Sonntag, 12. November 2017
Ein Dialog findet nicht statt – oder warum ist Hamed Abdel-Samad kein Gesprächspartner für Ahmad Milad Karimi?
Wahrscheinlich kennen die meisten Hamed Abdel-Samad aus den Medien – ein aus Ägypten stammender in Deutschland lebender Politikwissenschaftler, über den nach seiner Abkehr vom Islam eine Fathwa ausgerufen wurde, infolge der er sich nur noch mit einem rund-um-die-Uhr Polizeischutz bewegen kann.

Weniger bekannt ist wahrscheinlich Ahmad_Milad_Karimi, ein aus Afghanistan stammender Religionsphilosoph und Islamwissenschaftler, der seit seinem dreizehnten Lebensjahr in Deutschland lebt. Ich habe erst vor kurzem von Ahmad Milad Karimi gehört, als ich mehr oder weniger zufällig in ein langes Interview auf ARD Alpha hinein zappte, das ich dann bis zum Ende verfolgte.

Auf den ersten Blick wirkt Karimi ausgesprochen weltoffen. So schildert er beispielsweise, wie begeistert er nach seiner Ankunft in Deutschland von der Lektüre deutscher und auch anderer Philosophen war und auch immer noch ist. Auch jetzt im Rahmen seiner Lehrtätigkeit legt er seinen Studenten die Werke Kants und Hegels nah.

Unausweichlich kam während des Interviews auch das Thema auf zunehmende Gewalttätigkeit vieler junger Muslime. Leider wurde meine gerade aufkeimende Hoffnung auf eine kritische Auseinandersetzung mit diesem Thema enttäuscht. Es wurde lediglich wieder nur die falsche Auslegung des Korans sowie die mangelnde Bildung als Grund angeführt und plötzlich war nichts mehr von der eben betonten Liebe zur kritischen Denkweise zu spüren, denn Karimi betonte ausdrücklich, dass der Islam keine Aufklärung benötigen würde, die wäre nur für die spezifisch abendländische Geschichte erforderlich gewesen.

Gänzlich zerstört wurde meine Hoffnung auf eine Auseinandersetzung, als das Thema auf Hamed Abdel-Samad kam, den Karimi damit kommentierte, für ihn sei dies „kein Gesprächspartner“ und das damit begründete, Abdel-Samad würde den Koran wörtlich zitieren und somit den gleichen Fehler wie der IS machen. Zur Information: Abdel-Samad listete in einem seiner Bücher eine sehr große Anzahl von Suren auf, die direkt und unmissverständlich zur Gewalt aufriefen. Das Standartargument lautete auch bei Karimi wie immer, man dürfe den historischen Zusammenhang nicht ignorieren.

Aber was genau ist damit eigentlich gemeint? Dass damals Gewaltaufrufe entschuldbar waren, nur weil es die damalige historische Situation angeblich erforderte? Ist die Welt denn heute friedlicher und gibt es weniger Konflikte oder Verfolgung als damals? Selbst wenn dies der Fall wäre, so kann ich jeden verstehen, der mit religiösen Richtlinien ins Schleudern kommt, deren Anwendbarkeit willkürlich mal als immerwährend und mal als auf damalige Zeiten begrenzt angewandt werden. Damals wie heute gab und gibt es die Entscheidung zwischen Gewaltanwendung und Gewaltverzicht. Es gibt Religionen, die sich sehr klar und unmissverständlich für Gewaltverzicht entschieden haben. Selbst wenn auch deren Anhänger sich immer wieder darüber hinweg setzen, so gibt es darüber nicht die unsägliche Diskussion der falschen Auslegung, sondern man kann das Problem direkt benennen als Missachtung der religiösen Gebote.

