Die liebenden Mutterherzen schlagen wieder zu
Menschen…die unglücklich sind, wenn andere Leute sie anschreien oder unfreundlich zu ihnen sind, die selbst aber andere ebenso anschreien und es nicht einmal bemerken, kleine verlassene Kinder, deren Eltern auf Transport sind, aber die Mütter anderer Kinder kümmern sich nicht um sie: Sie haben Kummer um die eigene Brut, die Durchfall hat und vielerlei Krankheiten und Wehwehchen.
Etty Hillesum in einem Brief aus dem KZ Westerbork

Nach rund zehn Jahren hat man jetzt den Mörder des kleinen Denis gefasst, der die ganze Zeit unbescholten ein paar Straßen ganz in der Nähe meiner Wohnung gewohnt hat. Und jetzt ist wieder Saison für die liebenden Mutterzherzen: „Wenn man selbst Kinder hat, kann man nachempfinden, was die Mutter empfindet“. Ach so, ja. Nur wenn man selbst Kinder hat, ansonsten natürlich nicht. Nur wenn man selbst Krebs hat, kann man nachempfinden, wie es einem Krebskranken geht, nur wenn man selbst missbraucht wurde, kann man empfinden, wie es Missbrauchsopfern geht und nur wenn man selbst Jude ist, kann man die Tragödie Auschwitz’ nachempfinden. Das ist die Logik derer, denen alles, aber auch wirklich alles am Arsch vorbei geht, was sie nicht unmittelbar selbst betrifft.

Aber das ist nur die eine Seite der liebenden Mutterherzen. Die andere ist natürlich das unvermeidliche „Rübe ab, weg mit dem Monster“. Die macht zwar weder die ermordeten Kinder wieder lebendig noch macht es das Leid der vielen Missbrauchsopfer ungeschehen, noch verhindert es zukünftige Verbrechen. Aber das ist im Grunde schnurz. Wichtig ist nur, dass die liebenden Mutterherzen Dampf ablassen.

Wie verhindert man, dass aus einem unschuldigen Kind später ein skrupelloser Pädophiler wird? Was muss – JETZT UND SOFORT – getan werden, damit gefährliche Entwicklungen gar nicht erst entstehen? Vielleicht ist es genau das, wozu diese Gesellschaft – allen voran die liebenden Mutterherzen – keine Lust hat: Verantwortungsbewusstsein für alle Kinder zu zeigen, nicht nur für die eigenen. Den Mund aufzumachen, wenn man mitbekommt, dass in der Nachbarschaft Kinder vernachlässigt oder misshandelt werden. Einzugreifen, wenn Kinder – nicht nur die eigenen – in Not sind. Ist das wirklich zuviel verlangt?

Ich empfinde die eingangs zitierten Worte Etty Hillesums als eine sehr zutreffende Charakterisierung der sogenannten Mutterliebe. Etty Hillesum hatte übrigens keine eigenen Kinder. Damit wird ihr sicherlich von den liebenden Mutterherzen die Kompetenz abgesprochen, sich zu äußern. Mir fällt dabei sofort meine frühere Mitarbeiterin ein, die empört kreischen würde, dass ein Mensch ohne Kinder nichts beurteilen kann, was mit Kindern zu tun hat. Mir fällt auch der frühere Geschäftsführer ein, der sich einen Dreck um die Ausbildung seines Lehrlings gekümmert hat, aber einen Riesenaufstand veranstaltete, als seine schulschwache Tochter nicht versetzt werden sollte und seinem verwöhnten Sonnenschein dann letztendlich die Privilegien einer Waldorfschule zukommen ließ.

Solange eine Gesellschaft wegsieht, wenn Kindern Unrecht angetan wird, solange wird sie auch mit Gewaltverbrechen leben müssen. Solange einer Gesellschaft Kinder völlig gleichgültig sind – es sei denn es sind die eigenen – solange macht sie sich auch der Mittäterschaft schuldig.




