Mittwoch, 24. November 2010
The roaring seventies – Ideologien und Wendehälse
„Die letzen 30 Jahre“ – weil’s so schön wehtut, habe ich mir diesen Film jetzt ein zweites Mal angesehen. Anscheinend sind Wendehälse mein Thema. Im Film geht es um zwei grundsätzlich verschiedene Menschen – Resa, die „um der Gerechtigkeit Willen“ Jura studiert und Oskar, der um „der Gerechtigkeit Willen“ Schulungen in Marxismus gibt, bei den Roten Zellen mitarbeitet und mit der RAF sympathisiert.

Das waren sie auch schon, die Ähnlichkeiten. Zwei Menschen, die der Meinung sind, das Gleiche zu tun und zwischen denen in der Wirklichkeit Welten liegen. Denn nur einem der beiden geht es wirklich um Gerechtigkeit – dem anderen geht es in Wahrheit nur um eines: um Macht. Während sich bei Oskar alles darum dreht, diejenigen zu bekämpfen, die für ihn die Macht verkörpern, die er selbst (noch) nicht hat, geht es Resa darum, für mehr Gerechtigkeit in der Gesellschaft zu kämpfen.

Und wie es dann so kommt im Leben – letztendlich ist es Oskar, der Karriere macht. Er ist immer noch ein großer Kämpfer – allerdings jetzt nur noch für sich selbst. Irgendwann ist das von den Eltern bezahlte Studium beendet und dann ist der Weg offen, um selbst an die Macht zu kommen. Und dann wird klammheimlich die Seite gewechselt. Allerdings nicht, ohne immer wieder zu beteuern, dass man „immer noch der Alte“ geblieben ist. Reza hingegen geht ihren Weg der kleinen Schritte und vertritt Umweltschutzorganisationen.

Die Charaktere der beiden Protagonisten mögen für manche überzeichnet und unrealistisch wirken – wer die 70er bewusst miterlebt hat weiß, dass es bittere Wahrheit ist. Insbesondere eines ist bedrückende Realität: die Tatsache, dass gerade diejenigen Menschen, die für „die großen politischen Ziele“ kämpfen, im wirklichen und konkreten Leben andere Menschen einfach nur benutzen. In der Theorie groß und mit allen rhetorischen Tricks gewappnet, versagen sie kläglich, wenn es um Mitmenschlichkeit geht. Man läuft aber gegen ihre sophistischen Wände, wenn man mit ihnen darüber reden will.

Während ich hier schreibe, läuft der Film noch und jetzt kommt gerade der Zeitsprung, in dem sich Oskar und Resa nach zwanzig Jahren wiedertreffen. Resa vertritt eine Umweltschutzinitiative in Ihrem Kampf gegen die Enteignung von Obstplantagen durch ein Braunkohlewerk. Oskar ist im Vorstand von eben diesem Braunkohlewerk und hat es sich inzwischen in einer kleinen privaten Welt mit Haus, Frau, zwei Autos und zwei Kindern gemütlich gemacht. Wie im wahren Leben gewinnt den Prozess natürlich er und nicht Reza.

Und wie es so ist – auch in meinem wahren Leben habe ich so manchen „Oskar“ getroffen. Allerdings nie in einer Beziehung, meine Abneigung gegen Unechtheit war zu ausgeprägt, um mich mehr als unbedingt erforderlich zu nähern. Und immer noch gibt es die Oskars. Einen davon gibt es sogar in meinem Bekanntenkreis. Jemand, der stolz berichtet, „kurz davor gewesen zu sein, sich der RAF anzuschließen“. Der sich berufen fühlte, für die Entrechteten in unserer Gesellschaft einzutreten. Heute kämpft er nicht mehr gegen die Staatsmacht, im Gegenteil – bei jeder Gelegenheit droht er mit ihrer Zuhilfenahme. Die Sympathie für Hausbesetzer hat er geschickt kompensiert in den Status des „Hausbesitzers“. Letztendlich ist dies für ihn aber nur ein kleiner orthographischer Unterschied – ein „i“ statt ein „e“. Aber in einem ist er sich treu geblieben – noch immer bekämpft er jeden, der nicht seiner Meinung ist.

Wie heißt es so schön „Die Herrschenden musst du solange bekämpfen, bis du ihnen angehörst“. Tja, und mit der Möglichkeit, viel Geld zu verdienen, ist dies dann erreicht und somit ändert sich dann auch grundlegend die Richtung. Jeder hat dies mitbekommen, außer Oskar selbst. Denn er ist nach wie vor der Meinung, noch „immer der Alte“ zu sein. Und irgendwie hat er damit ja auch nicht ganz unrecht.



Montag, 22. November 2010
Die Nestwärme der Masse
Wer Anpassungszwängen taktisch nachgibt, wohl wissend, dass er ihnen mit vertretbarem Risiko widerstehen könnte und auch sollte, wird nach und nach die Unzumutbarkeit von Anpassungsforderungen gar nicht mehr wahrnehmen, d.h., die eigene Gefügigkeit auch nicht mehr als Fluchtreaktion durchschauen. Alles erscheint normal: die Verhältnisse, denen er sich ergibt, und der Verzicht auf Gegenwehr, den er eben gar nicht mehr erlebt.
Horst-Eberhard Richter (*1928)

Selten hat jemand den Mechanismus der Angepasstheit so treffend und zugleich so philosophisch formuliert. Anpassung ist nämlich viel mehr als nur eine Haltung. Anpassung ist eine grundsätzliche und folgenschwere Lebenseinstellung.

