Donnerstag, 19. September 2019
Der riesengroße blinde Fleck im Kampf gegen Rechts – die Kairoer Erklärung der Menschenrechte
Noch nie etwas von der Kairoer Erklärung der Menschenrechte gehört?* Das dürfte wohl auf die meisten zutreffen, denn während jeder die UN-Menschenrechtserklärung kennt, ist die Kairoer Menschenrechtserklärung kaum jemanden bekannt. Das ist umso erstaunlicher, als dass alle Nationen mit überwiegend muslimischer Bevölkerung diese Erklärung ratifiziert haben und dazu zählen immerhin 56 Staaten! Die spannende Frage ist, warum Muslime die UN-Erklärung für nicht ausreichend halten und es ihrer Ansicht nach zwingend einer eigenen Erklärung bedarf.

Die Antwort ist einfach: weil die vorbehaltslose Zustimmung zur UN-Erklärung zu einem Bruch mit den Werten des Islam führen würde. Oder etwas präziser ausgedrückt, die UN-Erklärung aus islamischer Sicht eine „Interpretation der säkularen judäisch-christlichen Tradition“ darstellt. Was immer man jetzt über diese Sichtweise denken mag, es handelt es hier um eine sehr klare und sehr eindeutige Abgrenzung, die eben nicht von dem nichtmuslimischen Teil der Welt vollzogen wird, sondern von den Muslimen selbst. Und genau dies sollte man berücksichtigen, wenn es um die Frage geht, woran Integration bisher gescheitert ist.

Worin besteht denn nun genau der Unterschied zwischen der UN-Erklärung der Menschenrechte (UN) und der Kairoer Erklärung der Menschenrechte (KE)? Die Antwort ist kurz und bündig: die KE lässt als einzige Quelle für die Auslegung und Erklärung jedes einzelnen Artikels ausschließlich die Scharia zu (Art. 25)! Folglich werden auch die meisten der Einzelartikel (betreffend beispielsweise Meinungsfreiheit, Gleichheit, körperliche Unversehrtheit, Verbot des Töten eines Menschen) abschließend ergänzt um die Formulierung: „außer es widerspricht der Scharia“ oder „außer wenn die Scharia es verlangt“! Jetzt wird so mancher Muslim sofort argumentieren, dass es sich bei der Scharia um ein perfektes Rechtsystem handelt, das zum Ziel hat, sowohl dem Einzelnen als auch der Gemeinschaft Grundrechte zu garantieren und vor Willkür zu schützen und somit beruhen die Vorbehalte der Nicht-Muslime einzig und allein auf Unkenntnis und Vorurteilen. Und genau hier kann es keine Diskussion geben, denn der Scharia – mag sie auch in manchen Bereichen den westlichen Rechtsnormen gleichen – liegt ein völlig anderes Verständnis von Gleichheit und Freiheit zugrunde als dem westlichen Wertesystem. Frauen werden explizit schlechter gestellt, was Erbrecht, Scheidung, Zeugenaussage, Wahl des Ehepartners und Gewalt in der Ehe betrifft. Meinungsfreiheit gibt es definitiv nicht, wenn es Kritik am Islam betrifft. Religionsfreiheit besteht de facto für niemanden, der vom Islam zu einer anderen Religion konvertieren will.

Die Scharia fußt auf Koran, Sunna, den Fatwas der Rechtsgelehrten und der Zustimmung des Scharia-Gerichts. Und wer sich einmal zumindest ein bisschen mit dieser Materie befasst, der weiß, dass das abendländische Rechtswesen hiermit nicht kompatibel ist.

Was aber eigentlich noch viel entscheidender ist, als die hier erwähnten Unterschiede, ist der Umstand, dass sich die Kairoer Erklärung der Menschenrechte ausschließlich auf Muslime bezieht. Die Mitglieder der Organisation der Islamischen Konferenz betonen, dass die Umma (= die muslimische Gemeinschaft) von Gott als die beste Nation geschaffen wurde. In Artikel 1 der KE wird vom wahrhaften Glauben als Garantie für das Erlangen der Würde auf dem Weg zur Vollkommenheit postuliert. Mit anderen Worten: für diejenigen, die einem anderen (=unwahrhaften) oder gar keinem Glauben anhängen, gilt die Kairoer Erklärung der Menschenrechte nicht! Die Welt wird somit geteilt in Gläubige und Ungläubige und Ungläubige stellen eine Spezies zweiter Klasse dar.