Es ist wie so oft: Wirklich hinzusehen macht Mühe. Über ein "Ogottogott, die armen Eltern!" kommt das "liebende Mutterherz", von dem Du sprichst, doch nicht hinaus. Zum Mitgefühl mit dem eigentlichen Opfer, dem Kind, ist man schon gar nicht mehr fähig. Besagte Personen können sich vielleicht ausmalen, wie es wäre, die eigenen Kinder zu verlieren, aber viel mehr ist da auch nicht drin. Und außer dieser Kombination aus Volkszorn, ichbezogenem Entsetzen und abgespulter "Trauer" folgt dann auch nichts mehr, insbesondere dann, wenn die Fernseh- und Zeitungsberichte weniger werden.

Ich finde es ein interessantes, wenn auch fürchterliches Phänomen, dass es bei solchen "Stories" wie dem Fall von Dennis so erstaunlich schnell um den Täter geht. Da werden dann die Mistgabeln geschwungen, man regt sich über die Angepasstheit, Nettheit, Unauffälligkeit des Täters auf und über seine pädophilen Neigungen. Über jedes neue Detail, das an die Öffentlichkeit dringt, wird sich moralinsauer ereifert. Wer spricht in diesem Fall über das Opfer? Da hört es auf. Niemand will wirklich sehen, was vor sich geht. Denn das würde wirkliches Mitgefühl erfordern, und das bedeutet eben, dass Angst, Hilf- und Machtlosigkeit mit-gefühlt werden. Aber wer will das schon? Wer sich ereifert und erhebt, erlebt die eigene Macht und Stärke, die im Zorn liegt, und das ist wesentlich polulärer, als sich mit der Schattenseite dieser Geschehnisse wirklich auseianderzusetzen.

Außerdem ist die Familie in diesem Land geradezu immer und überall unbedingter Privatraum. Den Kindern von nebenan kann es noch so schlecht gehen, man interessiert sich lieber nicht, weil es ja "Sache der Eltern" ist, sich mit solchen Problemen zu befassen. Und wer so ignorant ist, übersieht eben auch ganz schnell das Leid der Kinder. Ähnlich ignorant geht es doch zu, wenn es z.B. um Mobbing in der Schule geht ("Das ist deren Problem, mein Kind macht sowas nicht!"), oder auch um seelische Grausamkeiten, die man im Alltag immer wieder beobachtet. Wenn Erwachsene mit Erwachsenen täten, was mancher Mensch Kindern antut, dann käme es schnell zu Streit, Parteinahme, Klage. Wenn es um Kinder geht, dann geht es augenscheinlich manches Mal um Menschen zweiter Klasse, die es nicht wert sind, dass man sich um sie kümmert. Und ich finde, diese Tatsache steht in einem auffälligen Kontrast zu dem derzeit in Deutschland herrschenden Kinder-Hype, an dem sich Staat und Regierung, Muttis und Vatis ebenso wie Werbung und Marketing beteiligen. So lange es um süße, fröhliche Kids geht (und auch darum, ihnen alles mögliche zu erlauben), steht man in vorderster Reihe. Geht es um Leid, Angst und Gewalt in allen möglichen Formen und ist das Kinderleben nicht mehr so süß, dann wird weggeschaut.

Ich erinnere mich an meine eigenen Probleme damit, meine Bedenken zu äußern, was das Befinden meiner ältesten Nichte angeht, und möchte mich daher aus dem Kreis der Wegseher nicht kategorisch ausschließen. Auch ich empfinde es als schwierig, meine Gedanken dazu meiner Schwägerin mitzuteilen, weil ich fürchte, es wird als Eindringen in ihre Privatangelegenheiten aufgefasst. Bislang bin ich feige geblieben, obwohl es offensichtlich ist, dass mit meiner Nichte etwas nicht stimmt und sie unter den Verhältnissen leidet. So sehr, dass sie sich inzwischen durchaus auffällig verhält, was bei Kindern ja nie grundlos geschieht. Hier hindert mich auch (ohne dass ich das als Ausrede benutzen will), was Du am Anfang erwähntest: Wer keine eigenen Kinder hat, wird oft als unqualifiziert betrachtet, sich zu solchen Dingen zu äußern. Dabei ist die größte Qualifikation, die man meines Erachtens haben kann, diejenige, dass man selbst einmal Kind war und daher nachfühlen kann, was ein Kind erlebt und wie es sich fühlen muss. Alles andere erledigt dann der gesunde Menschenverstand, vorausgesetzt natürlich, man scheut die Auseinandersetzung mit den eigenen Gefühlen nicht, und man erliegt nicht der Versuchung, eigene Erlebnisse auf andere zu projizieren.

