Kategorie blanker Unsinn
Zu vergessen und zu lächeln ist weit besser, als sich zu erinnern und traurig zu sein.
Christina Rossetti (1830-1894)
Kompletter Unsinn, denn das Vergessen ist genau das, was Menschen daran hindert, zu reifen und sich weiter zu entwickeln. Die Unfähigkeit zu trauern. Man muss sich seiner traurigen Erlebnisse erinnern um daran zu wachsen. Erst wann man diese Trauer gespürt und durchlebt hat, kann man wirklich lächeln. Ein wahres Lächeln, das auf Lebendigkeit und nicht auf Vergessen beruht. Und bezogen auf die Gesellschaft ist das allzu schnelle Vergessen geradezu verheerend, denn dann werden lächelnd genau die gleichen Fehler erneut begangen.
Der Ausspruch erinnert darüber hinaus an Demente, die nur noch vor sich hinlächeln, egal was um sie herum geschieht. Oder ist das vielleicht doch erstrebenswert…..
Kategorie Lichtblicke – Tage, an denen alles stimmt
Bei sonnigem Wetter in den wunderschönen Hamburger Alsterarkaden in einem ebenfalls schönen und gemütlichen kleinem syrischen Café habe ich gestern einen herrlichen Nachmittag verbracht. Ich habe mich mit einer Betreuerin aus Westfalen getroffen, die ich bisher nur per Mailkontakt kannte. Das erste Mal seit langer, langer Zeit einfach mal über unsere Arbeit sprechen, ohne dass es dabei um Gewinnmaximierung und werbewirksame Außendarstellung geht. Einfach mal den kaufmännischen Aspekt ausblenden und sich wirklich nur mit inhaltlichen Problemen auseinander setzten.
Ich hatte schon fast vergessen, wie schön Hamburg sein kann. Schwäne auf den Alsterfleeten, die quirlige Spitalerstraße, in der es immer irgendwelche kuriosen Selbstdarsteller gibt – diesmal ein lautstark über Gott Lamentierender, der zu Bekräftigung seiner Worte ein riesiges Holzkreuz schwingt. Dann beim Traditionsbetrieb Daniel Wischer eines der köstlichen Fischbrötchen kaufen und wie früher in der Mönckebergstraße auf eine Demo stoßen. Es ging – glaube ich – um die Situation der Opposition im Iran. Es gibt also doch noch Menschen, die für ihre Überzeugung auf die Straße gehen. Oder auf den Punkt gebracht: es gibt doch noch Menschen, die überhaupt eine Überzeugung haben.
Vielleicht muss man einfach nur die Augen öffnen um all diese Dinge zu sehen. Oder vielleicht muss man einfach nur mal auf jemanden stoßen, der die gleiche Wellenlänge hat. Einfach mal wieder zu spüren, dass die eigenen Bedenken nicht völlig unbegründet sind, sondern von anderen geteilt werden. Einfach mal weg vom
Homo oeconomicus zurück zum Homo sapiens.
Solche Tage gibt es viel zu selten.
behrens am 16. Mai 10
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Solidarität – ein aus der Mode gekommener Begriff
In den 70ern sang Rio Reiser „Alles, was uns fehlt, ist die Solidarität“. Wenn man heute das Wort Solidarität benützt, fühlen sich die meisten peinlich gerührt, so als würde man etwas völlig Abwegiges und Überkommenes erwähnen. Woher mag das kommen? Ist heute alles so ideal und gerecht, dass man getrost auf Solidarität verzichten kann? Gehört es zum Erwachsensein, dass man derlei Dinge hinter sich lässt?
Solidarität hat gleich mehrere Gegenpole. Die aktiven Gegenpole sind Konkurrenz und Opportunismus. Die passiven Gegenpole sind Gleichgültigkeit, Bequemlichkeit und Feigheit. Im Arbeitsalltag, in dem man weiterkommen und Karriere machen möchte, ist Solidarität dabei das denkbar Ungeeigneteste. Schließlich will man andere übertrumpfen oder ihnen etwas vor der Nase wegschnappen. Wenn es einmal nicht um das Übertrumpfen geht und jeder sein abgestecktes Revier hat, dann ist es nicht das Konkurrenzdenken, sondern die schnöde Gleichgültigkeit oder Feigheit und Bequemlichkeit, die Solidarität zunichte machen. Man reibt sich doch auch so schon genug auf, wozu da noch unnötig Energie mit Solidarität verschwenden? Schließlich ist sich jeder selbst der Nächste.
Ich weigere mich, die Erklärung allein im Egoismus zu sehen. Egoistisch waren die Menschen zu jeder Zeit und überall und nicht erst heutzutage. Ich glaube, es ist vielmehr die Denkfaulheit, die jede Solidarität zunichte macht. Das Fehlen jeglicher übergeordneter Ziele, die man eben nicht allein sondern nur gemeinsam erreichen kann. Für das individuelle Ziel, viel zu verdienen oder eine angenehme berufliche Position zu haben, muss man seinen Kopf nicht großartig anstrengen. Für übergeordnete Ziele schon – denn hierfür braucht man Hintergrundwissen und Abstraktionsvermögen. Hier muss man um Ecken denken und das funktioniert schlecht mit einem Brett vorm Kopf.
