Der lange verschobene Besuch – Auschwitz
Vor einem Vierteljahr habe ich endlich etwas in Angriff genommen, das ich mir schon lange vorgenommen aber immer wieder verschoben hatte – Auschwitz zu besuchen. Nachdem mein Lebensgefährte und ich Breslau und Krakau besucht hatten, nahmen wir uns ein Zimmer direkt in Oświeçim (Auschwitz). Allerdings hatten wir keine vorherige Reservierung vorgenommen, so dass wir an dem geplanten Tag morgens um 6.00 Uhr vor der Gedenkstätte erscheinen und abwarten mussten, ob noch Plätze frei sind. Die Nacht davor haben wir beide sehr schlecht geschlafen – der anstehende Tag verursachte Anspannung und Albträume. Als wir morgens in klirrender Kälte ankamen, erwartete uns dort schon eine riesige Warteschlange von über 100 Metern. Wir beide hatten sofort die Assoziation, dass das Ausharren in der Kälte für die Häftlinge zur Normalität des Lageralltags gehörte – allerdings ohne warme Winterkleidung und ohne etwas gegessen zu haben.
Es dauerte dann noch einige Stunden, bis wir einer deutschsprachigen Tour zugeordnet wurden. Unsere Tourleiterin Jagwiga entpuppte sich als Glücksfall – ihr schien ihre Aufgabe wirklich am Herzen zu liegen und zu keiner Zeit hatte man das Gefühl, sie würde nur ein Pflichtprogramm absolvieren. Bei Beginn des Beschreitens des Zugangsweg zum Lager erschallten durch Lautsprecher die Namen der ermordeten Häftlinge. In einigen Lagerbaracken befanden sich an den Flurwänden unzählige Häftlingsfotos auf denen Name und oftmals auch das Alter aufgeführt wurde, das meist zwischen etwa 18 und 40 Jahren lag. Wenn ein Todesdatum angegeben war, dann oftt im Jahr 1943. Durch diese vielen leidgeprägten Gesichter empfand ich die Lagerräume nicht mehr nur als anonyme Räume, sondern die Anwesenheit der Ermordeten war auf unheimliche Weise spürbar.
Nachdem wir die Barracken mit den Wohnräumen besichtigt hatten, folgte die Baracke, in der die Habseligkeiten der Häftlinge aufbewahrt wurden: Berge von Koffern, Schuhen, Brillen, Haushaltsgegenständen, Prothesen und Haaren. Es erfüllt mit Schmerz, dass hinter jedem Koffer, jeder Brille, jedem Paar Schuhe eine Leidensgeschichte steckt. Mir fiel Erich Kästner ein, der sein Unverständnis darüber äußerte, dass es selbst angesichts dieser Berge von Beweisen einer gezielten Vernichtung und Entmenschlichung immer noch Menschen gab und gibt, die Auschwitz für eine Lüge halten.
Während man im Stammlager das Leben der Häftlinge vor Augen hat, gibt es im Lager Birkenau nur noch eine Präsenz: Auslöschung menschlichen Lebens. Ich weiß nicht, wie es anderen Besuchern des Lagers geht, aber als ich mit unserer Gruppe zu der Rampe kam, an der die Häftlinge selektiert wurden und als wir danach auf dem gleichen Weg gingen, auf den die zur Ermordung selektieren Menschen zu den Gaskammern geschickt wurden, erlebte ich so etwas wie eine Schockstarre. Es war für mich nicht mehr erträglich, mir die vielen Menschen – Frauen, Männer, Alte, Jugendliche; Kinder, – vorzustellen, deren Leben man innerhalb von wenigen Minuten auslöschte.
Unsere Leiterin Jagwiga erzählte, dass nicht das Töten die eigentliche Herausforderung für die Vernichtungsmaschinerie darstellte, sondern die Tausende von Leichnamen. Auch wenn die Krematorien ununterbrochen brannten gab es Berge von Leichnamen, da die Verbrennung der Geschwindigkeit des Mordens nicht nachkam. Das Territorium rund um die Krematorien war ein einziges Aschefeld und ist es noch immer. Aber während man auf einem Friedhof das Gefühl von Ruhe und Frieden hat – zumindest ist es bei mir der Fall – ist Birkenau ein Ort, an dem es niemals Frieden und auch kein Zur-Ruhe-kommen geben kann. Eine Wunde, die niemals verheilen kann.
Wenn ich Auschwitz in einem Begriff zusammenfassen sollte, so ist es für mich der des menschlichen Abgrunds. Auschwitz ist nicht fassbar und kann auch niemals aufgearbeitet werden. Auschwitz hat offenbart, dass Menschen sich lediglich in technischer Hinsicht weiterentwickelt haben, aber menschlich auf der Stufe von Raubtieren geblieben sind. Auschwitz war möglich trotz Literaturwissen, Philosophiestudium, Konzertbesuchen, Poesie und letztendlich auch trotz der von der Kanzel gepredigten Nächstenliebe und des Gebots „du sollst nicht töten“.
behrens am 19. Januar 26
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