Ich will keine Schuldzuweisungen machen, aber eines darf man auch nicht vergessen: Pädophile und andere Missbrauchstäter (denn nicht alle Missbraucher sind ausdrücklich pädophil!) suchen sich Kinder aus, die sich als Opfer eignen. Das rückt besonders die Kinder in die Gefahrenzone, die ohnehin schon wenig selbstbewusst wirken, beeinflussbar, schüchtern, verschämt sind und nicht für ihre eigenen Grenzen eintreten können. Aber so wird ein Kind nicht von selbst. Die Eltern tragen also immer auch mit ihrer Erziehung etwas mit dazu bei, ob ein Kind leicht Opfer wird. Prävention fängt also meiner Meinung nach schon damit an, die kindliche Persönlichkeit zu stärken und einem Kind die Grunderfahrung zu vermitteln, dass es das Recht auf die Einhaltung seiner Grenzen hat und darauf, ernst genommen zu werden. Das halte ich für tausendmal effektiver als jedes Geschrei nach Todesstrafe oder Zwangskastration. Aber ich fürchte, viele Eltern haben da leider eklatante Defizite in ihrer Erziehungskompetenz. Wage ich zu behaupten. Als Kinderlose.

Was können wir tun?
Erich Kästner hat mal geschrieben, dass er nicht verstehe, wieso man die NS-Verbrecher so schnell wie möglich hinrichten oder wegsperren wollte, ohne darüber zu forschen, welche Entwicklung dazu geführt hat, dass jemand zum menschenverachtendem Monster wird. Erich Kästner war, obwohl er nicht emigrierte, im Dritten Reich selbst Repressionen und Schikanen ausgesetzt. Trotzdem hatte er die Größe, nach dem „Warum“ zu fragen.

Diese Frage nach dem „Warum“ fehlt heute. „Rübe ab“ und „Schwanz ab“ ist alles, was an Reaktionen auf Gewalt gegen Kinder erfolgt. Uns somit erfolgt auch keine Prophylaxe – und gerade die sollte doch den liebenden Eltern wichtig sein, denn nur die stellt einen wirklichen Schutz für Kinder dar.

Mein Freund arbeitet ja in einer Jugend-WG. Und manchmal, wenn es darum geht, einen Jugendlichen rauszuschmeißen, sagt er, dass dieser Jugendliche vielleicht mal einer derjenigen wird, die in der SB-Bahn oder sonstwo Menschen grundlos halbtot schlagen. Manchmal ist es unvermeidbar, jemanden rauszuschmeißen, weil sonst die übrigen Jugendlichen Schaden nehmen. Und doch ist es genau dass, was vielleicht verheerende Folgen haben wird. In einer Familie – wie sie allerdings wahrscheinlich nur in Ausnahmefällen funktioniert! – wird ein Kind auch dann aufgefangen, wenn dieses Kind schwierig ist. Für unsere Zeit prägend ist das Auflösen von Bindungen, wenn es schwierig wird. Der Jugendliche, der in schwierigen Phasen seiner Entwicklung keinen Halt erfährt, richtet sich gegen andere oder sich selbst.

