Ein Mord in meinem Wohnviertel und unheimliche Allianzen
Auch wenn ich mich mittlerweile an das steigende Ausmaß der Gewalt in meinem Wohnviertel gewöhnt habe, bin ich doch jedes Mal wieder geschockt, wenn hier wieder ein Mord geschieht. Ich hatte hier vor vier Jahren schon mal beschrieben, wie unwohl ich mich mittlerweile in meinem Viertel fühle. Vor drei Tagen ist hier schon wieder jemand ermordet worden, direkt in unserer Fußgängerzone, ein paar Meter entfernt von meiner Arbeitsstätte. Der achtundvierzigjährige J.wurde mit der Axt erschlagen, die Täter wurden noch nicht gefunden.

Bei dem Mordopfer handelt es sich um einen syrischen Apotheker, der schon sehr lange in Deutschland lebt, hier auch studiert hat und mit Frau und zwei Kindern hier lebt. Es gibt Spekulationen in jeder Hinsicht, denn J. war auch politisch aktiv und hat sich aktiv für syrische Flüchtlinge eingesetzt. Außerdem gehörten ihm auch zwei Apotheken und mehrere Immobilien hier im Süden Hamburgs und sein Ruf als Geschäftsmann wird in den Medien als „knallhart“ beschrieben.

Ich habe einen bestimmte Vermutung (nicht in Hinsicht auf die Person, sondern auf mögliche Hintergründe) und deswegen habe ich gestern ein wenig gegoogelt um Näheres zu erfahren. J. hat nicht nur einen syrischen Verein gegründet, sondern war auch Mitglied in einer Partei, die mir gar nicht bekannt war, die BIG, das Bündnis für Innovation und Gerechtigkeit. Dies ist eine sehr kleine Partei, die von Muslimen gegründet wurde und deren Zielsetzung darin besteht, sich für die Interessen von Muslimen einzusetzen und deren Intergration zu fördern. Interessant ist der Umstand, dass im Jahr 2014 ein Zusammenschluss erfolgte mit der ebenfalls sehr kleinen MDU, der Muslimischen Demokratischen Union. Zu dieser Gruppierung gehören wiederum die Betreiber des Muslim-Markt, eine dem Schiitentum nahestehende Internetplattform, die sich sowohl durch Antisemitismus (inklusive Leugnung des Holocaust) als auch durch offen geäußerte Skepsis gegenüber Demokratie auszeichnet.

Dabei stieß ich auf ein für mich völlig unfassbares Kuriosum: die Betreiber des Muslim Markts organisierten im Jahr 2012 eine Reise in den Iran zu Präsident Ahmadinedschad an der auch einige bekannte Rechtsextreme (!) teilnahmen*. Mich interessierte natürlich, um wen es sich dabei handelte und dabei stieß ich auf etwas ebenfalls äußerst Kurioses, nämlich auf jemanden, dessen politisches Spektrum von der Mitgliedschaft im Kommunistischen Bund und der Mitarbeit bei der Zeitschrift „konkret“, bis hin zur Tätigkeit als Chefredakteur der rechtspopulistischen Zeitschrift „Compact“ und Vorträgen bei der AFD reicht.

Ich wollte mich eigentlich nur darüber informieren, um was für eine Person es sich bei dem ermordeten J. handelt. Und dabei erfahre ich etwas über Kleinparteien mit äußerst fragwürdigen Kontakten und noch fragwürdigeren Aktivitäten. All dies ist nicht gerade vertrauenserweckend. Was für mich daran so erschreckend ist, ist die unheimliche Allianz zwischen Rechtsextremen und religiösen Fundamentalisten. Normalerweise sind die Grenzen abgesteckt: die AFD macht gegen Migration mobil, Migranten machen gegen die AFD mobil. Hier sind jedoch entgegen dieser sonst grundsätzlich strikt abgesteckten Grenzen Allianzen entstanden, die nicht mehr nachvollziehbar sind. Um das Ganze noch zu toppen kann man hier noch erwähnen, dass sich sogar auch Holocaustüberlebende an den vom Muslim-Markt veranstalteten israelfeindlichen Konferenzen beteiligen. Hierbei möchte ich ganz klar anmerken, dass es natürlich zu begrüßen ist, wenn gerade Holocaustüberlebende sich gegen die unmenschliche und gegen jedes Recht verstoßende israelische Siedlungspolitik positionieren. Aber muss dies wirklich Seite an Seite mit bekennenden Antisemiten geschehen, die noch dazu ganz unverhehlt gegen Demokratie zu Felde ziehen? Was passiert in einer Gesellschaft, in der politischer und religiöser Extremismus koalieren und Parteien entstehen – und seien sie noch so klein – die sich dieser Allianzen bedienen?

Ob der politische Hintergrund des Mordopfers überhaupt eine Rolle spielt ist fraglich, natürlich begibt sich jemand, der das Assad-Regime offen ablehnt, immer auch in Gefahr. Dass Immobiliengeschäfte sich durch Gewinnmaximierung und nicht durch Sozialverhalten auszeichnen ist nichts Neues. Aber dass politische oder geschäftliche Konflikte dadurch gelöst werden, jemanden mit der Axt zu Tode zu schlagen, stellt eine neue Dimension dar. Jedenfalls hier.

Bei all der Verwirrung, die diese Informationen bei mir ausgelöst haben, kristallisiert sich eines immer klarer heraus: ich möchte hier einfach nur weg!

*Unter anderem Jürgen Elsässer, Gerhard Wisnewski, Elias Davidsson, Karl Höffkes




Internet recherche ersetzt natürlich keine polizeiliche Ermittlung, aber gruselig klingt das schon, was Sie da gefunden haben. Nur, wenn Sie weg wollen, wohin denn? Auf den Mond? Die Welt ist doch überall schlecht.

Ich meinte es auch nicht so, dass ich in Bezug auf eine bestimmte Person recherchiert habe, sondern mich hat der soziale und kulturelle Hintergrund interessiert.
Ja, wo könnte man hin? Das weiß ich auch nicht. Vielleicht aufs Land, da herrscht weniger Anonymität und deswegen passiert nicht so viel. Meiner in Berlin lebenden Freundin geht es ähnlich, dort besteht auch eine große Aggressivität. Sie hat jahrelang in Berlin Taxi gefahren und das hat jede Illusion eines friedlichen Zusammenlebens zerstört.