Mittwoch, 3. Mai 2017
Heute ist der Tag der Pressefreiheit
Ich möchte dazu nichts schreiben, sondern dabei einfach nur an verschiedene Menschen denken:

Ayaan Hirsi Ali
Ai Weiwei
Hamed Abdel-Samad
Mouhanad Khorchide
Raif Badawi
Robert Redeker
Seyran Ates
Theo van Gogh

Nur ein winziger kleiner Ausschnitt aus einer riesigen Gruppe von Menschen, deren Leben bedroht ist oder die ihr Leben verloren, weil es auch heute noch längst nicht selbstverständlich ist, dass jeder seine Gedanken offen äußern kann. Schriftsteller, Journalisten und Künstler, die ihr Leben für die Freiheit aufs Spiel setzen. Nicht nur für ihre Freiheit, sondern für die Freiheit von uns allen.



Mittwoch, 26. April 2017
Wenn Gewalttäter weinerlich werden und wie man aus ihnen nachträglich Helden macht
B. aus Hamburg ist ein richtiger Mann, einer der kämpfen will. Damit fängt er schon mal in Deutschland an, vorzugsweise aus dem Hinterhalt, wo man gute Chancen hat, nicht erwischt zu werden. Dort wo die Gegner nicht in der Mehrzahl, sondern in der Minderheit sind. „Das sind nur vier Leute, die krallen wir und nach der Schule, Digga“ schreibt B. in einem Chat an seine Kumpel. Handelt es sich bei den vier besagten Leuten vielleicht um vier gemeingefährliche Killer, die grundlos Wehrlose zusammenschlagen und tyrannisieren? Irrtum – es geht lediglich um vier Schüler, die sich keines anderen Vergehens schuldig gemacht haben, als die in Deutschland geltenden Meinungsfreiheit genau dafür genutzt zu haben, wofür sie da ist – nämlich ihre Meinung frei zu äußern. Aber wie gesagt – B. ist ein richtiger Mann und als solcher kann er sich das natürlich nicht so einfach bieten lassen und plant das, was seiner Meinung nach die einzig geeignete Reaktion auf eine freie Meinung ist – einen Anschlag.

Irgendwann reicht es B. nicht mehr, nur Mollis zu werfen, er möchte dahin, wo richtig geballert wird und wo seine großen Vorbilder echte Bomben werfen. Aber womit B. dabei nicht gerechnet hat, ist die Tatsache, dass jetzt nicht mehr aus dem sicheren Hinterhalt angegriffen wird, sondern frontal. Anderen Schmerzen anzutun oder sie zu töten, stellt für B. kein Problem dar, aber jetzt dreht sich der Spieß um und es kann nicht mehr ausgeschlossen werden, dass ihm selbst wehgetan oder er gar getötet wird. Und da bricht dann das Bild vom mutigen echten Kerl zusammen und B. wird weinerlich und klagt bitter über die Ungerechtigkeit, die eigene Haut riskieren zu müssen. „Die schicken die Brüder einfach in den Tod!“ beschwert er sich per Video.

Beschwert sich B. darüber, dass unschuldige Menschen massakriert werden? Oder dass unschuldigen Menschen ihr Zuhause weggebombt wird und Frauen und Mädchen wie Sklavinnen gehalten werden? Fehlanzeige, er beklagt lediglich, dass die „Brüder“ in den Tod geschickt werden.

Das Ganze ist schon ekelhaft genug, aber was es unerträglich macht, ist die Umdeutung von Weinerlichkeit in Reue und Einsicht. „Trauer um den Islamisten, der mit dem IS abrechnete“ lautet der Kommentar zu der Videobotschaft von B. Eine Botschaft, in der man vergeblich nach einem Wort des Bedauerns oder eines Schuldbekenntnisses sucht, sondern B. sich lediglich wie ein kleiner trotziger Junge darüber beklagt, dass beim Kriegsspielen eben nicht nur die anderen getötet werden, sondern dies auch einem selbst passieren kann.

Ist Weinerlichkeit tatsächlich schon gleichbedeutend mit Reue? Hat man diese völlige Verdrehung von Tatsachen nicht schon zur Genüge im Dritten Reich betrieben? Als nach dem Krieg plötzlich aus jedem begeisterten Anhänger ein unschuldiges Opfer gemacht wurde, das nur durch die Schuld der anderen beim Massenmord mitgemacht hat. Muss diese unerträgliche Schönfärberei wirklich wiederholt werden?



Donnerstag, 23. März 2017
Mädels, Mamas, Papas, Kids und Babys – Sprache zuckersüß
Schon seit einiger Zeit zeigt sich im deutschen Sprachgebrauch die Tendenz, Begriffe nur noch in der Verniedlichungsform zu verwenden. Angefangen hat dies damit, erwachsene Frauen als "Mädels" zu bezeichnen. Dies mögen die meisten äußerst originell und sehr witzig empfinden, mir geht es allerdings so, dass ich es als albern und dämlich empfinde.