Ich bin weit davon entfernt, eine Lösung für dieses Problem zu haben. Aber dennoch sollte man dies Problem zumindest einmal laut aussprechen dürfen. Alle pädagogischen Hilfen, die ein in seiner Entwicklung gefährdetes Kind und Jugendlicher erfährt, sind zeitlich begrenzt und durch einen ständigen personellen Wechsel gekennzeichnet. Die für die kindliche Entwicklung so wichtige Kontinuität gibt es nicht. Meiner Meinung nach ist es das, was der Grund des Dilemmas ist. In unserer Gesellschaft werden pädagogische Hilfen angeboten – und oftmals nicht zu knapp! – aber dies kann nur in Ausnahmefällen tatsächlich die Entwicklung positiv beeinflussen.

Ich habe immer noch ein furchtbar schlechtes Gewissen, wenn ich an meine frühere Arbeit mit minderjährigen Drogenabhängigen denke. Ich war eine sogenannte „Bezugsperson“ für eines der Mädchen. Als ich die Arbeit beendete und darüber hinaus auch noch für einige Zeit nach Frankreich ging, hat das Mädchen geschrien und geweint. Ich konnte das, was sie so dringend benötigte, nämlich eine stabile verlässliche Bindung nicht im Geringsten erfüllen. Noch jetzt, während ich dies schreibe, wird mir ganz schlecht… Ich weiß nicht einmal, ob das Mädchen (jetzt natürlich eine erwachsene Frau) überhaupt noch lebt.

@Sturmfrau, weist Du eine Lösung? Wie können wir denen, die uns so dringend brauchen, tatsächlich eine Hilfe sein? Vielleicht sollte man so wie in den SOS-Kinderdörfern arbeiten, in denen die Mitarbeiter zwischen Privatem und Beruf nicht mehr trennen und die Kinder einen verlässlichen und beschützten Ruhepol haben, an dem sie geborgen aufwachsen. Aber auch dort wird es schwierig, wenn Kinder erst dann aufgenommen werden, wenn sie schon schwere Entwicklungsstörungen haben. Man müsste also Kinder früher aus der Familie nehmen. Aber ist das nicht ein zu gravierender Eingriff? Fragen über Fragen….

Wenn ich da eine Lösung wüsste, dann wäre die Welt sicher eine bessere.

Ein Kind aus der Familie herauszunehmen ist ein drastischer Schritt, und das ist wohl nur dann effektiv, wenn man dem Kind/Jugendlichen hinterher einen besseren, würdigeren Bezugsrahmen bieten kann. Gerechtfertigt wäre das Herausnehmen sicher öfter, als es tatsächlich geschieht. Was hinterher dann folgt, ist aber offen, und da gibt es sicher Handlungsbedarf noch und nöcher seitens der Regierung.

Ich will Dir sagen, was ich täte, wären meine Macht und Mittel unbegrenzt und meine Meinung ausschlaggebend: Ich würde sämtlichen Menschen, die planen, Eltern zu werden, vorweg eine Psychotherapie verordnen. Da das aber reichlich rigoros wäre und mit Zwang auch nicht durchzusetzen (und es überdies nicht genug fähige Therapeuten gibt), halte ich eine eingehende Beratung der Eltern, vielleicht gar einen Eltern-Führerschein für sinnvoll. Man muss heute für alles mögliche seine Eignung beweisen, aber als Eltern nicht. Kinder kriegen darf jeder. Und da man's nicht verbieten darf (und auch nicht will nach den Erfahrungen des Dritten Reiches), muss man einen anderen Weg gehen. Eltern müssen meiner Meinung nach einen Grundstock an Wissen haben über Entwicklungspsychologie und kindliche Bedürfnisse, gewaltfreie Erziehung und psychische Grundmechanismen (wie z.B. die Projektion, den Wiederholungszwang etc.). Es nützt nichts, wenn Papi mit den besten Absichten sagt: "Aber immerhin schlage ich mein Kind nicht, ich selbst habe früher einstecken müssen ohne Ende!" Wenn er sich im nächsten Atemzug hinstellt und sein Söhnchen beschimpft und herabwürdigt oder eiskalt und verschlossen bleibt, weil er sich vor Emotion fürchtet, dann braucht er jemanden, der ihm sein Verhalten und dessen Auswirkungen verdeutlicht.