Was bleibt von dem Interview ist die bittere Erkenntnis, dass es in Bezug auf den Islam niemals eine kritische Auseinandersetzung geben kann, weil diese immer und grundsätzlich als Angriff angesehen wird und weil – das hat Karimi äußerst klar und unmissverständlich ausgedrückt – der Islam überhaupt keiner aufklärerischen Impulse bedarf, denn er ist gut so wie er ist. Somit bleibt Karimi die Erklärung schuldig, was man denn gegen die immer massiver werdenden Gewaltexzesse tun kann, denn sein Argument der mangelnden Bildung kann man leicht mit einem Blick auf die Golfstaaten entkräften – dort wird trotz eines sehr hohen Bildungsniveaus der Islam am rigorosesten ausgelegt. Übrigens hatten auch alle an den Anschlägen des 11. September Beteiligten sowohl Abitur als auch einen Platz an der Hochschule. Und sieht man sich mal unter den Diktatoren und deren Führungsstab dieser Welt um, so waren dies bei weitem nicht alle Analphabeten.

Zurück zu der Ablehnung Hamed Abdel-Samads als Gesprächspartner. Es ist äußerst befremdlich, wenn ausgerechnet ein Religionsphilosoph die Auseinandersetzung mit jemandem verweigert, nur weil dieser eine andere Sicht vertritt. Philosophie zeichnet sich ja gerade durch das Streitgespräch und die Lust auf Auseinandersetzung aus. Mir kommt gerade der Gedanke, ob dies vielleicht auch lediglich die abendländische Variante des Verständnisses von Philosophie darstellt…



Sonntag, 5. November 2017
Im Lande des Hightech – warum es einen Kulturschock darstellt, von Korea in den Süden Hamburgs zurückzukehren
Fortsetzung von hier.
Seit fast einem Monat sind wir nun schon von unserer Koreareise zurückgekehrt und diesmal war die Rückkehr anders als bei unseren vorherigen Asienreisen. Zuvor kehrten wir zwar auch immer wehmütig zurück, aber es war zugegebenermaßen auch nicht unangenehm, wieder alle Annehmlichkeiten der Zivilisation zu genießen, zu denen beispielsweise ein verlässliches öffentliches Verkehrssystem, Regeln im Straßenverkehr und last not least auch saubere Toiletten gehören. Korea steht jedoch in diesen Bereichen Deutschland in keiner Weise nach, was aber noch nicht den Kulturschock bei meiner Rückkehr erklärt, denn diesmal waren die Verhältnisse umgekehrt:

Während die Straßen und öffentliche Plätze Koreas sauber sind, sind die Straßen meines Wohnviertels vermüllt und verdreckt. In Korea wird überall sichtbar Mülltrennung praktiziert, den zu meinem Mietshaus gehörigen Mietern ist Mülltrennung völlig egal und Hausmüll wird in die Biotonne entsorgt während Plastik im Altpapiercontainer landet. Öffentliche sanitäre Anlagen waren in Korea immer sauber, während die öffentlichen Toiletten in Hamburg oftmals die Ekelgrenze überschreiten.

Zwischen dem Verkehrsverhalten der koreanischen Autofahrer und dem der Autofahrer im Süden Hamburgs liegen Welten. Hier ist das Straßenbild geprägt von getunten 3er-BMWs, deren hirnfreie Fahrer die Straßen als Rennpiste nutzen und die bei den nichtigsten Anlässen andere Straßenteilnehmer mit wüsten Beleidigungen und Drohungen bombardieren.

Besonders nachdenklich macht der Umstand, dass ich während meines ganzen Urlaubs nur zwei Bettler gesehen habe, wohingegen hier im Süden Hamburgs das Straßenbild von Bettlern geprägt ist.

In Korea gibt es im Straßenbild keine Geschlechtertrennung, Frauen und Männer bewegen sich gemeinsam in der Öffentlichkeit. Dies ist im Süden Hamburgs ein wenig anders, in sogenannten Kulturvereinen sind grundsätzlich keine Frauen erwünscht und wenn Jugendliche in Gruppen unterwegs sind, handelt es sich sehr oft um ausschließlich männliche Jugendliche. Übrigens sieht man in Korea im Gegensatz zu Hamburg keine Frauen in Vollverschleierung. In den Tempeln beten Frauen und Männer gemeinsam und die Zeremonie kann sowohl von einem Mann als auch von einer Frau angeleitet werden, was in vielen religiösen Einrichtungen Hamburgs undenkbar wäre. In Berlin hat die Praxis des gemeinsamen Betens und des durch eine Frau angeleiteten Gebets sogar zu massiven Morddrohungen und der Erfordernis eines ständigen Polizeischutzes für eine der Betreiber geführt.

