Freitag, 3. Februar 2017
Was vom Feminismus übrig blieb – oder wofür haben wir eigentlich gekämpft?
Es gibt Dinge, die hätte ich als Teenager für völlig unmöglich gehalten. Es geht um Dinge, die hart erkämpft wurden und von deren ewiger Existenzberechtigung ich damals felsenfest überzeugt war, aber die jetzt immer öfter in Frage gestellt werden.

Als ich Kind war, gab es noch den sogenannten Kuppeleiparagraphen, der es unter Strafe stellte, wenn ein unverheiratetes Paar gemeinsam in einer Wohnung nächtigte. Kein Sex ohne Heirat – und falls doch, dann musste zumindest ein Verlobungsring vorhanden sein, was jedoch noch keine Garantie darstellte, sondern vom Wohlwollen des Vermieters oder Hotelbesitzers abhing. Wobei betont sei, dass die gesellschaftliche Beurteilung gegenüber Männern weitaus milder ausfiel als gegenüber Frauen. Das wurde unter anderem deutlich an dem merkwürdigen Gesetz des sogenannten „Kranzgeldes“, bei dem es sich um eine finanzielle Entschädigung handelte, die einer „unbescholtenen“ Verlobten von ihrem Verlobten gezahlt werden musste, falls es doch nicht zur Heirat kam und sie keine Jungfrau mehr war, wodurch sie quasi an „Wert“ eingebüßt hatte. Homosexuellen ging es noch schlechter, denn bis Ende der Sechziger Jahre gab es den Paragraphen 175, der Homosexualität unter Strafe stellte.

Im Schulsystem sah es auch nicht viel besser aus, auf den Haupt- und Realschulen gab es bis Mitte der Siebziger tatsächlich noch die Aufteilung in Koch- und Werkunterricht, der selbstverständlich nicht frei gewählt werden konnte, sondern durch die Geschlechtszugehörigkeit bestimmt wurde. Meine Schwester besuchte noch ein sogenanntes Mädchengymnasium, in dem es keine Jungen gab. Berufsausbildungen waren in vielen Bereichen stark nach Geschlechtern getrennt (was übrigens auch jetzt noch der Fall sein kann). Es gab keine Malerinnen, Tischlerinnen oder Automechanikerinnen und auf der anderen Seite gab es für typisch weibliche Berufe wie Kindergärtnerin oder Arzthelferin noch nicht einmal eine männliche Bezeichnung.

Aber dann ging ein Ruck durch die Bundesrepublik und es wurde heftig und lautstark gekämpft sowohl gegen die starren Geschlechtsrollen als auch gegen die sexuelle Zwangsmoral. Ich selbst war in den Anfängen dieser Zeit noch ein Kind, aber als Teenager habe ich bereits profitiert von dem gewaltigen gesellschaftlichen Umschwung. Vieles fiel dabei nicht in den Schoß und musste hart erkämpft werden. Als Mädchen abends oder sogar nachts allein auszugehen war beispielsweise längst nicht selbstverständlich und war nicht selten mit Hausarrest oder Schlägen verbunden. Dennoch haben sich die meisten Mädchen und junge Frauen davon nicht abschrecken lassen. Denn ist ging um nicht mehr und nicht weniger als um das Recht auf Selbstbestimmung.

Hätte mir damals jemand gesagt, dass die hart erkämpften Rechte jemals wieder in Frage gestellt werden würden, dann hätte ich ihm nie und nimmer geglaubt. Wäre mir damals beispielsweise davon erzählt worden, dass es Jahrzehnte später allen Ernstes wieder Eltern gibt, die ihren Töchtern die Teilnahme an Klassenfahrten oder am Schwimmunterricht verbieten, hätte ich demjenigen einen Vogel gezeigt. Was ich mit absoluter Sicherheit für einen Witz gehalten hätte, wäre der Umstand, dass man sich im Internet künstliche Jungfernhäutchen bestellen kann. Und es hätte in mir entsetzte Ungläubigkeit ausgelöst, dass es Mädchen gibt, die von ihren Brüdern zusammengeschlagen werden, wenn sie selbstbestimmt leben wollen. Den Begriff des „Ehrenmordes“ hätte ich damals überhaupt nicht verstanden (was heute nicht unbedingt anders ist), da ein Mord definitiv nichts mit Ehre zu tun haben kann. Wenn mir jemand gesagt hätte, dass es einmal einen Silvesterabend geben würde, an dem sich Männer zusammenrotten, um Frauen wie Vieh in die Enge zu treiben und sexuell zu missbrauchen, dann hätte ich dies für einen geschmacklosen Scherz gehalten. Als genauso abwegig hätte ich es empfunden, dass es einen Mordaufruf zur Folge haben könnte, wenn ein Schriftsteller in literarischer Freiheit über die homosexuellen Gefühle eines Religionsstifters schreibt.