Es wäre angebracht, in dieser Hinsicht von fähigen Pädagogen und Psychologen ein fundiertes Programm ausarbeiten zu lassen, das den werdenden, besser noch den werdend wollenden Eltern offen angeboten wird. Dazu reicht meiner Meinung nach nicht, was heute in den Kliniken als "Elternschule" angeboten wird. Damit können die Väter dann zwar ihre Kinder wickeln, aber das war's auch. Wie Du in Deinem Beitrag im anderen Blog anschneidest: Das Private muss in diesem Fall wieder politisch werden. Kinder, die leiden, sind nicht die Privatangelegenheit ihrer Eltern. Das heißt dann auch, dass Ärzte und Sozialarbeiter verpflichtet werden müssen, sich unter ethischem Primat einzumischen, wo immer es geht. Ich schätze, es ist aber ein Erbe unserer Vergangenheit, dass die Menschen ihre Kinder nicht wieder "verstaatlicht" sehen wollen und man heute die Türen lieber vor der Problemen schließt. Ausbaden darf es dann aber doch die Gesellschaft und der Staat.

Es nützt wenig, das Kind in den Brunnen fallen zu lassen und anschließend wilde Reanimationsbemühungen zu starten. Ich denke, es ist wichtig, Eltern zu befähigen, Eltern zu sein. Sich da auf Maßgaben zu einigen, wird natürlich auch wieder schwierig, weil es Idioten wie die vielbeschworenen Tigermütter, Frühförderer und Disziplin-Prediger gibt, die lieber strammstehende Erfolgs-Soldaten hätten als eigenständige, lebendige und starke Individuen.

Du siehst, ich bin mit meinem Latein zwar nicht am Ende, aber an der Umsetzbarkeit dieser Gedanken hapert es dann doch.

Lösungen...
....gibt es keine richtigen, das spüren wir alle und das frustriert. Es ist wie mit Erdbebenopfern, egal ob Iran oder Japan, wie mit armen Kindern aus Äthiopien: die Welt ist zu groß und der Hilfebedürftigen gibt es zu viele.

Also müssen wir vor der Haustür anfangen. Sprichwörtlich! Und es wäre schön, wenn es jeder realisieren würde. Schwierig ist es allemal. Und die Zeit läuft davon und es gibt zu viele Alternativen und Wahlmöglichkeiten und andere Schwierigkeiten.

Also der Jugendgruppe, die im Dunkeln in irgendeiner Ecke die Bierflaschen hin und her schieben eine Perspektive geben, ganz ohne Jugendamt, sie in die Gesellschaft integrieren, ihnen eine Aufgabe geben, die sie leisten wollen.
Dem kleinen schüchternen Jungen im Nachbarhaus, dessen Mutter den ganzen Tag vor dem Fernseher sitzt (auch das ist Gewalt), ein Eis spendieren, mit ihm reden, ihm zeigen, dass Erwachsene auch anders sind.
Im Sportverein, bei der Freiwilligen Feuerwehr für Kontinuität sorgen...

Es gibt viele Ansätze - wie schon gesagt, im heutigen hektischen und vollgepfropften Alltag nicht einfach zu realisieren. Schließlich braucht mal ja seine eigenen Freiräume und hat genug zu tun. Auch möchte man ungern - gerade als Frau - Opfer von Gewaltattaken werden.

Aber ich denke wir müssen ab davon, immer nach dem Staat zu rufen, immer die anderen machen zu lassen: "das ist doch DEREN Job."
Nein, das ist unser Job, es ist unsere Verantwortung in der Gesellschaft und wir müssen damit anfangen und ein Beispiel geben. Ich bin sicher, es kann Früchte tragen. Im Kleinen, im Verborgenen, aber im Herzen. Jeder wertschätzende Kontakt, der anders ist als das, was diese Kinder und Jugendliche sonst erleben, ist eine Chance, deren Weltbild zu ändern. Deren Welt doch zunehmend aus RTL, WoW und Alkohol besteht.

