Mittwoch, 28. April 2021
Das tiefe Verlangen, die Augen vor Leid zu verschließen
Immer wieder beschäftigt mich die Frage, ob es tatsächlich möglich war, dass die Deutschen nichts von der Vernichtung der Juden gewusst haben. Bei Lesen von Elie Wiesels Biographie "Alle Flüsse fließen ins Meer" hat mich eine Schilderung sehr bewegt. Es geht um den jüdischen Küster Mosche, der bereits selbst in einem KZ interniert gewesen war und der vergeblich versuchte, seine jüdische Gemeinde zu warnen. Aber niemand war bereit, sich seine Schilderungen anzuhören:

"Einem einzigen gelang es zu entkommen: Mosche dem Küster. Stumpfsinnig und mit irrem Blick erzählte er von haarsträubenden Dingen: Alle Abgeschobenen (zu dieser Zeit nannte man sie noch nicht Deportierte) waren massakriert und nackt in Panzergräben bei Kolomea, Stanislau und Kamenez-Podolski verscharrt worden. Er erzählte von der Grausamkeit der Schlächter, vom Todeskampf der Kinder, vom Sterben der Greise. Man schenkte ihm keinen Glauben. Die Deutschen sind doch Menschen, hieß es, auch wenn die Nazis Unmenschen sind. Je mehr Mosche sich bemühte, die anderen zu überzeugen, desto weniger nahmen sie ihn ernst. Sie bemitleideten sein Schicksal: Der Ärmste, hieß es, er muß viel erlitten haben, vielleicht zu viel, und jetzt weiß er nicht mehr, wovon er spricht. Er regte sich furchtbar auf: "So hört mich doch an, ich schwöre, daß ich euch die Wahrheit sage! Ich schwöre es bei meinem Leben! Bei eurem Leben! Wenn ich lüge, warum bin ich dann allein hier? Wo ist meine Frau geblieben? Wo sind meine Kinder? Warum sind sie nicht mit mir zurückgekehrt? Und meine Freunde, eure einstigen Nachbarn, wo sind sie? Ich sage euch: Sie sind alle umgebracht worden. Wenn ihr mir nicht glauben wollt, so habt ihr selber den Verstand verloren!" Der Ärmste, hieß es, er faselt wirres Zeug. "Ich sage euch, ihr seid die Wahnsinnigen!" schleuderte er ihnen wütend entgegen. "Was dort mit uns geschehen ist, wird euch eines Tages hier heimsuchen! Und ihr seht weg! Wenn ich lüge, warum spreche ich dann jeden Morgen und jeden Abend das Kaddisch? Und warum antwortet ihr mir mit einem Amen, warum?" Tatsächlich betete er morgens und abends. Er ging zu allen Gottesdiensten, lief von Synagoge zu Synagoge und versuchte überall, ein Minjan zusammenzubekommen, um immer noch ein Kaddisch mehr beten zu können. Aber seine Klagen stießen auf taube Ohren. Ich hörte ihm zwar zu und betrachtete sein fiebriges Gesicht, wenn er seine Qualen beschrieb, aber mein Verstand sträubte sich, ihm zu glauben, obwohl ich ihn gern hatte und ihm häufig Gesellschaft leistete. Galizien liegt nicht am anderen Ende der Welt, sondern nur wenige Stunden von hier entfernt, sagte ich mir. Wenn es stimmte, was er erzählt, wüßte man doch davon".

(...) "Ich danke euch, Reb Schloime, daß ihr mich eingeladen habt. Alle haben mich vergessen. Sie fürchten sich vor mir. Ihr allein habt keine Furcht. Und daher habe ich ein Geschenk für euch: Ich will euch erzählen, was euch erwartet. Ich schulde es euch." Alle starren auf seine spröden Lippen. Nur meine kleine Schwester, die brav auf dem Schoß meines Vaters sitzt, so sanft und anmutig, so schön und ernst, daß es einem das Herz zerreißt, hält sich die Hand vor die Augen, als müßte sie ein quälendes Bild vertreiben. Mein Vater tröstet sie und streichelt ihr übers Haar "Nicht jetzt" sagt er zu Moischele dem Küster. "Deine Erzählungen sind traurig, und das Gesetz verbietet uns, am Abend vor Pesach traurig zu sein." Mosche besteht darauf: "Es ist wichtig, sehr wichtig. Ihr habt keine Ahnung, was euch erwartet. Ich weiß es. Warum wollt ihr mir nicht zuhören, Reb Schloime? Es geht um euer aller Zukunft." Mein Vater wiederholt: "Nicht jetzt, Reb Mosche, nicht jetzt. Ein andermal." Schweigend und mit gesenktem Kopf beenden wir die Mahlzeit. Wir sprechen den Segen. Als wir uns vom Tisch erheben und die Tür öffnen, um mit dem Kelch in der Hand den Propheten Elias zu empfangen, macht sich unser Gast aus dem Staub. Es sollte mein letztes Pesssach-Fest sein- mein letztes Fest überhaupt -, das ich zu Hause feierte. Und die Schwermut dieses Abends lastete auf allen Festen , die ich später feierte
".


Elie Wiesel (1928-2016) aus "Alle Flüsse fließen ins Meer"



Mittwoch, 7. April 2021
Kann man nach Auschwitz noch an Gott glauben?
"Rabbi", wollte ich wissen, "wie können Sie nach Auschwitz noch an Gott glauben?"

Er hatte die Hände auf den Tisch gelegt und betrachtete mich lange und schweigend. Dann antwortete er mit leiser, kaum hörbarer Stimme: "Und wie können Sie nach Auschwitz nicht mehr an Gott glauben?" Ich dachte eine Weile darüber nach, was er gesagt hatte. An wen sonst könnte man denn glauben? Hat nicht der Mensch in Auschwitz seine Rechte und Pflichten für immer aufgegeben? Bedeutet Auschwitz nicht die Niederlage der Menschheit, das endgültige Scheitern der Gesellschaft? Was bleibt uns außer Gott in einer Welt, die restlos von der Finsternis von Ausschwitz beherrscht wird? Der Rabbi sah mich an und wartete auf meine Antwort. Und ich schaute ihm ins Gesicht, als ich schließlich sagte: "Rabbi, wenn das, was Sie sagen, eine Antwort auf meine Frage ist, dann weise ich sie zurück. Wenn es aber eine Frage ist, eine Frage mehr sozusagen, dann nehme ich sie an." Ich bemühte mich zu lächeln, doch es gelang mir nicht.

Elie Wiesel (1928-2016) in "Alle Flüsse fließen ins Meer" im Dialog mit Rabbi Menachem Mendel Schneersohn (letztes Oberhaupt der Lubawitscher Bewegung)



Montag, 8. März 2021
Mein Wunsch für den Internationalen Frauentag
Was ich mir zum Internationalen Frauentag wünsche: dass eine Frau in Deutschland einen Gottesdienst abhalten kann, ohne dafür auf ständigen Polizeischutz angewiesen zu sein.

Mein Wunsch wird mit Sicherheit nicht in Erfüllung gehen, aber das Mindeste, was eine Gesellschaft einer von Morddrohungen verfolgten Frau schuldig ist, ist Solidarität und öffentliche Thematisierung dieses unerträglichen Zustands.

Ich halte das für sehr viel wichtiger als Gender- Sternchen und Binnenstriche.