Etty Hillesum
Blaise Pascal hat mal geschrieben: "Je länger ich die Menschen betrachte, desto mehr liebe ich meinen Hund". Ich habe gar keinen Hund, aber ich kann diesen Aphorismus für mich entsprechend wandeln in "Je länger ich dumme Menschen betrachte, desto mehr liebe ich Literatur". Eigentlich ist es beunruhignd, den letztendlich nur fiktiven Menschen den Vorrang zu geben vor den realen Menschen aus Fleisch und Blut. Aber ich bin schon seit langem in Kreise geraden, in denen das Denken besorgniserregend wenig wenig praktiziert wird. Ich meine dabei nicht das Denken über Möglichkeiten der Zeitersparnis, der Geldanlage oder der Außendarstellung, sondern das Nachdenken. Die geistige Beschäftigung mit etwas. Zum Beispiel mit dem Menschen. Nicht über das, was man in ihn projiziert, sondern über den Menschen mit seiner ihm eigenen Persönlichkeit.
Vor einiger Zeit habe ich hier Etty Hillesum zitiert, von der ich allerdings bisher auch nur ein Zitat und nie das Buch selbst gelesen hatte. Das habe ich inzwischen nachgeholt und mir das Buch "Das denkende Herz" besorgt. Das Buch basiert auf Tagebuchaufzeichnungen, die die Holländerin Etty Hillesum in den Jahren 1941-1943 gemacht hatte bevor sie in Auschwitz ermordet wurde.
Ich hatte ein wenig Anlaufschwierigkeiten mit dem Buch, aber jetzt bin ich drin. Vielleicht hat alles seine Zeit und vor ein paar Wochen war es eben noch nicht soweit. Etty Hillesum ist aus zwei Gründen im Moment das, was ich so dringend brauche. Zum einen ist es eben dieser Mangel an Möglichkeit des geistigen Austauschs. Zum anderen hat sie genau das, was mir fehlt: Verständnis für die Schwächen der anderen. Sei es Dummheit, sei es primitive Gewalttätigkeit - Etty Hillesum trägt in sich einen tiefen Humanismus, der über die eigene Person als Betroffene hinausgeht. Leid ist für sie so etwas Universelles, daß es überhaupt nicht an den eigenen Erfahrungen festgemacht werden darf. Es geht um Größeres.
Und sie hat - im Gegensatz zu mir - erkannt, daß Denken nicht der Weg ist: Mit Denken komme ich ja doch nicht weiter. Denken ist eine schöne und stolze Beschäftigung beim Studieren, aber aus schwierigen Gemütszuständen kann man sich nicht "herausdenken". Dazu muß man anders vorgehen. Man muß sich passiv verhalten und horchen. Wieder den Kontakt mit einem Stückchen Ewigkeit finden .
Ich werde dieser großartigen Frau hier in meinen Kommentaren in ihrem Buch folgen.
Besuch bei Nikolaus von Kues
Habe in meinem Kurzurlaub die Möglichkeit gehabt, mir in Kues das Geburtshaus von Nikolaus von Kues anzusehen. Es befand sich zwar nichts mehr im Hause, was tatsächlich aus seiner Zeit stammt, aber trotzdem genieße ich es, mich an die Plätze zu begeben, an denen Menschen lebten, deren Denken ich verehre. Ich habe nur wenig von Nikolaus von Kues gelesen, aber ich war sofort von seiner Formulierung „Gott ist die Unendlichkeit“ beeindruckt. Nikolaus von Kues stellt mit seiner Theologie den Übergang von der mittelalterlichen Scholastik zum Humanismus, zur Neuzeit dar. Er hat sich völlig vom anthropomorphen Gottesbild gelöst und sieht die
„unendlich gedachte Welt als Entfaltung Gottes, daher selbst göttlich, wie auch der Mensch, der eine Welt im Kleinen, einen Mikrokosmos, darstellt“.

Das kleine Büchlein, das ich mir gekauft habe „De visione Dei – das Sehen Gottes“ habe ich gerade erst begonnen. Aber es wird schon zu Beginn ein beeindruckendes Beispiel für das Sehen genannt. Am Beispiel einer Ikone beschreibt er, wie die Art der Darstellung dem Betrachter den Eindruck gibt, daß speziell er von dem Bild angesehen wird, und zwar egal in welcher Himmelsrichtung er positioniert ist. Er formuliert ein „Sehen als solches“ (abstractum visum), das er geistig (mente) „von allen Augen losgelöst“ hat. Also ein universelles Sehen. Und damit begibt sich Nikolaus von Kues für mich erstaunlich in die Nähe des Buddhismus. Letzterer lehnt zwar alles Sehen letztendlich als trügerisch ab, aber dennoch ist der buddhistische Begriff der Erleuchtung dem „universellen Sehen“ bemerkenswert ähnlich. Und die Bezeichnung des Menschen als Mikrokosmos ist der Philosophie des Taoismus nicht unähnlich.
Und genau das ist es, was mich so fasziniert: das Entdecken von Gemeinsamkeiten in verschiedenen Religionen. Denn eben diese Gemeinsamkeiten geben Aufschluß über das menschliche Sein. Das, was jeder Kultur und jeder Epoche ähnlich ist, kann uns vielleicht einen Weg aufzeigen zu den hinter den Dingen liegenden Wahrheiten.