Rio Reisers „Alles, was uns fehlt, ist die Solidarität“ ist ein Anachronismus, der zu einer Zeit gehört, die unwiderruflich vorbei ist. Heute fehlt niemandem die Solidarität. Im Gegenteil – sie wird als lästige Anforderung und unnötige Anstrengung angesehen. Und belächelt als eine Eigenschaft, die man sich allenfalls in der Pubertät leistet aber nicht als Erwachsener.
Mir hat einmal ein früherer Kollege gesagt, ich sei in den 70er Jahren stehen geblieben – Recht hat er!!
Die Joschkas & Co
Joschka Fischer, der früher auf Anti-Atomkraft-Demos als Ausdruck seiner Überzeugung auf Polizisten einschlug, hat heute keine Probleme damit, als Berater zu arbeiten für Siemens und RWE – beides Unternehmen, die AKWs bauen. Ein lapidares „Ich schäme mich nicht“ ist seine Stellungnahme – eine der wenigen Aussagen, die ich ihm abnehme. Ich allerdings schäme mich für Menschen wie Joschka Fischer. Weil die die Ansicht unserer Eltern bestätigen, in deren Augen die Protestbewegung nichts anderes als eine jugendliche Marotte war, die irgendwann der Vernunft weicht.
Jutta Ditfurth (zur Erinnerung: früher bei den Fundi-Grünen) hat einmal treffend gesagt, dass sie Leuten wie Joschka Fischer ihre Überzeugung schon damals nicht abgenommen hat. Ich übrigens auch nicht, obwohl ich zur Anti-AKW-Zeit noch ziemlich jung war und noch nicht allzu viel Ahnung vom Geschehen hatte. Wenn ich damals auf Demos ging und dabei die – meist männlichen – Demonstranten beim Steinewerfen sah, war mir klar, dass es denen um etwas anderes als um das jeweilige Demo-Motto ging. Und wenn ich die Reden der – meist aus sehr wohlhabenden Familien stammenden – linken Theoretiker über ihre Solidarität mit der Arbeiterklasse hörte, war mir ebenfalls klar, dass es denen um etwas ganz anderes ging – nämlich einfach nur um die Rebellion gegen die Welt ihrer Väter. Sobald nämlich die Ausbildung abgeschlossen war, wurde in Papas Fußstapfen getreten – der Apfel fällt eben nicht weit vom Stamm. Selbst der unerträgliche Dieter Bohlen hat in Jugendzeiten einmal eine rote Fahne auf Papas Einfamilienhaus gehisst, bevor er dann endlich vernünftig und erwachsen wurde und anfing, Geld zu verdienen.
Zu Beginn seiner Parlamentszeit hat Joschka Fischer anlässlich der Menschenrechtsverletzungen in China noch von Boykott gesprochen und dabei die Aussage gemacht „Wenn dies Arbeitsplätze kostet, dann kostet es eben Arbeitsplätze“ – etwas, was bei mir tiefen Respekt hervorrief. Heute würde Joschka Fischer so ein Faux pas nicht mehr passieren.
Ich wurde an Joschka Fischer erinnert, als mir jemand, den ich seit über 35 Jahren nicht mehr gesehen habe, über Stayfriends eine mail schickte. Jemand, der mich damals, als er mich das erste Mal sah, sofort fragte, ob ich denn in einer Partei sei. Meiner erstaunten Antwort, dass man mit 13 Jahren doch noch gar nicht in einer Partei sein könne, antwortete er nur vorwurfsvoll „SDAJ“, was mir sofort ein schlechtes Gewissen bereitete, weil ich mir entsetzlich unpolitisch und dämlich vorkam. Ich war jetzt ein bisschen erstaunt, als er mir mailte, dass er jetzt in New York bei einem Managermagazin arbeiten würde. Meine Frage, ob er denn noch irgendwas mit der SDAJ zu tun habe, beantwortete er erst nach nochmaligem Nachfragen mit Nein, was mir ja auch klar war - "Aber er wäre noch ganz der Alte“.
Managermagazine handeln von Geldanlagen, Führungsseminaren, Luxusartikeln und pseudowissenschaftlichen Statements. Und sind geschrieben für genau diejenigen, die unsere Welt in den erbärmlichen Zustand gebracht haben, in dem sie sich jetzt und für alle Zukunft befindet. Kann man wirklich noch "Ganz der Alte" sein, wenn man jetzt solche Magazine mitgestaltet und früher in der SDAJ mitgearbeitet hat?
Aber vielleicht steckt eine tiefere Wahrheit in dem „Ich bin immer noch der Alte“. Denn schon damals ging es in Wahrheit gar nicht um ehrliche Überzeugungen. Im Grunde genommen sind die Joschkas & Co konsequenter als irgend jemand anderes – konsequent darin, ihr Fähnchen immer instinktiv nach dem günstigsten Wind zu hängen. Einmal ein falscher Fuffziger – immer ein falscher Fuffziger!