Ich war wohl sehr naiv in meinem Glauben, dass gesellschaftliche Errungenschaften wie Gleichheit und Selbstbestimmung nicht so einfach in Frage gestellt werden können. Ja, es stimmt – wir haben eine Bundeskanzlerin und sogar eine Verteidigungsministerin und an den Hochschulen studieren in vielen Fachbereichen mittlerweile sogar mehr Frauen als Männer. Aber was ändert dies daran, dass jetzt wieder Geschlechterapartheit gefordert wird und das Recht auf die weibliche Selbstbestimmung in Familie, Ausbildung und Öffentlichkeit mit allen Mitteln verteufelt wird?

Wollen wir wirklich wieder in diese dunklen Zeiten zurück? Bestimmte Menschen scheinen genau dies zu wollen. Vielleicht könnte ich dies noch verstehen, denn wenn man über die eigenen Grenzen hinausschaut, wird offensichtlich, wie viele Menschen diese Wertsysteme vertreten und niemand kann sich anmaßen, zu bestimmten, welche Wertsysteme denn nun die besten sind. Allerdings werde ich nie verstehen, warum jetzt ausgerechnet diejenigen Verständnis für den Rückschritt zu den alten Zeiten einfordern, die bisher vehement freiheitliche Werte verteidigt haben. Dieselben Menschen, die früher vehemt gegen Geschlechterapartheit und sexuelle Zwangsmoral gekämpft haben, verharmlosen diese jetzt im Namen der Toleranz. War das Recht auf sexuelle Selbstbestimmung wirklich nur eine Episode?

Um Frage der Überschrift dieses Beitrags zurückzukommen, was übrig blieb vom Feminismus, so könnte es bald vielleicht nicht viel mehr sein, als eben die Bundeskanzlerin und die Verteidigungsministerin. Wir werden höchstwahrscheinlich nicht so enden, wie in Michel Houellebecqs “Unterwerfung”, aber wir sind aus vielerlei Gründen ähnlich mit ideologischer Blindheit geschlagen, wie es von ihm beschrieben wird.



Dienstag, 20. Dezember 2016
Das Bonmot zur Mitternacht
Die entscheidende Frage für den Menschen ist: Bist du auf das Unendliche bezogen oder nicht?
Carl Gustav Jung (1875 - 1961)



Mittwoch, 26. Oktober 2016
Sieht so Integrationsarbeit aus? Wie passen diese beiden Aussagen zusammen?
Die NSU Massentötungen dieser Menschen zeigt, wie tief der Rassismus in Deutschland, in die Institutionen, in die staatlichen Behörden nach wie vor Bestand hat. Entnazifizierung hat in Deutschland nie stattgefunden. Die Feindseligkeit gegen Türken und Islam ist so tief in dieser Gesellschaft verankert, NSU zeigt, ganz offen die staatliche Haltung, der diesen Hass maßgeblich schürt. Ausreden über Ausreden, die Ausreden sind viel schlimmer, als die Taten selbst, obwohl diese Morde für sich selbst ein SKANDAL ist.

"Diese Schlampe mit dem Namen Deutschland hat uns den Krieg erklärt – und wir schweigen immer noch…Erhofft sich die Türkei etwas von dieser Köterrasse?...Ihr nennt uns Verbrecher und wir sollen dazu schweigen. Ab jetzt könnt Ihr was erleben, Ihr Köterrasse.