Die Ausdrücke „Mutter“ und „Vater“ scheinen ebenfalls nicht mehr sehr beliebt zu sein und werden zunehmend durch „Mama“ und „Papa“ ersetzt. Dies ist für kleine Kinder sicherlich völlig normal und auch für Erwachsene, die ihre Eltern direkt ansprechen. Auch ich habe meine Eltern im direkten Gespräch mit Mama und Papa angeredet. Allerdings käme es mir nie in den Sinn, dies gegenüber Dritten zu tun. Wenn ich über Dinge spreche, die meine Eltern betreffen, dann spreche ich von meiner Mutter und meinem Vater. Hätte ich oder jemand meiner Freunde beispielsweise als Teenager von „meiner Mama“ gesprochen, hätte dies mit ziemlicher Sicherheit Gelächter und ein breites Grinsen ausgelöst.

Kinder auch als Kinder zu bezeichnen, gilt inzwischen auch als völlig überholt und altbacken und kommt allenfalls in Formularen oder Gesetzestexten vor, wo es – zumindest zum jetzigen Zeitpunkt – noch Kindergeld und Kindeswohl anstatt „Kidsgeld“ oder „Kidswohl“ heißt.

Den Ausdruck Baby gibt es schon lange, allerdings wurden damit auch nur Babys bezeichnet und nicht grundsätzlich jedes Kind. In Bezug auf Kinderwunsch sprachen Paare grundsätzlich davon, sich ein Kind zu wünschen und Frauen sprachen in der Schwangerschaft davon, ein Kind zu erwarten. Heute wünschen sich Paare ausdrücklich ein Baby und Frauen sprechen davon ein Baby zu erwarten.

Warum geht mir dies alles so gegen den Strich? Es ist doch schließlich nichts Schlimmes dabei, wenn sich Menschen lieber locker und fortschrittlich ausdrücken, anstatt ernsthaft und hausbacken, oder etwa nicht?

Nein, schlimm ist es tatsächlich nicht, aber ziemlich albern und lächerlich. Im Grunde stellt die Tendenz zur Verniedlichung das sprachliche Pendant zur Fungesellschaft dar, in der alles lustig, unterhaltsam und quietschvergnügt zugehen muss. Allerdings ergibt dies einen merkwürdigen Kontrast zur der ebenfalls schon seit längerem bestehenden Tendenz der Verrohung der Sprache. Niedlichen Begriffen wie Mädels, Mamas, Papas, Kids und Babys stehen auf der anderen Seite gar nicht mehr so niedliche Begriffe wie Schlampe, Hurensohn, Spasti, schwule Sau, Fotze etc. gegenüber.

Wenn Sprache auch immer ein Spiegel gesellschaftlicher Verhältnisse ist, dann muss man sich fragen, ob die Welt der Mädels, Mamas, Papas, Kids und Babys tatsächlich so zuckersüß ist, wie sie sich anhört. Als Sozialarbeiterin kann ich dies nur verneinen. Insbesondere, wenn junge Menschen davon sprechen, sich ein „Baby“ zu wünschen, sehe ich vor meinem geistigen Auge bereits die Zeit vor mir, wenn das das kleine süße Baby eben nicht mehr klein und süß ist, sondern ein Kind, das Ansprüche stellt und sehr anstrengend sein kann, was dann sehr viel öfter als früher nur noch funktioniert, wenn diverse staatliche Hilfen geleistet werden.

Der Begriff "Mädel" löst bei mir wehmütige Erinnerung an die Zeit aus, als es noch eine Frauenbewegung gab und der Ausdrück Mädel ausschließlich im dunklen geschichtlichen Zusammenhang des "Bund Deutscher Mädel" - benutzt wurde. Auch mit viel Fantasie kann ich mir den (inzwischen längst geschlossenen) Frauenbuchladen nicht als "Mädelsbuchladen" vorstellen und die (inzwischen längst nicht mehr stattfindende) Hamburger Frauenwoche auch nicht als "Mädelswoche". Manche Sachen scheinen nur bei erwachsenen Frauen zu funktionieren und nicht bei Mädels...

Vielleicht wird der Unterschied der sprachlichen Aussage deutlich, wenn man einfach mal die konservative Ausdrucksform in die verniedlichende Ausdrucksform übersetzt. Das habe ich gemacht und das hier kam dabei heraus:

Aus August Bebels: “Die Frau und der Sozialismus” wird jetzt „Das Mädel und der Sozialismus“.

Aus Herrmann Hesses oder Franz Kafkas „Brief an den Vater“ wird jetzt der „Brief an den Papa”.

Aus Heinrich Heines Gedicht "An meine Mutter" wird jetzt das Gedicht "An meine Mama".

Aus Nancy Fridays “Wie meine Mutter“ bzw. „My mother myself“ wird jetzt “Wie meine Mama“ bzw. “My mummy myself”.

Aus Alice Millers: "Das Drama des begabten Kindes“ wird jetzt „Das Drama des begabten Kids“

Aus Oriana Fallacis „Brief an ein nie geborenes Kind“ wird jetzt „Brief an ein nie geborenes Baby“.

Wie bereits gesagt – alles keine Katastrophe. Aber dennoch alles seines sprachlichen Ausdrucks beraubt und zu einer lächerlichen Babysprache degradiert. Ich bin mir übrigens ganz sicher, dass ich mir niemals ein Buch mit dem Titel „Wie meine Mama“ gekauft hätte und auch niemals Interesse daran gezeigt hätte, einen „Brief an den Papa“ zu lesen. Jedenfalls nicht, seitdem ich älter als neun Jahre alt bin….