Besteht da wirklich noch einen Unterschied zur Ideologie des Dritten Reichs, die durch die elitäre Vorstellung eines nordischen Herrenmenschen geprägt war, der dazu auserkoren ist, über den restlichen Teil der Menschheit zu herrschen? Und sind die Programme von AFD oder Pegida wirklich so viel schlimmer als dieses Postulat der Abgrenzung gegen sogenannte Ungläubige? In Deutschland wird gern mit den Vorteilen der bunten Vielfalt geworben, wenn es um das Zusammenleben mit anderen Kulturen geht. Aber spricht die Kairoer Erklärung, in der es in erster Linie um Abgrenzung gegen die nichtmuslimische Welt geht, tatsächlich für eine bunte und vielfältige Gesellschaft?

Es vergeht in Deutschland kaum eine Woche, in der nicht irgendwo zu einer Kundgebung gegen Rechts aufgerufen wird. Jeder Künstler und jeder Prominente, der etwas auf sich hält, ruft irgendwo und irgendwann einmal zum Kampf gegen Rechts auf und es gehört zum guten Image, sich lautstark gegen die AFD oder Pegida zu positionieren und offen zu beklagen, wie weit es schon wieder in Deutschland gekommen ist. Auch ich sehe den Rechtsruck in Deutschland mit Sorge und auch ich möchte verhindern, dass es jemals wieder zu solchen Gewaltexzessen wie 1992 in Rostock Lichtenhagen oder in Mölln (und vielen andere) kommt. Aber ich stufe Anschläge, die aus Fremdenfeindlichkeit verübt werden, als genauso gefährlich ein, wie Anschläge, die aus Hass auf westliche Wertvorstellungen verübt werden. Die Anschläge auf Redaktion von Charlie Hebdo und auf das Bataclan-Theater (und vielen andere) machen deutlich, wie groß dieser Hass auf Demokratie, Pluralismus und vor allem auf Freiheit ist.

Allerdings gibt es keine Diskussion, in der nicht sofort auf jeden Hinweis auf die bestehende islamistische Gewalt damit gekontert wird, dass es sich doch nur um eine kleine Minderheit handeln würde und die übrige muslimische Welt nichts anderes möchte, als mit der nichtmuslimischen Welt in Eintracht und Frieden zu leben, weil sich letztendlich doch die beiden Wertesysteme harmonisch verbinden lassen. Es ist die die Kairoer Menschenrechtserklärung, durch die sich diese Einschätzung eindeutig als Trugschluss entpuppt. Und wer daran noch immer zweifelt, der sei daran erinnert, dass es mittlerweile auch in Deutschland, Frankreich und Holland Menschen gibt, die nur noch unter ständigem Polizeischutz leben können, weil sie sich das Recht nehmen, muslimischen Glaubenssätzen zu widersprechen (Seyran Ates, Hamed Abdel Samad, Mitarbeiter von Charlie Hebdo, Ayann Hirsi Ali und viele andere).

Die Kairoer Erklärung ist, was die Ablehnung von Pluralismus und Demokratie angeht, an Eindeutigkeit kaum zu übertreffen. Wenn expliziert erklärt wird, dass alle Rechte und Freiheiten der Islamischen Scharia unterstehen, dann ist gibt es keinen Pluralismus und keine Demokratie mehr. Und wenn ausnahmslos alle Staaten mit muslimischer Bevölkerung diese Erklärung als für sie verbindlich ratifiziert hat, dann kann man nicht mehr von einer kleinen Minderheit sprechen.

Genau das ist es, was ich meine, wenn ich von dem riesengroßen blinden Fleck im Kampf gegen Rechts spreche.

* hier die ungekürzte deutsche Übersetzung der Kairoer Erklärung:
https://www.humanrights.ch/cms/upload/pdf/140327_Kairoer_Erklaerung_der_OIC.pdf

Und hier eine kurze Gegenüberstellung der KE mit der UN:
https://www.anstageslicht.de/themen/religion/drei-religionen/menschenrechte-und-islam-kairoer-erklaerung/



Samstag, 7. September 2019
Das Bonmot zum Nachmittag
"Wer spricht vom Siegen? Überstehn ist alles".

Rainer Maria Rilke (1875 - 1926) in seinem Requiem zum Tod von Wolf von Kalckreuth, der sich im Alter von 34 Jahren das Leben nahm



Donnerstag, 25. Juli 2019
Israel 2019 (2)
Jaffa, 29.07.2019
Da wir in drei Tagen nach Hause zurückfliegen (müssen), geht es heute zurück nach Tel Aviv, wo wir dann den Leihwagen zurückgeben müssen. Alles gestaltet sich viel länger als geplant, aber letztendlich müssen wir kaum mehr bezahlen, die Mitarbeiter der Leihwagenfirma sind ausgesprochen nett.