Und das kann jeder leisten, dazu braucht es keinen Sozpäd oder Psychologen, nicht mal eigene Kinder brauchst du. Nur das Herz - und Kontinuität.

Aber vielleicht bin ich zu naiv?

Im Großen und Ganzen stimme ich Dir zu. Man muss irgendwo anfangen. Ich für meinen Teil bin zum Beispiel gern Tante und habe erst heute wieder erleben dürfen, wie wunderbar das ist, auch für's Kind. Meine Schwester staunte, dass die Kleine, die mich ihr halbes Leben nicht mehr gesehen hatte, voller Vertrauen meine Hand ergriff und mit mir allein durch den Zoo pilgerte. Es geht mir mit allen meinen Nichten und Neffen so. Und es ist schön, als Tante anders sein zu dürfen als die Eltern es sind, ohne dass einen das in einen tieferen Konflikt stürzt. Obwohl es das natürlich manchmal doch tut.

Dennoch ist es damit allein nicht getan. Natürlich kann und soll man versuchen, durch das eigene Beispiel und Engagement im Miteinanderleben für andere Menschen da zu sein. Das allein wird aber unseren Problemen bei weitem nicht gerecht. Kehren vor der eigenen Haustür ist schön und gut, aber damit ist es meiner Meinung nach nicht getan.

Die Strukturen, in denen wir leben, sorgen dafür, dass Kindern immer weniger gerecht geworden wird, wenngleich wir über ihre Entwicklung und Bedürfnisse mehr denn je wissen. Die Kinder von heute wachsen in einer Welt aus Konkurrenzdenken, Leistungsdruck, Medien-Overload und Perspektivlosigkeit auf, und sie bekommen schon früh mit, wer ein Verlierer und wer ein Gewinner ist. In dieser Welt, in der schon die Eltern scheitern oder als Ellenbogenmenschen siegen, müssen Kinder verzweifeln. Erwachsene mögen nach ökonomischen, verwertungsorientierten Gesichtspunkten funktionieren, aber Kinder und Jugendliche können es nicht. Sie sind in allen ihren Bedürfnissen ehrlich, und sie verhalten sich dementsprechend, wenn es ihnen an etwas mangelt. Wir sind nur zu blöd und faul, sie zu verstehen.

Um diese Blöd- und Faulheit zu bekämpfen braucht es eben doch Pädagogen und Psychologen. Denn die wenigsten haben "von ganz allein" das Bewusstsein und das notwendige Herz.

Jede Gesellschaft hat die Verbrecher, die sie verdient
Dieser Ausspruch von Alexandre Laccasagne ist hämisch, aber dennoch steckt leider Wahrheit darin. Eine Gesellschaft, deren Mitglieder sich ausschließlich dann für Kinder interessieren, wenn es sich um die eigenen handelt und die teilnahmslos wegsieht, wenn Kinder anderer misshandelt werden, muss mit dem Resultat dieses Wegsehens leben. Misshandelte Kinder werden Erwachsene, die wieder misshandeln.

@Sturmfrau, du sprichst einen Elternführerschein an. Schon in meiner Schulzeit haben wir im Psychologieunterricht über diese Idee gesprochen, die sehr kontrovers diskutiert wurde. Ich glaube, dass die Idee, sich mit dem Elternsein auseinanderzusetzen, gut ist. Aber ich bin skeptisch, ob theoretisches Wissen ein Garant für bessere Eltern ist. Es gibt so einige Psychologen oder Erzieher, deren Kinder eine Kindheit hatten, die so manche Neurose oder Verhaltensauffälligkeit produzierte. Manche Menschen sind den Anforderungen, die Kinder stellen, einfach nicht gewachsen. Nach einem harten und anspruchsvollen Arbeitstag noch genug Energie zu haben, um den Ansprüchen eines Kindes gerecht zu werden, überfordert manchen. Eltern sein heißt, Bedürfnisse zurückzustellen. Das wird vielen erst klar, wenn es zu spät ist.

