Montag, 19. Januar 2026
Der lange verschobene Besuch – Auschwitz
Vor einem Vierteljahr habe ich endlich etwas in Angriff genommen, das ich mir schon lange vorgenommen aber immer wieder verschoben hatte – Auschwitz zu besuchen. Nachdem mein Lebensgefährte und ich Breslau und Krakau besucht hatten, nahmen wir uns ein Zimmer direkt in Oświeçim (Auschwitz). Allerdings hatten wir keine vorherige Reservierung vorgenommen, so dass wir an dem geplanten Tag morgens um 6.00 Uhr vor der Gedenkstätte erscheinen und abwarten mussten, ob noch Plätze frei sind. Die Nacht davor haben wir beide sehr schlecht geschlafen – der anstehende Tag verursachte Anspannung und Albträume. Als wir morgens in klirrender Kälte ankamen, erwartete uns dort schon eine riesige Warteschlange von über 100 Metern. Wir beide hatten sofort die Assoziation, dass das Ausharren in der Kälte für die Häftlinge zur Normalität des Lageralltags gehörte – allerdings ohne warme Winterkleidung und ohne etwas gegessen zu haben.

Es dauerte dann noch einige Stunden, bis wir einer deutschsprachigen Tour zugeordnet wurden. Unsere Tourleiterin Jagwiga entpuppte sich als Glücksfall – ihr schien ihre Aufgabe wirklich am Herzen zu liegen und zu keiner Zeit hatte man das Gefühl, sie würde nur ein Pflichtprogramm absolvieren. Bei Beginn des Beschreitens des Zugangsweg zum Lager erschallten durch Lautsprecher die Namen der ermordeten Häftlinge. In einigen Lagerbaracken befanden sich an den Flurwänden unzählige Häftlingsfotos auf denen Name und oftmals auch das Alter aufgeführt wurde, das meist zwischen etwa 18 und 40 Jahren lag. Wenn ein Todesdatum angegeben war, dann oftt im Jahr 1943. Durch diese vielen leidgeprägten Gesichter empfand ich die Lagerräume nicht mehr nur als anonyme Räume, sondern die Anwesenheit der Ermordeten war auf unheimliche Weise spürbar.

Nachdem wir die Barracken mit den Wohnräumen besichtigt hatten, folgte die Baracke, in der die Habseligkeiten der Häftlinge aufbewahrt wurden: Berge von Koffern, Schuhen, Brillen, Haushaltsgegenständen, Prothesen und Haaren. Es erfüllt mit Schmerz, dass hinter jedem Koffer, jeder Brille, jedem Paar Schuhe eine Leidensgeschichte steckt. Mir fiel Erich Kästner ein, der sein Unverständnis darüber äußerte, dass es selbst angesichts dieser Berge von Beweisen einer gezielten Vernichtung und Entmenschlichung immer noch Menschen gab und gibt, die Auschwitz für eine Lüge halten.

Während man im Stammlager das Leben der Häftlinge vor Augen hat, gibt es im Lager Birkenau nur noch eine Präsenz: Auslöschung menschlichen Lebens. Ich weiß nicht, wie es anderen Besuchern des Lagers geht, aber als ich mit unserer Gruppe zu der Rampe kam, an der die Häftlinge selektiert wurden und als wir danach auf dem gleichen Weg gingen, auf den die zur Ermordung selektieren Menschen zu den Gaskammern geschickt wurden, erlebte ich so etwas wie eine Schockstarre. Es war für mich nicht mehr erträglich, mir die vielen Menschen – Frauen, Männer, Alte, Jugendliche; Kinder, – vorzustellen, deren Leben man innerhalb von wenigen Minuten auslöschte.

Unsere Leiterin Jagwiga erzählte, dass nicht das Töten die eigentliche Herausforderung für die Vernichtungsmaschinerie darstellte, sondern die Tausende von Leichnamen. Auch wenn die Krematorien ununterbrochen brannten gab es Berge von Leichnamen, da die Verbrennung der Geschwindigkeit des Mordens nicht nachkam. Das Territorium rund um die Krematorien war ein einziges Aschefeld und ist es noch immer. Aber während man auf einem Friedhof das Gefühl von Ruhe und Frieden hat – zumindest ist es bei mir der Fall – ist Birkenau ein Ort, an dem es niemals Frieden und auch kein Zur-Ruhe-kommen geben kann. Eine Wunde, die niemals verheilen kann.