So wie eine Droge mit einem Wohlgefühl verbunden ist, so ist dies auch bei der Angepasstheit der Fall. Man wird belohnt durch die Zustimmung der anderen. Durch die Nestwärme, die die Masse gibt. Das Gefühl, für nichts den Kopf hinhalten zu müssen, denn man ist ja im Kollektiv, in dem es keine Einzelverantwortung gibt. Ein wohlig-warmes Gefühl der Nichtverantwortung und des Beschützseins.

Der Angepasste zieht den Käfig der freien Welt vor und irgendwann hält er diesen Käfig für die freie Welt. Er ist auf der Flucht vor Eigenverantwortung, aber er weiß eines Tages nicht mehr, dass er flüchtet, sondern er hält die Flucht für einen netten Spaziergang.

Der Angepasste bestreitet vehement, dass er angepasst ist. Und von seiner Warte aus gesehen, ist dies noch nicht einmal eine Lüge, da er ja, wie Richter treffend formuliert „die eigene Gefügigkeit nicht mehr als Fluchtreaktion durchschaut“.

Der Angepasste kann mit seiner Angepasstheit gut leben. Schwer haben es die anderen. All die, zu deren Lasten seine Angepasstheit geht. All die, die er verrät. Aber es geht dabei gar nicht nur um einzelne. Es geht um einen folgenschweren Mechanismus, der jeden Missstand zulässt und jede Verbesserung verhindert. Der Angepasste ist verantwortlich für Stillstand. Für das Auf-der-Stelle-Treten.

Niemand ist ein so unentbehrlicher und zuverlässiger Helfershelfer wie der Angepasste - wenn es darum geht, Entwicklungen aufzuhalten.



Montag, 22. November 2010
Verdrängte Traumen
Es gibt eine kreisförmige Wechselbeziehung zwischen Machen und Erkennen. Wenn man nicht macht was man als notwendig, wenn auch mit persönlichen Unannehmlichkeiten behaftet, erkannt hat, dann kann man irgendwann auch nicht mehr erkennen, was zu machen ist. Wer Anpassungszwängen taktisch nachgibt, wohl wissend, dass er ihnen mit vertretbarem Risiko widerstehen könnte und auch sollte, wird nach und nach die Unzumutbarkeit von Anpassungsforderungen gar nicht mehr wahrnehmen, d.h., die eigene Gefügigkeit auch nicht mehr als Fluchtreaktion durchschauen. Alles erscheint normal: die Verhältnisse, denen er sich ergibt, und der Verzicht auf Gegenwehr, den er eben gar nicht mehr erlebt.
Horst-Eberhard Richter (*1928)

Gerade habe ich mir auf ARTE die Dokumentation „Helden ohne Heimat“ über Kriegsheimkehrer nach 1945 angesehen. Da auch der von mir verehrte Horst Eberhard Richter mitwirkte, habe ich mir nochmals seinen Lebenslauf angeschaut und dabei das obige Zitat gefunden, das mir aus der Seele spricht.

In der Sendung ging es um das Leiden des Krieges, das nicht nur die Opfer traf, sondern auch diejenigen, die auf der Seite der Täter standen. Die unendlich schwierige Situation der Kriegsheimkehrer, die in eine Welt zurückkehrten, die ihnen fremd geworden ist. Und die als Täter kein Anrecht darauf hatten, über ihren Schmerz zu reden. Auch nicht über den Hunger, die Kälte und das Sterben in den Arbeitslagern. Männer, die sich verkauft, verraten und verheizt fühlten. Die aber auf der anderen Seite auch völlig verdrängt hatten, dass sie auch beteiligt waren.

Männer, die bei ihrer Rückkehr ihre Frauen völlig verändert wiederfanden. Selbständig und daran gewöhnt, ihr Leben eigenständig und ohne Hilfe zu regeln. Die manchmal auch nach den langen Jahren des Wartens einen neuen Partner hatten. Aber es gab auch sehr junge Rückkehrer, wie Horst-Eberhard Richter, der nicht verheiratet war und bei der Suche nach seiner Familie erfuhr, dass niemand den Krieg überlebt hatte. Jemand, auf den niemand wartete.

Verdrängen statt verarbeiten. Sich verschließen statt sich zu öffnen. Ein Volk will vergessen und stürzt sich dabei in Wiederaufbaueuphorie. Einer derjenigen, die über ihre Gefangenschaft und ihre Situation als Spätheimkehrer interviewt wurden, antwortet – nach einer langen Gedankenpause – auf die Frage, ob er oft über das Erlittene sprach: „Ich glaube, Sie sind so ziemlich der Erste, der mich danach fragt“. ..

Verdrängen satt verarbeiten. Daraus kann nichts Neues entstehen. Da wird sich nur das Alte wiederholen. Immer und immer wieder.

Das obige Zitat hat nur bedingt mit der Thematik der Kriegsheimkehrer zu tun (oder doch?), aber es drückt so treffend meinen Widerwillen gegen das „Anpassen aus taktischen Gründen“ aus und formuliert fast noch treffender die „Gefügigkeit als Fluchtreaktion“, dass ich es ich es nicht löschen werde. Aber vielleicht werde ich es nochmals aufgreifen und ihm einen eigenen Beitrag widmen.