Woher stammen diese beiden Aussagen? Die erste Aussage stammt aus einem Gästebucheintrag zur Sendung über rechte Gewalt in „hart aber fair“ vom 04.04.16 und die zweite Aussage stammt aus einem kürzlich geposteten Facebook Eintrag und bezieht sich auf die Resolution des Deutschen Bundestages zum Völkermord an den Armeniern 1915/1916. Die zweite Aussage wird dabei noch ergänzt mit einer Äußerung über die Integrationsbeauftragte Aydan Özoguz: „Eine Lügnerin ohne Scham, die bereit ist, alles, aber auch alles für Armenien zu geben. Wir wollen diese Verräter nicht, wir hassen sie. Das Vaterland ist uns heilig, diese Verräter gehören nicht zu uns.“

Das eigentliche Erschreckende an den beiden Aussagen ist der Umstand, dass sie von ein und demselben Autor stammen, bei dem es sich um Malik Karabulut handelt. Mir wäre es die Zeit nicht wert, hierüber hier zu schreiben, wenn Karabulut irgendeine Privatperson wäre, die im Internet hetzt, denn derer gibt es viele. Aber bei Malik Karabulut handelt es sich um einen Funktionär des Türkischen Elternbundes in Hamburg, der außerdem auch Integrationspartner der Stadt ist und in dieser Funktion die Aufgabe hat, Gespräche über die Integration türkischer Kinder zu führen.

Ich teile die von ihm vertretene Entrüstung über die feigen Morde der NSU und sehe die Entnazifizierung nach dem Krieg auch sehr kritisch. Ich bin auch der Meinung, dass die vielen Fehler bei den Ermittlungen gegen die NSU nicht zu rechtfertigen sind.

Was mich jedoch zutiefst schockiert, ist die Tatsache, dass derselbe Mann, der von einer „den Hass schürenden Haltung von Seiten des Staates gegenüber Türken und Islam“ schreibt, es als eine Kriegserklärung Deutschlands einstuft, dass der Völkermord an den Armeniern auch als solcher benannt wird. Und derselbe Mann entblödet sich nicht, eine Integrationsbeauftragte als Lügnerin und Verräterin zu beleidigen, nur weil sie nicht bereit ist, den nachweisbaren Genozid an den Armeniern als Verschwörungstheorie abzutun.

Es gibt auch heute noch Menschen in Deutschland und anderswo, die den Holocaust als Lüge darstellen, welche nur dem Zweck der Verleumdung der Deutschen dienen würde. Glücklicherweise gibt es aber genug Menschen, die hierauf sofort reagieren und diese Darstellung als das bekämpfen, was sie ist: eine Diffamierung der Opfer. Die Aussagen, die den Völkermord an den Armeniern als Lüge bezeichnen, fallen in die gleiche menschenverachtende Kategorie wie die Holocaustleugnung – allerdings mit dem Unterschied, dass der Protest gegen die Abstreitung des Völkermordes an den Armeniern wesentlich leiser ausfällt und im Übrigen diese Ansicht sogar von höchster Stelle des türkischen Staates vertreten wird und nicht nur von einigen Wenigen.

Es erfüllt mich mit tiefem Entsetzen, dass jemand, der in einer so verächtlichen und primitiven Weise über geschichtliche Fakten redet, allen Ernstes als „Integrationspartner“ fungiert. Aber weitaus mehr bestürzt mich, welche tiefsitzende Menschenverachtung hinter den von Karabulut vertretenen Ansichten steckt, denn ganz offensichtlich schert es ihn einen feuchten Dreck, ob Menschen ermordet werden, solange es sich dabei um Menschen handelt, die nicht seiner Nationalität oder Religion angehören. Da wird dann plötzlich nicht von Rassismus gesprochen, sondern von Lügen und Verrat. Und es ist diese Einteilung in schützenwertes und in unwertes Leben, die man nur mit allergrößter Sorge betrachten kann. Nimmt man dann noch den unseligen Hass auf Meinungsfreiheit, die Bedrohung Andersdenkender, sowie den hartnäckigen Versuch, ausnahmslos jede kritische Betrachtung in die Nähe von Pegida und AFN zu rücken hinzu, dann kann einem angst und bange werden.

Ich möchte abschließend noch erwähnen, dass es sich bei Malik Karabulut nicht um einen Menschen ohne Bildung und ohne Qualifikation handelt – Karabulut ist Diplom-Betriebswirt.