Mittwoch, 8. Juli 2009
Ehe und Moral
Das Werk "Ehe und Moral" wurde 1929 von Bertrand Russel (1882 - 1970) verfaßt und 1950 mit dem Nobelpreis für Literatur ausgezeichnet. Russel gilt als der Begründer der "analytischen Philosophie".

Man mag kaum glauben, daß dieses Werk tatsächlich schon 80 Jahre alt ist noch weniger kann man sich vorstellen, daß dieses Buch zur damaligen Zeit nicht sofort verboten wurde - bricht es doch mit allen gängigen Moralvorstellungen und hätte von seiner kritischen Auseinandersetzung mehr in die 68er Bewegung gepaßt.

Meist ist das Eheleben dort am einfachsten, wo die Menschen am wenigsten differenziert sind. Wenn sich ein Mann von anderen Männern und eine Frau von anderen Frauen kaum unterscheidet, liegt kein besonderer Grund vor zu bedauern, daß man nicht jemand anderes geheiratet hat. Menschen aber mit vielseitigen Neigungen, Beschäftigungen und Interessen werden von ihren Partner eine gewisse Geistesverwandtschaft verlangen und unzufrieden sein, wenn sie feststellen, daß sie weniger erhalten haben, als sie vielleicht hätten erreichen können. Die Kirche, die dahin tendiert, die Ehe allein vom Gesichtspunkt der Sexualität aus zu betrachten, sieht keinen Grund, warum ein Partner nicht ebenso gut sein sollte wie ein anderer. Sie kann daher auf Unlösbarkeit bestehen, ohne sich um die Härten zu kümmern, die darin oft liegen (S. 93)

Man sollte nach meiner Meinung erwarten, daß die Verbindung lebenslang besteht, aber nicht, daß sie andere geschlechtliche Beziehungen ausschließt...Es darf keine gegenseitige Behinderung der Freiheit geben; es muß absolute körperliche und geistige Vertrautheit bestehen; es muß eine gewisse Übereinstimmung in bezug auf Wertmaßstäbe vorhanden sein... Wenn dieses Ideal bisher noch nicht oft verwirklicht wurde, so liegt es vor allem daran, daß Ehemänner und Ehefrauen sich gegenseitig als Aufpasser betrachtet haben (S. 98).

Ich bin der Ansicht, daß die Form der Liebe, welche ein Ehe glücklich bleiben und ihren sozialen Zweck erfüllen läßt, nicht romantisch ist, sondern etwas Tieferes, Innigeres und Realistischeres (S. 55).


Auch wenn Russel die romatische Liebe ablehnt, hört sich seine These träumerisch an. Träumerisch deswegen, weil auch er die Basis einer Beziehung im geistigen Bereich sieht. In der Realität ist alles viel profaner und die Gemeinsamkeiten liegen nicht so sehr im Geistigen sondern vielmehr im Materiellen: nicht gemeinsame Wertmaßstäbe und Ziele, sondern gemeinsame Einbauküche und Couchgarnitur bilden die Basis. Frauen möchten irgendwann ein- bis zwei Kinder und ein Haus. Männern bleibt da oftmals nicht viel Wahl.

Aber auch wenn bei Männern Haus und Kinder nicht die Hauptmotivation für eine Ehe bilden - geistige Übereinstimmung ist es meist auch nicht. Männer möchten gern emotionell und sexuell versorgt sein. Wer tagsüber den Buisinessmann abgibt, möchte gern nach der Arbeit mal etwas anderes als kaufmännisches Kalkül.

Natürlich muß es nicht zwangsläufig so materialistisch und platt ablaufen, aber dennoch sind die Motive für Eheschließungen selten die edelsten. Die Ehe bietet wie kaum eine andere Beziehung die Möglichkeit, in einer Art rechsfreiem Raum zu leben. Hier darf man sich all das herausnehmen, was bei Freunden und Bekannten unweigerlich zum Bruch der Beziehung führen würde. Mal so richtig die Sau rauslassen - wo sonst kann man das schon?

Ja, ich weiß, es hört sich alles so furchtbar negativ an. Aber vielleicht liegt das an der Überdosis Hochzeitssendungen und dergleichen. Diese elende, amerkanisch-zuckersüße Art, Lebensbereiche auf grausamste Weise in rosarotes Disneyland zu verwandeln. Und die Realität sieht eben nicht nur anders aus, sondern hat damit nicht mehr das Geringste zu tun. Meine Einbildungskraft ist damit hoffnungslos überfordert.