Koreaner sind ausgesprochen höflich, kommt es ungewollt zu versehentlichem Anrempeln wird eine Entschuldigung lächelnd angenommen. An meinem Wohnort ist so eine Situation schnell mit einer latenten Bedrohung oder zumindest mit heftigen Beleidigungen verbunden.

Nein, Korea ist nicht perfekt und auch dort gibt es wie in jedem anderen Land auch Kriminalität, Korruption und soziale Ungerechtigkeit. Aber dennoch scheint dies nicht das gleiche Ausmaß wie bei uns zu haben und es ist eine äußerst spannende Frage, woran dies wohl liegen könnte. In meinem Reiseführer trägt das Kapitel über die Geschichte Koreas den Titel „Vom Armenhaus zum Tigerstaat“. Als ich vom Hamburger Flughafen wieder in meine Wohnung zurückkehrte fühlte ich das genaue Gegenteil: „Vom Tigerstaat ins Armenhaus“.



Montag, 2. Oktober 2017
Im Lande des Hightech - Korea III
Fortsetzung von hier
05.10.17 - zweitletzter Tag in Seoul
Heute haben wir uns die Festung Hwaseong bei Suwon angesehen. Um dort hinzugelangen, muss man erstmal über eine Stunde mit der U-Bahn fahren und dann ein Taxi nehmen. Als wir ankamen, begann gerade eine Probe eines koreanischen Theaterstücks namens "Synopsis" inklusive Orchester und Tanzdarbietung. Obwohl wir kein Wort verstanden, war zu erahnen, worum es wohl ging, anscheinend um den Loyalitätskonflikt zwischen Mutter und Sohn, wobei am Kostüm des Sohnes erkennbar war, dass es sich wohl um einen Adligen in der Kaiserzeit handeln musste. Danach stiegen wir noch die endlos vielen Stufen zu einer riesigen Buddhastatue hoch und danach auf den höchsten Punkt des Berges, von dem aus man einen immensen Ausblick hatte. Der Ausdruck "schön" ist allerdings unzutreffend, denn Seoul besteht aus Unmengen von Wolkenkratzern.

Weil dies so ist, haben wir uns gestern ein bisschen Natur gegönnt und den Seouler Zoo besucht, der umgeben von Bergen und wie ein weitläufiger Park angelegt ist. Der Zoo wird von vielen koreanischen Familie besucht und dabei fiel mir auf, dass die meisten Eltern noch sehr jung sind und meist zwei Kinder haben, zwischen denen der Altersunterschied nur sehr gering ist.

02.10.17 Wieder in Seoul
Nachdem wir drei Tage an der Ostküste in Geoje vergeblich nach einem schönen Strand gesucht haben und es außerdem am letzten Tag in Strömen regnete, sind wir wieder nach Seoul zurückgekehrt. Sich als Ausländer mit dem riesigen U-Bahn Netz zurechtzufinden ist ein kleines Kunststück aber irgendwie haben wir es geschafft, zu unserem Hostel in Insa-dong zu gelangen. Insa-dong bzw. Jongno ist so, wie ich Asien eigentlich kenne: enge dunkle Gassen, kleine Restaurants, in denen auf dem Boden gegessen wird und winzige Geschäfte mit Kunsthandwerk oder allem möglichen Trödel. Gleich nach der Ankunft suchten wir den Jogyesa-Tempel auf, in dem gerade die Abendgebete stattfanden. Für mich gibt es kaum etwas Schöneres und Friedvolleres, als einer buddhistischen Zeremonie beizuwohnen.

Im Anschluss wollten wir essen gehen und entschieden uns dann für ein typisch koreanisches Restaurant, in dem jeder Tisch einen offenen Grill in der Mitte hat. Man erhält geschnetzeltes Fleisch und jede Menge Beilagen. Ich habe das erste Mal einen kleinen Film mit dem Handy gemacht und hoffe, dass ich es schaffe, ihn hochzuladen und diesen Beitrag beizufügen. Den enormen Lärmpegel habe ich gut angefangen, was der Film nicht zeigen kann ist die riesige Hitze, die von dem Grill ausgeht. Ich war nach dem Essen verschwitzt und knallrot.
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