miniaturlettern hingekritzeltes Nein. Und das reicht bei weitem nicht!
behrens am 15. Oktober 09
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Haß - Plädoyer für ein zu Unrecht verschmähtes Gefühl
Mein Herz, mein Löwe
Mein Herz, mein Löwe, hält seine Beute fest,
Sein Geliebtes fest in seinen Fängen,
Aber Gehaßtes gibt es auch,
Das er niemals entläßt
Bis zum letzten Hauch,
Was immer die Jahre verhängen.
Es gibt Namen, die beflecken
Die Lippen, die sie nennen,
Die Erde mag sie nicht decken,
Die Flamme mag sie nicht brennen.
Der Engel, gesandt, den Verbrecher
Mit der Gnade von Gott zu betauen,
Wendet sich ab voll Grauen
Und wird zum zischenden Rächer.
Und hätte Gott selbst so viel Huld,
Zu waschen die blutrote Schuld,
Bis der Schandfleck verblasste, -
Mein Herz wird hassen, was es haßte,
Mein Herz hält fest seine Beute,
Daß keiner dran künstle und deute,
Daß kein Lügner schminke das Böse,
Verfluchtes vom Fluche löse.
Ricarda Huch (1864-1947)