Übrigens hält Nikolaus von Kues den Menschen nicht für fähig, die Unendlichkeit zu verstehen. Somit kann er im Grunde auch Gott nicht - zumindest nicht auf intellektuelle Weise - verstehen. Das unterscheidet sich endlich einmal angenehm von dem vorherrschenden Allmachtsgebahren der dogmatischen Gläubigen (wie auch der Atheisten).
So, und jetzt lese ich mein kleines Büchlein weiter.
behrens am 29. August 09
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Warum ich Günter Grass nicht mag – und was haben Berufsbetreuer und Günter Grass gemeinsam?
Im Alter von 12 habe ich das erste Mal Grass gelesen: „Örtlich betäubt“. War zwar quälerisch langweilig, aber der Sinn des Romans wurde von mir dennoch verstanden. Mit 14 dann im Deutschunterricht „Katz und Maus“, da habe ich gar nichts verstanden, was mir dann mein Restinteresse genommen hat. Vor einigen Jahren auf der Hochzeit meiner Nichte (liest genauso gern wie ich), zu der auch deren Deutschlehrer eingeladen war, packte ich dann die Gelegenheit am Schopf und fragte ihn, was denn bloß mit dieser Symbolik der „Maus“ gemeint war, die sich nervtötend durch das ganze Buch zog. Der Deutschlehrer betonte gleich, wie wichtig das Buch für ihn in der Pubertät gewesen sei, denn mit der „Maus“ (also dem Kehlkopf) sei die erwachende männliche Sexualität symbolhaft dargestellt worden. Nun, endlich war meine Wissenslücke beseitigt – meine Abneigung gegen Grass allerdings nicht.
Irgendwie habe ich schon (oder vielleicht auch gerade?) im Alter von 14 Jahren gespürt, daß Grass etwas Verlogenes hat. Beim „Häuten der Zwiebel“ wurde es dann öffentlich: Grass war als Jungerwachsener in der Waffen SS gewesen. Ganz deutlich: dies ist nicht das, was ich Grass vorwerfe! Ich empfinde es aber als ekelhaft, diesen Umstand bis pünktlich zum 80. Geburtstag zu verschweigen und die ganze Zeit moralisch entrüstet auf diejenigen zu zeigen, die mit den Nazis gemeinsame Sache gemacht haben. Anscheinend legt der (doch eigentlich atheistische?) Grass Wert darauf, den Skandal noch aktiv selbst zu beruhigen und nicht posthum seine Totenruhe durch Zerstörung seines Lebenswerks beschmuddeln zu lassen.
Von einem guten Schriftsteller erwarte ich kein moralisch einwandfreies Verhalten, dies wäre anmaßend (und utopisch). Aber Authentizität ist für ernstzunehmende Literatur unverzichtbar. Die moralischen Widrigkeiten gehören in die Öffentlichkeit und nicht in den Bereich des Vertuschten. Genau das hätte die Öffentlichkeit der Nachkriegsära dringend gebraucht: die Frage nach dem Warum und Wieso. Die Frage nach dem, was in Menschen geschieht, wenn der Einzelne einem übermächtigen System ausgesetzt ist. Dies hätte der Aufarbeitung der deutschen Geschichte mehr genützt als das ständige Outen von anderen Kolaborateuren. In diesem Zusammenhang fällt mir eine Stelle aus Erica Jongs autobiographischen „Angst vorm Fliegen“ ein. Sie lernt als jüdische Amerikanerin im Nachkriegsdeutschland einen ehemaligen Nazi kennen, der ganz deutlich sagt, daß ihm das ganze „wir haben von nichts gewußt“ gegen den Strich geht. Und er resümiert: die Deutschen hätten einfach nur ganz ehrlich sagen sollen „wir haben Hitler geliebt“. Das, was mir die Stelle so in Erinnerung bleiben läßt, ist die Reaktion der jüdischen Erica Jong, die sich mit ihm anfreundet, weil sie als Schriftstellerin Ehrlichkeit der Verlogenheit vorzieht. Und das hat Grass nie getan – was eine 14jährige anscheinend eher bemerkt als Literaturkritiker.
Was hat denn das alles um Himmelswillen schon wieder mit Berufsbetreuern zu tun?
Das Verbindende zwischen Grass und meinen Berufskollegen ist die Abneigung gegen das offene Aussprechen von Widrigkeiten und die Strategie des Vertuschens. Das beharrliche Festhalten daran, daß unser Bild in der Öffentlichkeit aalglatt und harmonisch sein muß. Das Tabuisieren von Defiziten und deren Übertuschen durch peinliche Außendarstellungen. Und das gedankenlose Vertun der besseren Möglichkeit: das Verbessern von Bedingungen und das Verändern von Mißständen. Genauso wie gute Schriftsteller die Aufgabe der Veränderung haben, haben dies auch gute Berufsbetreuer. Wird diese Aufgabe zugunsten eines guten Images vernachlässigt, dann wirkt der moralische Zeigefinger des Literaten genauso wie die PR-Aktionen der Berufsbetreuer unglaubwürdig.
Hätte man mich als 14jährige mit Berufsbetreuern bekannt gemacht, wäre ich vielleicht mit sicherem Gespür für die falsche Fassade genauso auf Abstand gegangen wie eben bei Günter Grass. Wie war das noch mal bei Salinger? Erwachsenwerden ist Verrat am Selbst....