Mittwoch, 7. April 2021
Kann man nach Auschwitz noch an Gott glauben?
"Rabbi", wollte ich wissen, "wie können Sie nach Auschwitz noch an Gott glauben?"

Er hatte die Hände auf den Tisch gelegt und betrachtete mich lange und schweigend. Dann antwortete er mit leiser, kaum hörbarer Stimme: "Und wie können Sie nach Auschwitz nicht mehr an Gott glauben?" Ich dachte eine Weile darüber nach, was er gesagt hatte. An wen sonst könnte man denn glauben? Hat nicht der Mensch in Auschwitz seine Rechte und Pflichten für immer aufgegeben? Bedeutet Auschwitz nicht die Niederlage der Menschheit, das endgültige Scheitern der Gesellschaft? Was bleibt uns außer Gott in einer Welt, die restlos von der Finsternis von Ausschwitz beherrscht wird? Der Rabbi sah mich an und wartete auf meine Antwort. Und ich schaute ihm ins Gesicht, als ich schließlich sagte: "Rabbi, wenn das, was Sie sagen, eine Antwort auf meine Frage ist, dann weise ich sie zurück. Wenn es aber eine Frage ist, eine Frage mehr sozusagen, dann nehme ich sie an." Ich bemühte mich zu lächeln, doch es gelang mir nicht.

Elie Wiesel (1928-2016) in "Alle Flüsse fließen ins Meer" im Dialog mit Rabbi Menachem Mendel Schneersohn (letztes Oberhaupt der Lubawitscher Bewegung)



Montag, 8. März 2021
Mein Wunsch für den Internationalen Frauentag
Was ich mir zum Internationalen Frauentag wünsche: dass eine Frau in Deutschland einen Gottesdienst abhalten kann, ohne dafür auf ständigen Polizeischutz angewiesen zu sein.

Mein Wunsch wird mit Sicherheit nicht in Erfüllung gehen, aber das Mindeste, was eine Gesellschaft einer von Morddrohungen verfolgten Frau schuldig ist, ist Solidarität und öffentliche Thematisierung dieses unerträglichen Zustands.

Ich halte das für sehr viel wichtiger als Gender- Sternchen und Binnenstriche.



Samstag, 26. Dezember 2020
Ich war bisher eine Anhängerin des Journalisten Henryk M. Broder. Nicht uneingeschränkt, aber das muss ja auch nicht sein. Aber jetzt hat sich Broder eingereiht in die Front der Querdenker. Sein letzter Beitrag in der Rubrik "Broders Spiegel" macht doch einigermaßen sprachlos.

"Wieso war Geld früher ein Problem und wieso ist heute Geld kein Problem?" fragt Broder angesichts der Ankündigung der Bunderegierung, die Wirtschaft mit weiteren 180 Milliarden zu unterstützen.

Weil wir es jetzt mit einer Pandemie zu tun haben, und zwar weltweiten Ausmaßes, Herr Broder! Und gerade weil es sich um ein weltweites Ausmaß handelt, ist es auch kompletter Unsinn, Merkel als Urheber allen Übels anzusehen, denn es gibt keinen Staat, der nicht in irgendeiner Form mit Regeln und Restriktionen auf das Virus reagiert. Mal mehr, mal weniger. Und wie das Weniger aussieht, kann man an den USA sehen, wo die Zahl der Toten in furchteinflößender Schnelligkeit ansteigt.

Wenn man es schafft, auch das zu ignorieren, landet man zwangsläufig bei der Theorie der Weltverschwörung und bei Bill Gates, der der heimliche Profiteur der Impfstoffindustrie ist.

Auch ich habe übrigens ein äußerst großes Misstrauen gegenüber der Pharmaindustrie. Aber das ändert nichts an der Tatsache, dass momentan die Zahl der Toten rasant steigt und das medizinische Personal auf den Intensivstationen schon lange gefährlich am Limit ist.

Dass jemand mit soviel Grips wie Henryk M. Broder jetzt mitmischt in der Verschwörerszene trägt nicht gerade dazu bei, Vertrauen in die Zukunft zu haben. Man kann sich eben auf nichts mehr verlassen.