Wenn ich Auschwitz in einem Begriff zusammenfassen sollte, so ist es für mich der des menschlichen Abgrunds. Auschwitz ist nicht fassbar und kann auch niemals aufgearbeitet werden. Auschwitz hat offenbart, dass Menschen sich lediglich in technischer Hinsicht weiterentwickelt haben, aber menschlich auf der Stufe von Raubtieren geblieben sind. Auschwitz war möglich trotz Literaturwissen, Philosophiestudium, Konzertbesuchen, Poesie und letztendlich auch trotz der von der Kanzel gepredigten Nächstenliebe und des Gebots „du sollst nicht töten“.



Freitag, 21. Februar 2025
Keine Wahl...
Schon seit einigen Jahren habe ich mich entschlossen, nicht mehr zu wählen. In meinem Bekannten-, Freundes- und Kollegenkreis gibt es eigentlich niemanden, bei dem dies keine Entrüsung auslöst. Und irgendwie kann ich das sogar gut verstehen. Aber trotzdem hat mich bisher noch niemand überzeugt.

Man geht zur Wahl um eine Partei zu wählen, von der man sich vertreten fühlt und - noch wichtiger - hinter deren Wahlprogramm auch Taten stehen. Und so sehr ich auch recherchiere, ich finde partout keine Partei mehr, bei der dies der Fall ist.

Wenn ich dieses Argument anführe, dann kommt sofort das Gegenargument, dass ich damit den Rechtsruck unterstütze und ich könnte doch wenigstens eine Kleinpartei, wie z.B. die Tierschützer wählen. Das mag in der Berechnung der prozentuallen Stimmverteilung Spuren hinterlassen, aber auf die konkrete Sitzverteilung haben die an der Fünf-Prozent-Hürde scheiternden Parteilen keinen Einfluss.

Gegen den Rechtsruck würde ich liebend gern etwas tun. Deswegen ging ich im vergangenen Jahr auch auf die Gegenkundgebung von MuslimInteraktiv und auf eine Kundgebung zum Gedenken an den Holocaust. Bei ersterer Veranstaltung waren keine 50 Teilnehmer und bei der zweiten waren vielleicht 250 Teilnehmer anwesend. Ich finde kaum die Worte dafür, wie unerträglich dieses Desinteresse für mich ist.

Der Rechtsruck wird in unserer Gesellschaft ganz allein durch das Erstarken der AFD definiert. Die AFD wird sozusagen zum Monopol des rechten Gedankeguts erklärt. Rechte Tendenzen außerhalb der AFD, wie beispielsweise besorgniserregende Zunahme von Gewalt gegen Juden, offenes Propagieren eines Rechtsverständnisses, das strikte Geschlechtertrennung und Bestrafung von Homo- und Transsexualität fordert, werden erstaunlicherweise nicht als rechts eingestuft. Besonders schockierend ist es für mich, dass es niemanden interessiert, dass hier in Deutschland Menschen wieder wegen ihrer liberalen oder säkularen Einstellung mit dem Tod bedroht werden. Menschen wie Seyran Ates und Hamed Abdel-Samad, die schon seit vielen Jahren auf 24-Stunden-Polizeischutz angewiesen sind, interessieren niemanden. Und es gibt auch noch viele andere, die zumindes zeitweilig bedroht werden, wie zum Beispiel der aus dem Libanon stammende Islamwissenschaftlicher Ralph Gadhban, der Psychologe arabisch-palästinensicher Herkunft Ahmad Mansour oder die in der Türkei geborene Soziologin Necla Kelek.

Ich hätte als Jugendliche niemals gedacht, dass der Antisemisitmus in Deutschland irgendwann mal wieder so ein schreckliches Ausmaß annehmen wird. Noch weniger hätte ich gedacht, dass man auch selbst in Gefahr kommen kann, wenn man nur einen "Gegen jeden Antisemitismus"-Aufkleber trägt. In den 70er Jahren schrieb die jüdische Deutsche Lea Fleischmann ein Buch mit dem Titel "Dies ist nicht mehr mein Land" und verließ die Bundesrepublik. Dieser Titel kommt mir jetzt oft in den Sinn: dies ist einfach nicht mehr das Land, in dem ich mich wohlfühle. Ich habe mich auf irgendeine Weise innerlich verabschiedet. Und deswegen passt es auch nicht, wenn ich wählen würde.



Donnerstag, 20. Juni 2024
Der muslimische Höcke
Im Mai nahm ich einer Gegendemonstration zur Kundgebung von „Muslim Interaktiv“ in Hamburg teil. Wobei die Bezeichnung Gegendemonstration ein bisschen zu hochgegriffen ist für eine Gruppe von weniger als 50 Menschen. Der Veranstalter Joe Adade Boateng hatte an die zweitausend Muslime um sich versammelt. Obwohl die Kundgebung erlaubt wurde, trugen die Teilnehmer demonstrativ weiße Schilder, auf denen „Verboten“ oder „Zensiert“ stand.

