Montag, 11. Mai 2009
Rilke muß man einfach lieben...
Warst mir die mütterlichste der Frauen,
ein Freund warst Du, wie Männer sind,
ein Weib, so warst Du anzuschauen,
und öfter noch warst Du ein Kind.
Du warst das Zarteste, das mir begegnet,
das Härteste warst Du, damit ich rang.
Du warst das Hohe, das mich gesegnet –
und wurdest der Abgrund, der mich verschlang.

Rainer Maria Rilke in einem Gedicht an seine große Liebe Lou Andreas-Salomé, nachdem diese sich von ihm getrennt hatte.

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Man muss den Dingen
die eigene, stille,
ungestörte Entwicklung lassen,
die tief von innen kommt,
und durch nichts gedrängt
oder beschleunigt werden kann;
alles ist austragen -
und dann Gebären...

Reifen wie der Baum,
der seine Säfte nicht drängt
und getrost in den Stürmen
des Frühlings steht,
ohne Angst,
dass dahinter kein Sommer
kommen könnte.
Er kommt doch!

Aber er kommt nur zu den Geduldigen,
die da sind,
als ob die Ewigkeit vor ihnen läge,
so sorglos still und weit ...

Man muss Geduld haben,
gegen das Ungelöste im Herzen,
und versuchen, die Fragen selber lieb zu haben,
wie verschlossene Stuben,
und wie Bücher, die in einer sehr fremden Sprache
geschrieben sind.

Es handelt sich darum, alles zu leben.
Wenn man die Fragen lebt,
lebt man vielleicht allmählich,
ohne es zu merken,
eines fremden Tages in die Antwort hinein.

Rainer Maria Rilke
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Wenn etwas uns
fortgenommen wird
womit wir tief
und wunderbar
zusammenhängen
so ist viel
von uns selber
mit fortgenommen.

Gott aber will
dass wir uns
wiederfinden
reicher um alles
Verlorene
und vermehrt um
jenen
unendlichen
Schmerz.

Rainer Maria Rilke
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Rainer Maria Rilke: Die Stille




Mittwoch, 6. Mai 2009
Der Mensch schafft sich selbst?
Die Essenz Jean-Paul Sartres Existenzialismus besteht aus der Erkenntnis: Der Mensch schafft sich selbst!

Ein Freiraum, der Mut und gleichzeitig Angst macht. Wie schnell kann „Was wäre nicht alles möglich“ zu „Was habe ich alles versäumt“ werden. In seinem Werk „Das Spiel ist aus“ wird das auch treffend dargestellt. Ein schon immer für einander bestimmtes Paar bekommt die Chance, sich zu lieben und – verpasst diese. Immer gab es Wichtigeres zu tun als zu lieben. Immer wurde das Lieben zugunsten etwas anderem verschoben. Es gibt so viel zu tun – lieben werden wir uns später.

Am Ende steht das traurige Resümee: „Oh mein Gott – in all dem Trubel habe ich ganz vergessen, mich zu schaffen. Ich hatte soviel zu tun, zu mir selbst bin ich einfach nicht gekommen“.

Der Mensch schafft sich selbst? Der Mensch vergißt sich selbst, der Mensch versäumt sich selbst.

Der Mensch stirbt meist unvollendet. Und manchmal war er noch gar nicht begonnen.

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Auch viel zu kurz:
http://betreuer.blogger.de/stories/1179067/



Freitag, 1. Mai 2009
Amnesty für Sisyphos
Was Camus als Mythos von Sisyphus bezeichnet, ist der Mythos des ewig Unereichbaren.

Zur Erinnerung: Sisyphos hat das unaufhörliche Steinrollen als Strafe erhalten. Eine Strafe, die nie endet, da Sisyphos schon im Totenreich weilt. Sisyphos kann also noch nicht einmal auf den Tod als Beendigung der Tortur hoffen.

Dies ist der Unterschied zum Menschenreich. Auch hier gibt es Sisyphos. Aber eben mit dem großen Unterschied der Freiheit der Wahl. Er müßte nicht tun was er tut.

Und unweigerlich fragt man sich: Warum hält Sisyphos nicht einfach an? Wozu immer wieder den Stein hinaufrollen, wenn der dann, einem Naturgesetz folgend, in unerschütterlicher Regelhaftigkeit wieder hinabrollt?

Ist Sisyphos einfach nur ein Narr, der hofft, die Naturgesetze würden irgenwann einmal ihre Gültigkeit verlieren?

Sisyphos sollte sich ein Beispiel an den trägen dumpfen Zeitgenossen nehmen, die den Stein gar nicht erst anrühren. Oder ihn von anderen hinaufschaffen lassen würden.

Im Hades ist Sisyphos ein ewig Büßender. Im Menschenreich ist er einfach nur ein Verlierer.

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Ein wenig mehr, ein wenig ernster und ein wenig optimistischer:

http://betreuer.blogger.de/stories/1116109/