Ich würde Deine Idee des Elternführerscheins um einen praktischen Teil ergänzen (was ja übrigens auch für einen normalen Führerschein Vorraussetzung ist – Theorie und Praxis). Eltern sein heißt, auf vieles verzichten zu müssen. Und ob man dazu in der Lage ist, kann man erst wissen, wenn man sich schon mal über einen Zeitraum um Kinder kümmern musste. Ich bin allerdings realistisch genug, um daran zu zweifeln, ob es so eine Idee überhaupt durchführbar ist.

@b-reeze Du schreibst, dass es nicht nur der Job des Staates ist, sich um Kinder zu kümmern, sondern unser aller und man braucht man keine Sozialpädagogen. Da stimme ich zu, aber gleichzeitig ist eben dies das Dilemma – in der Allgemeinheit ist das Interesse oftmals auf die eigenen Kinder begrenzt.

Sturmfrau schrieb einmal in meinem anderen Blog, dass ich gegen die immer gleiche Mauer renne. Das trifft leider zu. Und gegen diese Mauer renne ich auch bei dieser Thematik. Ich bin fassungslos darüber, dass jetzt auch schon im sozialen Bereich immer mehr Menschen arbeiten, denen absolut alles – bis auf die Versorgung der eigenen Familie – völlig egal ist. Menschen, die sich an denen bereichern, denen sie eigentlich helfen sollten. Und dann die Menschen drumherum, die dies mitbekommen, aber duckend und kuschend darüber hinwegsehen.

Ich habe einmal in einem älteren Beitrag über meinen früheren Arbeitgeber – den Geschäftsführer eines (gemeinnützigen!) Betreuungsvereins – geschrieben, der seinen Lehrling wie den letzen Dreck behandelte aber die eigene Tochter nach Strich und Faden verhätschelt und verwöhnt hat. Nicht jeder Lehrling ist so gefestigt, dass er so etwas unbeschadet übersteht. In einer Phase, in der man sich noch in der Entwicklung befindet, kann eine menschenverachtende Behandlung schlimme Folgen haben.

Wie kann es sein, dass solche Kreaturen wie besagter Geschäftsführer sich im sozialen Bereich breit machen? Das ist nicht viel anders, als wenn ein Pädophiler im Erziehungsbetrieb arbeitet. Wobei Pädophilie naturgemäß vor anderen verheimlicht wird und deswegen schwer aufdeckbar ist, was jedoch bei den menschenverachtenden Praktiken des besagten Geschäftsführers (und auch so mancher Kollegen) aber gar nicht der Fall ist. Für jeden, der nicht völlig blind ist, war das betrügerische und menschenverachtende Verhalten völlig offensichtlich.

Ich komme zum Ausgangspunkt zurück – zu der Verantwortung, die die Gesellschaft für die heranwachsende Generation hat. Und wir sind uns, glaube ich, einig, dass diese Verantwortung nur äußerst dürftig vorhanden ist. Man braucht grundlegende gesellschaftspolitische Veränderungen. Und dafür braucht man wiederum Strukturen, zu denen auch (nicht nur) Sozialarbeit gehört. Aber wenn nun auch schon die Sozialarbeit durchsetzt ist von Profitdenken, wo soll man dann anfangen? Und wenn selbst in der Sozialarbeit das Wegsehen und Vertuschen zu einem völlig akzeptierten Verhalten geworden ist, wie kann man dann noch Hoffnung auf Veränderung haben?

Das ist diese Mauer, gegen die ich immer und immer wieder anrenne. Und ich werde dabei immer müder. Und es wird immer schwieriger, noch einen Sinn in allem zu erkennen. Ich weiß, ich weiß – das sind die ewig gleichen Klagen. Aber es sind auch die ewig gleichen Mauern. Wobei es mir fast so vorkommt, als würden die Mauern höher werden…