Die letzten Tage wollen wir einfach nur ausspannen und wir genießen den Strand von Tel Aviv mit seinen schönen Sonnenuntergängen. Am vorletzten Tag sehen wir uns den Carmel Market in Tel Aviv an. Der Beduinen Markt in Ber Sheba verblasst vor diesem bunten quirligen Markt und wir können uns gar nicht genug sattsehen an den Bergen von Gewürzen und Früchten. Wir wollen dann noch einmal ausgiebig „Shakshuka“ essen, das ist eine Tomaten-Eierspeise. Als ich im Internet nach Rezepten suche, stoße ich auf „Dr. Shakshuka“, der sich direkt bei unserem Guesthouse befindet und dessen Restaurant hochgelobt wird. Es zeigt sich, dass das Lob nicht übertrieben war und wir haben ein tolles Abschiedsmahl.

Tiberias/Galiläa, 27.07.2019
Aus der Stille der Negev Wüste sind wir gestern am See Genezareth in Tiberias angekommen. Die Strandpromenade erinnert mich ein wenig an unser Volksfest im Norden, den Hamburger Dom.
Gestern sind wir dann um den See Genezareth gefahren und ich habe mir die Orte angesehen, die ich beim letzten Mal nicht besichtigen konnte, weil mein Guesthouse ausgebucht war. Die Brotvermehrungskirche konnten wir auch diesmal nicht besichtigen, da sie nicht geöffnet war. Dafür haben wir aber die Petruskapelle und Kapernaum angesehen. Mehr oder weniger per Zufall gelangten wir dann auch an den Berg der Seligpreisungen. Da es kurz vor Schließung des Geländes war, war es angenehm ruhig und man konnte diesen idyllischen Ort wunderbar genießen.

Bei fast allen Orten bin ich persönlich nicht sicher, ob sie tatsächlich den historischen Stätten entsprechen. Bei Kapernaum aber ist es etwas anderes, denn dort haben archeologische Grabungen tatsächlich einen Teil der Siedlung freigelegt, die in die Zeit Jesus datiert wird. Es ist schon sehr beeindruckend, an so einem Ort zu sein.

Mit Schrecken habe ich gelesen, dass vor zwei Jahren von israelischen Siedlern ein Anschlag auf die Brotvermehrungskirche verübt wurde, bei dem Teile der Kirche zerstört wurden. Das Motiv für die Tat bestand darin, dass die Attentäter eine moralische Verpflichtung spürten, Israel von Orten des "Götzendienstes" zu reinigen. Mich erstaunt es immer wieder, mit wieviel Energie Menschen Andersgläubige zu verfolgen. Der monotheistische Gott scheint ein äußerst eifersüchtiger und unduldsamer Gott zu sein. Ist es Zufall, dass die Entstehung der Demokratie und der Republik in die Zeit des Polytheismus fiel?

Negev Wüste, 25.07.2019
Nach zwei Tagen am Toten Meer sind wir gestern mit einem Leihwagen in die Negev Wüste gefahren. Hier wohnen wir jetzt in einer kleinen Holzhütte auf einer Kamel Farm. Ich bin vor vielen Jahren schon einmal auf einem Kamel durch die Wüste geritten. Allerdings war das in der Sandwüste der Sahara und der Ritt verlief zu ebener Erde. Als wir gestern losritten, habe ich es zuerst bereut, denn es ging auf und ab und manchmal ging es an derart steilen Abhängen entlang, dass mir Angst und Bange wurde, zumal die Negev Wüste aus Felsen besteht und man da schon sehr hart fallen kann. Aber nach einiger Zeit wurde ich etwas ruhiger und es war ein einmaliges Erlebnis. Unsere Hütte hat zu allen Seiten Fenster und ich kann neben uns direkt auf die Kamele sehen.

Heute sind wir dann mit dem Wagen durch die Wüste gefahren und haben uns einen Beduinen Markt in Ber Sheba angesehen. Danach ging es dann zu dem Kibbuz Sede Boker, in dem Ben Gurion seinen Lebensabend verbracht hat. Sein Haus, an dem nach seinem Tod nichts verändert wurde, kann besichtigt werden und es gibt diverse interaktive Angebote, um sich über sein Leben zu informieren , die sich insbesondere auch an Kinder richten. Man kann sich sicher vorstellen , dass erheblich idealisiert und alles Negative entsprechend weggelassen wird . Dennoch ist es äußerst beeindruckend, sich anhand der Fotodokumentationen darüber zu informieren, mit welchem Enthusiasmus aus einem Stück Steinwüste eine Oase gemacht wurde. Auch Ben Gurion war damals von dem entstehenden Kibbuz so beeindruckt , dass er sich spontan entschloss, dorthin zu ziehen .
Israel steht an erster Stelle, was die Erforschung der landwirtschaftlichen Möglichkeiten in Wüstengebieten betrifft. Insbesondere spielt dabei auch die Entsalzung von Meerwasser eine große Rolle.

Ich werde gleich noch den Kamelen einen Besuch abstatten und dann die endlich einsetzende Abendkühler genießen.