Der Focus der Rede Boatengs lag darin, dass Muslime in Deutschland ihren Glauben nicht frei leben könnten. Dabei wetterte er auch gegen die Assimilierung, die seiner Ansicht nach den „wahren Glauben“ zerstören würde. Höchst interessant dabei war, dass Boateng trotz des unverkennbaren Antisemitismus von Muslim Interaktiv als Beispiel für die seiner Ansicht nach verheerenden Folgen der Assimilation ausgerechnet die Geschichte der deutschen Juden nannte. Diese hätten ihren Glauben und ihre Religion durch die Anpassung an ihr Leben in Deutschland vollständig verloren.

Ebenfalls sehr interessant war, dass Boateng den Wunsch formulierte, in „Deutschland müsse es endlich möglich sein, dass Christen, Juden und Muslime wieder ein Leben gemäß ihrem Glauben und ihrer Religion leben dürfen“. Was mir dabei zuerst auffiel, war das Fehlen der anderen Relgionsangehörigen wie Buddhisten, Hinduisten, Sikhs etc. Aber wer sich mit dem Islam beschäftigt (was leider nur wenige tun), weiß, dass diese Religionen vom Islam zutiefst als „Götzenanbetung“ verachtet werden – also kein Wunder, dass in Boatengs Weltbild folglich die Freiheit des Glaubens für diese Gläubigen nicht besteht – genauso wenig übrigens wie für die vielen Atheisten oder Nichtgläubigen. Und an diesem Punkt kann man die Ähnlichkeit zu Björn Höckes Weltbild nicht mehr übersehen: Was für Höcke das „wahre“ Deutschland ist, ist für Boateng die „wahre“ Religion. Beides gleich verheerend, allerdings mit dem Unterschied, dass die gesamte Linke und viele Demokraten sich eindeutig gegen Höcke positionieren, während die Demonstration gegen Boateng weniger als 50 Menschen betrug, wobei die Linke durch vollständige Abwesenheit glänzte.

Da Boateng ausdrücklich auch die Christen erwähnte und ich Christin bin, stellt sich mir natürlich die Frage, ob ich hier in Deutschland tatsächlich meinen Glauben nicht frei leben kann. Sicher, es gibt hier viel Kritik am Christentum und nicht Wenige würden die Kirche gern ganz abschaffen. Außerdem passiert es immer wieder, dass man spöttischen Bemerkungen oder Vorwürfen ausgesetzt ist. Hinzu kommt (das ist meine persönliche Sichtweise), dass der herrschende Neoliberalismus, in dem es vorrangig um Wachstum und Profit geht, mit christlichen Werten kaum noch vereinbar ist. Aber ist das wirklich gleichbedeutend damit, seinen Glauben nicht leben zu dürfen? Boateng ist dieser Meinung – ich nicht.

Am Sonntag nach der Kundgebung nahm ich an einem Taizé Gottesdienst teil. Und das hat mir den Unterschied zwischen fundamentalistischem Islam und Christentum deutlich vor Augen geführt: während die Kundgebung ausschließlich aus jungen kraftstrotzenden Männern (Frauen durften nicht teilnehmen!) bestand, die bei bestimmten Aufrufen Boatengs in arabischer Sprache einheitlich mit enormer Lautstärke brüllten, bestanden der Taizé Gottesdienst aus überwiegend älteren Frauen, von denen man kein Gebrüll vernahm, sondern stattdessen sanfte Gesänge.

Erstmalig in Deutschland haben wir die Situation, dass die Zahl derjenigen, die keiner Kirche angehören, höher ist als die der Kirchenmitglieder. Im Moment stellt das Christentum weltweit noch zahlenmäßig die Mehrheit dar, im Jahr 2040 wird dies der Islam sein. Boateng scheint offensichtlich in einem Punkt Recht zu haben: in der westlichen Welt spielt Religion eine immer geringere Rolle. Ich habe dazu hier schon früher zu einer interessanten These von Murat Wilfried Hofmann etwas geschrieben.

Es bleibt die philosophische Frage, ob diejenigen, für die Glaube ein wichtiger und existentieller Teil ihres Lebens ist, die Abkehr der Religion als eine gesellschaftliche Entwicklung akzeptieren müssen oder ob es ein Recht gibt, dieser Entwicklung – so wie Boateng es will – den Kampf zu erklären.